Hupende Autos, trötende und polnische Böller zündende Leute


ziehn an meinem Haus vorbei, das Fußballspiel ist in ihrem Sinne ausgegangen und das nicht nur, weil irgendwelche Schiedsrichter nicht gucken können, auch weil es ein erarbeitetes Ergebnis war. So gesehen ehrliche Freude, die ich ertragen muss. Naja, ich gönne es ihnen, ich hoffe, es ist um Mitternacht dann ausgefreut. Diesmal lag mir ja auch an einem Sieg, manche Überschriften englischer Zeitungen haben sogar mich polarisiert.   Und ist ja nicht so, dass es keine Fans in meiner Sippe gäbe…

Advertisements

eine WordPress-Köstlichkeit


habe ich bei der musisch radelnden Kalliope entdeckt, die auch andere zum Nachdenken bringen sollten.  Mich hat es, ich habe nämlich  immer noch
keinen Fahrradhelm, dabei würde der meiner Frisur sogar eher nutzen als schaden, weil dann der Mob Mop nicht so im Winde flattert …

http://kalliopevorleserin.wordpress.com/2010/06/23/bitte-an-radfahrer/,

Gedicht der Woche 25/2010


Himmel und Hölle.

Himmelslust und Höllenschrecken,
Sind erst diese überstanden,
Wird der Mensch mit vollen Segeln
In der Freiheit Hafen landen.

Denn nur diese sind’s, nur diese,
Nicht Soldaten und Kanonen,
Nur die große Massendummheit
Schützt den Fürsten ihre Kronen.

Und noch lange wird es dauern,
Macht euch ja kein falsches Hoffen,
Eh’ die Dummheit überwunden,
Eh’ ihr sie zu Tod getroffen.

Schlagt ihr sie auch rastlos nieder
Mit dem Geistesschwert geschäftig,
Immer, wie das Haupt der Hyder,
Wird sie wieder lebenskräftig.

Heinrich Kämpchen

Erzählung der Woche 25/2010


E. T. A. Hoffmann

Haimatochare


Vorwort

Nachfolgende Briefe, welche über das unglückliche Schicksal zweier Naturforscher Auskunft geben, wurden mir von meinem Freunde A. v. C. mitgeteilt, als er eben von der merkwürdigen Reise zurückgekommen, in der er den Erdball anderthalbmal umkreist hatte. Sie scheinen wohl öffentlicher Bekanntmachung würdig. – Mit Trauer, ja mit Entsetzen gewahrt man, wie oft ein harmlos scheinendes Ereignis die engsten Bande der innigsten Freundschaft gewaltsam zu zerreißen und da verderbliches Unheil zu bereiten vermag, wo man das Beste: das Ersprießlichste, zu erwarten sich berechtigt glaubte.

E. T. A. Hoffmann.

1

An Se. Exzellenz den Generalkapitän und Gouverneur von Neu-Süd-Wales

Port Jackson, den 21. Juni 18**

Ew. Exzellenz haben zu befehlen geruhet, daß mein Freund, Herr Brougthon, mit der Expedition, die nach O-Wahu ausgerüstet wird, als Naturforscher mitgehe. Längst war es mein innigster Wunsch, O-Wahu noch einmal zu besuchen, da die Kürze meines letzten Aufenthalts mir nicht mehr gestattete, manche höchst merkwürdige naturhistorische Beobachtungen bis zu bestimmten Resultaten zu steigern. Doppelt lebhaft erneuert sich jetzt dieser Wunsch, da wir, ich und Herr Brougthon, durch die Wissenschaft, durch gleiches Forschen auf das engste verkettet, schon seit langer Zeit gewohnt sind, unsere Beobachtungen gemeinschaftlich anzustellen, und durch augenblickliches Mitteilen derselben uns einander an die Hand zu gehen. Ew. Exzellenz bitte ich daher, es genehmigen zu wollen, daß ich meinen Freund Brougthon auf der Expedition nach O-Wahu begleite.

Mit tiefem Respekt etc.

J. Menzies.

N. S. Mit den Bitten und Wünschen meines Freundes Menzies vereinigen sich die meinigen, daß Ew. Exzellenz geruhen möchten, ihm zu erlauben, mit mir nach O-Wahu zu gehen. Nur mit ihm, nur wenn er mit gewohnter Liebe meine Bestrebungen teilt, vermag ich das zu leisten, was man von mir erwartet.

A. Brougthon.

2

Antwort des Gouverneurs

Mit innigem Vergnügen bemerke ich, wie Sie, meine Herren, die Wissenschaft so innig miteinander befreundet hat, daß aus diesem schönen Bunde, aus diesem vereinten Streben sich nur die reichsten herrlichsten Resultate erwarten lassen. Aus diesem Grunde will ich auch, unerachtet die Bemannung der Diskovery vollständig ist und das Schiff wenig Raum hat, dennoch erlauben, daß Herr Menzies der Expedition nach O-Wahu folge, und erteile in diesem Augenblick deshalb dem Capitain Bligh die nötigen Befehle,

(Gez.) Der Gouverneur.

3

J. Menzies an E. Johnstone in London

Am Bord der Diskovery, den 2. Juli 18**

Du hast recht, mein lieber Freund, als ich Dir das letztemal schrieb, war ich wirklich heimgesucht von einigen spleenischen Anfällen. Das Leben auf Port Jackson machte mir die höchste Langeweile, mit schmerzlicher Sehnsucht dachte ich an mein herrliches Paradies, an das reizende O-Wahu, das ich erst vor kurzem verlassen. Mein Freund Brougthon, ein gelehrter und dabei gemütlicher Mensch, war der einzige, der mich aufzuheitern und empfänglich für die Wissenschaft zu erhalten vermochte, aber auch er sehnte sich, wie ich, hinweg von Port Jackson, das unserm Forschungstrieb wenig Nahrung darbieten konnte. Irre ich nicht, so schrieb ich Dir schon, daß dem Könige von O-Wahu, namens Teimotu, ein schönes Schiff versprochen worden, das zu Port Jackson gebaut und ausgerüstet werden sollte. Dies war geschehen, Capitain Bligh erhielt den Befehl, das Schiff hinzufahren nach O-Wahu, und sich dort einige Zeit aufzuhalten, um das Freundschaftsbündnis mit Teimotu fester zu knüpfen. Wie klopfte mein Herz vor Freude, da ich glaubte, daß ich unfehlbar mitgehen würde; wie ein Blitz aus heitrer Luft traf mich aber der Ausspruch des Gouverneurs, daß Brougthon sich einschiffen solle. Die Diskovery, zur Expedition nach O-Wahu bestimmt, ist ein mittelmäßiges Schiff, nicht geeignet, mehr Personen aufzunehmen, als die nötige Bemannung, um so weniger hoffte ich mit dem Wunsch, Brougthon begleiten zu dürfen, durchzudringen. Der edle Mensch, mir mit Herz und Gemüt auf das innigste zugetan, unterstützte indessen jenen Wunsch so kräftig, daß der Gouverneur ihn bewilligte. Aus der Überschrift des Briefes siehst Du, daß wir, Brougthon und ich, bereits die Reise angetreten.

O des herrlichen Lebens, das mir bevorsteht! – Mir schwillt die Brust vor Hoffnung und sehnsüchtigem Verlangen, wenn ich daran denke, wie täglich, ja stündlich die Natur mir ihre reiche Schatzkammer aufschließen wird, damit ich dieses, jenes nie erforschte Kleinod mir zueignen, mein nennen kann, das nie gesehene Wunder!

Ich sehe Dich ironisch lächeln über meinen Enthusiasmus, ich höre Dich sprechen: »Nun ja, einen ganzen neuen Swammerdamm in der Tasche, wird er zurückkehren, frage ich ihn aber nach Neigungen, Sitten, Gebräuchen, nach der Lebensweise jener fremden Völker, die er gesehen, will ich recht einzelne Details wissen, wie sie in keiner Reisebeschreibung stehen, wie sie nur von Mund zu Mund nacherzählt werden können, so zeigt er mir ein paar Mäntel und ein paar Korallenschnüre und vermag sonst nicht viel zu sagen. Er vergißt über seine Milben, seine Käfer, seine Schmetterlinge, die Menschen!« –

