Es gibt Tage, an denen man dünnhäutiger ist


Dünnhäutigkeit an manchen Tagen zu haben – das kennen viele. Ich habe sie zur Zeit öfter, gerade auch. Das geht soweit, dass ich keine Nachrichten oder journalistische Sendungen mehr sehen kann oder will.

Letztens fiel mir ein Gedicht von Erich Kästner in die Hände, das mein augenblickliches Empfinden gegen diesen täglichen Wahnsinn in den Nachrichten auf den Punkt bringt.

TROSTLIED IM KONJUNKTIV
Wär ich ein Baum, stünd ich droben am Wald.
Trüg Wolke und Stern in den grünen Haaren.
Wäre mit meinen dreihundert Jahren
noch gar nicht sehr alt.

Wildtauben grüben den Kopf untern Flügel.
Kriege ritten und klirrten im Trab
querfeldein und über die Hügel
ins offene Grab.

Humpelten Hunger vorüber und Seuche.
Kämen und schmölzen wie Ostern und Schnee.
Läg ein Pärchen versteckt im Gesträuche
und tät sich süss weh.

Klängen vom Dorf her die Kirmesgeigen.
Ameisen brächten die Ernte ein.
Hinge ein Toter in meinen Zweige
und schwänge das Bein.

Spränge die Flut und ersäufte die Täler.
Wüchse Vergissmeinnicht zärtlich am Bach.
Alles verginge wie Täuschung und Fehler
und Rauch überm Dach.

Wär ich ein Baum, stünd ich droben am Wald.
Trüg Wolke und Stern in den grünen Haaren.
Wäre mit meinen dreihundert Jahren
noch gar nicht sehr alt….

Erich Kästner

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Ein Kommentar zu „Es gibt Tage, an denen man dünnhäutiger ist

  1. Das Gedicht ist sehr schön, und ich wäre nie und nimmer drauf gekommen, daß es von Kästner ist.
    Ich selbst mag auch nicht mehr hinschauen, wo gerade wieder gemetzelt wird.

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