Gedicht der Woche 45/2012


Im Reich der Interpunktionen

Hans Christian Morgenstern

Im Reich der Interpunktionen
nicht fürder goldner Friede prunkt:

Die Semikolons werden Drohnen
genannt von Beistrich und von Punkt.

Es bildet sich zur selben Stund
ein Antisemikolonbund.

Die einzigen, die stumm entweichen
(wie immer), sind die Fragezeichen.

Die Semikolons, die sehr jammern,
umstellt man mit geschwungnen Klammern

und setzt die so gefangnen Wesen
noch obendrein in Parenthesen.

Das Minuszeichen naht, und – schwapp!
da zieht es sie vom Leben ab.

Kopfschüttelnd blicken auf die Leichen
die heimgekehrten Fragezeichen.

Doch, wehe! neuer Kampf sich schürzt:
Gedankenstrich auf Komma stürzt –

und fährt ihm schneidend durch den Hals,
bis dieser gleich – und ebenfalls

(wie jener mörderisch bezweckt)
als Strichpunkt das Gefild bedeckt!…

Stumm trägt man auf den Totengarten
die Semikolons beider Arten.

Was übrig von Gedankenstrichen,
kommt schwarz und schweigsam nachgeschlichen.

Das Ausrufszeichen hält die Predigt;
das Kolon dient ihm als Adjunkt.

Dann, jeder Kommaform entledigt,
stapft heimwärts man, Strich, Punkt, Strich, Punkt …

 

Gedicht der Woche 46/2010


Entschuldigung

Kam einst ein englischer Kapitan
Zu Stambul in dem Hafen an,
Der wollte nach der langen Fahrt
Sich gütlich tun nach seiner Art,
Und in Stambuls krummen Gassen
Vor den Leuten sich sehen lassen.
Hatte auch weit und breit gehört,
Wie die Türken so schöne Pferd,
Reiche Geschirr und Sättel haben;
Wollte auch wie ein Türke traben,
Und bestellt auf abends um vier
Ein recht feurig arabisch Tier.
Ziehet sich an im höchsten Staat,
Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,
Schwärzt den Bart um Wange und Maul
Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.
Drauf, als er reitet durch das Tor,
Kam es den Türken komisch vor,
Hatten noch keinen Reiter gesehn
Wie den englischen Kapitän;
Die Knie hatt er hinaufgezogen,
Und seinen Rücken krumm gebogen,
Die Brust mit den Tressen eingedrückt,
Auch den Kopf tief herabgebückt,
Saß zu Pferd wie ein armer Schneider.
Doch der Schiffskapitän ritt weiter,
Glaubte getrost die Türken lachen
Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.
So ritt er bis zum großen Platz,
Da macht der Araber einen Satz
Und steigt; der englische Kapitän
Ergreift des Arabers lange Mähn,
Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen,
Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;
Das Roß den Reiter nicht verstand,
Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.
Die Türken den Rotrock sehr beklagen,
Haben ihn auch zu Schiff getragen,
Und seinem Dragoman, einem Scioten,
Haben sie hoch und streng verboten,
Er dürf′s nimmer wieder leiden,
Daß der Herr den Araber tät reiten.
Als sie verlassen den Kapitan,
Befiehlt er gleich dem Dragoman,
Ihm auf englisch auszudeuten,
Was er gehört von diesen Leuten.
Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,
Sie glauben Ihr seid ein schlechter Reiter,
Wollen Ihr sollt in Stambuls Gassen
Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«
Des hat sich der Kapitän gegrämt
Und vor den Türken sehr geschämt.
Spricht zum Dragoman: »Geh hinein
Und sage den Türken, es kommt vom Wein.
Der Herr ist sonst ein guter Reiter,
Aber heut an der Tafel, leider,
Hat er sich ziemlich im Sekt betrunken,
Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«
Der Grieche ging zum Hafentor
Und trug den Türken die Sache vor.
Doch diese hören ihn schaudernd an:
»Wir glaubten Gutes vom roten Mann,
Und dachten er sitze schlecht zu Pferd,
Weil′s ihn sein Vater nicht besser gelehrt;
Aber wie! vom Weine betrunken,
Ist er im Rausche vom Pferd gesunken!
Pfui dem Giaur und seinem Glas,
Allah tue ihm dies und das!«
Da sprach ein alter Muselmann:
»Glaubt′s nicht Leute, höret mich an,
Nicht weil der Frank zu viel getrunken,
Ist er schmählich vom Roß gesunken.
Hab gleich gedacht es wird so gehn,
Als ich ihn habe reiten sehn,
Die Knie hoch hinaufgezogen,
Den Rücken krumm und schief gebogen,
Die Brust mit Tressen eingedrückt,
Kopf und Nacken niedergebückt.
Denk ich, wenn sein Rößlein scheut,
Ihn sein Reiten gewiß gereut.
Aber nein, ich will euch sagen,
Warum er wollte den Wein verklagen,
Und stellt sich lieber als Säufer gar
Denn als ein schlechter Reiter dar.
Das macht des Menschen Eitelkeit,
Die ihn zu Trug und Lug verleit′.
Will mancher lieber ein Laster haben,
Hätt er nur andere glänzende Gaben;
Und mancher lieber eine Sünd gesteht,
Eh er eine Lächerlichkeit verrät;
Ein dritter will gar zur Hölle fahren,
Um sich ein falsch Erröten zu sparen.
So auch der fränkische Kapitan,
Schämt sich und lügt uns lieber an,
Will lieber Säufer sich lassen schelten,
Als für einen schlechten Reiter gelten.«
Wilhelm Hauff
(* 29.11.1802 , † 18.11.1827)

nur für mich Geburtstagsgedichte


Und weil ich heut Geburtstag hab
Da hab ich mir gedacht
Poetron macht mir ein Gedicht
Weil es sonst keiner macht.

