wo ich wohne – Gedichte und Bilder


Die Biermeile

 

Biermeile

In der Straße, wo ich wohne,
feiert man seit etlichen Jahren
immer, wenn es am heißesten ist,
für drei Tage das Bier und wie
so unterschiedlich Gleiches
aus Malz und Hopfen kann entstehen.

Buden, Bühnen und Bänke
stehen in dichter Folge
auf dem Boulevard,
wo Leute aus vielen Ländern flanieren,
dort verweilen und verkosten,
wo die Musik sie vergnügt.

Durch meine Fenster hoch oben,
unter dem Dach,
dringt der Musikbrei verschiedener Bühnen,
macht sich in meiner Wohnung breit,
drückt mich
und drängt mich hinaus.

Ich schlängle mich durch die Massen,
trinke ein Bier aus Vietnam,
lausche mit wippendem Fuß
der Country-Musik, beobachte leicht belustigt
den Trubel am belgischen Kirschbierstand.

Weil die Musik nun nicht mehr spielt
gehe ich heim. Vorbei an der Grünanlage,
wo einst auf Schildern Hunde erklärten:
Hier darf ich nicht sein;
bis jemand mit weißer Farbspraydose
jedes nicht entfernte.

Jetzt stehen hinter den Schildern
auf dem Rasen, den Passanten
den Rücken gekehrt,junge Männer;
die Beine gespreizt,
den Blick in imaginärer Ferne
brunzen sie ins Gebüsch.

Wieder zu Haus angekommen,
öffne ich für die Stille weit meine Fenster,
betrachte den Monte Klamotte
und den Mond, der über ihm steht.
Bis mich endlich ein Martinshorn
aus der Versunkenheit erlöst.

© Bettina Buske

 

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Uta, Uta, Uta über alles ?


Teil 4

Die Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Doms sind in mehrfacher Hinsicht einmalig und erwähnenswert.
Das beginnt schon mit dem Lettner, zwischen dessen Türöffnungen der gekreuzigte Jesus fast auf Augenhöhe mit dem Betrachter ist.

Im Chorraum selbst, in ziemlicher Höhe, mit den tragenden Säulen ausgearbeitet, sozusagen eine tragende Rolle  innehabend, die Stifterfiguren.
Die Darstellung realer Personen aus der Wettinisch – Ekkehardinischen Linie, deren Wirken im Zuge der Ostkolonialisierung zwei Jahrhunderte zuvor prägend war und denen für die Domstiftungen auf diese Weise gedacht werden sollte. Das wohl auch, weil Umbau- und Erweiterungen des Doms auf Kosten ihrer Ruhestätten ging.

Da man im Mittelalter in der Kirche auf den Grabplatten stehend betete, im Bewusstsein, dadurch Kontakt zu den Verstorbenen zu haben, für die Seele des Verstorbenen mitzubeten und ggf. in ihr einen Fürsprecher zu erhalten, ist das Entfernen von Grabstätten eine Angelegenheit, die einen adäquaten Ersatz fordert. Was nun der Grund für die Veranlassung war, statt der Heiligen und Apostel diese Laien figürlich darzustellen? Vermutlich von beidem etwas.

Auf dieser Seite hier findet man eine interessante These zu den Anordnungen der Figuren zueinander.

Ersatz für die Verbindung zu den Seelen der Stifter und Erinnerung an ihre Zuwendungen zu Gunsten des Domes.
Die Figuren stellen vier Ehepaare und vier Männer der Meißener markgräflichen Linie dar.
Bemerkenswert ist die lebendige Ausstrahlung der Figuren,  die entgegen anderen Kunstwerken der Zeit sehr diesseitig sind.
Nicht göttliche Verklärung zeichnet ihre Gesichter, sondern Stolz, Zorn, Freude, Zuneigung, Tiefsinn, Entschlossenheit.
Ja man meint, ihren Gesichtern die historischen Verhältnisse zueinander ablesen zu können.
Alle Figuren hatten ursprünglich einen farbigen Anstrich, von dem noch etliches erhalten ist und durch den sie noch lebendiger wirken.

