Erzählung der Woche 26/2009


Aussichten

Sylvia Thomas

Wider besseren Wissens zieht es mich zurück. Zurück zu einem Haus, das es nicht mehr gibt. Übrig geblieben sind ein großer Haufen Bauschuttrecycling, ein Haufen alter Balken, Türen und Fenster.

Mein Kurt riet mir es zu lassen. Dorthin zurück zu kehren führe zu nichts. Nun stehe ich hier und erkenne, dass auch ein Weg der ins Nichts führt, eine Spur bittersüßer Wehmut in meinem Herzen hinterlassen kann.

Erst jetzt, da ich vor diesen Überresten stehe, erkenne ich, dass ich dieses Haus geliebt habe, dass es ein Teil von mir war.

Ich zwänge mich durch den Bauzaun, der die Menschen vor dem Rest, der von dem Haus übrig blieb, schützen soll. Magisch zieht mich der penibel getrennte Stapel Fenster an, der abseits liegt. Ich knie mich vor ihm hin, wie vor ein Grab. Meine Finger berühren die morschen Fensterflügel. Abblätternde Farbe bohrt sich in meine Fingerkuppen.

Mit Verwunderung erkenne ich eine kleine Gravur, unsichtbar für Anderer Augen. K + K – Kurt und Kriemhild.

Meine Gedanken wandern zurück, in längst vergangene Zeiten.

Als kleines Kind betrat ich an der Hand meiner Mutter die neue Wohnung mit großem, staunendem Blick. Mutter erklärte, dass es unser altes Haus nach dem Krieg nicht mehr gab. Wir hatten nur ein Zimmer zur Verfügung. Drei komplette Familien waren in einer großen Wohnung untergebracht. Enge beherrschte die Zeit, aber auch Glück. Meine Freunde wohnten in der gleichen Wohnung. Das war praktisch. Wir Kinder wuchsen die ersten Jahre wie Geschwister auf.

In diesem einen kleinen Zimmer, das sich unsere ganze Familie, wir waren vier Personen, teilte, existierte genau dieses Fenster. Ich sehe mich noch als Kind am Fenster sitzen, durch die blank geputzten Scheiben sehen, die an diesem einen Tag wunderschöne Eisblumen verzierten. Immer wieder hielt ich meine kleinen Finger an die kleinen Wunderwerke, die unter meiner Körperwärme zu einem Nichts schmolzen und kleine Löcher in der Blumenwiese am Fenster hinterließen. Noch einmal halte ich meinen Finger an das noch intakte Glas. Heute hinterlasse ich nur noch einen schmutzigen Fingerabdruck.

An jedem heiligen Abend lief ich erwartungsvoll von der Kirche nach hause. Vor meinem geistigen Auge schaue ich noch einmal in das Fenster, sehe den hell erleuchteten Weihnachtsbaum. Viele Geschenke gab es zu jener Zeit nicht. Ein paar selbst gestrickte Wollsocken, einen Schal, ein paar Filzschuhe – und das Gefühl, reich beschenkt worden zu sein.

Später zogen meine Freunde mit ihren Familien aus. Ich war sehr traurig, aber meine Eltern

schien es zu freuen. Endlich Platz! Allerdings schlief ich noch immer im Schlafzimmer meiner Eltern, da die große Wohnung zu drei kleinen umfunktioniert wurde. Wir waren stolze Besitzer einer Zwei-Raum-Wohnung!

Auch später, als ich meinen Kurt kennen und lieben lernte, änderte sich an unserer Situation nichts. Wohnraum war knapp. Auch als frisch verheiratetes Paar lebten und liebten wir im Schlafzimmer meiner Eltern. Es kommt mir wie gestern vor, dass wir beide aufmerksam lauschten, um endlich die gleichmäßigen Atemzüge meiner Eltern zu vernehmen. Nachdem sie eingeschlafen waren, begannen wir unser Liebesspiel, vorsichtig und leise, um ja niemanden zu wecken. Ich bete heute noch, dass sie tatsächlich immer geschlafen haben.

