Erzählung der Woche 08/2010


Die Gesetzestafeln
William Butler Yeats

(Erzählung)

I

»Willst du mir erlauben, Aherne,« sagte ich, »daß ich eine Frage an dich richte, die ich seit Jahren stellen wollte, aber unterlassen habe, weil wir einander beinahe fremd geworden? Warum hast du das Priesterbarett zurückgewiesen, und zwar fast im letzten Augenblick? Damals, als du und ich zusammen lebten, hast du dich weder um Wein noch um Weiber oder Geld gekümmert, und du hattest für nichts Gedanken, als für Theologie und Mystik.« Ich hatte während des ganzen Abendessens auf einen Augenblick gewartet, meine Frage vorzubringen, und wagte sie nun, weil er ein wenig aus der Reserve und Gleichgültigkeit herausgetreten war, die stets seit seiner letzten Rückkehr aus Italien die Stelle unserer einst engen Freundschaft eingenommen hatte. Auch er hatte mich eben über gewisse private und beinahe geheiligte Dinge befragt, und ich dachte, meine Offenheit hätte ein Gleiches von seiner Seite verdient. Als ich zu reden begann, brachte er gerade ein Glas alten Weines an seine Lippen, wie er ihn so gut auszuwählen verstand und den er so wenig würdigte; und während ich sprach, stellte er es langsam und nachdenklich auf den Tisch und hielt es fest, so daß sein tiefrotes Licht die langen schmalen Finger färbte. Der Eindruck seines Gesichts und seiner Gestalt, wie sie damals waren, steht noch lebendig vor mir und ist untrennbar verbunden mit einem andern phantastischen Bild: dem eines Menschen, der eine Flamme in seiner nackten Hand hält. In diesem Augenblick erschien er mir als der höchste Typus unserer Rasse, die, wenn sie über die Formalismen der Halbbildung und den Vernunftglauben konventionellen Bejahens und Verneinens emporgestiegen oder unter sie hinabgesunken ist, sich, wenn meine Hoffnungen für die Welt und die Kirche mich nicht blind gemacht haben, von erreichbaren Begierden und Intuitionen abwendet, hin zu Verlangen von so schrankenloser Art, daß kein menschliches Gefäß sie fassen kann, zu Gesichten, so unirdisch, daß ihr plötzliches und fernes Feuer Hand und Fuß in tiefster Finsternis zurückläßt. Er hatte eine Natur, halb Mönch, halb Glücksritter, und mußte notwendigerweise Handlungen in Träumerei und Träumerei in Handlungen umsetzen; und für solche gibt es in der Welt keine Ordnung, keinen Abschluß, kein Streben. Als er und ich in Paris miteinander studierten, hatten wir einem kleinen Kreis angehört, wo wir uns Grübeleien über Alchimie und Mystik hingaben. In den meisten seiner Ansichten orthodoxer als Michael Robartes, hatte er diesen in einem grillenhaften Haß gegen alles Leben übertroffen und diesem Haß in dem sonderbaren Paradoxon Ausdruck verliehen, das er zur Hälfte fanatischen Mönchen entliehen, zur Hälfte selber erfunden hatte, daß nämlich die schönen Künste in die Welt gesandt worden seien, um Nationen in den Staub zu treten und schließlich sogar das Leben selbst, indem sie überall unbegrenzte Begierden aussäen, Fackeln vergleichbar, die in eine brennende Stadt geworfen worden. Ich glaube, diese Idee war damals nicht mehr als ein Paradoxon, ein Siegeszeichen seines Jugendstolzes, und es war erst nach seiner Rückkehr nach Irland, daß er jene Glaubensgärung durchlebte, die unser Volk mit dem Wiedererwachen des Phantasielebens befällt. Plötzlich erhob er sich und sagte: »Komm, und du sollst sehen, denn du, auf alle Fälle, wirst begreifen.