Stifter Wilhelm von Camburg

Viele Jahrhunderte war es still um diese Figurengruppe, selbst die Romantiker, die das Mittelalter wieder entdeckten und von denen etliche diese Zeit als die ideale Zeit verklärten, bemerkten sie nicht weiter.
Erst die Entwicklung der Fotografie lenkte das Augenmerk der Allgemeinheit auf die Figuren. Postkarten als Urlaubsgruß  sandten auch ein neues Schönheitsideal

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durch das Land. Die Figur der Uta von Ballenstedt hat es den Leuten angetan.
Ihre kühle Ausstrahlung, ihre elegante Körperhaltung, ihr zart geschnittenes Gesicht, schnell entstanden Legenden um die imaginäre Frau, von der die Geschichte nicht mehr zu sagen weiß als ihren Namen und den Namen ihres Gatten. Der Utakult entstand.
Da bürgerliche Bildung sich überwiegend an alten Griechen und Römern, der italienischen und französischen Kunst  in Malerei, Musik und Architektur ausrichtete und die vielen kleinen deutschen Staaten im Gegensatz zu den großen Ländern keine Kolonien erkriegen konnten, war in vielen deutschen Gemütern ein  Gefühl  des Zu-kurz-gekommen-Seins, dass in der schönen deutschen Uta Genugtuung fand, sie zum deutschen Sinnbild machte, zur Projektionsfläche für Propaganda, die es bis in den Schulunterricht schaffte.

uta

Generationen von Kindern wurde gelehrt, dass eine Forderung von Reparationsleistungen nach dem ersten Weltkrieg auch die Herausgabe der Stifterfiguren gewesen sein soll.
Eine Legende, denn erstens ist es rein technisch gar nicht möglich, man müsste den Dom abtragen und zweitens geben die Urkunden über Reparationsforderungen  eine solche Forderung nicht her.
Aber eine gute Ablenkung ist so eine Legende, nicht dass jemand sich Gedanken macht, welchen Kulturfrevel die eigene Regierung im Laufe des Krieges beging, indem zum Beispiel die wundervollen Pfeifen der Orgel im Altenburger Dom, auf der J.S.Bach gespielt hatte,für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurde.

Gute Ablenkung, wenn sich die Volksseele erzürnt, dass sich undeutsche Hände nach der deutschen Idealfrau und -gattin begierig recken sollen.

Uta wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 den missliebigen Frauendarstellungen Dix‘, Noldes und anderer gegenübergestellt und im Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940 musste die Skulptur als Maß der „Reinheit“ dienen, die man mit Gewalt wiederherzustellen gedachte.

Dem Stifterpaar Ekkehard und Uta gegenüber steht der ältere Bruder Ekkehards, Markgraf Hermann und seine Frau, Reglindis, Tocher des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen.
Diese Figurengruppe ist meine persönliche Lieblingsgruppe.

Zu gern würde ich wissen wollen, was sich der dafür zuständige Naumburger Meister dachte, als er diese Figuren schuf.
Reglindes ist in einem Lächeln abgebildet, ihr ganzer Körper lächelt, ihr Gesicht zeigt heiteres Vergnügen. Ihr Gatte ist ihr freundlich zugewandt.
Unglaublich für eine Arbeit aus dem 13. Jahrhundert, unglaublich, aber wunderbar.

Übel dafür, was die nationalsozialistische Ideologie daraus machte. So steht im Bernburger Kalender 1938 über die Figuren des Naumburger Meisters:

„… aus seinem (Albrecht des Bären – L.P.) Geschlecht stammte Uta von Ballenstedt, die der Naumburger Meister als germanisch-nordische Gestalt der slavischen Reglindis, einer Tochter des Polen-Herzogs Boleslav Chrobry, mit feinstem Rasseempfinden gegenüberstellen wird.“

Der Uta-Rummel hält an, er hat die Ideologien überdauert. In Naumburg feierte man ein Uta-Treffen für Frauen namens Uta.
Hübsche Idee, noch besser wäre sie, wenn ebenfalls ein Reglindis -Treffen von der Stadt Naumburg ausgerichtet werden würde.

