Gedicht der Woche 50/2020


Advent
Rainer Maria Rilke

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenheerde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

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Gedicht der Woche 49/2020


Die Wälder schweigen

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Erich Kaestner  (1899-1974)

Gedicht der Woche 39/2020





Jenseits von Gut und Böse.
@ Otto Julius Bierbaum

Schwül war der Tag…
Auch das Gewitter, das aus schwarzer Wolke
Fegenden Regen in das Seegrau goss,
Gab keine Kühlung.
Unbewegt das Laub,
Durstdürr.
Und auch mein Herz war schwül,
Von Sehnsucht schwül nach Dir
Und Deinem Heissesten.
Und Dir auch dürstete das Herz
Und alle Sinne,
Und Deinen schmiegeweichen Leib an mich
Hast Du gedrängt,
Bittend aus Sehnsuchtsschwüle.

Da sahen unsere Seelen sich nackt in Liebe,
Und segenfeierlich vereinte uns Natur.

Wie im Garten
Des Paradieses, ehe die Schlange sprach,
Also erkannten wir uns wie im Traum
Und waren selig.
Wortelos
Im Arm uns lagen wir und kosteten
Vom Baume holdester Erkenntniss.

Schwül war der Tag,
In Schwüle ging die Nacht.
In segenschwangerer Wolke schwebten wir
Jenseits von Gut und Böse.

Aus der Sammlung Gusti. Ein Cyclus Liebe

Gedicht der Woche 38/2020


In einem Garten, unter alten Bäumen
@Arno Holz

In einem Garten, unter alten Bäumen,
auf dunkeler…Moosbank…Hand in Hand,
sinnend, zwiesam,
schweigend,
erwarten wir…die Frühlingsnacht.

Noch
glänzt kein Stern.

Die Büsche…verdämmern.
Plötzlich, aus einem
Fenster,
leise…getragen…schwellend,
die
tiefen…reinen, perlend…feinen,
steigend
ringenden, sehnend schwingenden, selig singenden,
flutenden, glutenden,
goldglitzernden,
silbersanften, silberlichten, silbersüßen
Schmelz-
Töne einer Geige.

Der
Goldregen blinkt; der Weißflieder
duftet;
in
unseren Herzen,
traumhold, traumrot, traumgroß,
uns
befriedend, uns berückend, uns bezaubernd, uns beglückend,
uns
glanzschauerdurchrieselnd,
geht
der Mond auf!


Aus der Sammlung  Zwölf Liebesgedichte