Erzählung der Woche 3-2011


Heinrich von Kleist

Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken

Eine Anekdote

Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lichnowsky, ein heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins enthalten wolle. Er hielt auch, in der Tat, Wort, während drei Tage: ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, von einem Unteroffizier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken: › Pommeranzen! Pommeranzen! Pommeranzen!‹ Läut, Teufel, läut, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: ›Kümmel! Kümmel! Kümmel! – Kümmel! Kümmel! Kümmel!‹ Ich sage, zum Turm: bimmle du, daß die Wolken reißen – und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelturm herab: ›Anisette! Anisette! Anisette!‹ Was kostet das Glas, frag ich? Der Wirt spricht: Sechs Pfennige. Geb er her, sag ich – und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.«

Heinrich von Kleist

Charité-Vorfall

Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerat Herr K., in der Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der Geheimerat, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiderte: nein! die Beine wären ihm schon vor fünf Jahr, durch einen andern Doktor, abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrat zur Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor vierzehn Jahren ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der Geheimerat ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschädigt hätte? antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor sieben Jahren durch einen Doktorwagen zusammen gefahren worden. – Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Überfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. – Der Berichterstatter hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. – Übrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in acht nimmt, kann er noch lange leben.

Erzählung der Woche 49/2010


Lew Tolstoi (sein 100. Todestag war am 20.11.2010)

Die drei Tode

(Fortsetzung von hier)

4

Einen Monat später ragte auf dem Grabe der Entschlafenen eine steinerne Kapelle. Auf dem Grabe des Kutschers war aber noch immer kein Stein, und nur hellgrünes Gras sproß aus demHügel, dem einzigen Merkzeichen eines vergangenen Menschenlebens.

»Du begehst eine Sünde, Serjoga,« sagte einmal die Stationsköchin, «wenn du dem Fjodor den Stein nicht kaufst. Du sagtest immer, es ist Winter. Warum hältst du aber jetzt nicht dein Wort? Ich war ja dabei und habe es gehört. Er ist dir schon einmal im Schlafe erschienen; wenn du den Stein nicht kaufst, so kommt er wieder und würgt dich.«

»Ich weigere mich ja nicht«, entgegnete Serjoga. »Ich werde den Stein kaufen, wie ich es gesagt habe; ich werde einen für anderthalb Rubel kaufen. Ich habe es nicht vergessen, aber man muß ihn auch hertransportieren. Sobald wieder eine Gelegenheit in die Stadt ist, will ich ihn kaufen.«

»Du sollst ihm wenigstens ein Kreuz setzen. Hör auf mich!« mischte sich ein alter Kutscher ins Gespräch. »Es ist wirklich nicht schön. Seine Stiefel trägst du doch!«

»Wo soll ich denn ein Kreuz hernehmen? Aus einem Holzscheit kann ich es doch nicht zimmern!«

»Was redest du von einem Holzscheit? Nimm die Axt, geh am frühen Morgen in den Wald, hau eine kleine Esche um, und da hast du das Kreuz. Sonst müßtest du dem Waldhüter einen Schnaps geben; doch wo soll das hinaus, wenn man ihm wegen jeder Kleinigkeit Schnaps geben wollte? … Neulich hab ich eine Deichsel zerbrochen, hab mir eine ausgezeichnete neue gemacht, kein Mensch hat es gesehen.«

Am frühen Morgen vor Sonnenaufgang nahm Serjoga die Axt und ging in den Wald.

Auf Bäumen und Gräsern lag die kalte matte Decke des noch immer fallenden, von der Sonne beleuchteten Taues. Im Osten wurde es ganz allmählich hell, und das schwache Licht spiegelte sich in den leichten Wölkchen, die das Himmelsgewölbe umlagerten. Kein Grashälmchen unten am Boden, kein Blättchen in den höchsten Wipfeln der Bäume regte sich. Die Stille des Waldes wurde nur zuweilen von einem Flügelschlag im Dickicht oder von einem Rascheln am Boden gestört. Ein seltsamer, der Natur fremder Ton erklang plötzlich am Waldessaum und erstarb gleich darauf. Und wieder wurde der Ton vernehmbar, und er wiederholte sich gleichmäßig unten am Stamme eines der unbeweglichen Bäume. Einer der Wipfel erbebte ganz ungewöhnlich, seine saftigen Blätter flüsterten etwas, und eine Grasmücke, die auf einem der Zweige gesessen hatte, flatterte pfeifend zweimal auf und setzte sich, mit dem Schwanze wippend, auf einen anderen Baum.