Ich weiß, Du findest es sonderbar, daß mein Forschungstrieb grade zu dem Reiche der Insekten sich hingeneigt, und ich kann Dir in der Tat nichts anderes darauf antworten, als daß die ewige Macht nun grade diese Neigung so in mein Innerstes hineingewebt hat, daß mein ganzes Ich sich nur in dieser Neigung zu gestalten vermag. Nicht vorwerfen darfst Du mir aber, daß ich über diesen Trieb, der Dir seltsam erscheint, die Menschen oder gar Verwandte, Freunde vernachlässige, vergesse. Niemals werde ich es dahin bringen, es jenem alten holländischen Obristlieutnant gleichzutun der – doch um Dich durch den Vergleich, den Du dann zwischen diesem Alten und mir anstellen mußt, zu entwaffnen, erzähle ich Dir die merkwürdige Historie, die mir eben in den Sinn kam, ausführlich. – Der alte Obristlieutnant (ich machte in Königsberg seine Bekanntschaft) war, was Insekten betrifft, der eifrigste, unermüdetste Naturforscher, den es jemals gegeben haben mag. Die ganze übrige Welt war für ihn tot, und wodurch er sich der menschlichen Gesellschaft allein nur kundtat, das war der unausstehlichste lächerlichste Geiz und die fixe Idee, daß er einmal mittelst eines Weißbrots vergiftet werden würde. – Irre ich nicht, so heißt dies Weißbrot im Deutschen Semmel. – Ein solches Brot buck er sich jeden Morgen selbst, nahm es, war er zu Tische gebeten, mit, und war nicht dahin zu bringen, ein anderes Brot zu genießen. Als Beweis seines tollen Geizes mag Dir der Umstand genügen, daß er, seines Alters unerachtet ein rüstiger Mann, Schritt vor Schritt mit weit von dem Leibe weggestreckten Armen auf den Straßen einherging, damit – die alte Uniform sich nicht abscheure, sondern fein konserviere! Doch zur Sache! – Der Alte hatte keinen Verwandten auf der ganzen Erde, als einen jüngeren Bruder, der in Amsterdam lebte. Dreißig Jahre hatten die Brüder sich nicht gesehen; da machte der Amsterdamer, von dem Verlangen getrieben, den Bruder noch einmal wiederzusehen, sich auf den Weg nach Königsberg. – Er tritt ein in das Zimmer des Alten. – Der Alte sitzt an dem Tische und betrachtet, das Haupt hinübergebeugt, durch eine Lupe einen kleinen schwarzen Punkt auf einem weißen Blatt Papier. Der Bruder erhebt ein lautes Freudengeschrei, er will dem Alten in die Arme stürzen, der aber, ohne das Auge von dem Punkt zu verwenden, winkt ihn mit der Hand zurück, gebietet ihm mit einem wiederholten: »St – St – St –« Stillschweigen. »Bruder«, ruft der Amsterdamer, »Bruder, was hast du vor! – Georg ist da, dein Bruder ist da, aus Amsterdam hergereiset, um dich, den er seit dreißig Jahren nicht sah, noch wiederzusehen in diesem Leben!« – Aber unbeweglich bleibt der Alte und lispelt: »St – St – St – Tierchen stirbt!« – Nun bemerkt der Amsterdamer erst, daß der schwarze Punkt ein kleines Würmchen ist, das sich in den Konvulsionen des Todes krümmt und windet. Der Amsterdamer ehrt die Leidenschaft des Bruders, setzt sich still neben ihm hin. Als nun aber eine Stunde vergeht, während der Alte auch nicht mit einem Blick sich um den Bruder kümmert, springt dieser ungeduldig auf, verläßt mit einem derben holländischen Fluch das Zimmer, setzt sich auf zur Stelle und kehrt zurück nach Amsterdam, ohne daß der Alte von allem auch nur die mindeste Notiz nimmt! – Frage Dich selbst, Eduard, ob ich, trätest Du plötzlich hinein in meine Kajüte und fändest mich vertieft in die Betrachtung irgendeines merkwürdigen Insekts, ob ich dann das Insekt unbeweglich anschauen, oder Dir in die Arme stürzen würde?

Du magst, mein lieber Freund, denn auch daran denken, daß das Reich der Insekten gerade das wunderbarste, geheimnisvollste in der Natur ist. Hat es mein Freund Brougthon mit der Pflanzen- und mit der vollkommen ausgebildeten Tierwelt zu tun, so bin ich angesiedelt in der Heimat der seltsamen, oft unerforschlichen Wesen, die den Übergang, die Verknüpfung zwischen beiden bilden. – Doch! – ich höre auf, um Dich nicht zu ermüden und setze nur noch, um Dich, um Dein poetisches Gemüt ganz zu beschwichtigen, ganz mit mir auszusöhnen, hinzu, daß ein deutscher geistreicher Dichter die in den schönsten Farbenschmelz geputzten Insekten frei gewordene Blumen nennt. Erlabe Dich an diesem schönen Bilde! –

Und eigentlich – warum sagt ich so viel, um meine Neigung zu rechtfertigen? Geschah es nicht, um mich selbst zu überreden, daß mich bloß der allgemeine Drang des Forschens unwiderstehlich nach O-Wahu treibt, daß es nicht vielmehr eine sonderbare Ahnung irgendeines unerhörten Ereignisses ist, dem ich entgegengehe? – Ja, Eduard! eben in diesem Augenblick erfaßt mich diese Ahnung mit solcher Gewalt, daß ich nicht vermögend bin, weiterzuschreiben! – Du wirst mich für einen närrischen Träumer halten, aber es ist nicht anders, deutlich steht es in meiner Seele, daß mich in O-Wahu das größte Glück, oder unvermeidliches Verderben erwartet! –

Dein treuster etc.

4

Derselbe an denselben

Hana-ruru auf O-Wahu, den 12. Dez. 18**

Nein! – ich bin kein Träumer, aber es gibt Ahnungen – Ahnungen die nicht trügen! – Eduard! – ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne! auf den höchsten Punkt des Lebens gestellt. – Aber wie soll ich Dir denn alles erzählen, damit Du meine Wonne, mein unaussprechliches Entzücken ganz fühlst? – ich will mich fassen, ich will versuchen, ob ich imstande bin, Dir das alles, wie es sich zutrug, ruhig zu beschreiben.

Unfern Hana-ruru, König Teimotus Residenz, wo er uns freundlich aufgenommen, liegt eine anmutige Waldung. Dorthin begab ich mich gestern, als schon die Sonne zu sinken begann. Ich hatte vor, wo möglich einen sehr seltenen Schmetterling (der Name wird Dich nicht interessieren) einzufangen, der nach Sonnenuntergang seinen irren Kreisflug beginnt. Die Luft war schwül, von wollüstigem Aroma duftender Kräuter erfüllt. Als ich in den Wald trat, fühlt ich ein seltsam süßes Bangen, mich durchbebten geheimnisvolle Schauer, die sich auflösten in sehnsüchtige Seufzer. Der Nachtvogel, nach dem ich ausgegangen, erhob sich dicht vor mir, aber kraftlos hingen die Arme herab, wie starrsüchtig vermochte ich nicht von der Stelle zu gehen, nicht den Nachtvogel zu verfolgen, der sich fortschwang in den Wald. – Da wurd ich hineingezogen wie von unsichtbaren Händen in ein Gebüsch, das mich im Säuseln und Rauschen wie mit zärtlichen Liebesworten ansprach. Kaum hineingetreten, erblicke ich – O Himmel! – auf dem bunten Teppiche glänzender Taubenflügel liegt die niedlichste, schönste, lieblichste Insulanerin, die ich jemals gesehen! – Nein! – nur die äußeren Konture zeigten, daß das holde Wesen zu dem Geschlechte der hiesigen Insulanerinnen gehörte. – Farbe, Haltung, Aussehen, alles war sonst anders. – Der Atem stockte mir vor wonnevollem Schreck. – Behutsam näherte ich mich der Kleinen. – Sie schien zu schlafen – ich faßte sie, ich trug sie mit mir fort – das herrlichste Kleinod der Insel war mein! – Ich nannte sie Haimatochare, klebte ihr ganzes kleines Zimmer mit schönem Goldpapiere aus, bereitete ihr ein Lager von eben den bunten, glänzenden Taubenfedern, auf denen ich sie gefunden! – Sie scheint mich zu verstehen, zu ahnen, was sie mir ist! Verzeih mir, Eduard – ich nehme Abschied von Dir – ich muß sehen, was mein liebliches Wesen, meine Haimatochare macht – ich öffne ihr kleines Zimmer. – Sie liegt auf ihrem Lager, sie spielt mit den bunten Federchen. – O Haimatochare! – Lebe wohl, Eduard!

Dein treuster etc.

