Brauchtumsmappe: Zwischen den Jahren, die Rauhnächte


Rauhnächte, was ist das denn?

Vielen sagt der Begriff nichts, andere dagegen nicken bedeutsam und erzählen von den Ritualen, die für die Zeit der Rauhnächte einzuhalten sind, zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufzuhängen. Aber dazu später.

Grundsätzlich kann gesagt werden, es gibt verschiedene Wort – und Herkunftserklärungen und meiner Meinung nach  sind sie zu sehr dem angepassten,  abgeänderten Brauchtum verhaftet .

Manche begründen die Bezeichnung Rauhnächte damit, dass Wohnung und Ställe in der Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester ausgeräuchert wurden, aber diese Verbindung von Rauh und Rauch ist für mein Empfinden zu kurz gegriffen.

Ich neige der Erklärung zu, die im Treiben der „Wilden Jagd“ in dieser Zeit zum Jahresende, also den häufiger vorkommenden Stürmen Ende Dezember die Namensursache sieht. Rauh in der Bedeutung von grob, ruppich – rauher Umgang, rauhes Wetter.
(Aber dass Rauhreif eher mit Rauch zu tun hat als mit Grobheit – ja,  kann ich irgendwie doch akzeptieren.)

Ein weiteres  nicht zu klärendes Thema ist die  Festsetzung des Datums für die Rauhnächte:

Variante 1) die Nächte  vom 21.12. bis 2.1.

Variante 2) die Nächte  vom 24.12. bis 5.1.

Hier kann jeder nach seinem Geschmack entscheiden, welches Datum ihm wichtig ist, ob er die Wintersonnenwende bzw. den Thomastag  mit einbeziehen möchte, oder lieber die Nacht zum Dreikönigstag

Was sind das eigentlich für Tage, die Raunächte, woher kommen sie?

Rauhnächte sind eine Art Kalenderangleichung, allerdings nicht der Wechsel von julianischem zum gregorianischem Kalender, sondern der Unterschied zwischen dem Mondkalender und dem Sonnenkalender.

Ein Jahr aus zwölf Mondmonaten umfasst nur 354 Tage.
(ein Mondmonat hat 29,5 Tage)
Bei den einfachen Mondkalendern, die keine Schaltmonate einschieben um mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bleiben werden die auf die 365 Tage des Sonnenjahres fehlenden elf Tage – beziehungsweise zwölf Nächte – als tote Tage (das sind Tage außerhalb der Zeit) eingeschoben.
Die Redewendung : zwischen den Jahren beinhaltet eben diese Zeit zwischen dem Mondjahr und dem Sonnenjahr.
In den Mythologien vieler Völker wird von diesen  Tagen angenommen, dass die normalen Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind, und  die Grenzen zu anderen Welten durchlässig werden. In Kulturen, die so ein Kalendersystem verwenden, sind bzw. waren in dieser Zeitspanne mythische und magische Rituale üblich, und solche auf germanische oder vorgermanische Wurzeln zurückgehende Bräuche haben sich im Brauchtum bis heute erhalten.
Das Bleigießen zu Sylvester zum Beispiel wird fast jeder mal als Sylvesterspass erlebt haben und Kartenleger ziehen sich gern Rauhnachtskarten, jede Nacht eine Karte, die als Qualität für einen Monat des kommenden/Neuen Jahres angesehen wird,
denn die Rauhnächte sind eine Zeit, die im Volksglaube für Geisteraustreibung oder -beschwörung, den Kontakt mit Tieren oder wahrsagerische Praktiken geeignet sein soll.