Die Axt tönte unten dumpfer und dumpfer, saftige weiße Späne flogen auf das taubedeckte Gras, und durch die Schläge ließ sich ein leises Knarren vernehmen. Der Baum erzitterte am ganzen Körper, beugte sich nieder, richtete sich gleich wieder auf und schwankte erschrocken auf seinen Wurzeln. Für einen Augenblick wurde alles still, doch der Baum neigte sich wieder, in seinem Stamm krachte es, und er stürzte, die Äste brechend und die Zweige senkend, mit dem Wipfel auf die feuchte Erde. Die Axthiebe und die Schritte verstummten. Die Grasmücke flog pfeifend einige Zweige höher hinauf. Ein Zweig, den sie mit ihren Flügeln gestreift hatte, wiegte sich eine Weile hin und her und erstarb dann wie die anderen mit allen seinen Blättern. Die Bäume ragten nun schöner und freudiger mit ihren regungslosen Zweigen in den neuen Raum.

Die ersten Sonnenstrahlen schossen durch die leichten Wolken und durcheilten Himmel und Erde. In den Talgründen braute der Nebel, im Grase blinkte diamanten der Tau, durchsichtige weiße Wölkchen eilten über den immer blauer werdenden Himmel und verzogen sich. Im Dickicht regten sich Vögel, und sie zwitscherten wie weltvergessen etwas Seliges; saftige Blätter flüsterten freudig und ruhig in den Wipfeln, und die Zweige der lebendigen Bäume rauschten langsam und majestätisch über dem toten gesunkenen Baume.

-Ende-


Erzählung der Woche 48/2010


Lew Tolstoi (sein 100. Todestag war am 20.11.2010)

Die drei Tode

(Fortsetzung von hier)

3

Der Frühling war gekommen. In den nassen Straßen der Stadt rieselten zwischen den kotdurchsetzten Eisklumpen hurtige Bächlein; die Farben der Kleider und die Stimmen der Leute auf den Straßen schienen ungewöhnlich hell. In den Gärtchen hinter den Zäunen schwollen die Knospen der Bäume, und die Zweige wiegten sich kaum hörbar im frischen Winde. Überall flossen und tropften durchsichtige helle Tropfen … Die Spatzen piepsten und flatterten mit ihren kleinen Flügeln. Auf der Sonnenseite, auf Zäunen, Häusern und Bäumen war alles voller Bewegung und Licht. Der Himmel, die Erde und die Herzen der Menschen waren von einer fröhlichen, jugendfrischen Stimmung erfüllt.

In einer der Hauptstraßen war vor einem großen herrschaftlichen Hause auf dem Fahrdamm frisches Stroh ausgebreitet; im Hause lag dieselbe Kranke, die ins Ausland reisen wollte, im Sterben.

Vor der geschlossenen Tür des Krankenzimmers standen der Gatte und eine ältere Dame. Auf dem Sofa saß ein Geistlicher; er hatte die Augen gesenkt und hielt in den Händen das Beichttuch, in das etwas eingewickelt war. In einer Ecke lag in einem großen Lehnstuhl eine Greisin, die Mutter der Kranken, und weinte bitterlich. Neben ihr hielt ein Dienstmädchen ein sauberes Taschentuch bereit, um es ihr zu geben, wenn sie danach verlangte; ein zweites Dienstmädchen rieb der Alten die Schläfen und blies ihr unter die Haube auf dem greisen Kopf.

»Nun, der Heiland helfe Ihnen, liebe Freundin!« sagte der Gatte zu der älteren Dame, mit der er vor der Tür stand. »Sie hat ja solches Vertrauen zu Ihnen; Sie verstehen es so gut, mit ihr zu sprechen: versuchen Sie doch, es ihr zu sagen, meine Liebe, gehen Sie doch zu ihr hinein!« Er wollte ihr schon die Tür öffnen, die Cousine hielt ihn aber noch zurück, drückte das Tuch einigemal an die Augen und schüttelte den Kopf.

»So, jetzt sieht man wohl nicht, daß ich geweint habe?« fragte sie. Dann öffnete sie selbst die Tür und trat ins Krankenzimmer.

Der Gatte war stark erregt und schien gänzlich verstört. Er wollte zuerst auf die Greisin zugehen; als ihn aber nur noch wenige Schritte von ihr trennten, kehrte er um, ging durch das Zimmer und näherte sich dem Geistlichen. Der Geistliche blickte ihn an, hob die Augenbrauen und seufzte. Auch sein dichtes, leicht ergrautes Bärtchen hob und senkte sich.

