Gedicht der Woche 09/2009


Den Poesieverächtern.

Betty Paoli

Ihr scheucht die Poesie
Von eu’rem Herde,
Und ahnet nicht, daß sie
Das Salz der Erde!
Daß Nebel nur und Rauch,
Was ihr beginnet,
Wenn’s nicht durch ihren Hauch
Bestand gewinnet!

Kein Traumbild, fremd und fern,
Entrückt dem Streben,
Sie ist der tiefste Kern
Von allem Leben!
Der Kern, deß Gluth und Licht
Es froh durchflammen!
Zermorschet er, dann bricht
Das Sein zusammen.

teddyboden

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für die Woche 09/2009 erzählt


Zauberei mit Knöpfen  beer-1

Arkadij Awertschenko

Der Zufall führte mich in ein kleines Restaurant. Ich setzte mich in die Ecke und bestellte ein Glas Bier.

»Und ich sage, es gibt Zauberei!« hörte ich am Nebentisch jemanden ausrufen.

Ein Mann mit finsterem Blick und buschigem Schnurrbart hatte gesprochen. Es war leicht, seiner Aufgeblasenheit anzusehen, daß sie nichts als Dummheit war.

Einer, der neben ihm saß, sagte: »Unsinn. Nichts anderes als eine Geläufigkeit der Finger! Mit Zauberei hat das nichts zu tun.«

»Ich weiß es besser«, bemerkte der Mann mit dem finsteren Blick. »Nur ein Zauberer kann wirkliche Kunststücke produzieren.«

»So, das meinen Sie wirklich!« rief der andere. »Gut. Ich werde Ihnen beweisen, daß keine Zauberei nötig ist.«

»Warum nicht? Das möcht‘ ich sehen!«

»Nun also – wollen Sie mit mir um hundert Rubel wetten, daß ich Ihnen im Laufe von fünf Minuten alle Knöpfe, die Sie an Ihren Kleidern, Unterkleidern, Schuhen und so weiter haben, abschneiden und wieder annähen kann?«

Der Mann mit dem düsteren Blick schaute den Redner zweifelnd an. Dann hob er kopfschüttelnd sein Bierglas:

»In fünf Minuten alle Knöpfe? Ausgeschlossen . . .«

»Und ich sage, daß es möglich ist. Wetten wir?«

»Hundert Rubel ist zuviel. Ich habe bloß vier bei mir.«

»Geld spielt keine Rolle. Wetten wir also um drei Flaschen Bier. Einverstanden?«

Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart rief giftig:

»Sie werden ohnehin verlieren.«

»Wir wollen sehen. Wetten wir?«

»Gut.«

Die Gegner reichten sich die Hände. Ein dritter Mann schlug sie auseinander.

»Schauen Sie auf die Uhr. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern. Kellner, ein scharfes Messer und einen Teller!«

Der Kellner brachte Messer und Teller.

»Eins, zwei, drei – es geht los!«

Der Mann griff nach dem Messer, stellte den Teller vor sich hin und schnitt zuerst alle Knöpfe von des anderen Weste ab.

»Am Rock hab‘ ich auch welche«, bemerkte ironisch der Mann mit dem düsteren Blick. »Und hinten bei den Taschen auch.«

»Ich werde keinen übersehen.«

Zuletzt legte der Dummkopf die Schuhe auf den Tisch. »Rock, Weste, Unterkleider – alles in Ordnung«, sagte er. »Aber jetzt kommen die Schuhe dran. An jedem sind acht Knöpfe. Jetzt werden wir sehen, ob Sie alle in fünf Minuten annähen können. Herr, Sie werden Ihre Wette verlieren!«

Der andere erwiderte kein Wort und arbeitete fieberhaft mit seinem Messer. Gleich darauf wischte er sich den Schweiß von der Stirn, warf das Messer weg und rief: »Fertig!«

Der dritte stellte den Teller auf den Tisch und zählte die Knöpfe. Es waren fünfundachtzig Stück.

»Kellner, rasch Nadel und Zwirn!«

Da hob der dritte die Uhr und rief: »Zu spät. Fünf Minuten sind vorbei. Sie haben verloren.«

Der Zauberkünstler rief verzweifelt:

»Was? Verspielt? Furchtbar – was kann man tun? Das ist Pech! Kellner, bringen Sie für vier Rubel Bier. Zahlen!«

Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart schrie:

»Sie wollen gehn? Wohin gehen Sie um Gottes willen?«

»Nach Hause. Höchste Zeit – ich muß morgen weiterreisen.«

»Und meine Knöpfe! Wer wird sie annähen? Sie müssen mir die Knöpfe annähen!«

»Ich? Warum? Ich habe die Wette verspielt – hier ist Bier für vier Rubel. Basta! Adieu, meine Herren!«

Der Zauberkünstler stand auf, grüßte, warf dem Kellner das Trinkgeld hin und verließ das Lokal.

Der Dummkopf wollte ihm nacheilen, stand auf und sah alle seine Kleider zu Boden fallen. Verschämt zog er die Hosen hinauf und rief außer sich:

»Wie werde ich nach Hause kommen?«

»Sperrstunde!« sagte der Kellner . . .