5

Brougthon an den Gouverneur von Neu-Süd-Wales

Hana-ruru, den 20. Dez. 18**

Capitain Bligh hat Ew. Exzellenz über unsere glückliche Fahrt bereits ausführlichen Bericht erstattet, und auch gewiß nicht unterlassen die freundliche Art zu rühmen, mit der unser Freund Teimotu uns aufgenommen. Teimotu ist entzückt über Ew. Exzellenz reiches Geschenk und wiederholt ein Mal über das andere, daß wir alles, was O-Wahu nur für uns Nützliches und Wertes erzeugt, als unser Eigentum betrachten sollen. Auf die Königin Kahumanu hat der goldgestickte rote Mantel, den Ew. Exzellenz mir als für sie bestimmtes Geschenk mitzugeben die Gnade hatten, einen tiefen Eindruck gemacht, so daß sie ihre vorige unbefangene Heiterkeit verloren und in allerlei fantastische Schwärmereien geraten ist. Sie geht am frühen Morgen in das tiefste, einsamste Dickicht des Waldes und übt sich, indem sie den Mantel bald auf diese, bald auf jene Art über die Schultern wirft, in mimischen Darstellungen, die sie abends dem versammelten Hofe zum besten gibt. Dabei wird sie oft von einer seltsamen Trostlosigkeit befallen, die dem guten Teimotu nicht wenigen Kummer verursacht! – Mir ist es indessen doch schon oft gelungen, die jammervolle Königin aufzuheitern durch ein Frühstück von gerösteten Fischen, die sie sehr gern ißt und dann ein tüchtiges Glas Gin oder Rum daraufsetzt, welches ihren sehnsüchtigen Schmerz merklich lindert. Sonderbar ist es, daß Kahumanu unserm Menzies nachläuft auf Steg und Weg, ihn, glaubt sie sich unbemerkt, in ihre Arme schließt und mit den süßesten Namen nennt. Ich möchte beinahe glauben, daß sie ihn heimlich liebt.

Sehr leid tut es mir übrigens, Ew. Exzellenz melden zu müssen, daß Menzies, von dem ich alles Gutes hoffte, in meinen Forschungen mich mehr hindert, als fördert. Kahumanus Liebe scheint er nicht erwidern zu wollen, dagegen ist er von einer andern törichten, ja frevelhaften Leidenschaft ergriffen, die ihn verleitet hat, mir einen sehr argen Streich zu spielen, der, kommt Menzies nicht von seinem Wahn zurück, uns auf immer entzweien kann. Ich bereue selbst, Ew. Exzellenz gebeten zu haben, ihm zu gestatten, daß er der Expedition nach O-Wahu folge. Doch wie konnte ich glauben, daß ein Mann, den ich so viele Jahre hindurch bewährt gefunden, sich plötzlich in seltsamer Verblendung auf solche Weise ändern sollte. Ich werde mir erlauben, Ew. Exzellenz von den näheren Umständen des mich tief kränkenden Vorfalls ausführlichen Bericht zu erstatten, und sollte Menzies nicht, was er tat, wieder gutmachen, Ew. Exzellenz Schutz gegen einen Mann zu erbitten, der sich erlaubt, feindselig zu handeln, da wo er mit unbefangener Freundschaft aufgenommen wurde. Mit tiefem Respekt etc.

6

Menzies an Brougthon

Nein! – nicht länger kann ich es ertragen! – Du weichst mir aus, Du wirfst mir Blicke zu, in denen ich Zorn und Verachtung lese, Du sprichst von Treulosigkeit, von Verrat, so daß ich es auf mich beziehen muß! – Und doch suche ich im ganzen Reiche der Möglichkeit vergebens eine Ursache aufzufinden, die Dein Benehmen gegen Deinen treusten Freund auf irgendeine Weise rechtfertigen könnte. Was tat ich Dir? was unternahm ich, das Dich kränkte? Gewiß ist es nur ein Mißverständnis, das Dich an meiner Liebe, an meiner Treue einen Augenblick zweifeln läßt. Ich bitte Dich, Brougthon, kläre das unglückliche Geheimnis auf, werde wieder mein, wie Du es warst.

Davis, der Dir dies Blatt überreicht, hat Befehl, Dich zu bitten, daß Du auf der Stelle antwortest. Meine Ungeduld wird mir zur qualvollsten Pein.

7

Brougthon an Menzies

Du frägst noch, wodurch Du mich beleidigt? In der Tat, diese Unbefangenheit steht dem wohl an, der gegen Freundschaft, nein, gegen die allgemeinen Rechte, wie sie in der bürgerlichen Verfassung bestehen, frevelte auf empörende Art! – Du willst mich nicht verstehen? Nun so rufe ich Dir denn, daß es die Welt höre und sich entsetze über Deine Untat – ja! so rufe ich dir denn den Namen ins Ohr, der Deinen Frevel ausspricht! – Haimatochare! – ja! Haimatochare hast Du die genannt, die Du mir geraubt, die Du verborgen hältst vor aller Welt, die mein war, ja die ich mit süßem Stolz mein nennen wollte in ewig fortdauernden Annalen! Aber nein! noch will ich nicht verzweifeln an Deiner Tugend, noch will ich glauben, daß Dein treues Herz die unglückliche Leidenschaft besiegen wird, die Dich fortriß im jähen Taumel! – Menzies! – Gib mir Haimatochare heraus, und ich drücke Dich als meinen treusten Freund, als meinen Herzensbruder an meine Brust! Vergessen ist dann aller Schmerz der Wunde, die Du mir schlugst durch Deine – unbesonnene Tat. Ja – nur unbesonnen, nicht treulos, nicht frevelhaft, will ich Haimatochares Raub nennen. – Gib mir Haimatochare heraus! –

8

Menzies an Brougthon

Freund! welch ein seltsamer Wahnsinn hat Dich ergriffen? Dir – Dir sollte ich Haimatochare geraubt haben? Haimatochare, die, so wie ihr ganzes Geschlecht, Dir auch nicht im mindesten etwas angeht – Haimatochare, die ich frei, in der freien Natur auf dem schönsten Teppiche schlafend fand, der erste, der sie betrachtete mit liebenden Augen, der erste, der ihr Namen gab und Stand! – In Wahrheit, nennst Du mich treulos, so muß ich Dich verrückt schelten, daß Du von einer schnöden Eifersucht verblendet in Anspruch nimmst, was mein eigen geworden und bleiben wird immerdar. Mein ist Haimatochare, und mein werde ich sie nennen in jenen Annalen, wo Du prahlerisch zu prunken gedenkest mit dem Eigentum des andern. Nie werd ich meine geliebte Haimatochare von mir lassen, alles, ja mein Leben, das nur durch sie sich zu gestalten vermag, geh ich freudig hin für Haimatochare! –

9

Brougthon an Menzies

Schamloser Räuber! – Haimatochare soll mir nichts angehen? In der Freiheit hast Du sie gefunden? Lügner! war der Teppich, auf dem Haimatochare schlief, nicht mein Eigentum, mußtest Du nicht daran erkennen, daß Haimatochare mir – mir allein angehörte? Gib mir Haimatochare heraus, oder kund mache ich der Welt Deinen Frevel. Nicht ich, Du – Du allein bist von der schnödesten Eifersucht verblendet, Du willst prunken mit fremdem Eigentume, aber das soll Dir nicht gelingen. Gib mir Haimatochare heraus oder ich erkläre Dich für den niedrigsten Schurken! –

10

Menzies an Brougthon

Dreifacher Schurke Du selbst! Nur mit meinem Leben lasse ich Haimatochare!

11

Brougthon an Menzies

Nur mit Deinem Leben, läßt Du Schurke Haimatochare? – Gut, so mögen denn morgen abends um sechs Uhr, auf dem öden Platze vor Hana-ruru, unfern des Vulkans, die Waffen über Haimatochares Besitz entscheiden. Ich hoffe, daß Deine Pistolen im Stande sind.

12

Menzies an Brougthon

Ich werde mich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platz einfinden. Haimatochare soll Zeugin des Kampfes sein um ihren Besitz.

13

Capitain Bligh an den Gouverneur von Neu-Süd-Wales

Hana-ruru auf O-Wahu, den 26. Dez. 18**

Ew. Exzellenz den entsetzlichen Vorfall, der uns zwei der schätzbarsten Männer geraubt hat, zu berichten, ist mir traurige Pflicht. Längst hatte ich bemerkt, daß die Herren Menzies und Brougthon, welche sonst, in innigster Freundschaft verbunden, ein Herz, eine Seele schienen, die sonst sich nicht zu trennen vermochten, miteinander entzweit waren, ohne daß ich auch nur im mindesten erraten konnte, was wohl die Ursache davon sein könne. Zuletzt vermieden sie mit Sorgfalt, sich zu nähern, und wechselten Briefe, die unser Steuermann Davis hin und her tragen mußte. Davis erzählte mir, daß beide bei dem Empfang der Briefe immer in die höchste Bewegung geraten wären, und daß vorzüglich Brougthon zuletzt ganz Feuer und Flamme gewesen. Gestern abend hatte Davis bemerkt, daß Brougthon seine Pistolen lud und hinauseilte aus Hana-ruru. Er konnte mich nicht gleich auffinden. Auf der Stelle, als er mir endlich den Verdacht mitteilte, daß Menzies mit Brougthon wohl ein Duell vorhaben könnte, begab ich mich mit dem Lieutnant Collnet und dem Schiffschirurgus Herrn Whidby hinaus nach dem öden Platz unfern des vor Hana-ruru liegenden Vulkans. Denn dort schien mir, war wirklich von einem Duell die Rede, die schicklichste Gegend dazu zu sein. Ich hatte mich nicht getäuscht. Noch ehe wir den Platz erreicht, hörten wir einen Schuß und unmittelbar darauf den zweiten. Wir beschleunigten unsere Schritte, so gut wir es vermochten, und doch kamen wir zu spät. Wir fanden Menzies und Brougthon in ihrem Blute auf der Erde liegen, dieser durch den Kopf, jener durch die Brust tödlich getroffen, beide ohne die mindeste Spur des Lebens. – Kaum zehn Schritte hatten sie auseinander gestanden, und zwischen ihnen lag der unglückliche Gegenstand, den mir Menzies‘ Papiere als die Ursache, die Brougthons Haß und Eifersucht entzündete, bezeichnen. In einer kleinen mit schönem Goldpapier ausgeklebten Schachtel fand ich unter glänzenden Federn ein sehr seltsam geformtes schön gefärbtes kleines Insekt, das der naturkundige Davis für ein Läuslein erklären wollte, welches jedoch, was vorzüglich Farbe und die ganz sonderbare Form des Hinterleibes und der Füßchen anlange, von allen bis jetzt aufgefundenen Tierchen der Art merklich abweiche. Auf dem Deckel stand der Name: Haimatochare.

Menzies hatte dieses seltsame, bis jetzt ganz unbekannte Tierchen auf dem Rücken einer schönen Taube, die Brougthon herabgeschossen, gefunden, und wollte dasselbe, als dessen erster Finder, unter dem eignen Namen: Haimatochare, in der naturkundigen Welt einführen, Brougthon behauptete dagegen, daß er der erste Finder sei, da das Insekt auf dem Körper der Taube gesessen, die er herabgeschossen, und wollte die Haimatochare sich aneignen. Darüber entstand der verhängnisvolle Streit zwischen den beiden edlen Männern, der ihnen den Tod gab.

Vorläufig bemerke ich, daß Herr Menzies das Tierchen für eine ganz neue Gattung erklärt, und es in die Mitte stellt zwischen: pediculus pubescens, thorace trapezoideo, abdomine ovali posterius emarginato ab latere undulato etc. habitans in homine, Hottentottis, Groenlandisque escam dilectam praebens und zwischen nirmus crassicornis, capite ovato oblongo, scutello thorace majore, abdomine lineari lanceolato, habitans in anate, ansere et boschade.

Aus diesen Andeutungen des Herrn Menzies werden Ew. Exzellenz schon zu ermessen geruhen, wie einzig in seiner Art das Tierchen ist, und ich darf, unerachtet ich kein eigentlicher Naturforscher bin, wohl hinzusetzen, daß das Insekt, aufmerksam durch die Lupe betrachtet, etwas ganz ungemein Anziehendes hat, das vorzüglich den blanken Augen, dem schön gefärbten Rücken und einer gewissen anmutigen, solchen Tierchen sonst gar nicht eignen Leichtigkeit der Bewegung zuzuschreiben ist,

Ich erwarte Ew. Exzellenz Befehl, ob ich das unglückselige Tierchen wohlverpackt für das Museum einsenden, oder als die Ursache des Todes zweier vortrefflichen Menschen in die Tiefe des Meeres versenken soll.

Bis zu Ew. Exzellenz hohen Entscheidung bewahrt Davis die Haimatochare in seiner baumwollnen Mütze. Ich habe ihn für ihr Leben, für ihre Gesundheit verantwortlich gemacht. Genehmigen Ew. Exzellenz die Versicherung etc.

14

Antwort des Gouverneurs

Port Jackson, den 1. Mai 18**

Mit dem tiefsten Schmerz hat mich, Capitain! Ihr Bericht von dem unglückseligen Tode unserer beiden wackern Naturforscher erfüllt. Ist es möglich, daß der Eifer für die Wissenschaft den Menschen so weit treiben kann, daß er vergißt was er der Freundschaft, ja dem Leben in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt schuldig ist? – Ich hoffe, daß die Herren Menzies und Brougthon auf die anständigste Weise begraben worden sind.

Was die Haimatochare betrifft, so haben Sie, Capitain! dieselbe den unglücklichen Naturforschern zur Ehre mit den gewöhnlichen Honneurs in die Tiefe des Meeres zu versenken. Verbleibend etc.

15

Capitain Bligh an den Gouverneur von Neu-Süd-Wales

Am Bord der Diskovery, den 5. Okt. 18**

Ew. Exzellenz Befehle in Ansehung der Haimatochare sind befolgt. In Gegenwart der festlich gekleideten Mannschaft, so wie des Königs Teimotu und der Königin Kahumanu, die mit mehreren Großen des Reichs an Bord gekommen waren, wurde gestern abend Punkt 6 Uhr von dem Lieutnant Collnet Haimatochare aus der baumwollnen Mütze des Davis genommen und in die mit Goldpapier ausgeklebte Schachtel getan, die sonst ihre Wohnung gewesen und nun ihr Sarg sein sollte, diese Schachtel aber dann an einen großen Stein befestigt, und von mir selbst unter dreimaliger Abfeuerung des Geschützes in das Meer geworfen. Hierauf stimmte die Königin Kahumanu einen Gesang an, in den sämtliche O-Wahuer einstimmten und der so abscheulich klang, als es die erhabene Würde des Augenblicks erforderte. Hierauf wurde das Geschütz noch dreimal abgefeuert, und Fleisch und Rum unter die Mannschaft verteilt. Teimotu, Kahumanu sowie die übrigen O-Wahuer wurden mit Grog und andern Erfrischungen bedient. Die gute Königin kann sich noch gar nicht zufriedengeben über den Tod ihres lieben Menzies. Sie hat sich, um das Andenken des geliebten Mannes zu ehren, einen großen Haifischzahn in den Hintern gebohrt und leidet von der Wunde noch große Schmerzen,

Noch muß ich erwähnen, daß Davis, der treue Pfleger der Haimatochare, eine sehr rührende Rede hielt, worin er, nachdem er Haimatochares Lebenslauf in der Kürze beschrieben, von der Vergänglichkeit alles Irdischen handelte. Die härtesten Matrosen konnten sich der Tränen nicht enthalten, und dadurch, daß er in abgesetzten Pausen ein zweckmäßiges Geheul ausstieß, brachte Davis es auch dahin, daß die O-Wahuer entsetzlich heulten, welches die Würde und Feierlichkeit der Handlung nicht wenig erhöhte.

Genehmigen Ew. Exzellenz etc.

gestorben 25.06.1822 – 9.märchenhafte Biografie


E. T. A. Hoffmann

gehört zu den Märchenautoren, die mir besonders am Herzen liegen. Ich mag seine Art zu erzählen, obwohl er nicht, bisher nicht, zu meinen Programmen gehört. Ich gebe zu, da auch etwas feige zu sein, denn ich vermute, sein Satzbau fordert den Interpreten  Höchstleitungen ab. Da bin ich unsicher, ob ich da meinen eigenen Ansprüchen Genüge tun würde. Aber egal, geht hier nicht um mich, geht um E.T.A. Hoffmann, der eine hochinteressante Biografie hat, so wie viele Autoren seiner Zeit.

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
* 24. Januar 1776 in Königsberg;
† 25. Juni 1822 in Berlin;

eigentlich: Ernst Theodor Wilhelm, nannte sich 1805  in Anlehnung an den von ihm bewunderten Wolfgang Amadeus Mozart um

war ein Schriftsteller der Romantik, Jurist, Komponist,Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist.

Leben

1776 bis 1791

Hoffmanns Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits waren Juristen. Sein Vater, Christoph Ludwig Hoffmann war Advokat in Königsberg in Preußen und heiratete 1767 seine Cousine Luise Albertine Doerffer. Ernst Theodor Wilhelm war das jüngste von drei Kindern. Die Eltern trennten sich 1778. Hoffmann blieb bei der Mutter, während sein älterer Bruder beim Vater blieb (der zweite Sohn war im Kindesalter verstorben). Die Mutter zog mit ihm zurück in ihr Elternhaus, wo noch ihre Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder lebten. Die Geschwister von Luise Albertine waren alle unverheiratet geblieben und sahen sich in der Pflicht, den Jungen mit zu erziehen, zumal seine Mutter, einmal zurück im Elternhaus, sich kaum selbst versorgen konnte. In dem Haus lebte eine Zeitlang auch Zacharias Werner mit seiner Mutter, sodass sich Hoffmann und Werner hier kennenlernten.

Der Freund fürs Leben

Hoffmann und Hippel als Castor e Pollux, Federzeichnung Hoffmanns 1803

Hoffmann besuchte die Burgschule in Königsberg. Ihn verband eine innige Freundschaft mit seinem Klassenkameraden Theodor Gottlieb von Hippel (1775–1843), den er 1786 kennengelernt hatte.
Von Hippel war der Freund, der Hoffmann unterstützte, ermahnte und der ihm wie ein großer Bruder war. Auch in späteren Jahren blieb diese Freundschaft durch einen regen Briefwechsel erhalten, in dem Hoffmann die Freundschaft bis ins Künstlerische hochstilisierte, obgleich er manchmal argwöhnte, Hippel habe sich von ihm distanziert.
Obwohl beide fast gleich alt waren, durchlief Hippel die Juristenausbildung rascher. Überdies kam er 1796 in den Genuss einer großen Erbschaft, die ihn zum Majoratsherrn ausgedehnter Besitzungen im westpreußischen Ort Leistenau machte. In den Jahren 1809 bis 1813 war die Verbindung zwischen beiden sogar abgebrochen. Aber immer wenn Hoffmann Hilfe brauchte, war auf den Jugendfreund Verlass: Hippel schickte Geld, wenn es benötigt wurde, und stand Hoffmann in schwierigen Situationen bei. Auch war er es, der am Ende an Hoffmanns Sterbebett saß und hierüber notierte:

„Daß ich sein Freund gewesen, fühle ich seit seinem Tode mehr denn je. Ohne oft mit ihm Briefe zu wechseln, war ich gewohnt, ihn mir nahe und unzertrennlich von mir zu denken, und von einer Zukunft zu träumen, die uns an einem gemeinschaftlichen Wohnort vereinigen sollte. Auch bei ihm war dieser Gedanke eine feste Einbildung geworden, deren Erfüllung der Tod nun hinausgeschoben hat.“

Der Ausklang des „Sturm und Drang“

Hoffmann – Selbstportrait

Der Geist der ausklingenden „Sturm und Drangzeit“ mit dem Aufkeimen einer ungezähmten Literaturbegeisterung in Deutschland wirkte auf den jungen Hoffmann. Viele Werke des 18. Jahrhunderts, darunter Goethes Die Leiden des jungen Werthers und Rousseaus Bekenntnisse wiesen den Weg: Nicht länger waren es nur Bücher mit Bildungsanspruch, die Wertschätzung verdienten. Der Unterhaltungsroman wurde gesellschaftsfähig. Das „Erleben“ durch die Literatur beflügelte die Fantasie: Zu den „Viellesern“ dieser Zeit gesellten sich die „Vielschreiber“. Wer sich zum Romancier berufen fühlte und einen Verleger fand, publizierte sein Schaffen. Schiller beklagte den Anbruch eines „tintenklecksenden Säkulums“. Goethe ließ einige Jahre später seinen „Wilhelm Meister“ räsonieren: „Wieviel Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff. Von dem, was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden.“ Friedrich Schlegels Erwartung, es gebe bald keine Leser mehr, sondern nur noch Schreiber, parodierte Jean Paul in seinem Schulmeisterlein Wutz. Und der bekennende Trivial-Autor August Lafontaine (1758–1831) witzelte, er schreibe schneller, als er lesen könne, weshalb er auch nicht alle Romane kenne, die er geschrieben habe.

Von den vielen Entwicklungen im 18. Jahrhundert ist noch eine Besonderheit zu erwähnen, die prägend für Hoffmanns literarisches Schaffen war: Mit der Gründung der Freimaurer kamen Geheimbünde wieder in Mode. Zu den bekanntesten, die sich im gleichen Jahrhundert bildeten, zählen der wieder aufgegriffene Bund der Rosenkreuzer sowie der Illuminatenorden. Daneben gab es zahlreiche kleinere Geheimbünde. Allen gemeinsam war, dass sie im Verborgenen agierten und dass in einem Bund Kenntnisse vorhanden sein sollten, die nur innerhalb der Geheimgesellschaft weitergegeben werden durften. Auch dies gab ausreichend Stoff für eine literarische Verarbeitung. Die Existenz von Geheimgesellschaften wurde in „Geheimbundromanen“ aufgegriffen, und ihr „heimliches unheimliches“ Treiben wurde fantasievoll ausgeschmückt. Das literarische „Strickmuster“ war oft gleichförmig: Ein junger Held gerät unversehens in die Hände einer geheimen Macht, die Einfluss auf sein weiteres Werden oder Verderben nimmt. Ein Werk, das sowohl Hoffmann wie auch seinen Zeitgenossen Ludwig Tieck aufgewühlt hat, trug den Titel Der Genius und stammte von Carl Friedrich August Grosse. Hoffmann selbst soll als Zwanzigjähriger zwei Geheimbundromane verfasst haben; da sich aber kein Verleger fand, blieben sie in der Schublade und gingen später verloren. Seine Serapionsbrüder greifen dieses Genre wieder auf. Das Motiv, ohne eigene Steuerungsmöglichkeit einer fremden und zumeist bösen Kraft ausgeliefert zu sein, hat Hoffmann in vielen seiner Texte immer wieder zum Hauptthema gemacht.

Studium und erste Liebe

Aus familiärer Tradition begann Hoffmann 1792 das Studium der Rechte in Königsberg. Nebenbei widmete er sich dem Schreiben, dem Musizieren und dem Zeichnen und gab Musikunterricht, unter anderem einer Schülerin namens Dora Hatt. Sie war neun Jahre älter als er, verheiratet, hatte bereits fünf Kinder – und sie war in ihrer Ehe unglücklich. Hoffmann verliebte sich unsterblich, wagte es aber erst 1794, sich seinem Freund Hippel anzuvertrauen. Dieser riet von einer Beziehung ab. 1796 – Dora hatte mittlerweile ihr sechstes Kind geboren – geriet die Situation fast außer Kontrolle, denn es existierte ein Nebenbuhler, mit dem Hoffmann öffentlich in Streit geriet, was der Königsberger Gesellschaft nicht verborgen blieb. Auf Zureden Hippels beschloss Hoffmann, der sein erstes Staatsexamen 1795 erfolgreich beendet hatte, Königsberg zu verlassen und seine Vorbereitung für das zweite Staatsexamen in Glogau anzugehen. Auch dort stand er unter der Obhut eines Onkels, mit dessen Tochter Minna, seiner Cousine, er sich später verlobte.

Am 20. Juni 1798 bestand Hoffmann sein zweites Staatsexamen mit der Note „vorzüglich“. Diese hervorragende Leistung öffnete ihm den Zugang zu einem Referendariat am Ort seiner Wahl. So ging er nach Berlin, zumal sein Onkel und auch Minna von Berufs wegen dort hin zogen und ihn mitnahmen. Theaterbesuche sowie Versuche an der Komposition von Singspielen nahmen Hoffmann gefangen, so dass er seine dritte Staatsprüfung, das Assessorexamen, erst am 27. März 1800 ablegte, auch dieses Mal mit der Note „vorzüglich“. Bei seinem ersten Berliner Aufenthalt lernte er auch Jean Paul kennen.

1800 bis 1806

Ein Karnevalsscherz mit Folgen

Schon im Mai 1800 wurde Hoffmann Gerichtsassessor in Posen. Posen, das nach der zweiten polnischen Teilung zu Preußen gehörte, wurde von preußischen Staatsdienern und Angehörigen des preußischen Militärs verwaltet. Die Deutschen kannten sich untereinander, was nicht hieß, dass sie befreundet waren. Hier lernte Hoffmann die Polin Maria Thekla Michalina Rorer-Trzynska kennen, die er 1802 heiratete (nachdem er die Verlobung mit seiner Cousine Minna gelöst hatte).

An Karneval des Jahres 1802 tauchten bei der großen Fastnachtsredoute der preußischen Kolonie plötzlich maskierte Personen auf, die Karikaturen auf hochrangige Vertreter der Stadt an die Gäste verteilten. Die bekannten Gesichter von Generalmajoren, Offizieren und Angehörigen des Adelsstands waren eindeutig identifizierbar und diese Personen auf den Bildern in lächerliche Posen gesetzt. Der Spaß währte solange, bis die Verhöhnten sich selbst als Karikatur in der Hand hielten.

Selbstkarikatur von E. T. A. Hoffmann

Die „Übeltäter“ wurden zwar nie gefasst, aber die Obrigkeit war sich schnell einig, dass dahinter eine Gruppe von jungen Regierungsbeamten stecke, zu denen Hoffmann gehörte, der sein zeichnerisches Talent für diese unerhörte Aktion zur Verfügung gestellt hatte. Hoffmann, der in diesem Jahr zum Regierungsrat befördert werden sollte (und sich erhoffte, vielleicht nach Berlin oder zumindest in eine weiter westlich gelegene Stadt geholt zu werden), erhielt zwar die Beförderung, zugleich aber auch einen als Sanktion gedachten Versetzungsbefehl in das noch kleinere, noch östlicher gelegene Städtchen Plotzk.

Im Bann der Musik

Die Jahre in Plotzk sowie die in Warschau, wohin er sich im März 1804 versetzen ließ, standen ganz im Zeichen der Kompositionsversuche. Interessanterweise litt Hoffmanns juristische Arbeit nie unter seinen Nebenbeschäftigungen, er hatte immer lobende Dienstzeugnisse.

Insbesondere in Warschau, das nach der dritten polnischen Teilung 1795 Preußen zugehörte, erlangte Hoffmann den Ruf eines kunstfertigen Musikers, wenngleich nur auf lokaler Ebene. Eines seiner Singspiele und seine Sinfonie in Es-Dur wurden öffentlich aufgeführt. Als Organisator des Musiklebens war Hoffmann Mitbegründer der „Musikalischen Gesellschaft“, die sich Veranstaltungen von Liebhaberkonzerten und die Ausbildung von Laienmusikern zur Aufgabe machte. In Warschau lernte er den Juristen Eduard Hitzig kennen, der fortan zu seinem engsten Freundeskreis zählen und einer seiner wichtigsten Berater werden sollte.

Preußens politischer Schulterschluss mit Russland hinter dem Rücken Napoleons führte in einen Krieg mit Frankreich. Preußen wurde von der französischen Armee regelrecht überrollt. Am 28. November 1806 marschierten die Franzosen in Warschau ein. Die preußischen Regierungsbeamten waren mit einem Schlag stellungslos. Als die französischen Behörden alle in Warschau verbliebenen Beamten vor die Alternative stellten, entweder auf Napoleon den Huldigungseid abzulegen oder aber binnen einer Woche die Stadt zu verlassen, entschied Hoffmann sich für die Abreise.

1807 bis 1818

Neue Wege

Hoffmann hatte sich entschieden, die Amtsstube hinter sich zu lassen und Künstler zu werden. Während seine Frau und seine zweijährige Tochter Cäcilia 1807 nach Posen zogen, versuchte Hoffmann, in Berlin Fuß zu fassen. Doch nichts wollte gelingen. Von seinen Kompositionen wollte keiner Notiz nehmen. Zwar hatte er nach zahlreichen Bewerbungen endlich die Zusage, ab Herbst 1808 in Bamberg Theaterdirektor zu werden, doch war Hoffmann im Frühjahr des Jahres finanziell am Ende. Er schrieb voller Verzweiflung an Hippel:

„Ich arbeite mich müde und matt, setze der Gesundheit zu und erwerbe nichts! Ich mag dir meine Not nicht schildern. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen als Brot, so war es noch nie. Ist es dir möglich, mir zu helfen, so schicke mir etwa 20 Friedrichsdor, sonst weiß ich bei Gott nicht, was aus mir werden soll!“

Hippel schickte Geld, zur gleichen Zeit wurde auf Initiative des Freiherr vom Stein allen durch den Krieg mit Frankreich notleidend gewordenen Beamten eine einmalige Geldzahlung gewährt. In Berlin infizierte er sich im Jahr 1807 bei einer namentlich nicht bekannten Geliebten mit Syphilis.

Der Kapellmeister

Hoffmann zog im September 1808 gemeinsam mit seiner Frau nach Bamberg, das Töchterchen Cäcilia war zu der Zeit schon tot. Schon mit seinem Debüt als Musikdirektor im Oktober scheiterte er, bei der von ihm dirigierten Oper glänzte das Orchester mit verpassten Einsätzen und die Sänger mit falschen Tönen. Intrigen gegen ihn bewirkten, dass Hoffmann die Stelle schon nach zwei Monaten wieder verlor. Seine Theaterkompositionen waren nicht einträglich genug, aber dafür erhielt Hoffmann das Angebot des Verlegers der Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung, Musikkritiken für das Blatt zu schreiben, nachdem er dort 1809 seine Erzählung Ritter Gluck veröffentlichen konnte.

In dieser Zeit entwickelte er auch die fiktive Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler, sein literarisches Alter Ego, der in der Zeitschrift seine Sicht der zu besprechenden musikalischen Werke darstellte. Sie fand später in Robert Schumanns Klavierwerk Kreisleriana bedeutenden musikalischen Niederschlag. Der Kapellmeister Kreisler ist es auch, der dem Leser in den Erzählungen Kreisleriana und im Roman Lebensansichten des Katers Murr und Der goldne Topf wiederbegegnet.

Von 1810 an war Hoffmann beim Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler beschäftigt. Nebenbei gab er privat Musikunterricht. In die junge Gesangsschülerin Julia Marc verliebte Hoffmann sich so heftig, dass es in seiner Umgebung auf das Peinlichste auffiel und Julias Mutter eilends zusah, das Mädchen anderweitig zu verheiraten. Hoffmann hielt nichts mehr in Bamberg. Als er die Stelle des Musikdirektors bei Joseph Secondas in Dresden und Leipzig auftretender Operngesellschaft angeboten bekam, sagte er zu.

Rückkehr in den Staatsdienst

Der Bruch mit Joseph Seconda erfolgte schon 1814, aber nach dem Sieg Preußens über Napoleon bestand für Hoffmann die Möglichkeit, in den preußischen Staatsdienst in Berlin zurückzukehren. Allerdings wurde er für seine Tätigkeit am Kammergericht noch nicht fest besoldet und bekam nur ein einmaliges Honorar, mit dem es sich mehr schlecht als recht lebte.

Deshalb freute es ihn umso mehr, dass er sich mittlerweile einen ansehnlichen Ruf als Schriftsteller erworben hatte. Die Veröffentlichung der Fantasiestücke sowie vor allem des in dieser Sammlung enthaltenen Märchens Der goldne Topf waren ein Erfolg, an den Hoffmann mit der Arbeit an dem Roman Die Elixiere des Teufels und den Nachtstücken anknüpfen wollte, was ihm aber nicht gelang. Hoffmann wurde aber ein gefragter Autor für Taschenbuch- und Almanach-Nacherzählungen, ein Nebenerwerb, der ihn finanziell über Wasser hielt. Mit besonderem Stolz erfüllte ihn, dass seine Oper Undine 1816 im Nationaltheater in Berlin uraufgeführt wurde. In diesen Jahren unterhielt Hoffmann freundschaftliche Beziehungen zu den Schriftstellern Karl Wilhelm Contessa, Friedrich de la Motte Fouqué, Clemens Brentano, Adelbert von Chamisso und zum Schauspieler Ludwig Devrient.

1816 wurde Hoffmann zum Kammergerichtsrat ernannt, womit ein festes Gehalt verbunden war. Gleichwohl zog es ihn immer wieder zur Kunst, insbesondere zur Musik. Seine Bewerbungen um verschiedene Kapellmeisterstellen wurden jedoch alle zurückgewiesen.

1819 bis 1822

Mit Die Serapionsbrüder, Lebensansichten des Katers Murr und Klein Zaches, genannt Zinnober hielten Hoffmanns literarische Erfolge in den nächsten Jahren an. Inzwischen war nach der Niederlage Napoleons auch in Deutschland die politisches Restauration voll im Gange. Burschenschafter und Anhänger des Turnvaters Jahn lehnten sich gegen das Metternich’sche System auf, es kam zu Verschwörungen und Attentaten. Die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Studenten Karl Ludwig Sand beantworteten die Staaten des Deutschen Bundes mit den Karlsbader Beschlüssen, die jede Äußerung nationaler und liberaler Gesinnung zum Verbrechen stempelten. Preußen tat sich in der sogenannten „Demagogenverfolgung“ besonders hervor. In Berlin wurde die „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ eingerichtet, deren Aufgabe die „Ausermittlung von Gefahren, die Preußen und Deutschland bedrohen“ war.

Die Immediatkommission

Hoffmann, mittlerweile Kammergerichtsrat und überdies durch seine literarischen Erfolge von einiger Berühmtheit, wurde als Mitglied in die Immediatkommission berufen. Zwar konnte er sich mit den Ansichten und Aktivitäten der Burschenschafter und Turnerbünde nicht anfreunden, aber er kam – wie die anderen Richter der Kommission auch – seiner Aufgabe, die Sachverhalte gerecht und rechtsförmig auszuermitteln, pflichtbewusst nach. Daneben hatte die Kommission eine weitere Funktion: Sie musste prüfen, ob die Haftgründe, die für die Festnahme von Personen vorgebracht wurden, für die weitere Haftunterbringung ausreichten. In der Folgezeit wurden zahlreiche Gutachten von der Kommission zu einzelnen „Tätern“ entworfen, u. a. war Hoffmann auch für den Fall des Turnvaters Jahn zuständig. Und in vielen Fällen urteilte die Kommission, dass die Gründe weder für eine Haft noch für eine Anklage ausreichten, weil keine rechtswidrige Tat festzustellen war. Zahlreiche Personen waren allein deswegen festgenommen worden, weil sie sich mit den Ideen der Burschenschaften und Turnerbünde identifizierten. Aber die Kommission stellte in ihren Gutachten immer wieder klar, dass eine Gesinnung allein keine strafbare Handlung ist.

Der Ministerialdirektor im Polizeiministerium, Carl Albert von Kamptz, war mit den Entscheidungen der Immediatkommission höchst unzufrieden, da er eine härtere Gangart gegen die Protestler befürwortete. So sah es Kamptz im Fall des Studenten Gustav Asverus als äußerst belastend an, dass der junge Mann in seinem Tagebuch einmal das Wort „mordfaul“ notiert hatte. Für Kamptz war das ein eindeutiges Indiz dafür, dass Asverus Böses im Schilde führte, möglicherweise sogar schon derartige Taten begangen habe – denn wenn man sich an einem Tag als „mordfaul“ bezeichnet, dann ist man das an anderen Tagen vielleicht nicht. Diese Geschichte um Gustav Asverus war in der Immediatkommission bekannt und hatte wahrscheinlich zu großem Amüsement geführt, denn Hoffmann fühlte sich inspiriert, den Vorfall in seinem Meister Floh nebenher zu parodieren. Dass ihm das zum Verhängnis werden würde, ahnte er nicht.

Meister Floh

Die Geschichte, mit der Hoffmann Kamptz parodierte, ist schnell erzählt: Im vierten und fünften Abenteuer des Meister Floh gerät der Protagonist Peregrinus Tyß, ein frauenscheuer Träumer, in den Verdacht, eine Frau entführt zu haben. Weil aber völlig ungewiss ist, ob eine Frau überhaupt verschwunden ist, hält der Rat der Stadt Peregrinus Tyß für unschuldig. Da taucht eine Gestalt auf, die sich mit „Geheimer Rat Knarrpanti“ vorstellt. Er ist Experte in Sachen „entführerischer Umtriebe“ und bereit, den Entführungsfall aufzuklären. Auf den Vorhalt, dass eine Tat doch erst begangen sein müsse, bevor man den Täter ermitteln könne, erwidert er selbstgewiss, „dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde“. Man müsse nur in Erfahrung bringen, was im Kopf des Täters vorginge. Denn „das Denken sei an und vor sich selbst schon eine gefährliche Operation und würde bei gefährlichen Menschen eben desto gefährlicher“. Knarrpanti nimmt die Ermittlungen in die Hand und legt bald sehr belastendes Beweismaterial vor: Das Tagebuch des Peregrinus Tyß, in welchem dieser nach einem Besuch der Mozartschen Oper Die Entführung aus dem Serail seine enthusiasmierten Eindrücke hierüber notiert hat. Knarrpanti hat die inkriminierenden Aussagen über die „herrliche Entführung“ säuberlich zusammengefasst und sieht Tyß hierdurch überführt. Doch darf diese berühmt gewordene Partie der Erzählung nicht als deren zentrales Anliegen betrachtet werden. Ihr ästhetisches Hauptthema sind die Metamorphosen der handelnden Personen.

Sinkender Stern

In seiner Stammkneipe „Lutter & Wegner“ hatte Hoffmann seinen Freunden vom vierten und fünften Kapitel des Meister Floh erzählt. Es sprach sich herum und wurde schließlich an Kamptz weitergetragen. Hoffmann wurde zwar noch gewarnt, aber sein Versuch, die zwei Kapitel aus dem längst beim Verleger in Frankfurt am Main weilenden Manuskript herausnehmen zu lassen, schlug fehl. Das Manuskript war bereits beschlagnahmt.

Es ist nicht auszuschließen, dass das preußische Polizeiministerium Hoffmann gar nicht hätte nachweisen können, dass er in der Figur des Knarrpanti den Ministerialdirektor Kamptz veralbert und lächerlich gemacht hatte, bzw. dass es Schwierigkeiten gehabt hätte, ihm aus dieser künstlerischen Verarbeitung „einen Strick zu drehen“. Aber Hoffmann hatte es nicht lassen können und seinem Peregrinus Tyß an anderer Stelle ein „mordfaul“ ins Tagebuch geschrieben. Dessen nicht genug, ließ er Knarrpanti dieses ungewöhnliche Wort mehrfach dick mit Rotstift unterstreichen – wie in der Originalprozessakte durch Kamptz geschehen. Somit hatte Hoffmann einen Verstoß begangen, der keinem Richter gestattet ist: Er hatte die nicht öffentlichen Inhalte einer Prozessakte durch seine Erzählung öffentlich gemacht. An diese Pflichtverletzung knüpften seine Häscher problemlos an.

Am 4. Februar 1822 schrieb der königlich preußische Staatsminister (Innenminister) Friedrich von Schuckmann an den preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg einen Brief, in welchem er Hoffmann als „pflichtvergessenen, höchst unzuverlässigen und selbst gefährlichen Staatsbeamten“ bezeichnete und die Verhängung disziplinarischer Maßnahmen gegen ihn vorschlug. Bei der Gelegenheit wärmte Schuckmann den Vorfall mit den Karikaturen in Posen gleich wieder auf. Die Vernehmung Hoffmanns über sein Dienstvergehen verzögerte sich allerdings immer wieder, da Hippel für seinen Freund einen Aufschub erwirkte. Bei Hoffmann trat zu dieser Zeit aufgrund seiner Lueserkrankung eine progressive Paralyse (Neurolues) auf. Durch die damit einhergehende fortschreitende Lähmung war er ans Zimmer und an den Lehnstuhl gefesselt. Seine Verteidigungsschriften konnte er nur noch diktieren, da seine Hände bereits den Dienst versagten.

In der Folgezeit diktierte Hoffmann noch einige Erzählungen, darunter Des Vetters Eckfenster. Am Vormittag des 25. Juni 1822 trat aufgrund einer Atemlähmung der Tod ein.

Grab E. T. A. Hoffmanns

E. T. A. Hoffmanns Grab befindet sich auf dem Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor in Berlin. Der Grabstein wurde von seinen Freunden gestiftet. Er trägt neben dem Geburts- und Sterbedatum und der Vornamensabkürzung E. T. W. (amtlich war ein E. T. A. nicht zulässig) die Inschrift:

Kammer Gerichts-Rath
Ausgezeichnet
Im Amte
Als Dichter
Als Tonkünstler
Als Maler
Gewidmet von seinen Freunden

Sein Nachlass liegt bei der Staatsbibliothek zu Berlin und beim Märkischen Museum. Hoffmann-Sammlungen gibt es bei der Staatsbibliothek Bamberg und bei der Universitätsbibliothek München (Bibliothek Carl Georg von Maassen).

Rezeption

Hoffmanns heute bekanntes Werk ist in einer Zeitspanne von dreizehn Jahren entstanden. Dass er erst so spät das Bekenntnis zur Schriftstellerei wagte, ist seiner ursprünglichen Präferenz für die Musik zuzuschreiben, Hoffmann fühlte sich eher zum Komponisten berufen. Was vor 1809 an Novellen von ihm verfasst wurde, hatte er entweder nicht freigegeben oder sie sind verloren gegangen. In vielen seiner Werke blieb er dem Geschmack seiner lesenden Zeitgenossen treu: Erzählungen über unheimliche Begebenheiten, Begegnungen mit dem Teufel, schicksalhafte Wendungen im Leben eines Protagonisten, denen dieser sich nicht entgegenstemmen kann. Allerdings – und das unterscheidet Hoffmann von den unbekannt gebliebenen Autoren der ausklingenden „Sturm- und Drang“-Zeit – verdichtete er seine Erzählungen virtuos zur unbeantwortet gebliebenen Frage, ob der geschilderte Spuk real stattgefunden oder sich vielleicht nur im Kopf der betroffenen Figur abgespielt hat. Viel Zeitnahes hat Hoffmann in seine Werke integriert, so z.B. auch Ängste seiner Zeitgenossen vor der Technik. Fasziniert waren sie und misstrauisch zugleich angesichts der Entwicklung von Automaten (die damals nicht mit dem maskulinen Artikel belegt worden waren, sondern entweder „die Automate“ oder „das Automat“ hießen). Folgerichtig ist das Schicksal einiger seiner Figuren in widriger Weise mit dieser neuen Errungenschaft verbunden (Der Sandmann, Die Automate).

Hoffmanns Vielseitigkeit, sein zeichnerisches Talent und auch seine Berufsausübung als Jurist haben ihn zu einem scharfen Beobachter werden lassen. Philistertum und Borniertheit karikierte er zeichnerisch und schließlich auch in Form der Gesellschaftssatire (z. B. Klein Zaches, genannt Zinnober) – und wie recht er mit seiner Einschätzung einiger Zeitgenossen behalten sollte, zeigen die hektischen Überreaktionen des Preußischen Polizeiministerium im Anschluss an die Beschlagnahmung des Manuskripts vom Meister Floh.