»Mein Gott! Mein Gott!« sagte der Gatte.

»Was soll man machen?« sagte seufzend der Geistliche, und seine Augenbrauen und das Bärtchen hoben und senkten sich wieder.

»Auch Mamachen ist hier!« sagte der Gatte fast verzweifelt. »Sie wird es nicht überwinden. Denn wie sie sie liebt und wie sie an ihr hängt … ich weiß wirklich nicht. Hochwürden, wenn Sie wenigstens versuchen wollten, sie zu beruhigen und ihr zuzureden, daß sie von hier fortgehe.«

Der Geistliche erhob sich vom Sofa und ging auf die Greisin zu.

»Ein Mutterherz kann wahrlich niemand ergründen,« sagte er, »doch Gott ist barmherzig.«

Über das Gesicht der Greisin ging plötzlich ein Zucken, und sie bekam einen Anfall von hysterischem Schluchzen.

»Gott ist barmherzig,« fuhr der Geistliche fort, als sie sich etwas beruhigt hatte. »Ich will Ihnen sagen: in meiner Gemeinde war ein Kranker, mit dem es noch viel schlimmer stand als mit Maria Dmitrijewna; und was glauben Sie? Ein einfacher Kleinbürger hat ihn in kürzester Zeit mit Kräutern gesund gemacht. Und dieser selbe Kleinbürger hält sich jetzt zufällig in Moskau auf. Ich habe schon mit Wassili Dmitrijewitsch davon gesprochen, man könnte doch versuchen … Das wäre immerhin ein Trost für die Kranke. Bei Gott ist alles möglich.«

»Nein, sie wird nicht am Leben bleiben,« sagte die Greisin. »Statt mich zu sich zu nehmen, läßt Gott sie sterben.« Das hysterische Schluchzen wurde so stark, daß sie das Bewußtsein verlor.

Der Gatte der Kranken bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus dem Zimmer.

Im Korridor stieß er auf seinen sechsjährigen Jungen, der im Galopp dem jüngeren Schwesterchen nachlief.

»Befehlen Sie nicht, daß ich die Kinder zur Mama führe?« fragte die Kinderfrau.

»Nein, sie will sie nicht sehen. Es wird sie zu sehr aufregen.« Der Knabe blieb einen Augenblick stehen, musterte aufmerksam das Gesicht des Vaters, schlug dann mit dem Fuße aus und lief lustig weiter.

»Sie ist der Rappe, Papachen!« rief der Knabe, auf die Schwester zeigend.

Die Cousine saß unterdessen im andern Zimmer neben der Kranken und suchte sie durch klug berechnete Worte auf den Tod vorzubereiten. Der Arzt stand am Fenster und mischte einen Trank.

Die Kranke saß in weißem Morgenkleid, ganz von Kissen umgeben, im Bett und blickte die Cousine schweigend an.

»Ach, meine Liebe,« unterbrach sie sie plötzlich, »Sie brauchen mich gar nicht vorzubereiten. Halten Sie mich doch nicht für ein Kind. Ich bin eine Christin. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange zu leben habe, und ich weiß, daß ich jetzt in Italien wäre, wenn mein Mann früher auf mich gehört hätte; dann wäre ich vielleicht, oder sogar bestimmt, gesund. Das haben ihm alle gesagt. Jetzt ist aber nichts zu machen. Gott hat es offenbar so gewollt. Wir alle haben viele Sünden, ich weiß es; ich hoffe aber auf Gottes Barmherzigkeit: es wird allen verziehen werden, ja, ich bin davon überzeugt. Ich bemühe mich jetzt, mein Innerstes zu erforschen. Auch ich hatte viele Sünden auf dem Gewissen, meine Liebe. Doch wieviel habe ich dafür gelitten! Ich war immer bestrebt, meine Leiden geduldig zu ertragen…«

»Soll ich also den Geistlichen hereinrufen, meine Liebe? Wenn Sie die heiligen Sakramente empfangen, wird es Ihnen sicherlich leichter werden,« sagte die Cousine.

Die Kranke neigte zustimmend den Kopf.

»Gott sei mir Sünderin gnädig!« flüsterte sie.

Die Cousine ging hinaus und winkte dem Geistlichen.

