Der Gelassenheitsspruch


…kam mir heute urplötzlich in den Sinn. Eigentlich ist es ein kurzes Gebet, es geht folgendermaßen:

berlinmorgen-007

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann und die Weisheit,
das eine von dem anderen zu unterscheiden.

Gott gebe mir Geduld mit Veränderungen,
die ihre Zeit brauchen und Wertschätzung für alles,
was ich habe; Toleranz gegenüber jenen mit
anderen Schwierigkeiten und die Kraft,
aufzustehen und es wieder zu versuchen.


Dieses Gebet, dessen erste Strophe in vielen Selbsthilfegruppen, nicht nur bei den Anonymen Alkoholikern, als Eröffnungsritual aufgesagt wird, ist weit bekannt.
Ich kenne sogar eine atheistische Version, bei der >Gott< durch >man< ersetzt wurde – was ich irgendwie lächerlich fand, weil man sich in der Aussage so einer diffusen dritten Person ausliefert, von der man Gelassenheit als Geschenk erwartet und somit die eigene Person zurücknimmt.
Soweit sollten Atheisten doch standfest in ihrer Weltanschauung sein, dass, wenn ihnen die Aussage eines Gebetes gefällt, sie es auch so rezitieren können, ohne vom (Nicht)Glauben abzufallen.

Das Gebet wurde irgendwann von irgendwem dem evangelischem Pfarrer Friedrich Christoph Oetinger (1702 bis 1782) zugeschrieben, der ein Vertreter des württembergischen Pietismus war und wurde so nun ständig aufgeführt.
Aber die Sprache der Verse passt nicht zur Sprache seiner Zeit und nie wurde das schöne Gebet von irgendwelchen Zeitgenossen oder Nachkommenden zitiert, so dass es literarisch vor dem 20. Jahrhundert aufgetaucht wäre.

Deshalb schließe ich mich der Meinung an, dass zumindest die erste Strophe des Gebets von Reinhold Niebuhr geschaffen wurde, einem bekannten amerikanischen Theologen, Philosophen und Politikwissenschaftler.
Für diese These spricht auch, dass es in Europa erst durch die Selbsthilfegruppen bekannt wurde.

Egal, wer nun der Urheber des Gebetes ist, die inhaltliche Aussage ist im Pietismus und in den Selbsthilfegruppen beheimatet und Volksgut geworden. Erinnert mich an Märchen, deren geistige Urheber irgendwann nicht mehr zu entdecken sind, deren Inhalt aber in „aller Munde“.

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7 Kommentare zu „Der Gelassenheitsspruch

    1. Meerschreibfrau – passt! In jeder Hinsicht 😉 So schade, dass das Meer in deinem Namen nicht (noch nicht) als Papier-Buchausgabe zu haben ist, würde ich so gerne meiner Mutter schenken…

  1. …und wem Gott als höhere Macht noch nicht nah genug ist, der kann auch statt „Gott gebe mir“ sagen „Ich arbeite an „

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