Zur Mitte der Zwölfnächte, nämlich zu Silvester, sollte Wotan mit den Toten zur wilden Jagd aufbrechen. In dieser Zeit steht nach altem Volksglauben das Geisterreich offen, und die Seelen der Verstorbenen sowie die Geister haben Ausgang. Dämonen können Umzüge veranstalten oder mit der wilden Jagd durch die Lande ziehen. Bis in die jüngere Zeit war in weiten Teilen Europas der Glaube verbreitet, dass sich zauberkundige Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten, zu dieser Zeit in Werwölfe verwandelten und in dieser Gestalt Mensch und Vieh bedrohten (etwa im Baltikum, in Westdeutschland, speziell in der Eifel und den benachbarten Ardennen, oder in Bulgarien und Griechenland). Diese Vorstellung spiegelt sich in den Perchtenläufen des Alpenraums wider. Auch der Brauch, zu Silvester Lärm zu erzeugen, soll die Unholde fernhalten. In Norddeutschland ist bis heute das Rummelpottlaufen verbreitet. Auch die Bräuche um die Winterauskehr am Ende des Faschings stehen in diesem Zusammenhang: Die Geister, die sich doch eingenistet haben, können dann endlich und endgültig vertrieben werden. Tiere im Stall sollen um Mitternacht die menschliche Sprache sprechen und über die Zukunft erzählen. Wer die Tiere allerdings sprechen höre, sterbe unmittelbar danach.

Die vier genannten Rauhnächte galten mancherorts als derart gefährlich, dass sie mit Fasten und Beten begangen wurden.
Im Haus durfte keine Unordnung herrschen, keine weiße Wäsche auf der Leine hängen (welche die Reiter stehlen würden, um sie dann im Laufe des Jahres als Leichentuch für den Besitzer zu benützen).
Es durften keine Wäscheleinen gespannt werden, da sich in diesen die „Wilde Jagd“ verfangen könnte.
In einer anderen Version ist dies besonders (jüngeren) Frauen verboten. Durch das Aufhängen von weißer (Unter-) Wäsche würde die „Wilde Jagd“ angelockt und dann über diese Frauen „herfallen“.
Frauen und Kinder sollten nach Einbruch der Dunkelheit auch nicht mehr alleine auf der Straße sein.

Andererseits galten die Rauhnächte für unverheiratete Frauen als eine Gelegenheit, um Mitternacht an einem Kreuzweg oder einem anderen magischen Ort ihren künftigen Bräutigam zu sehen.
Seine Gestalt erschien dann und ging schweigend vorüber, und das aber das Mädchen durfte ihn nicht ansprechen und auch nicht nachschauen,  denn das würde sie töten.

Kinder, die an einem Samstag während dieser zwei Wochen geboren wurden, besaßen nach Auffassung der meisten europäischen Völker magische Kräfte.
Wer tagsüber geboren wurde, so glaubte man, konnte Geister und wiederkehrende Tote sehen und bekämpfen, deshalb musste er aber auch die Verstorbenen auf den Friedhof schleppen und ihnen ihr künftiges Grab zeigen.
In Westeuropa stellte sich unter christlichem Einfluss ein Wandel ein, nachdem der höchste Feiertag der Woche vom jüdischen Sabbat auf den Sonntag verschoben worden war.
Daher sprach man von Sonntagskindern, die geistersichtig waren, in die Zukunft schauen konnten und Glück brachten.
Ich erinnere hier an das Märchen Das kalte Herz , da hat Wilhelm Hauff diesen Glauben aufgegriffen.Die Hauptperson Peter, ein Sonntagskind und spricht, um das Glasmännchen zu sehen, folgenden Spruch: Schatzhauser im grünen Tannewald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dir gehört all Land, wo Tannen stehn – lässt dich nur Sonntagskindern sehn.“

Im orthodoxen Raum spricht man heute noch vom Samstagskind (serbisch: subotnik oder griechisch: sabbatianos). Sie sind in den Sagen Südosteuropas die Vampirjäger, während die zum Dasein als wiederkehrender Untoter verdammten Menschen meistens in einer Nacht zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar (nach orthodoxer Zeitrechnung) geboren wurden, jedoch war  die Geburt eines Kindes am Weihnachtsabend gefürchtet, weil man das als Verhöhnung der Geburt Christi betrachtete.

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Gedicht der Woche 52/2009


Weihnacht

Ein Dreiklang

1

Weihnacht, wunderbares Land,
Wo die grünen Tannen,
Sternenflimmernd rings entbrannt,
Jeden Pilger bannen!

Glücklich kindlicher Gesang
Schwebt um heilige Hügel,
Schwebt der Heimat Welt entlang,
Sehnsucht seine Flügel.