»Sie ist ein wahrer Engel!«sagte sie mit Tränen in den Augen zu dem Gatten. Der Gatte begann zu weinen, der Geistliche ging ins Krankenzimmer, die Greisin war noch immer bewußtlos, und im ersten Zimmer wurde es vollkommen still. Nach fünf Minuten kam der Geistliche zurück, nahm sich das Beichttuch von der Schulter und strich sich mit der Hand das Haar zurück.

»Gott sei Dank, sie ist jetzt ruhiger,« sagte er, »sie wünscht Sie zu sehen.«

Die Cousine und der Gatte gingen hinein. Die Kranke weinte still in sich hinein, die Augen auf das Heiligenbild gerichtet.

»Gratuliere zum Empfang der heiligen Sakramente, meine Liebe!« sagte der Gatte.

»Hab Dank! Wie wohl ich mich jetzt fühle, welch unbegreifliche Süße ich empfinde!« sagte die Kranke, und ein leises Lächeln spielte um ihre seinen Lippen. »Wie Gott barmherzig ist! Nicht wahr? Er ist barmherzig und allmächtig!« Sie richtete ihre tränenvollen Augen wieder mit heißem Flehen auf das Heiligenbild.

Dann schien sie sich auf etwas zu besinnen. Sie winkte den Gatten näher zu sich heran.

»Du willst niemals tun, worum ich dich bitte«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Der Mann reckte den Hals und hörte ihr gespannt zu.

»Was denn, meine Liebe?«

»Wie oft habe ich dir gesagt, daß die Ärzte alle miteinander nichts verstehen; es gibt aber einfache Frauen aus dem Volke, die die schwersten Krankheiten heilen … Hochwürden hat mir eben von einem Kleinbürger erzählt … laß ihn holen.«

»Wen, meine Liebe?«

»Mein Gott, er will mich nicht verstehen! …« Die Kranke verzog das Gesicht und schloß die Augen.

Der Arzt trat an sie heran und ergriff ihre Hand. Der Puls wurde merklich schwächer und schwächer. Er winkte dem Gatten mit den Augen. Die Kranke bemerkte es und sah erschrocken auf. Die Cousine wandte sich weg und begann zu weinen.

»Weine nicht, quäle nicht dich selbst und mich,« sprach die Kranke, »das nimmt mir meine letzte Ruhe.«

»Du bist ein Engel!« sagte die Cousine, ihr die Hand küssend.

»Nein, küsse mich hier, nur den Toten küßt man die Hand. Mein Gott! Mein Gott!«

Am selben Abend war die Kranke eine Leiche, und die Leiche lag im Sarg im Saal des großen Hauses. Im großen Zimmer saß hinter verschlossenen Türen ganz allein der Küster und las näselnd und eintönig die Psalmen Davids. Das helle Licht der Wachskerzen in den hohen silbernen Leuchtern fiel auf die bleiche Stirn der Entschlafenen, auf ihre schweren wächsernen Hände und auf die gleichsam versteinerten Falten des Bahrtuches, unter dem sich die Kniee und die Fußspitzen unheimlich abzeichneten. Der Küster las eintönig, ohne ein Wort zu verstehen, und die Worte hallten seltsam durch den stillen Raum und erstarben. Ab und zu klangen aus einem entfernten Zimmer Kinderstimmen und Kinderschritte herüber.

»›Verbirgest du dein Angesicht, so erschrecken sie‹«, lautete der Psalm. »›Du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lassest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und erneuerst die Gestalt der Erde. Die Ehre des Herrn ist ewig‹«

Das Antlitz der Verstorbenen war streng und majestätisch. Weder auf der klaren kalten Stirn noch auf den fest geschlossenen Lippen regte sich etwas. Sie war ganz Spannung. Aber verstand sie wenigstens jetzt diese erhabenen Worte?

Erzählung der Woche 47/2010


Lew Tolstoi
(100. Todestag war am 20.11.2010)

Die drei Tode

(Fortsetzung von hier)

2

Die Kutsche war angespannt, aber der Postillion ließ noch auf sich warten. Er war in die Kutscherstube gegangen. In der Stube war es heiß, dumpf, finster und schwül, es roch nach Ausdünstungen vieler Menschen, frisch gebackenem Brot, Kohl und Schafpelzen. Einige Fuhrknechte standen in der Stube herum, am Ofen machte sich die Köchin zu schaffen, und auf dem Ofen lag auf mehreren Schaffellen ein Kranker.