Wir standen auf und überließen den Mann mit dem finsteren Blick seinem Schicksal.

Hörbuch: Die Nadel – Ken Follett


WARNUNG vor dieser Ausgabe!

Horst Frank liest, ist ja erstmal ein Versprechen auf Hörgenuss. Eigentlich war der  Schauspieler und Synchronsprecher mit seiner markanten  Stimme bestens geeignet für diese Lesung.
Aber leider, man wird enttäuscht, wenn auch amüsiert. So sehr sein großes Können  zu erkennen ist, die ganze Aufnahme durch hatte er „Wasser im Zahn“, vermutlich passte die  Protese nicht.
Nur, soetwas peinliches  bringt man  nicht in Umlauf.
Wer auch immer das getan hat, er hat dem Andenken dieses wunderbaren, geradezu einmaligen  Sprecher damit geschadet. Geben wir ihm die Ehre, die ihm gebührt, indem wir diese Aufnahme unbeachtet lassen.

Ken Follett wurde durch den Thriller „Die Nadel“ bekannt. Der Roman wurde in 30 Sprachen übersetzt, rund 12 Millionen Mal verkauft, mit dem Edgar Award ausgezeichnet und mit Donald Sutherland verfilmt.

Im Jahr 2006 wurde vom Lübbe-Verlag ein Hörbuch, gelesen von Ullrich Pleitgen aufgenommen. Ich habe da noch nicht reinhören können, bin mir aber bei diesem Verlag sicher, dass es ein Hörbuch von guter Qualität ist.

Hörbuch: John Sinclair – Edition 2000


Ja, diesmal wird es ganz trivial….
Romanheftchen des Basteiverlages -Geisterjäger John Sinclair-

sie wurden in verschiedenen Staffeln als Hörspiel aufgenommen und auf CDs gebrannt.

Leichtverdauliche Kost, handwerklich sehr gut gemacht, ein Heer guter, bester Sprecher garantiert Qualität,  erinnert mich an die Edgar- Wallace- Filme.
Spannung, gekrönt mit etwas Witz und die Handlung so unrealistisch, dass sie nicht wirklich unter die Haut geht.
Das kann man getrost 12 jährige hören lassen, damit sie ihren Hunger nach dem Grauen sättigen, ohne Sorge haben zu müssen, es würde ihnen irgendwie schaden.
Ich gebe zu, ich höre da zwischendurch auch gerne mal rein.

für die Woche 08/2009 erzählt


Friedrich Glauser

König Zucker

Es war von Anfang an die trostlose Affäre par excellence gewesen, wie Polizeikommissar Kreibig sofort am Tatort feststellte. Schiebermilieu – der Tote, der am Boden lag, mit einer Stichwunde in der Brust, an der er verblutet war, hieß Jakob Kußmaul, stammte nach seinem Paß aus Riga, aber vielleicht hieß er gar nicht Kußmaul, vielleicht stammte er aus Bukarest, bei diesen Leuten war man nie sicher … Und der Kommissar Kreibig seufzte. Es war vier Jahre nach dem Weltkrieg, Wien war ausgehungert, und alle Welt schob. Seufzend dachte Kreibig daran, daß er wahrscheinlich Hofrat geworden wäre, wenn die alte Monarchie noch geblieben wäre, aber so … Und da war also dieser Jakob Kußmaul, der vielleicht gar nicht so hieß, lag am Boden, sein rosa Seidenhemd war auf der linken Seite der Brust zerrissen, und ein großer Blutfleck hatte das zarte Gewebe starr und bräunlich gemacht.

Der Tote lag neben einem Tisch, und auf dem Tisch stand ein Schachbrett mit Figuren. Eine begonnene Partie. Neben dem Brett zwei Tassen mit schwarzem Kaffee, halb geleert, daneben zwei Silberschälchen für den Zucker: auf dem einen eines jener viereckigen Päckchen, in welchem drei Stückchen sogenannten Würfelzuckers verpackt sind, das andere leer.

schach

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Gedicht der Woche 08/2009


Sonnet.

(Weimar 1808.)

Arthur Schopenhauer

Die lange Winternacht will nimmer enden;
Als käm‘ sie nimmermehr, die Sonne weilet;
Der Sturm mit Eulen um die Wette heulet;
Die Waffen klirren, an den morschen Wänden.

Und off’ne Gräber ihre Geister senden:
Sie wollen, um mich her im Kreis vertheilet,
Die Seele schrecken, daß sie nimmer heilet; –
Doch will ich nicht auf sie die Blicke wenden.

Den Tag, den Tag, ich will ihn laut verkünden!
Nacht und Gespenster werden vor ihm fliehen:
Gemeldet ist er schon vom Morgensterne.

Bald wird es licht, auch in den tiefsten Gründen:
Die Welt wird Glanz und Farbe überziehen,
Ein tiefes Blau die unbegränzte Ferne.

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für die Woche 07/2009 erzählt


Der Schneemann

Manfred Kyber                                                                                    

Es war einmal ein Schneemann, der stand mitten im tief verschneiten Walde und war ganz aus Schnee.
Er hatte keine Beine und Augen aus Kohle und sonst nichts und das ist wenig. Aber dafür war er kalt, furchtbar kalt.

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