Friedestarken Geistes Macht
Sehnt sich, zu verbünden,
Über aller Niedertracht
Muß ein Licht sich zünden.

Lebens immergrüner Baum
Trägt der Liebe Krone –
Und ein milder Sternentraum
Küßt die starrste Zone.

2

Es klingt ein Lied aus alter Zeit
Wie Sternentraum so rein,
Von eines Kindleins Herrlichkeit
Und schlichter Hütte hellem Schein.

In eine Nacht von Wahn gebar,
Als sich die Zeit erfüllt,
Das Weib den Menschensohn, der klar
Den Widersinn der Welt enthüllt.

Sein Auge war so himmelstief,
Durchstrahlte Trug und List;
Der Lichtheld wuchs, sein Schicksal rief,
Am Kreuze hing der erste Christ.

Noch immer hängt der Mensch am Kreuz,
Noch immer jammern Fraun,
Dem Glockenklang des Weihgeläuts
Mischt sich des Wahnsinns Weh und Graun.

Der Geist, der stark mit Feuer tauft,
Wird immer noch geschmäht,
Noch wird verraten und verkauft,
Wer Saat der kühnen Liebe sät.

Noch sind so viele Augen blind,
Herrscht ungerecht Gericht –
Doch wieder ward die Wahrheit Kind,
Und langsam, langsam wächst ihr Licht.

3

Der Wanderer geht durch die weite Nacht,
Sein Sinn ist offen, sein Auge wacht.
Er lauscht in das schwangere Schweigen –
Die Sterne ziehen den Reigen.

Sie ziehen den Reigen vieltausend Jahr,
Die Welt ist dunkel, ihr Licht bleibt klar,
Sie sehen aus silbernen Höhen
Der Erde zuckende Wehen.

Der Wanderer horcht dem sausenden Sang
Frostblinkender Drähte meilenlang,
Sie singen von Sehnsucht und Hassen
Ringender Menschenmassen.

Sie singen von rastloser Forscher Mühn,
Von Geisterflammen, die läuternd glühn,
Von Krieg, Hosianna und Grausen
Heimlich sie singen und sausen.

Der Wanderer schaut ob Unglück und Glück
Auf seinen einsamen Pfad zurück.
Dann weilt auch der Hüter der Erde
Am nächsten feiernden Herde.

Er hebt ein Kindlein traut auf den Arm –
Wie wird der Atem der Welt ihm warm! –
Und rastet beim Lichterbaume,
Lächelnd wie tief im Traume . . .

Karl Friedrich Henckell (1864-1929)

24. Türchen


Illustration: Katja Spannuth

1. Dies ist der Tag, den Gott gemacht,
sein wird in aller Welt gedacht:
Ihn preise, was durch Jesum Christ
im Himmel und auf Erden ist!

2. Die Völker haben dein geharrt,
bis dass die Zeit erfüllet ward;
da sandte Gott von seinem Thron
das Heil der Welt, Dich, seinen Sohn.

3. Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still,
er betet an, und er ermisst,
dass Gottes Lieb unendlich ist.

4. Damit der Sünder Gnad erhält,
erniedrigst Du Dich, Herr der Welt,
nimmst selbst an unsrer Menschheit teil,
erscheinst im Fleisch und wirst uns Heil.

5. Herr, der Du Mensch geboren wirst,
Immanuel und Friedefürst,
auf den die Väter hoffend sahn,
Dich, Gott Messias, bet ich an.

6. Du, unser Heil und höchstes Gut,
vereinest Dich mit Fleisch und Blut,
wirst unser Freund und Bruder hier,
und Gottes Kinder werden wir.

7. Jauchzt, Himmel, die ihr ihn erfuhrt,
den Tag der heiligsten Geburt;
und Erde, die ihn heute siehst,
sing Ihm, dem Herrn, ein neues Lied!

8. Dies ist der Tag, den Gott gemacht,
sein wird in aller Welt gedacht;
ihn preise, was durch Jesum Christ
im Himmel und auf Erden ist.