»Onkel Fjodor! He, Onkel Fjodor!« sagte der junge Postillion, der im Schafpelz, mit der Peitsche im Gürtel in die Stube trat und sich dem Kranken zuwendete.

»Was willst du vom Fjodor, du Taugenichts?« rief einer der Fuhrknechte. »Du weißt ja, daß man auf dich dort bei der Kutsche wartet.«

»Ich will ihn um seine Stiefel bitten; meine sind zerrissen«, erwiderte der Bursche, indem er das Haar zurückwarf und an den Handschuhen, die im Gürtel steckten, nestelte. »Schläft er gar? He, Onkel Fjodor!« wiederholte er, zum Ofen tretend.

»Was gibts? « fragte eine schwache Stimme, und ein ausgemergeltes, rotbärtiges Gesicht beugte sich über den Ofenrand. Eine große, hagere, bleiche, behaarte Hand bemühte sich, den Pelz über die eckige Schulter zu ziehen, die von einem schmutzigen Hemd bedeckt war. »Gib mir zu trinken, Bruder … Was willst du?«

Der Bursche reichte ihm den Wasserkrug.

»Weißt du, Fedja,« sagte er verlegen, »weißt du, du brauchst wohl deine neuen Stiefel nicht mehr; gib sie mir, du wirst sie doch wohl nie tragen.«

Der Kranke senkte den müden Kopf zum glasierten Tonkruge, tauchte den dünnen herabhängenden Schnurrbart in das dunkle Wasser und trank in schwachen, doch gierigen Zügen. Sein wirrer Bart war unsauber, und die eingefallenen trüben Augen blickten mit Mühe auf den Burschen. Nachdem er getrunken hatte, wollte er die Hand heben, um die feuchten Lippen abzuwischen, doch er hatte nicht die Kraft dazu und wischte sich den Mund am Ärmel seines Filzmantels ab. Er blickte schweigend und schwer durch die Nase atmend dem Burschen in die Augen und schien alle seine Kräfte zu sammeln.

»Hast du sie vielleicht schon jemand versprochen?« fuhr der Postillion fort. »Das wäre schade. Denn siehst du: draußen ist es naß, und ich muß fahren. Da dachte ich mir: ich will halt den Fedja um seine Stiefel bitten, er braucht sie wohl nicht mehr. Vielleicht brauchst du sie doch, sag es nur…«

In der Brust des Kranken begann es zu kollern und zu röcheln; er beugte sich vor, ein dumpfer Hustenanfall, der nicht recht zum Ausbruch kommen wollte, würgte ihn.

»Wozu soll er denn noch die Stiefel brauchen?« begann plötzlich die Köchin mit keifender Stimme durch das ganze Zimmer zu schnattern. »Schon den zweiten Monat kommt er nicht vom Ofen herunter. Du hörst doch, wie er hustet! Es tut mir auch selbst in der Lunge weh, wenn ich es nur mit anhöre. Was soll er noch mit den Stiefeln anfangen? In neuen Stiefeln wird man ihn doch nicht begraben! Es wäre aber schon längst Zeit, Gott verzeihe mir die Sünde! Du hörst doch, wie er sich quält! Man sollte ihn in eine andere Stube bringen oder sonstwohin! In der Stadt soll es Krankenhäuser für solche Leute geben. Hier hat er aber eine ganze Ecke eingenommen und rührt sich nicht vom Fleck; darf denn das sein? Er nimmt nur den andern den ganzen Raum weg. Und da verlangt man von mir auch noch Sauberkeit!«

»He, Serjoga! Geh auf deinen Posten, die Herrschaften warten!« rief der Oberpostillion durch die Tür herein.

Serjoga wollte schon gehen, ohne die Antwort abzuwarten, doch der Kranke gab ihm während des Hustenanfalls mit den Augen zu verstehen, daß er antworten wolle.

»Nimm dir die Stiefel, Serjoga«, sagte er, als er den Husten unterdrückt und ein wenig ausgeruht hatte. »Doch hör, einen Stein sollst du mir kaufen, wenn ich einmal tot bin,« fügte er heiser hinzu.

»Danke, Onkel, ich nehme also die Stiefel, und den Stein werde ich dir, so wahr Gott lebt, kaufen.«

»Ihr habt es gehört, Kinder,« konnte der Kranke noch sagen. Dann beugte er sich wieder zurück und bekam einen neuen Hustenanfall.

