Gedicht der Woche 08/2010


Johann Gottfried Seume

Der Wilde

(Die Gastfreundschaft des
Huronen)

Ein Kanadier, der noch Europens
übertünchte Höflichkeit nicht kannte
und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,
von Kultur noch frei, im Busen fühlte,
brachte, was er mit des Bogens Sehne
fern in Quebeks übereisten Wäldern
auf der Jagd erbeutet, zum Verkaufe.
Als er ohne schlaue Rednerkünste,
so wie man ihm bot, die Felsenvögel
um ein Kleines hingegeben hatte,
eilt er froh mit dem geringen Lohne
heim zu seinen tiefbedeckten Horden,
in die Arme seiner braunen Gattin.

Aber ferne noch von seiner Hütte
überfiel ihn unter freiem Himmel
schnell der schrecklichste der Donnerstürme.
Aus dem langen rabenschwarzen Haare
troff der Guß herab auf seinen Gürtel,
und das grobe Haartuch seines Kleides
klebte rund an seinem hagern ‚Leibe.
Schaurig zitternd unter kaltem Regen
eilt der gute wackre Wilde
in ein Haus, das er von fern erblickte.
»Herr, ach laßt mich, bis der Sturm sich leget,«
bat er mit der herzlichsten Gebärde
den gesittet seinen Eigentümer,
»Obdach hier in Eurem Hause finden!« –
»Willst du mißgestaltes Ungeheuer,«
schrie ergrimmt der Pflanzer ihm entgegen,
»willst du Diebsgesicht mir aus dem Hause!«
und ergriff den schweren Stock im Winkel.

Traurig schritt der ehrliche Hurone
fort von dieser unwirtbaren Schwelle,
bis durch Sturm und Guß der späte Abend
ihn in seine friedliche Behausung
und zu seiner braunen Gattin brachte.
Naß und müde setzt er bei dem Feuer
sich zu seinen nackten Kleinen nieder
und erzählte von den bunten Städtern
und den Kriegern, die den Donner tragen,
und dem Regensturm. der ihn ereilte,
und der Grausamkeit des weißen Mannes.
Schmeichelnd hingen sie an seinen Knien,
schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken,
trockneten die langen schwarzen Haare
und durchsuchten seine Weidmannstasche,
bis sie die versprochnen Schätze fanden.

Kurze Zeit darauf hatt‘ unser Pflanzer
auf der Jagd im Walde sich verirret.
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche
stieg er schwer auf manchen jähen Felsen,
um sich umzusehen nach dem Pfade,
der ihn tief in diese Wildnis brachte.
Doch sein Spähn und Rufen war vergebens;
nichts vernahm er als das hohle Echo
längs den hohen schwarzen Felsenwänden.
Ängstlich ging er bis zur zwölften Stunde,
wo er an dem Fuß des nächsten Berges
noch ein kleines, schwaches Licht erblickte;
Furcht und Freude schlug in seinem Herzen,
und er faßte Mut und nahte leise.
»Wer ist draußen?« brach mit Schreckenstone
eine Stimme tief her aus der Höhle,
und ein Mann trat aus der kleinen Wohnung.
»Freund, im Walde hab‘ ich mich verirret,«
sprach der Europäer fürchtsam schmeichelnd,
»gönnet mir, die Nacht hier zuzubringen,
und zeigt nach der Stadt, ich werd‘ Euch danken,
morgen früh mir die gewissen Wege.«

»Kommt herein,« versetzt der Unbekannte,
»wärmt Euch; noch ist Feuer in der Hütte!«
Und er führt ihn auf das Binsenlager,
schreitet finster trotzig in den Winkel,
holt den Rest von seinem Abendmahle,
Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken,
um den späten Fremdling zu bewirten.
Mit dem Hunger eines Weidmanns speiste,
festlich wie bei einem Klosterschmause,
neben seinem Wirt der Europäer.
Fest und ernsthaft schaute der Hurone
seinem Gaste spähend auf die Stirne,
der mit tiefem Schnitt den Schinken trennte
und mit Wollust trank vorn Honigtranke,
den in einer großen Muschelschale
er ihm freundlich zu dem Mahle reichte.
Eine Bärenhaut auf weichem Moose
war des Pflanzers gute Lagerstätte,
und er schlief bis in die hohe Sonne.

Wie der wilden Zone wildster Krieger
schrecklich stand mit Köcher, Pfeil und Bogen
der Hurone jetzt vor seinem Gaste
und erweckt ihn, und der Europäer
griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre:
und der Wilde gab ihm eine Schale,
angefüllt mit süßem Morgentranke.
Als er lächelnd seinen Gast gelabet,
bracht er ihn durch manche lange Windung,
über Stock und Stein, durch Tal und Bäche,
durch das Dickicht auf die rechte Straße.

Höflich dankte fein der Europäer.
Finsterblickend blieb der Wilde stehn,
sahe starr dem Pflanzer in die Augen,
sprach mit voller, fester, ernster Stimme:
»Haben wir vielleicht uns schon gesehen?«
Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger
und erkannte nun in seinem Wirte
jenen Mann, den er vor wenig Wochen
in dem Sturmwind aus dem Hause jagte,
stammelte verwirrt Entschuldigungen.
Ruhig lächelnd sagte der Hurone:
»Seht, ihr fremden, klugen, weißen Leute,
seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!«
und er schlug sich seitwärts in die Büsche.

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2 Kommentare zu „Gedicht der Woche 08/2010

  1. Zwar Herrn Seumes weißer Zeigefinger
    wirkt auf mich ein Weniges possierlich,
    und es scheint die Mär vom edlen Wilden
    nicht so recht wahrscheinlich meinem Denken.
    Trotzdem bin ich froh, daß dies vergessne
    Werk Du zeigst als Zeugnis jener Sehnsucht
    nach Arkadiens Wildnis, seiner Sanftheit,
    die ich selbst oft lobe und besinge.

  2. Ich habe jetzt den Autoren mit seiner Biografie auf wikipedia verknüpft, Seume hatte – im Gegensatz zu Karl May – durchaus eigene Anschauungen sammeln können, wenn auch ungewollt.
    Dass bei der Beurteilung des „Erspähten“ noch Ideale der Rousseauschen Prägung
    eine Rolle spielten,liegt in der menschlichen Natur.

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