(Weihnachtslied, Autor: Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)

für die Woche 52/2009 erzählt


Friedrich Hebbel

Pauls merkwürdigste Nacht

1847 (1837)

Die Uhr schlug eben neun. Paul saß hinter dem Ofen an einem kleinen runden Tische und las eine Räubergeschichte, in deren Besitz er kürzlich auf einer Auktion gekommen war, weil er sie auf eine Nachtmütze mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Wenn er eine Seite des Buches beendigt hatte, befühlte er jedesmal den Ofen und zog die Hand dann kopfschüttelnd zurück; als guter Hauswirt wollte er vor dem gänzlichen Erkalten des Ofens nicht zu Bette gehen, und dieser hielt noch immer einige Wärme fest. Zu seinen Füßen, träge in einen Knäuel zusammengerollt und laut schnarchend, lag sein Hund, ein wohlgenährter, weißgefleckter Pudel, der sein Fett weniger der Freigebigkeit seines Herrn, als seiner diebischen Gewandtheit in Metzgerbuden verdankte. Wenn Paul im Buche an ein Kapitel kam, das ihn wenig interessierte, oder wenn er in die spärlich unterhaltene Lampe, die alle Augenblicke zu erlöschen drohte, ein paar Tropfen Öl gießen mußte, so bückte er sich wohl zu dem Hund nieder, ließ denselben, vielleicht weil er ihn um seinen frühen Schlaf beneidete, allerlei Künste machen, Schildwache stehen, oder den unfreiwilligen Toten spielen, brach ihm zuweilen aber auch ein Stück Brot ab und belohnte ihn damit für seine Folgsamkeit.

Die Uhr schlug halb zehn. Paul stand auf, um sich zu entkleiden, da klopfte es ans Fenster. »Komm herein,« rief Paul, in dem Klopfenden einen Straßenbuben vermutend, der ihn necken wolle, »dann kannst du hinaussehen!« Draußen ward gelacht und noch einmal geklopft. Ärgerlich blies Paul die Lampe aus und schlug sein Bett zurück. »Mach‘ auf, ich bin’s!« rief jetzt eine bekannte Stimme. »Du noch, Bruder Franz?« entgegnete Paul, »was willst du denn so spät?« Verdrießlich suchte er sein Feuerzeug, zündete die Lampe wieder an und öffnete die Türe. »Du mußt noch zur Stadt,« sagte der Bruder eintretend und legte einen großen Brief auf den Tisch, »wir haben im Amt alle Hände voll zu tun, ich werde die ganze Nacht am Pult zubringen müssen!« »Das ist nicht dein Ernst!« versetzte Paul und schaute seinen Bruder mit einem naiven Lächeln an. Er besorgte bei Tage für das Amt, wo sein Bruder Schreiber war, recht gern einen Brief, denn er erhielt einen guten Botenlohn, aber in der Nacht war das noch niemals vorgekommen, und er hatte keine Lust, statt zu Bett zu gehen, im Finstern einen Weg von zwei Meilen zu machen. »Wie sollte es nicht mein Ernst sein!« entgegnete der Bruder; »mach‘ hurtig, die Sache hat Eile und kein Augenblick ist zu verlieren!« »Spute dich, Paul!« rief die Mutter, die einer Erkältung halber schon seit einer Stunde im Bette lag; »das kommt uns trefflich zustatten, denn morgen ist Markttag!« »Such‘ dir einen andern Boten,« sagte Paul nach einer Pause halb leise, »ich gehe nicht!« Der Bruder, der sich gefreut hatte, Paul den kleinen Verdienst zuwenden zu können, wurde gereizt. »Du sollst!« rief er mit Heftigkeit; »wer das Geld bei Tage verdienen will, der muß auch nachts bei der Hand sein!« »Tu‘, was du willst!« erwiderte Paul mit großer Ruhe; »es sollte mich wundern, wenn du mich so weit brächtest.« Er trat an den Tisch und blätterte in dem Räuberroman; mitunter warf er einen scheuen Blick auf den Bruder. Dieser schwieg eine Weile still, dann sagte er: »Ich werde den Bettelvogt zu dir schicken!« und wollte fortgehen. Der Bettelvogt war ein Mann, den Paul fürchtete, weil er den Umfang seiner Macht nicht kannte; er vertrat seinem Bruder daher den Weg und sprach: »Franz, sei nicht unvernünftig, du würdest es ebensowenig tun, wie ich!«