Da es weniger Reglindisse gibt als Utas, könnte man alle bekannten Schreibweisen

für die Tochter des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen dabei zulassen, also auch Regelindis oder Regelinda , Naumburg hätte ein Event mehr und  die stille Uta  wäre damit ein Stück mehr von nationalistischer Patina befreit.

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Impressionen vom Naumburger Dom – Teil 4


Teil 3

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Der Naumburger Dom St. Peter und Paul in Naumburg (Saale) ist die ehemalige Kathedrale des Bistums Naumburg.
Der Bau des Domes wird zum  größten Teil aus die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert und dieser Dom ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Spätromanik in Sachsen-Anhalt.
Sein Westchor  entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist mit dem Westlettner und den Stifterfiguren aus der Werkstatt des sogenannten „Naumburger Meisters“ eines der wichtigsten Bauwerke der Frühgotik überhaupt. Wer war der „Naumburger Meister? Es gab ihn nicht, man hat diese Bezeichnung als Anerkennung für die qualitativ einmaligen Skulpturen  geschaffen, die eine so lebendige Wirkung erzielen. Doch so ein Werk kann kein Einzelner hervorbringen. Es handelt sich hier um eine ganze  Arbeitsgruppe von Bildhauern und Steinmetzen, die aber innerhalb des Bauhüttenwesens des europäischen Mittelalters eine herausragende Stellung einnahm, denn ihre Arbeiten findet man von Frankreich ausgehend, in vielen Kirchenbauten.
Ihren Weg kann man an Hand der Skulpturen so verfolgen:  Ausbildung an den nordfranzösischen Kathedralbauten der Île de France, der Champagne und Picardie, ab  1220 über die Grenzen des Königreichs Frankreich hinaus, über Mainz nach Naumburg und Meißen. Die Anzahl und die Qualität der erhaltenen Skulpturen sind von Weltrang.


Zur Geschichte der Stifter:

An der Ostgrenze des Deutschen Reiches lies in der Zeit um 1000 Ekkehard I. († 1002), Markgraf von Meißen auf einer 25 m hohen Erhebung am rechten Ufer der Saale Nahe der Unstrutmündung seinen neuen Stammsitz errichten, da sich hier mehrere Handelsstraßen kreuzten.
Den Namen Naumburg leitet man von neweburg oder Nuwenburg ab.

Seine Söhne Hermann und Ekkehard II. gründeten kurz darauf im westlichen Teil des Vorburggeländes eine kleine, der Hl. Maria geweihte Stiftskirche, die zum Jahr 1021 in der Merseburger Bischofschronik als praepositura noviter fundata erwähnt wird.
Weil Zeitz ein unsicherer Ort war, verlegte König Konrad II. auf Drängen der beiden Brüder 1028 den Bischofssitz von Zeitz nach Naumburg.
Diese Verlegung wurde von Papst Johannes XIX. im Dezember 1028 genehmigt.
Bald nach der Genehmigung etwa Frühjahr 1029, wurde unmittelbar östlich der Stiftskirche mit dem Bau der ersten frühromanischen Naumburger Kathedrale begonnen.
Sie wurde in der Amtszeit des Merseburger Bischofs Hunold, der zwischen 1036 und 1050 regierte, vor dem Jahr 1044 geweiht.
Das Patrozinium Peter und Paul wurde von der Zeitzer Kirche übernommen.

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Die erste Naumburger Kathedrale war eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika, die aber kleiner als der heutige Dom war.Um 1160/70 erhielt der frühromanische Dom eine Hallenkrypta. Diese Krypta wurde in den ab etwa 1210 entstehenden Domneubau übernommen. An der Stelle des heutigen Westchores erhob sich ursprünglich die Stiftskirche der ekkehardingischen Burg, die Kirche des Kollegiatstiftes St. Marien. Reste ihrer Mauern blieben in den Westtürmen erhalten.