Ein paar Monate später zogen meine Eltern aus, und wir hatten eine ganze Wohnung für uns. Das Paradies auf Erden! An den Wochenenden schliefen wir bis zum Nachmittag. Noch heute fühle ich die wärmenden Strahlen der Sonne auf meiner nackten Haut, die durch das Fenster auf unser Bett fielen. Ich sehe noch immer den Schatten des Fensterkreuzes auf unseren jungen, verschlungenen Körpern. Ich schmecke noch immer das Salz auf Kurts Haut, spüre noch immer seinen Herzschlag neben den meinem.

Und das war auch der Zeitpunkt für das K + K im Fensterkreuz, geschnitzt von dem liebevollsten Mann als Zeichen ewiger Verbundenheit.

Das Fenster wurde von uns gehegt und gepflegt, wie unsere junge Liebe. Fensterkitt war immer zur Stelle, wenn erste Hilfe notwendig war. Beinahe zärtlich streichelte mein Kurt das Fenster mit dem Pinsel, wenn es alle zwei oder drei Jahre einen neuen Anstrich brauchte.

Unser ganzes Leben spielte sich in dieser Wohnung ab. Ich bekam zwei Kinder, für die wir als Kinderzimmer die Mansarde ausbauten. Not machte erfinderisch.

Nun bin ich Rentnerin und mein ganzes Leben scheint mir plötzlich wie dieses Gemäuer eingerissen. Meine Kinder wohnen in Brüssel und München. Es sind liebe Kinder, die mich täglich anrufen. Aber was ist ein Anruf, wenn das Mutterherz nach Nähe schreit? Aber ich bin ein verständiger und realistischer Mensch. Die Kinder müssen fort. Natürlich. Ihren eigenen Weg finden, arbeiten, sich ein eigenes Leben aufbauen.

Wenn da nur nicht die vielen anderen lieben Menschen wären, von denen ich mich in letzter Zeit trennen musste. Freunde ziehen weg, Angehörige sterben, was bleibt, bin ich, mein Kurt und ein altes Fenster. Ausgedient. Zum Sterben verurteilt.

Am Bauzaum hängt ein großes Schild, dass diese Maßnahme durch den Bund im Rahmen des Städteumbaus Ost gefördert würde. Einige Prognosen sagen für Ost-Deutschland eine Abwanderung von etwa 40% der Gesamtbevölkerung voraus. Ironischerweise bekommen die blühenden Landschaften so eine ganz andere, eine neue Bedeutung. Riesige Naturschutzgebiete, so Forscher, könnten entstehen.

Eine absurde Vorstellung, dass der Blick aus meinem Fenster plötzlich nicht mehr auf sterile Wohnblöcke, sondern auf Teiche, Wälder und Wiesen fällt.

Einen Augenblick spiele ich mit dem albernen Gedanken, mein Fenster, ein Spiegelbild meiner Vergangenheit und meiner Seele, mitzunehmen. Aufzubewahren, wie einen teuren Schatz. Dazugestellt zu den tausenden Kleinigkeiten, die in meinem Keller lagern, vergessen und irgendwann zu Sperrmüll verarbeitet.

Ich erhebe mich schwerfällig. Das Fenster bleibt da. Ich überlege, dass heute ein guter Tag zum Fensterputzen sei. Das neue Fenster aus Kunststoff, praktisch, sauber, ohne Leben.

regenpfütze

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Gedicht der Woche 26/2009


Der Philosoph wie der Hausbesitzer …

Aphorismen und Reime von Wilhelm Busch

Der Philosoph wie der Hausbesitzer haben immer Reparaturen.

Manche Wahrheiten sollen nicht gesagt werden, manche brauchen nicht, manche müssen es.

Wahrheit ist zu schlau, um gefangen zu werden.

Ich nahm die Wahrheit mal aufs Korn

Und auch die Lügenfinten.

Die Lüge machte sich gut von vorn,

Die Wahrheit mehr von hinten.

Wo was wächst, gleich ist wer da, der’s frißt.

Die Stucken kriegt man fürs Ausroden – Leben.

Wühlender Maulwurf. Die Erde muß doch schließlich heraus.

Wenn man es nur versucht, so geht’s,

Das heißt mitunter, doch nicht stets.

Jeder ist ein Sack für sich.

Wie der Wind bläst, so treibt die Spreu.

Das Feinste fällt durchs Sieb.

Wer zu spät kommt, sieht nach der Uhr.

Lästige Gedanken – zudringliche Stechmücken.

Erfüllte Wünsche kriegen Junge, viele wie die Säue.

Wo man am meisten drauf erpicht,

Gerade das bekommt man meistens nicht.

Gewinn anderer wird fast wie Verlust empfunden.

Wir mögen keinem gerne gönnen,

Daß er was kann, was wir nicht können.

Um Neid ist keiner zu beneiden.

In der Regel folgt auf Wenn

Erst ein So und dann ein Denn.

Man kann sein Geld nicht schlechter anlegen

Als in ungezogenen Kindern.

»Genug«, wenn’s kommt, ist immer zuwenig, wenn’s da ist.

Mit dem Bezahlen wird man das meiste Geld los.

Wer kann, hat recht.

Dem Glücklichen schlägt kein Gewissen.

Wem Fortuna ein Haus geschenkt, dem schenkt sie auch Möbel.

Wem Mutter Natur ein Gärtchen gibt und Rosen, dem gibt sie auch Raupen und Blattläuse, damit er’s verlernt, sich über Kleinigkeiten zu entrüsten.

Sehr verständig war der Mann,

Der das Wort »vielleicht« ersann.

Sage nie: »Dann soll’s geschehen!«

Öffne dir ein Hinterpförtchen

Durch »vielleicht«, das nette Wörtchen,

Oder sag: »Ich will mal sehen.«

Gar mancher Schwierigkeit entweicht

Man durch das hübsche Wort »vielleicht«.

»Vielleicht« ist wie ein schlauer Krebs,

Der vor- und rückwärts gehen kann.

Sag nie bestimmt: Es wird erreicht!

Ein hübsches Wörtchen ist »vielleicht«.

Jeder Wunsch hienieden wird begleitet von einem neckischen »Vielleicht«.

Stets äußert sich der Weise leise,

Vorsichtig und bedingungsweise.

»So ist die Sach‘!« – Oh, wie so leise,

Wenn überhaupt, sagt das der Weise.

Der Weise verschweigt seine Meinung, also bin ich keiner.

Kein altes Übel ist so groß, daß es nicht von einem neuen übertroffen werden könnte.

Der Weise äußert sich vorsichtig, der Narr mit Bestimmtheit über das kommende Wetter.

Bemüh dich nur und sei hübsch froh,

Der Ärger kommt schon sowieso.

Willst du das Leben recht verstehn,

Mußt du’s nicht nur von vorn besehn.

Von vorn betrachtet, sieht ein Haus

Meist besser als von hinten aus.

Ich bin Pessimist für die Gegenwart, aber Optimist für die Zukunft.

Eigentlich hat’s ja nicht viel auf sich mit dem besten Pessimismus. An dem Glücklichen gleitet er ab wie Wasser an der pomadisierten Ente, und der Unglückliche weiß ohne weiteres Bescheid.

Sommernacht


Ich steh vor der U-Bahn  und warte auf dich.
Und so lieblich lau ist die Nacht,
wie für Liebespaare gemacht.
Ich steh hier und seh dem Mond zu,
der aus dem Ahorn sich gelöst
und nun zum Kirchturm weiterzieht.
ich warte auf dich viel zu oft.

Ich steh unter dem Lindenbaum,
bin umfangen von seinem Duft .
Nur für mich singt die Nachtigall,
verschenkt hellperlende Strophen.
Nachtfalter flirren durch die Luft,
die Sterne erzählen Mythen
und ich steh und warte auf dich.

Der Duft, der Gesang, das Funkeln,
alles Schwirren und Erzählen
lässt mich den Kummer vergessen.
Zeigt, Glücklichsein geht auch allein
und schön das Leben, wie es ist.
Mir scheint, die Nacht, sie raunt mir zu:
Lass ihn doch ziehen, werd wieder du.