Jetzt regte sich die Mutter wieder in ihrem Bett. »Junge!« rief sie zornig, »wem gleichst du nur! Deinen Vater verdroß keine Mühe, und auch ich, so alt ich bin, rühre mich, wie ich kann. Du aber kommst vor Faulheit um!« »Faulheit?« versetzte Paul ärgerlich und stellte seine Pfeife, die er bisher noch nicht hatte ausgehen lassen, vor das Fenster, »als ob’s Faulheit wäre!« »Was ist es denn?« fragte der Bruder. »Das weißt du recht gut!« erwiderte Paul und stützte, sich niedersetzend, den Kopf aus den Tisch. »Erst neulich stand eine Mordgeschichte im Wochenblatt!« Der Bruder mußte unwillkürlich lächeln, dann sagte er: »Paul, sei kein Narr! sieh auf deine kahle Jacke und tröste dich! Dich wird niemand umbringen: denn daß du nichts in der Tasche hast, das sieht dir jeder an.« »Haben sie,« entgegnete Paul mit einem Blicke herausfordernder Angst, »nicht einmal einen ums Hemd kalt gemacht?« Dabei zog er seine Jacke aus, um mit Tat und Wort zugleich gegen das ihm zugemutete Heldenstück zu protestieren. Der Mutter, die dies bemerkte, floß die Galle über; sie richtete sich, ohne etwas zu sagen, im Bett auf und warf Paul ihren Pantoffel an den Kopf. Der Bruder, der jetzt erst sah, daß Paul im stillen Anstalt gemacht hatte, zu Bett zu gehen, faßte ihn bei der Brust, schüttelte ihn weidlich und rief: »Erkläre dich, ob du willst oder nicht!« »Ich will!« sagte Paul in weinerlichem Tone; »laß mich nur los!« Dann kehrte er sich um und rief der Mutter zu: »Gott wird richten! Du bist an meinem Unglück schuld! Der Mond ist nicht einmal ordentlich durch!« Tränen stürzten aus seinen Augen, doch sagte er jetzt kein Wort weiter, sondern zog schweigend und schnell die schon abgelegte Jacke wieder an, setzte die Mütze auf, steckte Tabakspfeife und Brief in die Tasche, griff zum Stecken und ging, dem Hunde pfeifend, aus der Tür. Eine kurze Weile machte er nur sehr langsame Schritte, weil er zurückgerufen zu werden hoffte. Dann setzte er sich mit einem Fluch in seinen gewöhnlichen Trab. Bevor er die Landstraße erreichte, kam er an einem vom Dorf abgesondert liegenden Hause vorbei, welches als eine Diebsherberge berüchtigt war und von einem alten Weibe samt ihren drei Söhnen bewohnt wurde. »Wenn die alle drei,« dachte Paul, »sind, wo sie sein sollen, so will ich mich beruhigen!« und schlich sich mit leisen, leisen Schritten unter die erleuchteten Fenster, die nur schlecht mit einigen zerrissenen Schürzen verhängt waren und den Blick ins Innere gestatteten. Die Diebsmutter saß am Ofen und spann, zwei ihrer Söhne spielten Karten mit einem berüchtigten Herumstreifer, einem Musikanten, der dritte war nicht sichtbar, aber im Hintergrunde des Zimmers lag auf einer Streu ein Kerl, von dessen Gesicht man nichts erkennen konnte, als den starken schwarzen Backenbart, der sich verwegen von dem einen Ohr bis zum andern hinzog. »Der lange Hanns ist nicht zu Hause,« dachte Paul, und kalte Schauer liefen ihm über den Rücken; »der wird der erste sein, der mir unterwegs begegnet!« Er lauschte wieder hinein. »Wie grimmig der rothaarichte Marquard aussieht!« sagte er und wußte nicht, daß er seinen Gedanken Worte gab. – »Und der einäugige Jürgen, wie er die Zähne zeigt, wenn er lacht! Doch, was sind sie alle beide gegen den Hanns!« Ein Geräusch entstand, vorsichtig zog Paul sich zurück und setzte seinen Weg fort.

Er kam an einer Mühle vorbei, der Müllerhund, seine Kette schüttelnd, bellte ihn an. »Belle nur zu!« rief Paul kühn und schwang seinen Stock. »Wie man doch zuweilen ein Tor ist!« fuhr er nach einer Pause fort; »sonst fürchte ich mich, wie ein Kind, vor Hunden, jetzt möchten mir ihrer zwanzig in den Weg kommen, ich nähme es lieber mit ihnen auf, als mit einem einzigen Menschen!« Nun befand er sich auf der Landstraße. Wie eine ungeheure Riesenschlange dehnte sie sich mit den unheimlichsten Krümmungen und Windungen vor ihm aus; es war still, so totenhaft still, wie es nur in einer Winternacht voll Schnee und Frost sein kann; der Mond spielte Versteckens mit den Wolken und schien zuweilen hell, zuweilen gar nicht; die ringsum liegenden Dörfer waren in Nebel und Finsternis begraben; nur hie und da brannte in einem Hause noch ein trübes Licht, als trauriger Gesellschafter eines Kranken, der den Schlaf ruft und oft den Tod kommen sieht; eine dumpfe Kirchenuhr schlug in der Ferne und Paul zählte ängstlich ihre feierlichen eilf Schläge.

Paul war kein Atheist, aber er schlief manchen Abend ohne sein Nachtgebet ein. Jetzt faltete er andächtig die Hände und betete ein Vaterunser. Eine Krähe flog mit häßlichem Geschrei dicht vor ihm auf. Er fluchte auf seinen unnatürlichen Bruder. Ein Kirchhof lag hart am Wege, auf dessen beschneite Leichensteine der Mond zwei Sekunden lang ein grelles Licht warf. Paul schwur, daß er des Morgens nie wieder vor seiner Mutter aufstehen und ihr den Kaffee kochen wolle. Ein Reiter sprengte stumm an ihm vorüber. »Wie glücklich,« rief Paul, der noch nie geritten war, »ist ein Mensch, der ein Pferd hat!« Schon floß ihm der Schweiß von der Stirne herab, denn seit ihm der Kirchhof im Rücken lag, war er wütend gelaufen. Jetzt wagte er zum ersten Male, sich umzusehen, er entdeckte nichts Bedrohliches und zündete deshalb, mit Ruhe Feuer schlagend, die Pfeife an.

»Hätt‘ ich doch,« dachte er, als er die ersten Züge tat, die ihn bis ins Innerste hinein belebten, »irgendeinen meiner Bekannten, der auch noch in die Stadt müßte, zur Seite! Wie angenehm ließe sich mit dem die Zeit verplaudern! Aber freilich, nachts zwischen eilf und zwölf wandern nur Räuber und Mörder, und Toren, die beraubt und gemordet sein wollen. Wer ein Christ ist, der schläft zu dieser Stunde!«

Er sah sich wieder um, denn er hatte seinen Hund, der bisher nicht von ihm gewichen war, auf einmal verloren. Er rief, so laut er konnte: »Spitz! Spitz!« Da war es ihm, als ob er selbst laut beim Namen gerufen würde. Mit fieberischer Gespanntheit horchte er auf und fand, daß er sich nicht getäuscht habe, denn »Paul! Paul!« erscholl es hell und deutlich hinter ihm, und in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Schritten bemerkte er eine auf ihn zueilende hohe Mannsgestalt, die, wie zum Wink, ihren Knittel schwang. »Wer wird’s sein?« dachte Paul, »als der lange Hanns aus der Diebsherberge! Jedem im Dorf ist’s bekannt, daß ich fürs Amt zuweilen Geld in die Stadt trage; nun denkt er, es sei auch heute der Fall und rennt hinter mir drein! Ja, ja, Ort und Zeit sind gelegen! Wenn er mich nicht bloß morden, wenn er mich gemächlich schlachten wollte, hier wäre der Platz dazu. Aber, man hat Beine!« Paul zog instinktmäßig sein Messer aus der Tasche und stürzte, wie rasend, fort. Sein Hund, der eine Weile in die Kreuz und Quer gerannt und wahrscheinlich einem Hasen auf der Spur gewesen war, folgte ihm und hatte das Mißgeschick, ihm vor übergroßer Eile zwischen die Beine zu geraten. Paul stolperte über ihn und wäre fast gefallen. »Verfluchter Köter!« rief er aus, »morgen ersäuf‘ ich dich!« Dabei stieß er mit dem Fuß nach dem treuen Tiere, welches eben, um seine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen, schmeichelnd an ihm hinaufsprang. Einer seiner Handschuhe entfiel ihm, er nahm sich nicht die Zeit, ihn aufzuheben, doch der gut abgerichtete Pudel tat’s für ihn mit dem Maul. Der Brief flog ihm aus der Jackentasche, er fluchte, während er sich aber notgedrungen niederbückte und ihn wieder aufnahm, blickte er zugleich scheu und ängstlich rückwärts, und bemerkte zu seinem Troste, daß dem Verfolger bereits ein sehr bedeutender Vorsprung abgewonnen sei. »Im Laufen,« dachte er, »nimmt’s so leicht keiner mit mir auf; das wußte der Unhold, darum versuchte er’s, mich durch Rufen zum Stehenbleiben zu verleiten. Ha! ha! als ob ich einfältiger wäre, wie ein Hase, der wahrhaftig nicht umkehrt, wenn der Jäger ihm pfeift! Ich weiß gar nicht, warum ich die Pfeife nicht wieder anzünde, schon sehe ich die Türme der Stadt!«