Hoffmanns Talente sind in ihren vielfältigen Ausdrücken nie scharf voneinander zu trennen gewesen, Musik und Schriftstellerei, beide oft verbunden mit Zeichnungen von Hoffmann, aber auch die Juristerei und das Schreiben bzw. das Zeichnen gingen häufig ineinander über. Zahlreiche seiner Erzählungen hat Hoffmann selbst illustriert. Und sogar auf dem Aktendeckel einer von Hoffmann bearbeiteten Justizakte befindet sich eine Karikatur, die zwei Amtsträger, auf Katze bzw. Hund reitend, aufeinander losgehen lässt.

Wirkung

Im Urteil der Zeitgenossen wurde Hoffmanns Werk zwiespältig aufgenommen. Johann Wolfgang Goethe fand keinen Zugang hierzu, auch Joseph von Eichendorff verhielt sich ablehnend. Jean Paul schätzte ihn auch nur gering, nahm aber die Widmung der Phantasiestücke in Callots Manier an. Wilhelm Grimm fand an der Erzählung Nußknacker und Mausekönig zwar noch Gefallen, urteilte aber über dessen Gesamtwerk:

„Dieser Hoffmann ist mir widerwärtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende“.

Hingegen verehrten Heinrich Heine und Adelbert von Chamisso ihn ebenso wie Honoré de Balzac, George Sand und Théophile Gautier. Einflüsse seiner Dichtkunst werden bei Victor Hugo, Charles Baudelaire, Guy de Maupassant, Alexander Puschkin und Fjodor Dostojewski, aber auch bei Edgar Allan Poe gesehen. Hoffmanns Erfolg im nichtdeutschsprachigen Raum war größer als in seiner Heimat.

Richard Wagner empfing lebhafte Anregung für eigene Werke durch Texte Hoffmanns. So beeinflussten v. a. Episoden aus den Serapionsbrüdern u. a. seine Pariser Novellen, die Meistersinger und Tannhäuser. Auch Der fliegende Holländer Wagners verdankt Hoffmann seinen mystisch nachtschwarzen Charakter.

Von den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart haben sich insbesondere Ingo Schulze und Uwe Tellkamp dazu bekannt, dass E. T. A. Hoffmann ihr Vorbild sei. In dem 2008 veröffentlichten Roman Der Turm beschreibt Tellkamp die Aufführung einer dramatisierten Fassung von Hoffmanns Der goldne Topf im Dresden der 1980er Jahre.

Seine Novellentheorie ist im Gegensatz zu der Goethes und Heyses bis heute selbst in der Fachwelt nur gering bekannt.

Der nach ihm benannte Literaturpreis der Stadt Bamberg, der E.T.A. Hoffmann-Preis, wird seit 1989 alle zwei Jahre vergeben.

E.T.A. Hoffmann wurde ca. 30 Jahre nach seinem Tod und dem Erfolg seiner Werke in Frankreich von den französischen Autoren Michel Carré und Jules Paul Barbier zum Protagonisten des Schauspiels Les Contes d´Hoffmann gemacht. Sie wandelten drei seiner Geschichten so ab, dass er in jeder zur Hauptperson wurde und fügten einige Details aus seiner Biographie und anderen Erzählungen hinzu. Dieses Schauspiel sah der deutsch-französische Komponist Jacques Offenbach und schlug vor, daraus ein Libretto für eine Oper zu gestalten. Das tat Jules Barbier nach dem Tod von Michel Carré. Jacques Offenbach konnte den größten Teil seiner kompositorischen Arbeit vor seinem Tod im Oktober 1880 noch erledigen, hinterließ aber die Oper unvollendet. Die Contes d´Hoffmann gehören heute zum Standardrepertoire der Opernhäuser.

ausgeguckt: Alice Paul – der Weg ins Licht


Gerade lief auf Tele5 der Film: Alice Paul – Der Weg ins Licht
Das ist, entgegen eventuellen Vermutungen durch den Titel  kein esoterischer Film, sondern ein hochpolitischer.
Es ist ein dokumentarischer Spielfilm der deutschen Regisseurin Katja von Garnier aus dem Jahr 2004, der die Geschichte der US-amerikanischen Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht und zwei ihrer Aktivistinnen, Alice Paul und Lucy Burns, in den Jahren 1912 bis 1920 zum Thema hat.

Mahnwache der Suffragetten vor dem Weißen Haus

Auf wikipedia steht dazu:

Der Film basiert allerdings nicht unmittelbar auf dem Buch Iron Jawed Angels von Linda Ford aus dem Jahr 1991, in dem eine ähnliche Geschichte erzählt wird. Der Titel des Buches und der Originaltitel des Filmes beziehen sich auf den Namen, den die US-Presse den Suffragetten verlieh, als bekannt wurde, welche Tapferkeit sie während ihrer Inhaftierung gezeigt hatten.

Alice Paul – Der Weg ins Licht war eine Fernsehproduktion des Kabelsenders HBO im Widecreen-Format und wurde auf verschiedenen Veranstaltungen auch in amerikanischen Kinos gezeigt. In Deutschland wurde Iron Jawed Angels (Originaltitel) u.a. auf der Berlinale 2005 als Original mit Untertiteln vorgeführt. Im März 2006 wurde er auf Premiere in deutscher Synchronisation unter dem Titel „Alice Paul – Der Weg ins Licht“ ausgestrahlt.

Handlung

Alice Paul und Lucy Burns sind gerade in die USA zurückgekehrt. Sie hatten einige Zeit in England verbracht, wo sie den Kampf der englischen Suffragetten unterstützt haben. Nun engagieren sie sich der National American Woman Suffrage Association (NAWSA) (dt.: Nationale amerikanische Frauenwahlrechts-Vereinigung). Sie bemerken jedoch schnell, dass ihre Ideen den etablierten Aktivististinnen dort, allen voran Carrie Chapman Catt, zu radikal sind. So verlassen sie die NAWSA und gründen die National Woman’s Party (NWP) (dt.: Nationale Frauenpartei), die sich wesentlich radikaler für den Kampf um Frauenrechte einsetzt.

Mit der Zeit wachsen die Spannungen zwischen der NWP und der NAWSA, da deren Vorsitzende das Vorgehen der NWP wie direkter Protest gegen Präsident Woodrow Wilson und Mahnwachen vor dem Weißen Haus scharf kritisieren. Auch das Verhältnis zwischen der US-Regierung und der NWP verschärft sich dramatisch, als viele der Frauenrechtlerinnen wegen ihrer Aktivitäten unter fadenscheinigem Vorwand verhaftet, verurteilt und unter extremen Bedingungen inhaftiert werden.

Alice Paul und einige andere Frauen treten im Gefängnis in einen Hungerstreik, auf den die Gefängnisleitung mit brutaler Zwangsernährung der Frauen reagiert. Es gelingt den Frauen jedoch, mit Hilfe des Senators Thomas Leighton, der mit der ebenfalls inhaftierten Emily Leighton verheiratet ist und anfänglich ein scharfer Gegner der Suffragetten war, einen Kassiber aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Durch diesen wird die Presse auf die extremen Haftbedingungen der Frauen aufmerksam und berichtet kritisch. Selbst die bisher zurückhaltende NAWSA mit Carrie Chapman Catt an der Spitze stellt sich nun offen gegen Wilson und seine Politik.

Unter dem politischen Druck gibt Wilson nach, der US-Kongress beschließt den 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der den Frauen das Wahlrecht garantiert. Der Präsident begründet das in seiner öffentlichen Ansprache mit der gesellschaftlichen Leistung, die die amerikanischen Frauen im Großen Krieg für den Staat gezeigt hätten.

Die inhaftierten Frauenrechtlerinnen werden freigelassen, die Urteile gegen sie werden später vom Obersten Gerichtshof für verfassungswidrig erklärt.

Kritiken

Alice Paul – Der Weg ins Licht wurde in der amerikanischen Presse fast durchweg positiv bis begeistert aufgenommen. Insbesondere die spannungsvoll aufgebaute Handlung und die moderne Schnitttechnik, die teilweise den Eindruck eines Videoclips vermittelt, kam bei den Kritikern gut an. Der Film spricht nach einhelliger Meinung insbesondere auch junge Leute an, die an einem rein dokumentarischen Film wenig Gefallen finden würden.

Fototour in Berlin (1)


Ich hatte gestern meine neue Kamera, eine digitale Spiegelreflexkamera Sony Alpha 200, am Reichstagsufer ausprobiert und bin sehr zufrieden. Sie ist leicht, schnell und macht scharfe Aufnahmen, was in der komprimierten Darstellung gar nicht so rüber kommt und  erst beim Klick aufs Bild hier wirklich zu erkennen ist. Bildqualität wurde Standard gewählt und sicherheitshalber hatte ich den Verwackelungsschutz aktiviert.

Reichstaggebäude Spreeseite

Spreebogen mit Reichstag und Parlamentsgebäude

Blick aufs Kanzleramt

Blick zum Hauptbahnhof vom Reichstag aus

Haupteingang Reichstag

Blick zum Fernsehturm vom Reichstag

in Spreeeiche umbenannte Sumpfeichen im Regierungsviertel