© Bettina Buske

summermoon

Gedicht der Woche 25/2009


Versuche es

Wolfgang Borchert

Stell Dich mitten in den Regen,

glaube an den Tropfensegen,

spinn Dich in dies Rauschen ein

und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in den Wind,

glaub an ihn und sei ein Kind –

laß den Sturm in Dich hinein

und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in das Feuer –

liebe dieses Ungeheuer

in des Herzens rotem Wein

und versuche, gut zu sein!

Erzählung der Woche 25/2009


Wolfgang Borchert

Gottes Auge

Sein Großvater ist gestorben, an diesem Tag, wo es zum Mittagessen Kabljau gibt, und der Junge mit dem Auge des Fischs auf seinem Teller herumspielt. Der Fisch spüre das doch nicht mehr, er sei schließlich tot. Doch die Mutter versucht ihm zu erklären, mit einem Auge spiele man nicht. Das Auge habe der liebe Gott genauso gemacht wie sein eigenes.

„Du bist das Auge vom lieben Gott?“ flüstert der Junge, als die Mutter ihm allein läßt. „Dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!“ Doch das Auge sagt nichts, wie sehr es der Junge auch versucht, zu erfahren, ob der Großvater doch noch einmal wiederkomme. Da stößt der Junge den Teller wütend von sich und das Auge rollt auf den Boden.

„Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. Ich stand auf. Ich stand langsam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. Ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zum Auge wartete ich so noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür.“

surreal

für die Woche 24/2009 erzählt


Die Katze von Hameln

von Claudia Sperlich

graukatz2

Vor hunderten von Jahren, als noch Aberglauben, Feuer und Schwert regierten, lebte in Hameln ein Volk von Katzen. Sie gaben den Menschen Wärme in kalten Winternächten, hielten ihre Scheuern von Mäusen und ihre Kehrichthaufen von Ratten frei, ließen sich streicheln und schnurrten die Kinder in den Schlaf.

Eines Tages aber kam ein Fremder nach Hameln, der schön aussah und gewandt redete. Er erklärte den Menschen, die Katzen seien das fleischgewordene Böse, Feinde Gottes, Gehilfen des Teufels. So seien ja in zwei Familien, die Katzen hielten, die Kinder krank zur Welt gekommen, eines lahm, das andere taub. Auch seien die Mißernte im vorigen Jahr, der Hagelschlag in diesem und der Tod einer Wöchnerin vor wenigen Tagen deutlich auf die Anwesenheit so vieler Katzen zurückzuführen. Er nun meine es gut mit den Bürgern von Hameln und wolle ihnen gegen ein geringes Entgelt helfen, die Plage loszuwerden.

So sprach der Fremde, und die Bürger von Hameln horchten. In den folgenden Tagen zog er durch die Stadt und belehrte jedes Haus, wie man der Katzen Herr werden könne. Eine Woche später wurde er großzügig belohnt und ging seiner Wege. Die Bürger von Hameln aber fingen damit an, alle Kätzchen in einem Teich vor der Stadt zu ersäufen, und der Bürgermeister ordnete an, man dürfe diesen Teich Jahr und Tag nicht mehr befischen, um nicht das Böse über die Fische aufzunehmen. Dann wurden die Katzen und Kater aus Häusern und Höfen mit Milch und Leckereien angelockt und erschlagen, und um ganz sicher zu gehen, verbrannte man die Leichname in einem großen Feuer auf dem Richtplatz. Schließlich wurden die wildlebenden Katzen mit Steinschleudern halbtot geschmissen und ebenfalls verbrannt, und das Geschrei der Gequälten schien den Leuten ein Ruf aus der Hölle. Die wenigen Katzen, die dem Massaker entkommen waren, ließen sich in der Gegend von Hameln nicht mehr blicken.

Nur eine graugetigerte Katze hatte überlebt und blieb.

Der beißende Qualm des Scheiterhaufens war verflogen, die Fische im Teich vor der Stadt waren fett geworden, und keine Katze war mehr zu sehen. Da huschten die Mäuse durch jede Scheune, und die Ratten bevölkerten die dunklen Gassen und sahen neugierig nach den Bauernmägden, die den Mist karrten. Alle Getreidesäcke wurden aufgebissen, und durch die Milchkammer führten winzige fettige Spuren. Die Ratten bissen die Kinder in der Wiege und kletterten an die aufgehängten Würste und Speckseiten, und was die Mäuse vom Mehl übrigließen, war mit schwarzen Körnchen verunreinigt. Die Nager wurden täglich fetter und frecher, und wenn man einen erschlug, wurden hundert geboren. Gelegentlich fand man in Mehlsäcken oder Speisekammern ein an Gicht oder fettem Herzen verendetes Tier, aber man konnte sicher sein, daß es wenigstens dreihundert Kinder und Enkel hinterließ. Die Menschen hungerten und ekelten sich doch vor dem benagten und verschmutzten Essen.

Die graugetigerte Katze aber wurde groß und wohlgenährt.

Wenn die Not am größten ist, ist die Rettung am nächsten, denn wenn keine Rettung käme, wüchse die Not noch und wäre dann nicht am größten gewesen. So kam eines Tages ein Fremder nach Hameln, der schön und gesund aussah und in knappen Worten darlegte, er wisse ein untrügliches Mittel gegen Ratten und Mäuse, es habe aber einen gewissen Preis. Die Bürger von Hameln in ihrer Not willigten ein, jeden geforderten Preis zu zahlen, und der Fremde spielte auf einer Flöte eine Melodie, die an das Pfeifen und Quietschen der Nager erinnerte und doch schön und anziehend klang. Ströme fetter Ratten und Mäuse folgten dem Flötenspieler. Der zog vor die Stadt, an die Weser, und ging tänzelnd und spielend in den Fluß bis zu den Hüften. Die Tiere folgten ihm alle und ersoffen.

Die graugetigerte Katze saß in ihrem Versteck und sah den Nagern wehmütig hinterher.

Die Bürger von Hameln hatten aber nach all der Not kein Geld mehr und konnten oder wollten den Fremden nicht bezahlen. Der hatte bei aller Klugheit keinen schriftlichen Vertrag gemacht und konnte das Geld nicht einklagen, und so versuchte er es zunächst mit Drohungen. Als er daraufhin nur ausgelacht wurde, ging er davon, übernachtete vor der Stadt auf freiem Feld und kam am nächsten Morgen wieder, als die meisten Erwachsenen arbeiteten. Diesmal spielte er eine Melodie, die klang süß wie Bonbons und wie Tanzspiele im Sommer, und ein Rattenschwanz von Kindern lief ihm nach, tänzelnd und lachend.

Als die Eltern heimkehrten, erzählten ihnen das taube und das lahme Kind, was geschehen war, so weit sie es hatten verfolgen können. Man durchsuchte noch tagelang die Gegend um Hameln, aber die Kinder und den Fremden sah man nie wieder.

Die graugestreifte Katze räkelte sich, buckelte, gähnte und lief träge die Treppe des Glockenturmes herunter. Nie wieder Glocken, dachte sie. Viel zu laut. Und nie wieder Kinder. Nie wieder am Schwanz gezogen werden oder mit Steinen beworfen. Nie wieder Asseln und Spinnen. Dann schritt sie zwischen den weinenden Menschen hindurch in die Milchkammer des letzten reichen Bauern von Hameln.

graukatz

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Gedicht der Woche 24/2009


folgedemHerz

Wieder zurück

Kaum zu glauben

ich bin begeistert

es ist wahr:

eine gigantische Sonne

hakt sich silberglänzend in die Pappel

vor meinem Haus

drängt sich durch das Fenster

über meinem Schreibtisch

nicht zu übersehen

sie ist retour gekommen

ich kann auf sie zählen

auf sie bauen

mit ihrer Leidenschaft leben

und Lichtflut bringt sie

erneut in meine Tage

Lebensfreude

© Thomas Mentzel

(Für Nora S.)