Der Lange, der es bemerken mochte, daß Paul nicht mehr so eilte, wie vorher, rief abermals: »Heda! So warte doch!« »Nimmt er nicht,« dachte Paul, »ordentlich eine fremde Stimme an? Das ist die seinige nicht, die ist durch den Branntwein längst verdorben. Aber ruf du, wie ein Engel ruft, mich fängt man nicht durch solche Künste!« Immer rüstig vorwärts schreitend gelangte er bald an das unverschlossene Tor der Stadt. Hier sah er sich wieder um, der Lange war ihm ziemlich nah, und er konnte im Mondschein deutlich bemerken, daß Spitz, dessen ungewöhnliches Hin- und Wiederlaufen ihm längst verdächtig gewesen war, jenen liebkoste, an ihm hinaussprang und ihm die Hand leckte. »Bei Gott!« rief Paul grimmig aus und ging in die Stadt hinein, »morgen ersäuf‘ ich den Köter im ersten Wasser, ich glaube, ich schwur’s schon einmal!« Hell brannten die Laternen auf den Straßen, drei bis vier Nachtwächter wanderten umher. »Hier ist man mehr, als sicher!« dachte Paul und stellte sich hinter einen Laternenpfahl. »Wagt der Gesell sich in die Stadt,« dies gelobte er sich feierlich und blickte unverwandt nach dem Tore zurück, »so mach‘ ich die Wächter auf ihn aufmerksam, das bin ich jedem Schlafenden, den er bestehlen könnte, schuldig!« In diesem Augenblicke kam der Lange ins Tor. Paul eilte auf den ersten Nachtwächter zu und sagte in ängstlicher Hast: »Paßt auf den Menschen, der eben die Straße heraufkommt, er ist ein Räuber und Dieb, und hat mich über anderthalb Stunden verfolgt!« Der Nachtwächter zog, ohne zu antworten, eine Pfeife hervor und pfiff, alsbald sammelten sich um ihn seine Kameraden und umzingelten, nachdem er sie in höchster Kürze instruiert hatte, den angeblichen Räuber, ihn mit den sonderbarsten Fragen bestürmend. Auch Paul trat herzu, wie aber ward ihm, als er in der Person, vor der er, wie vor dem Teufel, geflohen war, statt des langen Hanns seinen guten Freund Jakob, einen Schmiedegesellen, erkannte. »Das ist er nicht!« rief er den Nachtwächtern zu; »ich habe mich geirrt, laßt diesen los!« Schimpfend und brummend ließen die Wächter von ihrer Beute ab; Paul aber trat vor Jakob hin und fragte ihn mit großem Ernst: »Warst du es wirklich, der hinter mir herkam, mir winkte und mich beim Namen rief?« Jakob, der nicht wußte, was er aus dem wunderlichen Vorfall machen sollte, versetzte übellaunig: »Wer wäre es sonst gewesen? Ich soll für meinen Meister, der plötzlich erkrankt ist, zum Arzt und erkannte dich, als du deinen Hund locktest, an der Stimme!« »Jesus!« entgegnete Paul ruhig und hielt seinem Freunde den Tabaksbeutel hin, damit er sich eine Pfeife stopfe, »hätte ich das gewußt, so hätten wir zusammengehen können!«


spannende Suchbegriffe …


Manchmal bekomme ich interessante Suchbegriffe zu sehen die auf meinen Blog führten.
Meine Autorenkollegin Patricia Koelle reagiert oft auf solche Suchbegriffe auf ihrem Blog, nimmt diese als Anregung und schreibt ein (gutes) Gedicht.  Heute fand ich hier den Suchbegriff:

okkulte weihnachtsgedichte

Zwar beschäftige ich mich neben den Märchen mit Geschichte, Religionen, Mythen, Bräuchen, Ritualen, Aberglauben und esoterischen Lehren, aber auch mir würde es schwer fallen, das Okkulte und Weihnachten unter einen Hut, bzw. in einen Vers zu bringen, wenn man davon ausgeht, dass mit okkult nicht das verschlossene Weihnachtszimmer gemeint ist.
Aber wie ich das hier so niederschreibe, beginne ich zu sinnieren, Gedankenfetzen, die es vielleicht Wert sind, weitergedacht –ausgedacht zu werden.

Was ist Okkultismus, warum passt es nicht auf Weihnachten?

Weil es ein Begriff einer esoterischen Strömung ist und sich das, was nach Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim mit  Okkulte Wissenschaften bezeichnet wird, mit der Zeit überlebt hat und zu Bereichen der Naturwissenschaften spezialisierte, die mit ihrer Herkunft aus Astronomie und Alchemie nur noch schwer  in Verbindung zu bringen sind?

So gesehen wäre ein Gedicht okkult, das die Stunden der Erkenntnis der drei Magier – ähh – Könige – beinhaltet, die dem Stern folgen. Ist also gar nicht so abwegig, ein okkultes Weihnachtsgedicht.
Mal sehen, vielleicht finde ich über die Feiertage Zeit genug und Lust darauf, es Patricia gleich zu machen, den Suchbegriff zu nutzen und  und das Okkulte und Weihnachten in Verse miteinander zu schmieden,
wenn ich mir erstmal einen Reim drauf gemacht habe – letzteres ganz unverbindlich nur so dahergeschrieben.

23. Türchen


Erwartung der Weihnacht

Otto Ernst (1862-1926)

Noch eine Nacht und aus den Lüften
herniederströmt das goldne Licht
der wundersamen Weihnachtsfreude,
verklärend jedes Ungesicht.

Und wieder klingt die alte Sage,
wie einst die Lieb geboren ward,
die unbegrenzte Menschenliebe
in einem Kindlein hold und zart.

Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen
durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.
Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier
des trauten Heimes kleine Welt.

Dahinter strahlts und lachts und flimmerts
und ist der süßen Rätsel voll,
durch alle Räume weht ein Odem
der Freude, die da kommen soll.

Und draußen nicken Bäum und Büsche
So leis in winterklarer Luft.
Die Kunde kommt, dass neues Leben
sich wieder regt in tiefer Gruft.

Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,
sie träumt von langer Zeiten Lauf,
da steigt wohl auch ein froh Erinnern
in ihre Krone still hinauf.

O weilt, ihr jugendschönen Stunden,
verweile du, der Hoffnung Glück!
Vermöcht ichs nur mit allen Kräften
der Seele hielt ich dich zurück.

Ihr süßen Träume des Erwartens,
der Wunder und Gedicht voll,
ihr seid noch schöner als der Jubel,
die Freude, die da kommen soll.

22. Türchen


Weihnachten und Schnee … gehört in unserem Denken irgendwie zusammen. Dabei ist es gar nicht so selbstverständlich, dass Weihnachten Schnee liegt, nicht wahr? Deshalb sollte man sich stimmungsmäßig nicht von weißer Pracht abhängig machen, den Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

„Vorfreude“ heißt auch das Gedicht von Nils Pickert hier