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zum letzten Teil

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Impressionen vom Naumburger Dom – Teil 3


Teil 2

Leider durfte man den Domschatz nicht fotografieren, aber ein Bild von der in den Imperssionen Nr.1 schon gezeigten Tür  aus geschossen zeigt schon etwas von der Atmosphäre, die dieses Gewölbe hat.

Domschatz

Bevor ich zu den Stifterfiguren komme, von denen zwei den Dom in ganz Deutschland bekannt machten, möchte ich noch die Elisabethkapelle erwähnen und von den Fenstern dort das zeigen, was mir  möglich war aufzunehmen. Denn außen war eitel Sonnenschein , der sich auch durch die Scheiben drängte und jeden weiteren Fotoversuch sinnlos machte.

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Anlässlich des 800. Geburtstages der Heiligen Elisabeth von Thüringen wurde die Firma Domglas Naumburg Ende 2007 durch den  Naumburger Dom  betraut, die Arbeit des Leipziger Künstlers Neo Rauch, der seine Entwürfe gespendet hatte, umzusetzen.
Neo Rauch gehört zu den Malern der neuen Leipziger Schule und ist nach der Wende in Amerika ein sehr geschätzten Künstler geworden. Brad Pitt soll eines seiner Bilder (Titel: Etappe) besitzen – ein bisschen Tratsch muss sein 😉 .

Die drei Darstellungen in rotem Überfangglas umfassen den Abschied, die Kleiderspende sowie Elisabeth am Bett einer Aussätzigen, alle Motive in das 20. Jhd. übertragen, auf jeweils etwa 1,4 m hohen, metallgefaßten Scheiben.

Das Rot gibt der Kapelle eine ganz eigene Stimmung.

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Diese Figur ist eine der ältesten Darstellungen der hlg. Elisabeth von Thüringen, sie wird auf 1235 datiert.

weiter zu Teil 4

Jahreskongress der europäischen Märchengesellschaft


Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V.

23. – 27. September 2009 „Außenseiter im Märchen“

Die Europäische Märchengesellschaft e.V. vereinigt Erzähler/innen, Wissenschaftlern/innen, Künstlern/innen und interessierte Laien. Sie erforscht, pflegt und verbreitet das europäische Märchengut, informiert mit Kongressen, Tagungen, Seminaren, Lese- und Erzählveranstaltungen und bildet Erzähler/innen aus.

Beim diesjährigen Thema fragen wir:

Wie gehen die Märchen mit Außenseitern um, die sich entweder selbst ausgrenzen (etwa alte weise Frauen und Männer) oder von der Gemeinschaft ausgegrenzt werden (etwa Bettler, Dumme, körperlich Behinderte oder Absonderliche, Aschenputtel oder Opfer von Verwünschung oder Verzauberung)? Haben sie teil am sprichwörtlichen glücklichen Ende? Welches Licht fällt von den Märchen auf die heutige Minderheitenproblematik?

Alle Interessierten sind zu den Veranstaltungen herzlich eingeladen. Zentraler Veranstaltungsort ist das Stadttheater. Es gibt ein separates, ausführliches Programm.

Lassen Sie sich an den Kongresstagen von den Märchen bezaubern und öffnen Sie sich ihren Botschaften zu zentralen Lebensfragen!

Auf folgende Veranstaltungen weisen wir schon jetzt hin:

Mittwoch, 23. September 2009

* 14 Uhr: Die Märchenkarawane zieht durch die Lange Straße (Bernhardbrunnen – Rathaus). An bestimmten Haltepunkten werden Märchen erzählt. Kostümierte Schulkinder begleiten die Karawane.

* 20 Uhr: Die Lichtpromenade Lippstadt als Weg der Märchen und Mythen (Dirk Raulf, Sprecherin Marion Mainka), Märchenerzählen zum Thema zweier Lichtkunstwerke.