« Und indem er Kerzen vom Tisch nahm, leuchtete er den Weg zu dem langen gepflasterten Gang, der zu seiner Hauskapelle führte. Wir schritten hindurch zwischen den Bildnissen der Jesuiten und Priester – einige von nicht geringer Berühmtheit –, die seine Familie der Kirche gegeben hatte, und vorbei an Stichen und Photographien von Bildern, die ihn besonders bewegt hatten, und den wenigen Gemälden, die sein geringes Vermögen ihm gestattet hatte auf seinen Reisen aufzukaufen. Dabei mußte er sich durchhelfen mit einer an Dürftigkeit grenzenden Enthaltsamkeit von den Dingen, die das Verlangen der meisten Menschen bedeuten. Die Photographien und Stiche stellten die Meisterwerke vieler Schulen dar, aber in all der Schönheit, gleichviel ob es nun die des Glaubens oder der Liebe war, oder die einer phantastischen Vision von Berg und Wald, lag die Frucht von Temperamenten, die stets auf unbedingte Erregung gerichtet sind und ihren stetigsten, wenn auch nicht vollendeten Ausdruck in den Legenden, Vigilien und Musikwerken der keltischen Völkerschaften finden. Die Gewißheit einer grimmen oder anmutigen Inbrunst auf den verzückten Gesichtern der Engel des Francesca und auf den erhabenen Mienen von Michelangelos Sibyllen, und jene Ungewißheit, wie von Seelen, die zwischen den Erregungen des Geistes und denen des Fleisches erzittern, in den unschlüssigen Antlitzen auf den Fresken der Kirchen von Siena und in den Gesichtern, schmalen Flammen gleich, wie sie die modernen Symbolisten und Präraffaeliten gebildet, hatten mir oftmals schon diesen langen, grauen, düsteren und leeren Korridor mit seinem Echo als einen Vorhof zur Ewigkeit erscheinen lassen. Fast jede Einzelheit in der Kapelle, in die wir durch eine enge gotische Tür eintraten, die Schwelle, glatt gescheuert von den geheimen Andächtigen der Bußzeit, stand lebhaft vor meiner Erinnerung; denn hier war es, wo ich, ein Knabe noch, das erstemal von der Mittelalterlichkeit ergriffen worden war, die nun, wie mir scheint, der leitende Einfluß in meinem Leben geworden ist. Der einzige Gegenstand, der mir neu erschien, war eine viereckige Schatulle aus Bronze vor den sechs unangezündeten Kerzen und dem Ebenholzkruzifix auf dem Altar, die gleich diesen in alter Zeit aus kostbaren Materialien angefertigt worden war, um die heiligen Bücher aufzunehmen. Aherne hieß mich auf einer Eichenbank niedersitzen, und nachdem er sich vor dem Kruzifix sehr tief verneigt, nahm er die Schatulle vom Altar und setzte sich neben mich, die Schatulle auf seinen Knien. »Du wirst wohl das meiste von dem vergessen haben,« sagte er, »was du über Joachim von Flora gelesen hast, ist er doch sogar den sehr Belesenen kaum mehr als ein bloßer Name. Er war im 12. Jahrhundert Abt in Cortale, und am meisten bekannt ist von ihm seine Prophezeiung in einem Buch, »Expositio in Apocalypsin« betitelt, wo er sagt, das Reich des Vaters sei vorüber, das des Sohnes verfließe eben, das Reich des Heiligen Geistes aber werde erst kommen. Das Reich des Heiligen Geistes sollte ein vollkommener Triumph des Geistes über den toten Buchstaben sein, und er nannte es »Spiritualis intelligentia«. Er hatte unter den extremeren Franziskanern viele Anhänger, und man bezichtigte diese, sie besäßen ein geheimes Buch von ihm, den »Liber Inducens in Evangelium Aeternum«. Immer wieder sind Gruppen von Visionären beschuldigt worden, dieses schreckliche Buch zu besitzen, in dem die Freiheit der Renaissance verborgen lag, bis schließlich der Papst Alexander IV. es aufgefunden und den Flammen überliefert hatte. Ich halte hier das größte Kleinod in Händen, das die Welt besitzt: ich habe ein Exemplar dieses Buches; und sieh her, welche großen Künstler das Kleid gemacht haben, in das es gehüllt ist. Diese Bronzeschatulle hat Benvenuto Cellini gemacht, der sie mit Göttern und Dämonen bedeckt hat, deren Augen geschlossen sind, um ihre Entrücktheit in das innere Licht anzuzeigen.« Er hob den Deckel und brachte ein Buch zum Vorschein, das in Leder gebunden und mit Filigranarbeit aus mattem Silber bedeckt war. Und dieser Einband stammt von einem der Buchbinder, die für Canevari gearbeitet haben. Giulio Clovio, ein Künstler der späteren Renaissance, dessen Arbeit weich und edel ist, hat die erste Seite eines jeden Kapitels des alten Exemplars herausgenommen und an ihre Stelle ein Blatt eingefügt, das mit einem kunstvoll gearbeiteten Buchstaben geziert war und mit einer Miniatur von einem der Großen, deren Beispiel in dem Kapitel angeführt war; und wo immer die Handschrift sonst ein wenig Platz ließ, da brachte er irgendein zartes Emblem an oder ein sinnvolles Ornament. Ich nahm das Buch in meine Hände und begann die vergoldeten vielfarbigen Seiten umzuwenden, indem ich sie nahe zum Kerzenlicht hielt, um die Textur des Papieres zu betrachten. »Wo hast du dieses erstaunliche Buch her?« fragte ich; »wenn es echt ist, was ich bei diesem Licht nicht entscheiden kann, dann hast du einen der kostbarsten Gegenstände entdeckt, die es in der Welt gibt.« »Es ist sicher echt«, antwortete er. »Als das Original zerstört wurde, war nur eine Kopie übrig und die blieb in den Händen eines Florentiner Lautenspielers, der es seinem Sohn hinterließ, und so kam es von Geschlecht zu Geschlecht, bis auf jenen Lautenspieler, der der Vater des Benvenuto Cellini gewesen; von ihm ging es auf Giulio Glovio über und von diesem auf einen römischen Kupferstecher; und nun wandert die Geschichte seiner Wanderungen von Geschlecht zu Geschlecht mit ihm, bis es in den Besitz der Familie Aretino und so auf Giulio Aretino gekommen, einen Künstler und Metallbildner, der zugleich den kabbalistischen Häresien des Pico della Mirandola ergeben war. Gar manche Nacht verbrachten wir miteinander in Rom philosophierend, und schließlich gewann ich sein Vertrauen so vollkommen, daß er mir diesen seinen größten Schatz zeigte. Und als er sah, welchen außerordentlichen Wert ich ihm beimaß, und da er fühlte, wie er selber alt geworden und daß jene Lehren ihm nicht mehr helfen könnten, verkaufte er ihn mir für eine im Verhältnis zu seiner außerordentlichen Kostbarkeit nicht allzu großen Summe.« »Was für eine Lehre enthält das Buch?« fragte ich; »vermutlich irgendeine mittelalterliche Haarspalterei über die Natur der Dreieinigkeit, heutzutage nur mehr nützlich, um zu zeigen, wie viele Dinge für uns unwichtig geworden sind, die einst die Welt erschüttert haben?« »Niemals hat es mir gelingen wollen, dir klarzumachen,« sagte er seufzend, »wie in Glaubenssachen nichts unwichtig ist, aber selbst du wirst mir zugeben, daß dieses Buch zum Herzen geht. Siehst du die Tafeln, auf denen die Gebote in Latein geschrieben waren?« Ich blickte nach dem Ende des Raumes, gegenüber dem Altar, sah nun, daß die beiden Marmortafeln verschwunden waren, und bemerkte, daß zwei große, leere Elfenbeintafeln, große Nachbildungen der kleinen Tafeln, wie wir sie auf unseren Schreibpulten haben, ihren Platz eingenommen hatten. »Es hat die Gebote des Vaters hinweggefegt«, fuhr er fort, »und die Gebote des Sohnes ersetzt durch die des Heiligen Geistes. Das erste Buch ist »Fractura Tabularum« betitelt. Im ersten Kapitel werden die Namen der großen Künstler angeführt, die sich Bildnisse gemacht, und die Abbilder vieler Dinge, und die sie angebetet hatten und ihnen gedient; und im zweiten die Namen der großen Geister, die den Namen Gottes ihres Herrn eitel genannt; und dieses lange dritte Kapitel, bedeckt mit den Emblemen geheiligter Antlitze und mit Flügeln an den Rändern, ist die Lobpreisung derer, die das Gebot des siebenten Tages gebrochen und die sechs Tage vergeudet und doch schöne und angenehme Tage gelebt hatten. Diese beiden Kapitel erzählen von Männern und Frauen, die ihre Eltern geschmäht und sich erinnert haben, daß ihr Gott älter war als der Gott ihrer Väter; und jenes mit den Emblemen des Schwertes Michaels preist die Könige, die insgeheim gemordet und für ihr Volk einen Frieden erworben, amore somnoque gravata et vestibus versicoloribus, »beschwert von Liebe und Schlaf und vielfarbiger Gewandung«. Und jenes mit dem blassen Stern am Ende enthält die Lebensgeschichte junger Edelleute, die anderer Frauen geliebt; und sie sind umgewandelt in Erinnerungen, die viele ärmere Herzen in süße Entflammungen versetzt hatten; und jenes mit dem geflügelten Haupt ist die Geschichte von den Räubern, die auf der See gelebt oder in der Wüste, Leben, die mit dem Schwirren einer Bogensehne verglichen werden, »nervi stridentis instar«; und diese beiden letzten, ganz Feuer und Gold, sind den Satirikern gewidmet, so falsches Zeugnis gegen ihren Nächsten gegeben und dennoch den ewigen Zorn verherrlicht haben, und denen, die mehr als andere nach dem Hause Gottes Verlangen getragen und nach allen Dingen, die Sein waren, so kein Mensch je gesehen noch gehandhabt, es sei denn im Wahnsinn oder in Träumen. Das zweite Buch mit dem Titel »Straminis Deflagratio« berichtet von den Unterredungen, die Joachim von Flora in seinem Kloster zu Cortale und später in dem Kloster in den Gebirgen von La Sila mit Reisenden und Pilgern über die Gesetze vieler Länder geführt hatte, wie doch in einem solchen Lande die Keuschheit eine Tugend sei und Raub eine geringfügige Sache, und wiederum Raub ein Verbrechen und Unkeuschheit eine geringe Sache in einem anderen Land; und über die Menschen, die sich an jene Gesetze geklammert und »decussa veste Dei sidera« geworden, Sterne, herausgeschleudert aus Gottes Gewandung. Das dritte Buch, das den Abschluß bildet, heißt »Lex Secreta« und beschreibt die wahrhaftige Inspiration zum Handeln, das einzige ewige Evangelium, und es endet mit einer Vision, die er in den Gebirgen von La Sila gehabt, da er seine Schüler im tiefen Blau des Himmels thronend sitzen sah, laut lachend, mit einem Gelächter, das wie das Rauschen von Schwingen der Zeit klang: »Coelis in coeruleis ridentes sedebant discipuli mei super thronos: Talis erat risus, qualis temporis pennati susurrus«.«

»Ich weiß wenig von Joachim von Flora,« sagte ich, »außer, daß Dante ihm im Paradies unter den großen Kirchenlehrern einen Platz angewiesen hat. Wenn er einer so sonderbaren Ketzerei ergeben gewesen, kann ich nicht begreifen, wieso davon nie ein Gerücht zu Dantes Ohren gedrungen sein sollte, und Dante hat niemals mit den Feinden der Kirche paktiert.« »Joachim von Flora hat öffentlich die Autorität der Kirche anerkannt und sogar darum gebeten, daß alle Schriften, die er veröffentlicht, und auch die, die auf seinen Wunsch nach seinem Tode erscheinen sollten, der Zensur des Papstes unterworfen werden mögen. Er war der Ansicht, daß die, deren Aufgabe es ist, zu leben und nicht zu offenbaren, Kinder seien und daß der Papst ihr Vater sei, aber im geheimen dachte er, gewisse andere, deren Anzahl in steter Zunahme begriffen, seien erwählt, nicht um zu lehren, sondern jene verborgene Substanz Gottes zu offenbaren, die Farbe und Musik ist und Weichheit und süßer Duft, und daß diese keinen anderen Vater hätten als den Heiligen Geist. Geradeso wie Dichter und Maler und Musiker an ihren Werken arbeiten, indem sie diese durch gesetzliche oder ungesetzliche Mittel hervorbringen: solange sie nur jene Schönheit verkörpern, die jenseits des Grabes ist, wirken diese Kinder des Heiligen Geistes in ihrer Zeitlichkeit, die Augen hingewendet auf die glanzvolle Substanz, über die die Zeit die Abfälle der Schöpfung aufgehäuft hat; denn diese Welt existiert nur, um eine Geschichte zu sein in den Ohren der kommenden Geschlechter. Entsetzen und Zufriedenheit, Geburt und Tod, Liebe und Haß und die Frucht vom Lebensbaum, sie alle sind bloße Mittel für die große Kunst, uns dem Leben abzugewinnen und uns in der Ewigkeit zu versammeln, wie Tauben in einem Taubenschlag. Ich werde mich über kurzem wegbegeben und viele Länder bereisen, damit ich alle Zufälligkeiten und Schicksale kennen lerne; und wenn ich zurückkehre, dann will ich mein geheimes Gesetz auf diese Elfenbeintafeln niederschreiben, so wie Dichter und Romanschriftsteller die Prinzipien ihrer Kunst in Vorreden niedergelegt haben; und ich werde Schüler um mich versammeln, auf daß sie ihr eigenes Gesetz entdecken mögen, indem sie das meine studieren, damit das Reich des Heiligen Geistes sich erweitere und befestige.« Er schritt auf und ab, und ich horchte auf die Inbrunst seiner Worte und gewahrte mit nicht geringem Anteil die Erregung, von der er ergriffen war. Ich war daran gewöhnt, die sonderbarsten Grübeleien ruhig hinzunehmen und hatte sie meistens so harmlos gefunden wie die Angorakatze, die, ihr nachdenkliches Auge halb zugedrückt, ihre langen Krallen vor meinem Kaminfeuer ausstreckt. Aber in diesem Augenblick wollte ich die Interessen der Orthodoxie, wenn auch nur die der alltäglichen verteidigen, es fiel mir jedoch nichts Besseres ein, als zu bemerken: »Es ist nicht nötig, daß ein jeder nach dem Gesetz beurteilt werde, denn wir haben auch Christi Gebot der Liebe.« Er wandte sich um, und indem er mich ansah, sprach er mit leuchtenden Augen: »Jonathan Swift hat die Seele der Gentlemen dieser Stadt gestaltet, indem er seinen Nachbar haßte wie sich selbst.« »Wie dem auch immer sein möge, du kannst doch nicht leugnen, daß solch eine gefährliche Lehre verbreiten eine schreckliche Verantwortung auf sich nehmen heißt.« »Von Lionardo da Vinci«, erwiderte er, »stammt der herrliche Satz: »Die Hoffnung und die Begierde des Menschen, in seinen früheren Zustand zurückzukehren, ist wie die Gier der Motte nach dem Licht; und wer jeden neuen Monat und jedes neue Jahr mit steter Sehnsucht erwartet in der Meinung, die Dinge, nach denen er Verlangen trägt, kämen immer zu spät, der gewahrt nicht, daß er nach seiner eigenen Vernichtung schmachtet.« Wie also kann der Pfad, der uns zum Herzen Gottes führen soll, anders sein als gefahrvoll? Warum solltest du, kein Materialist, um die Fortdauer und Ordnung in der Welt besorgt sein gleich denen, die nichts haben als die Welt? Du achtest die Schriftsteller gering, die nichts zu sagen wissen, es sei denn, daß ihre Vernunft sie lehre, wie das, was man das Rechte nennt, erleichtert werden könne –: warum also willst du der höchsten Kunst eine gleiche Freiheit abstreiten, der Kunst, die die Grundlage von allen Künsten ist? Ja! Ich werde von dieser Kapelle aus Heilige, Liebende, Rebellen und Propheten aussenden, Seelen, die sich mit Frieden umgeben werden wie mit einem Nest aus Gras, und andere, über die ich weinen werde. Durch viele Jahre wird Staub über diese kleine Kiste fallen, und dann werde ich sie öffnen, und der Tumult, der vielleicht die Flamme des letzten Gerichtes sein wird, wird unter ihrem Deckel hervorbrechen.« Ich wollte diese Nacht nicht mit ihm argumentieren, denn seine Erregung war groß, und ich fürchtete, ihn in Zorn zu versetzen. Als ich ihn einige Tage später besuchen wollte, war er fort und sein Haus verschlossen und leer. Ich habe tief bedauert, daß es mir nicht gelungen ist, seine Ketzerei zu bekämpfen und außerdem die Echtheit jenes seltsamen Buches zu überprüfen. Seit meiner Bekehrung habe ich tatsächlich Buße getan für einen Fehler, dessen Größe ich erst nach einigen Jahren zu ermessen imstande sein sollte.

II

Es war zehn Jahre nach unserer Unterredung. Ich schritt längs eines der Quais von Dublin dahin, auf der Seite, die dem Fluß am nächsten ist, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um die Bücher auf einem alten Buchstand durchzusehen, wobei ich, sonderbar genug, an das schreckliche Schicksal des Michael Robartes und seiner Brüderschaft denken mußte, als ich einen großen, vorgebeugten Mann langsam längs der anderen Seite des Quais gehen sah. Zu meinem Schrecken erkannte ich in der leblosen Maske mit den düsteren Augen das einst entschlossene und feine Gesicht Owen Ahernes. Rasch überkreuzte ich den Quai, aber ich hatte nur wenige Schritte zurückgelegt, als er sich wegwandte, als hätte er mich bemerkt, und nun eilte er eine Seitengasse hinab. Ich folgte ihm, aber nur um ihn in dem Straßengewirre auf der Nordseite des Flusses zu verlieren. Während der nächsten Wochen erkundigte ich mich nach ihm bei jedem, der ihn einst gekannt, aber er hatte niemand ein Lebenszeichen gegeben. Erfolglos klopfte ich an seiner Haustür und war schon fast überzeugt, fehlgegangen zu sein, als ich ihn in einer engen Straße hinter den Four Courts wiederum sah und ihm bis zu seiner Haustüre folgte. Ich legte meine Hand auf seinen Arm, er wandte sich um, ganz ohne Überraschung, und es ist tatsächlich möglich, daß ihm, dessen inneres Leben das äußere aufgesaugt hatte, ein Scheiden auf Jahre wie ein Abschied von früh bis abend erschien. Er stand da, die Türe halb offen, als wollte er mich abhalten einzutreten, und vielleicht würde er ohne ein Wort weggegangen sein, hätte ich nicht gesagt: »Owen Aherne, du hast mir einst vertraut, willst du mir nicht wiederum vertrauen und mir sagen, was aus den Ideen geworden ist, die wir vor zehn Jahren in diesem Hause erörtert haben? Aber vielleicht hast du dies alles längst vergessen?« »Du hast ein Recht darauf, zu hören,« sagte er, »denn da ich dir von diesen Ideen gesprochen, muß ich dir auch von der außerordentlichen Gefahr reden, die sie enthalten, oder besser noch, von der schrankenlosen Bosheit, die in ihnen enthalten ist. Aber wenn du dies gehört hast, müssen wir scheiden, und zwar für immer, denn ich bin verloren und muß im verborgenen bleiben.« Ich folgte ihm durch den gepflasterten Gang, dessen Ecken, wie ich sah, unter Staub und Spinnweben begraben waren. Ich bemerkte, daß die Bilder von Staub und Spinnweben grau geworden und wie der Staub und die Spinnengewebe, die den Rubin- und Saphirglanz der Heiligen auf den Glasfenstern bedeckten, sie ganz trübe gemacht hatten. Er deutete auf die Stelle hin, wo die Elfenbeintafeln schwach in der Dunkelheit schimmerten; ich sah, daß sie mit kleiner Schrift bedeckt waren, und ging hin, um die Schrift zu lesen. Es war Latein und zwar eine ausführliche, mit vielen Beispielen illustrierte Kasuistik, aber ob sie sich auf sein Leben bezog oder auf das von andern, weiß ich nicht. Ich hatte nur wenige Sätze gelesen, als es mir vorkam, als habe ein schwacher Duft begonnen, den Raum zu erfüllen, und indem ich mich umwandte, fragte ich Owen Aherne, ob er ein Räucherwerk angezündet habe. »Nein«, antwortete er und zeigte nach der Stelle, wo das Rauchfaß verrostet und leer auf einer der Bänke lag; da er sprach, schien der schwache Duft zu schwinden, und ich war überzeugt, daß es nur eine Einbildung von mir gewesen sei.

»Hat dich die Philosophie des »Liber Inducens in Evangelium Aeternum« sehr unglücklich gemacht?« fragte ich. »Im Anfang,« antwortete er, »da war ich voll Glückseligkeit, denn ich fühlte eine göttliche Ekstase, ein unsterbliches Feuer in jeder Leidenschaft, jeder Hoffnung, in jeder Begierde, jedem Traum, und ich sah ihren Abglanz in den Schatten unter den Blättern, in den hohlen Gewässern, in den Augen von Männern und Frauen wie in einem Spiegel, und es war, als ob ich im Begriffe stand, das Herz Gottes zu berühren. Dann aber war alles umgewandelt, und ich war voller Elend und wußte, daß ich in der gleißenden Umarmung einer ungeheuren Schlange gefangen war und mit dieser einen bodenlosen Abgrund hinabstürzte, und daß von nun an diese gleißende Umarmung meine Welt war; und in meinem Elend wurde mir offenbar, wie der Mensch zu jenem Herzen nur dringen kann durch das Gefühl der Trennung von dem, was wir Sünde nennen, und ich begriff, daß ich nicht sündigen könne, weil ich das Gesetz meines Wesens entdeckt hatte, und wie mir nichts übrig geblieben war, als mein Wesen entweder auszusprechen oder es nicht auszusprechen; und ich erkannte, daß es ein einfaches und unwiderrufliches Gesetz Gottes ist, daß wir sündigen sollen und Buße tun.«

Er hatte sich auf eine der hölzernen Bänke niedergelassen und verblieb schweigend, und sein vorgebeugtes Haupt, die herabhängenden Arme und sein teilnahmsloser Körper drückten mehr Niedergeschlagenheit aus als irgendeine Gestalt, die mir je im Leben oder in Kunstwerken begegnet war. Ich schritt nach vorne, und an den Altar gelehnt, beobachtete ich ihn und wußte nicht, was ich sagen sollte. Und ich gewahrte seinen schwarzen enggeknöpften Rock, sein kurzes Haar und das geschorene Haupt, das noch an seine priesterlichen Ambitionen erinnerte, und ich begriff, wie der Katholizismus von ihm Besitz ergriffen hatte, inmitten des Wirbels, den er Philosophie genannt; und an seinen lichtlosen Augen und seiner erdfahlen Gesichtsfarbe sah ich, wie dieser nicht mehr für ihn zu tun vermocht hatte, als ihn am Rande des Abgrundes festzuhalten, und ich war erfüllt von Qual und Sorge.