»Ist schon recht, wir haben es gehört,« bestätigte einer von den Kutschern. »Geh doch hin, Serjoga, auf deinen Bock, da kommt schon wieder der Ober gelaufen. Du hast doch die kranke Gutsfrau von Schirkino zu fahren.«

Serjoga warf schnell seine zerrissenen, ihm viel zu großen Stiefel ab und schleuderte sie unter die Bank. Die neuen Stiefel Fjodors paßten ihm ausgezeichnet. Während er zur Kutsche ging, bewunderte er sie an seinen Beinen.

»Das nenn ich Stiefel! Komm, ich will sie dir schmieren,« sagte ein Kutscher, der mit dem Teerpinsel in derHand vor der Kutsche stand, während Serjoga auf den Bock kletterte und die Zügel in die Hand nahm. »Hat er sie dir umsonst gegeben? «

»Bist du vielleicht neidisch?« entgegnete Serjoga,indem er sich erhob und die Schöße des Mantels an den Beinen zurücklegte.

»Laß mich in Ruhe! Los, meine Lieben!« rief er den Pferden zu, holte mit der Peitsche aus, und beide Wagen mit ihren Insassen, Koffern und Reisetaschen rollten schnell über die nasse Landstraße dahin und verschwanden im grauen Herbstnebel.

Der kranke Kutscher war in der dumpfen Stube auf dem Ofen liegen geblieben. Es gelang ihm nicht, sich ordentlich auszuhusten; schließlich drehte er sich mit großer Mühe auf die andere Seite und wurde still.

In der Kutscherstube war bis zum Abend ein Kommen und Gehen, man aß zu Mittag – den Kranken hörte man nicht. Vor Nacht kroch die Köchin auf den Ofen, beugte sich über seine Füße hinüber und holte sich einen Schafpelz.

»Sei mir nicht böse, Nastassja!« sagte der Kranke. »Ich werde dir bald deinen Ofen räumen.«

»Es ist schon gut, ich hab ja nichts gesagt,« murmelte Nastassja. »Was tut dir weh, Onkel? Sags doch!«

»Das ganze Innere tut mir weh. Gott weiß, was das ist!«

»Dir tut wohl auch die Kehle weh, wenn du hustest?«

»Alles tut mir weh. Mein Tod ist gekommen, das ist es. Ach, ach, ach!« stöhnte der Kranke.

»Du mußt dir die Beine so zudecken,« sagte Nastassja, indem sie vom Ofen kletterte und dabei dem Kranken den Mantel über die Beine zog.

Nachts brannte in der Stube ein schwaches Nachtlicht. Nastassja und etwa zehn Fuhrknechte schnarchten auf dem Fußboden und auf den Bänken. Der Kranke allein schlief nicht: er röchelte schwach, hustete und wälzte sich hin und her. Gegen Morgen wurde er ganz still.

»Einen merkwürdigen Traum habe ich heute nacht gehabt«, sagte die Köchin, als sie sich in der Morgendämmerung aus dem Schlafe reckte. »Mir träumte, Onkel Fjodor stieg vom Ofen herunter und ging hinaus, um Holz zu hacken. ›Laß mich, Nastassja,‹ sagte er, ›ich will dir helfen.‹ Und ich sagte zu ihm: ›Du willst Holz hacken, wo du so krank bist?‹ Er nimmt aber die Axt und hackt so schnell, daß die Späne nur so fliegen. ›Was,‹ sage ich zu ihm, ›du bist doch krank gewesen?‹ ›Nein,‹ sagt er, ›ich bin gesund.‹ Und wie er mit der Axt ausholt, wird mir ganz angst und bange. Ich schreie auf und erwache. Ist er am Ende gestorben? Onkel Fjodor! He, Onkel!«

Fjodor gab keine Antwort.

»Ist er vielleicht doch tot? Man muß einmal nachsehen«, sagte einer von den Kutschern, die eben erwachten.

Die magere, mit rötlichen Haaren bedeckte Hand hing kalt und bleich vom Ofen herunter.

»Man muß es dem Aufseher melden. Er scheint wirklich tot zu sein«, sagte der Kutscher.

Fjodor hatte weder Verwandte noch sonst jemand: er stammte aus einer fernen Gegend. Man begrub ihn am nächsten Tage auf dem neuen Kirchhof hinter dem Wäldchen, und Nastassja erzählte noch mehrere Tage nacheinander allen, die es hören wollten, den Traum, den sie gehabt, und daß sie die erste gewesen, der es am Morgen eingefallen war, nach Fjodor zu sehen.