Ort: Stadttheater Lippstadt, Eintritt: 8,- €. Anschließend „Spaziergang zur guten Nacht“

Donnerstag, 24. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Einstimmung durch Schülerinnen und Schüler Lippstädter Gymnasien, Voträge im Stadttheater Lippstadt, Eintritt pro Vormittag: 10,- €

* 16 – 18 Uhr: Arbeitsgemeinschaften (sofern noch freie Plätze), Listen im Kongressbüro Mikolaischule bzw. Ostendorf Gymnasium, Eintritt pro Arbeitsgemeinschaft 8,- €

* 19.15 – 19.45 Uhr: Meditative Orgelmusik mit Harduin Boeven in der Nikolaikirche, Eintritt frei

* 20.15 Uhr: Märchenerzählen für Erwachsene, Ort: Forum des Ostendorf Gymnasiums und in der Thomas-Valentin-Stadtbücherei, Eintritt: 3,- €.

Freitag, 25. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Vormittagsveranstaltung wie am Donnerstag, 24. September

* 16 – 18 Uhr: Arbeitsgemeinschaften wie am Donnerstag, 24. September

* 20 Uhr: Premiere der Theaterinszenierung von Dagmar C. Weinert mit sensibel eingewobenen tänzerischen, musikalischen und filmischen Elementen zum Grimmschen Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“.

Ort: Stadttheater Lippstadt, Eintritt 10,- €, ermäßigt 6,- €.

Samstag, 26. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Vormittagsveranstaltung wie am Donnerstag, 24. September

* 16 Uhr: Katharina Randel: „In Teufels Küche“, Ein Märchenspiel mit Puppen zum Grimmschen Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“

Ort: Thomas-Valentin-Stadtbücherei, Eintritt: Erwachsene 5,- €, Kinder 3,- €.

Von Mittwoch bis Samstag: Märchenerzählen für Groß und Klein in der Jurte der Pfadfinder zwischen Stadttheater und Ostendorf-Gymnasium, Eintritt frei.

Gedicht der Woche 33/2009


Hermann von Lingg

Das Krokodil

Im heil’gen Teich zu Singapur,
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerst grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotosstiel.
Es ist ganz alt und völlig blind,
Und wenn es einmal friert des Nachts,
So weint es wie ein kleines Kind,
Doch wenn ein schöner Tag ist, lacht’s.

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Erzählung der Woche 33/2009


27.
Der Tod und der Gänshirt.

Es ging ein armer Hirt an dem Ufer eines großen und ungestümen Wassers, hütend einen Haufen weißer Gänse. Zu diesem kam der Tod über Wasser, und wurde von dem Hirten gefragt, wo er herkomme, und wo er hin wolle? Der Tod antwortete, daß er aus dem Wasser komme und aus der Welt wolle. Der arme Gänshirt fragte ferners: wie man doch aus der Welt kommen könne? Der Tod sagte, daß man über das Wasser in die neue Welt müsse, welche jenseits gelegen. Der Hirt sagte, daß er dieses Lebens müde, und bate den Tod, er sollte ihn mit über nehmen. Der Tod sagte, daß es noch nicht Zeit, und hätte er jetzt  sonst zu verrichten. Es war aber unferne davon ein Geizhals, der trachtete bei Nachts auf seinem Lager, wie er doch mehr Geld und Gut zusammenbringen mögte, den führte der Tod zu dem großen Wasser und stieß ihn hinein. Weil er aber nicht schwimmen konnte, ist er zu Grunde gesunken, bevor er an das Ufer kommen. Seine Hunde und Katzen, so ihm nachgelaufen, sind auch mit ihm ersoffen. Etliche Tage hernach kam der Tod auch zu dem Gänshirten, fand ihn fröhlich singen und sprach zu ihm: „willst du nun mit?“ Er war willig und kam mit seinen weißen Gänsen wohl hinüber, welche alle in weiße Schafe verwandelt worden. Der Gänshirt betrachtete das schöne Land und hörte, daß die Hirten der Orten zu Königen würden, und indem er sich recht umsahe, kamen ihm die Erzhirten Abraham, Isaac und Jacob entgegen, setzten ihm eine königliche Krone auf, und führten ihn in der Hirten Schloß, allda er noch zu finden.

Der Tod und der Gänshirt war nur in der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen enthalten.
Es stammt aus Georg Philipp Harsdörffers Sammlung Der grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichten.