Eine unangenehme Frage


© Bettina Buske

Was musst du mich das jetzt fragen, als ob ich neben dem Ärger beim augenblicklichen Projekt mit dem Tod meiner Mutter nicht genug zu verarbeiten hätte, dachte Martin. Bitte, Anna, keine Diskussionen. Es ist alles gut so wie es ist. Ich habe Freude am Beruf und komme in der Welt herum. Ich ein Familienmensch? Dafür bin ich zu selten zu Hause. Mein Leben ist eingerichtet, warum etwas ändern? Anna, du bist eine tolle Frau, ich liebe dich – glaub ich – aber deshalb auf Familie machen?
Und laut sagte er: „Anna, ich habe zurzeit wirklich genug andere Probleme. Lass uns ein andermal darüber reden.“
„Martin, ich will eine Antwort!“ erwiderte Anna energisch. „Ich muss wissen, wie du dir das weitere Zusammensein mit mir vorstellst. Hör mal, wir sind jetzt gut vier Jahre zusammen Ein Vierzigjähriger wird doch wohl sagen können, was er vom Leben erwartet. Diese Unverbindlichkeit in unserer Beziehung habe ich satt. Entweder wir heiraten, oder…“
„Oder?“ fragte Martin, um wenigstens irgendetwas zu sagen.
„Oder wir beenden unsere Beziehung. So schwer es für mich auch sein wird.“
Anna zog sich ihren Mantel über und öffnete die Tür. „Ich jedenfalls will Kinder. Ich werde nicht jünger und bin nicht mehr bereit, mich hinhalten zu lassen. Ruf mich in drei Tagen an und sag mir, wie du dich entschieden hast.“ Sie zog die Wohnungstür hinter sich zu. Nachdenklich lauschte Martin dem Klang ihrer Schritte im Treppenhaus.
Dann klingelte das Telefon,seine Schwester Mareike war am Apparat.„Hallo Martin, schlechte Nachricht. Vater kam heute ins Krankenhaus.“
Martin erschrak. „Und, wie geht es ihm? Was ist überhaupt passiert?“
„Vater hatte einen Zuckerschock. Seit Mutters Tod ist er doch nicht mehr der alte. Er isst fast nichts und keine Ahnung, ob er seine Tabletten nimmt. Wir müssen uns was einfallen lassen, “ fuhr sie fort, „das Alleinsein bekommt unserem Vater gar nicht.“
„Was kann ich da machen Mareike, ich bin doch nur selten da?! Nimmst du ihn vielleicht zu dir? Ich kann dir da mit Geld helfen.“
„Martin, unser Haus ist schon für uns fünf fast zu klein. Vielleicht, dass er bei mir in der Nähe eine kleine Wohnung bezieht. Aber, das sollten wir dann morgen mit ihm im Krankenhaus besprechen.“
Gemeinsam betraten die Geschwister das Krankenzimmer. Mareike stellte einen Stuhl an das Bett ihres Vaters und begann das Gespräch. „Papa, wir haben uns überlegt, wenn du hier raus kommst…“
„Ick jeh in keen Altenheim.“ sagte der Vater.
„Nein Papa, hör doch mal…“
„Nee, kannste dia uffn Kopp stelln, ick jeh nich.“
„Sollste doch auch gar nicht Papa, du sollst umziehen, zu mir in die Nähe.“
„Ick zieh ooch nich um.“
„Lass mal Papa, das machen wir dann für dich“ mischte sich Martin in das Gespräch. Sein Vater sah ihn an und erwiderte: „Jeh doch mal zur Seite Junge, ick kann Muttern sonst jarnich sehen.“
Erschrocken blickten sich die Geschwister an.
Schnell antwortete Martin:„Aber Papa, Mutter ist doch seit drei Wochen tot!“
Ärgerlich legte sein Vater die Stirn in Falten. „Denkste denn, det weeß ick nich?“ Und nachdenklich setzte er hinzu: „Ich vasteh ja ooch nich, wie die det da uffn Friedhof machen, det se mir besuchen kann.“
“Wie die det da uffn Friedhof machen“ wiederholte Mareike und sagte dann: „Papa, wir reden morgen weiter, ruh dich man aus.“
Früh morgens wurde Martin vom Klingeln des Telefons geweckt, es war seine Schwester. Mareike weinte so stark, dass er nur mit Mühe verstehen konnte, dass der Vater in der Nacht gestorben war.
Weil Martin seiner Schwester entlasten wollte, übernahm er diesmal all die unerfreulichen Erledigungen, die bei einem Todesfall zu verrichten sind.
Die Haushaltsauflösung erledigten beide zusammen, es kam ihnen nicht Recht vor, das fremden Menschen zu überlassen. Bei der Arbeit waren sie sich wieder nah wie in Kindheitstagen und sie genossen diese Nähe. Sie staunten gemeinsam, was ihre Eltern im Laufe des Lebens in der Wohnung angesammelt hatten und an wie vielen Gegenständen auch ihre Erinnerung haftete. Oft fiel es ihnen schwer, sich von den Dingen zu trennen, obwohl die Sachen in ihrem eigenes Leben keinen Nutzen hatten. Stundenlang erzählten sich die Geschwister gegenseitig ihre Erlebnisse mit den Eltern und Martin notierte nebenher einiges davon für den bestellten Trauerredner.
Am Donnerstag endlich rief Martin bei Anna an. Er hatte das Telefonat immer wieder verschoben, morgens hatte er sich gesagt, dass es noch zu früh für dieses Telefonat wäre und abends fand er es schon zu spät, bis er den Fristablauf von Annas Ultimatum versäumte. Dabei hatte er oft an sie gedacht und auch von ihr erzählt.
Der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Eigentlich hasste Martin diese Geräte, aber jetzt war er erleichtert, dass ihn Annas Stimme aufforderte: Lieber Anrufer, keine Scheu, erzähl dem Gerät nach dem Piep, was du zu sagen hast. Schnell sprach er seine Entschuldigung für den verspäteten Rückruf auf und teilte ihr den Termin für die Beerdigung mit.
In der Friedhofskapelle würdigte der Trauerredner mit seiner Ansprache das Leben des Vaters; er sprach über die überwiegend harmonische Ehe der Eltern, dass sie mit Fleiß einen Gemüsestand auf dem Markt betrieben hatten und sich nach Kräften mühten, ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu verschaffen. Er sprach über die Freundschaften, die der Vater gepflegt hatte und über seine Interessen. All das war richtig und rührte die Anwesenden zu Tränen, doch Martin schien es plötzlich banal, nur an der Oberfläche gekratzt. In seinem Kopf spukten die letzten Sätze herum, die er von seinem Vater gehört hatte und diese wurden jetzt für ihn sinnvoll, bedeutend.
Anfangs hatte er sich dem aufkommenden Gedanken widersetzt, ob vielleicht doch etwas dran sein konnte, dass sein Vater in seinen letzten Stunden die Mutter wirklich gesehen hatte. Jetzt, hier in der Friedhofskapelle, war es ihm plötzlich nicht mehr wichtig, ob es Wahn oder Wirklichkeit war. Für seinen Vater war es doch wahrhaftig.
Als der Sarg von den Trägern aufgenommen wurde und der Trauerzug sich formierte, dachte Martin, dass eine Liebe gut gelebt wurde, wenn einem der verstorbene Partner so wichtig war, dass man diesen in den eigenen letzten Lebensstunden wieder sieht und seine Hand tastete nach Anna.

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13 Kommentare zu „Eine unangenehme Frage

  1. So so, eine „Friedhofsgeschichte“. Schön geschrieben und zum Glück keine Friedhofsgeschichte im klassischen Sinne mit Geistern, Nebel und so weiter.

  2. Magst Du keine Nebelgeister , liebster Herr Teddy? Ich eigentlich schon, aber Du hast Recht, das Thema ist ziemlich abgelutscht und es braucht dann schon wirklich eine zündende Idee um zu unterhalten.
    Ich zum Beispiel hasse Vampir- und Zombie-Geschichten, die finde ich so eklig – und man wird zur Zeit so von den muffigen Blutsaugern belästigt, blöde Mode das.

    1. Doch doch ich mag Geistergeschichten sehr gern, auch Vampirgeschichten wie z.B. von Polidori oder Stoker, sogar King’s „Salem’s Lot“ ist ziemlich gut. Trotzdem, wenn man sich mal das Fernseh- und Kinoprogramm und vor allem auch die aktuellen Jugendbücher anschaut, findet man hauptsächlich nur noch Vampirgeschichten. Das finde ich langweilig und schade. Kann man denn die Jugend nur noch mit Fantasy begeistern?

      1. Kann man denn die Jugend nur noch mit Fantasy begeistern?

        Wenn man es versucht bestimmt auch mit anderem. Nur sagen die sich, warum was versuchen, wenn das Thema hier funktioniert. Nur wird dann ein Genre schnell verbrannt, wie Radiohits, die den lieben langen Tag rauf und runtergedudelt werden.

  3. Diese Geschichte ist jedenfalls sehr fein, sehr berührend, gerade weil die so schön Berlinisch gesprochenen Worte des Vaters auch komisch sind.

  4. Danke,Claudia. Ich merke seit den Mauerstücken, dass ich das Berlinisch schreiben kultivieren möchte,eine Art von Archivierung, Berliner Soziolekt Dialekt des 20. Jhd…

    Wobei ick ja behaupte,wat icke da schreibe, det is keen Soziolekt, det is hochdeutsch, einjefärbt mit Brandenburjer Platt und nüscht sonste. 😉 Ick sprech schreib ja keen Rottwelsch, sondan nur ne kleene Lautvaschiebung, wie manch Schnabel jewachsen is.

  5. Ditt is ne supa Idee, weil – weeste – det Berlinische is zwar och bloß ne Mischung aus vaschiedne andre Sprachen, wa? Aber ick hab det Jefühl det olle Berlinische vaschwindet imma mehr hier in Bärlin. Vastehste?
    😉

    1. Klar, vasteh ick det. Hier wo ick wohne,wird immer mehr janz bisken jeschwäbelt. Muss jetzt da im Schwabenland jrade schnieke sein, nach Balin zu machen.

  6. Kommt ooch sicher noch ne Zeit, wo se Frikadellen koofen statt Buletten und glooben, det is richtich. Sick transit glorja mundi, oder so.

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