»Es mag sein,« fuhr er fort, »daß die Engel, deren Herzen Schatten sind vom Herzen Gottes und deren Leiber aus dem göttlichen Verstand gemacht sind, dahin gelangen werden, wo der Durst nach göttlicher Ekstase ihre Sehnsucht hintreibt, zu dem unsterblichen Feuer, das in der Leidenschaft, in der Hoffnung, in den Begierden und in den Träumen lebt, aber wir, deren Herzen jeden Augenblick vergehen und deren Leiber dahinschmelzen wie ein Seufzer, wir müssen uns beugen und gehorchen!« Ich näherte mich ihm und sagte: »Gebet und Buße wird dich anderen Menschen gleichmachen.« »Nein, nein!« sagte er, »ich bin nicht unter denen, für die Christus gestorben ist, und darum muß ich im verborgenen bleiben. Ich leide an einem Aussatz, den selbst die Ewigkeit nicht heilen kann. Ich habe das Ganze erblickt, wie kann ich je wieder dahin gelangen, zu glauben, ein Teil sei das Ganze? Ich habe meine Seele verloren, weil ich durch die Augen der Engel geblickt habe.«

Mit einem Male sah oder glaubte ich zu sehen, wie der Raum sich verfinsterte und blasse Gestalten sich zeigten, gekleidet in Purpur, und wie sie kaum sichtbare Fackeln erhoben, mit Armen, schimmernd wie Silber, und sich über Owen Aherne neigten, und ich sah oder glaubte zu sehen, wie Tropfen brennenden Harzes von den Fackeln fielen und ein schwerer purpurfarbiger Rauch wie von Weihrauch den Flammen entquoll und sich um uns lagerte. Owen Aherne, glücklicher als ich, der ich halb und halb in den Orden von der Chymischen Rose eingeweiht war, und vielleicht weil seine große Frömmigkeit ihn beschützte, war wiederum in Niedergeschlagenheit und Teilnahmslosigkeit zurückgesunken und sah nichts von diesen Dingen. Aber meine Knie begannen zu wanken, denn die purpurgekleideten Gestalten wurden jeden Augenblick deutlicher sichtbar, und ich konnte jetzt auch das Zischen des Harzes auf den Fackeln vernehmen. Sie schienen mich nicht zu sehen, denn ihre Augen waren auf Owen Aherne gerichtet, hie und da konnte ich sie seufzen hören, als wären sie in Sorge um seine Sorge, und mit einem Male hörte ich Worte, von denen ich nichts verstehen konnte, als daß es Worte der Sorge waren, süß, als wenn Unsterbliche zu Unsterblichen redeten. Dann schwenkte eine von den Gestalten ihre Fackel, und alle die Fackeln wurden geschwungen, und für einen Augenblick war es wie das Flattern des Gefieders eines gewaltigen, aus Flammen gebildeten Vogels, und eine Stimme wie aus ferner, luftiger Höhe rief: »Er hat sogar seine Engel der Torheit geziehen, und auch sie beugen sich und gehorchen, aber lasse dein Herz mit den unsrigen sich vermischen, die aus göttlicher Verzückung gewirkt sind, und deinen Leib mit unseren Leibern, die aus dem göttlichen Verstand gemacht sind!« Und an diesem Ausruf erkannte ich, daß der Orden von der Chymischen Rose nicht von dieser Welt war und daß er noch immer über die ganze Erde hin suchte, wo er Seelen in sein glitzerndes Netz einfangen konnte. Und als sich nun alle die Gesichter mir zuwandten und ich die sanften Augen sah und die unbewegten Augenlider, da war ich voll des Schreckens und vermeinte, sie würden nun ihre Fackeln gegen mich schleudern, auf daß alles, was mir teuer war, alles, was mich an die geistige und gesellige Ordnung kettete, ausgebrannt würde und meine Seele nackend und frierend zurückbleiben sollte, ausgesetzt den Stürmen, die von jenseits dieser Welt und von jenseits der Sternenwelt einherbliesen. Und dann rief eine schwache Stimme: »Warum fliehst du vor unsern Fackeln, die gemacht sind aus dem Holz der Bäume, unter denen Christus im Garten von Gethsemane geweint hat? Warum fliehst du vor unsern Fackeln, die gemacht sind aus süßem Holz, das, abgeschieden von der Welt, zu uns gekommen ist und das wir von alters her mit unserm Hauche erschaffen?«

Erst als die Haustür hinter meinen fliehenden Schritten sich geschlossen und der Lärm der Straße wieder zu meinen Ohren drang, kam ich zu mir selber und gewann wieder ein wenig Mut, und niemals mehr seit jenem Tage habe ich es gewagt, an Owen Ahernes Haus vorüberzugehen, obwohl ich glaube, daß er von den Geistern, deren Name Legion und deren Thron im unendlichen Abgrund ist, denen er gehorcht, ohne sie zu sehen, in ferne Länder getrieben worden ist.

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