Gedicht der Woche 20/2017


FesteKoeSt29

Es war eine Zeit, da blühten die Rosen –

sie blühten dir
und sie blühten mir,
uns beiden Heimatlosen.
Es war eine Zeit, da blühten die Rosen.
Hast du nicht oft zurückgedacht
an jene heilige, märchentiefe Nacht,
wo wir uns zuerst besessen?
Und wir meinten, es bliebe
eine ewige Liebe,
eine Liebe ohne Vergessen.
Und dann hat ein grauer Morgen getagt,
da gaben wir still uns die Hände-
wir haben nicht geweint und geklagt,
wir haben beide kein Wort gesagt
und das war das Ende.
Und wir suchten beide von neuem das Glück,
und wir gingen beide ins Leben zurück,
in das Leben der Heimatlosen-
du und ich,
jeder allein, jeder für sich.
Es war eine Zeit – da blühten die Rosen –

Manfred Kyber
das Gedicht ist erstmalig 1902 erschienen, hier übernommen aus dem Gedichtband Der Schmied vom Eiland;  Ausgabe von 1922, Walter Seifert Verlag, Stuttgart/Heilbronn

 

Gedicht der Woche 19/2017


Das Märchen
Manfred Kyber
Der Mondnacht Zaubersegen
im weichen Winde weht,
und auf waldwilden Wegen
das Märchen lautlos geht.

Blauaugen, kinderreine,
Blauaugen lieb und fremd,
aus Spinnweb und Mondenscheine
ein Königshemd.

Ihr Haar von Gold gesponnen,
bis auf die Hüften rollt,
wie tausend sinkender Sonnen
verträumtes Dämmergold.

Blauaugen, kinderweiche,
sie tragen ein heilig Mal
aus heiligem Rätselreiche:
es war einmal …

 

das Gedicht ist erstmalig 1902 erschienen, hier übernommen aus dem Gedichtband Der Schmied vom Eiland;  Ausgabe von 1922, Walter Seifert Verlag, Stuttgart/Heilbronn