Doch als ich das Ergebnis las
Da bin ich ausgetickt
So ungeschminkt sprach man noch nie
zu mir ,  ich bin geknickt.

Poetron, die Dichtmaschine findet man  hier, man füttere sie nur mit Subjekt, Objekt, Verb und Adjektiv, dann legt sie los. Das da unten hat sie für mich geschaffen, ich habe es nur minimal bearbeiten müssen…

meine Lieblingspoetronergüsse sind farbig markiert

Geburtstage

freut euch Geburtstage
ja ihr Geburtstage
freut und hopst
so wie Bettina!
aber hopst sechsundfünfzig – EUCH
wirr doch nimmermehr blausam
ihr Geburtstage
seid sechsundfünfzig
so sechsundfünfzig
allezeit

                            Gedicht Nummer 2838939

Geburtstag für Bettina

Es war ein Geburtstag
Im Bett ach so sechsundfünfzig
Ach so arm
Doch die Intrige
Nicht im Bett, doch unter der Welt
Die war so frei
Und so – ach oweih?

He, Bettina!
Die Götter sind allzeit so fern!

                            Gedicht Nummer 2838942

Geburtstag

Feiern oder lästern…
Geburtstag erfordern!
Sie feiern!

Ach sechsundfünfziges Jahr…
Oh grame Zeit,…
Geburtstage rollen!

Bettina ist sechsundfünfzig!
Bettina ist zerknickt!
Und froh!
Und alles ist gerecht!

                            Gedicht Nummer 2838945

Geburtstag

Feier dich Geburtstag
oh du Geburtstag
feier und wimmer Bettina!
Bettina! Du bist gemeint!
ja, wimmer sechsundfünfzig
wahnsinnig aber doch duftig
Dein Geburtstag !
Sei sechsundfünfzig,
so sechsundfünfzig
allezeit !

                            Gedicht Nummer 2838954

Geburtstag für Bettina

Es fand ein Geburtstag
Im Kühlschrank ganze sechsundfünfzig
Fast nur intelligent
Doch der Tag
Nicht im Kühlschrank, doch jenseits der Nacht
Der war stark
Da wurde es begierig

He, Bettina!
Erzittre vor Wut!

                            Gedicht Nummer 2838955

Gedicht der Woche 18/2010


Alles neu macht der Mai
macht die Seele frisch und frei,
kommt heraus, lasst das Haus,
windet einen Strauß!
Rings erglänzte Sonnenschein,
durftend prangen Flur und Hain,
Vogelsang, Hörnerklang
tönt den Wald entlang.

Wir durchziehen Saatengrün!
Haine, die ergätzend blüh´n!
Waldespracht, neu gemacht
nach des Winters Nacht.
Dort im Schatten an dem Quell
rieselnd munter silberhell,
Klein und Groß ruht im Moos,
wie im weichen Schoß.

Hier und dort, fort und fort,
wo wir ziehen, Ort für Ort,
weit und breit, alles freut
sich der schönen Zeit.
Stimmet Jubellieder an!
Singe jeder wie er kann:
Alles neu, frisch und frei
macht der holde Mai.

Hermann Adam von Kamp

Gedicht der Woche 15/2010


Ein dickes Brett

Zeitgenossen gibt es viele,
überall, mal schlau, mal dumm.
Treten täglich ihre Mühle,
treten auch auf dir herum.

Haben immer was zu sagen,
gestern, heute, jeder Zeit.
Schwadronieren, haben Fragen,
zetern alles lang und breit.

Du brauchst Ruhe, ja Genesung:
Lass mich doch, lass mich doch gehen!
Labern rum wie bei `ner Lesung,
Du, du sollst es noch verstehn.

Man(n), ich bin heut nicht gut drauf,
habe wirklich keinen Bock!
Doch er hört und hört nicht auf,
merkt er´s nicht? Ich geh am Stock.

Jetzt will er mich überzeugen,
langsam wird die Sache ernst.
Manche Wahrheit kann er beugen
– höre ihn, empfinde Schmerz.

Höflich möcht ich mich entfernen:
Du, ist gut, lass einfach stecken!
Habe Grimm in den Gedärmen,
denk an Kletten, Leim und Zecken.

Dieser Typ will sich entfalten,
dazu braucht er gerade mich.
Scheut sich nicht, das Haar zu spalten.
Kann er machen gern, für sich.

Horch, es tönt ein leises Brummen:
Könnte das sein Handy sein?
Sehe ihn abrupt verstummen,
wär´ das gut, käm´ richtig fein.

Ei, wir könn´ nicht weitermachen;
ich werd dringend da gebraucht!
Gestik, Mimik, ich muss lachen,
wenn der wüsstest, wie er schlauchst!

Zeitgenossen gibt es reichlich,
manche sind auch richtig nett.
Andren ist das Hirn leicht weichlich,
hab´n vorm Kopf ein dickes Brett

Mauritius Mense

AnnaK. Tarot
4 Kelche aus dem Anna K. Tarot

Gedicht der Woche 12/2010


März

Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Dass von den Blümlein allen,
Dass von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.

Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein.

Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832)