Das Talglicht – ein wiedergefundenes Märchen-Frühwerk von Andersen?


Der WDR2 berichtet, dass  ein unbekanntes Märchen In Dänemark von Andersen entdeckt wurde, ein Frühwerk mit dem Titel „Das Talglicht“.
Ein typisches Andersenthema ist es ja, denn „Das Talglicht“ handelt von einem Licht, das sich seines Wertes nicht bewusst ist, bis eine Streichholzschachtel seine Fähigkeiten erkennt und es zum Brennen bringt. Hier der ganze Text:

Das Talglicht

Es knisterte und zischte, als Flammen den Tiegel erhitzten. Es war der Halter des Talglichts – und aus dem warmen Halter erwuchs eine makellose Kerze, fest, scheinend weiß und dünn. Sie war in einer Weise geformt, die jeden, der sie sah, glauben ließ, dass sie ein Versprechen für eine helle und strahlende Zukunft sei. Versprechen, von denen jeder, der sie anschaute, glaubte, dass die Kerze sie wirklich halten und erfüllen wolle.

Das Schaf – ein feines, kleines Schaf – war die Mutter der Kerze und der Schmelztiegel ihr Vater. Die Mutter hatte ihr einen scheinenden weißen Körper und eine Vorahnung auf das Leben mitgegeben, aber von seinem Vater wurde ihr ein heftiges Verlangen nach dem flammenden Feuer mitgegeben, das ihr schließlich durch Mark und Bein gehen und ein Leben lang in ihr scheinen würde.

So wurde sie geboren und wuchs heran und goss sich selbst mit der besten und strahlendsten Erwartung ins Leben. Dort traf sie so viele, viele seltsame Dinge, mit denen sie sich beschäftigte, weil sie das Leben kennenlernen wollte – und vielleicht den Platz, an den sie am besten passen würde. Aber sie hatte zu viel Vertrauen in die Welt, die sich nur um sich selbst kümmerte und überhaupt nicht um das Talglicht. Eine Welt, die den Wert der Kerze nicht verstand und sie deshalb für eigene Zwecke nutzen wollte, indem sie die Kerze falsch hielt, und schwarze Finger immer größere Flecken auf ihrer makellosen weißen Unschuld hinterließen, die schließlich ganz verschwand und sie vollständig von dem Dreck einer sie umgebenden Welt bedeckt war, die viel zu nah gekommen war; viel dichter, als es die Kerze ertragen konnte, weil sie nicht in der Lage war, Ruß von Reinheit zu unterscheiden – obwohl sie im Inneren makellos und unbeschmutzt geblieben war.

Falsche Freunde merkten, dass sie nicht ihr inneres Selbst erreichen konnten und warfen die Kerze als nutzlos weg.

Die schmutzige Außenhülle hielt alle Guten fern – sie fürchteten, vom Ruß und den Flecken beschmutzt zu werden – und sie blieben weg.

Da war also das arme Talglicht, einsam und alleingelassen und ratlos darüber, was zu tun sei. Von den Guten abgelehnt, bemerkte es nun, dass es ein Werkzeug war, um die Bösen zu unterstützen. Es fühlte sich so unglaublich unglücklich, weil es sein Leben für keinen guten Zweck verbracht hatte – tatsächlich hatte es vielleicht die besseren Teile seiner Umgebung beschmutzt. Es konnte einfach nicht herausfinden, warum es geschaffen wurde oder wo es hingehörte, warum es auf diese Erde gesetzt wurde – vielleicht, um sich selbst und andere zu ruinieren.

Mehr und mehr und tiefer und tiefer dachte es nach – aber je mehr es sich betrachtete, desto niedergeschlagener wurde es. Es fand nichts Gutes, keinen wirklichen Inhalt für sich selbst, kein wirkliches Ziel für die Existenz, die ihm bei seiner Geburt gegeben wurde. Als ob der rußgeschwärzte Umhang auch seine Augen bedeckt hätte.

Aber dann traf es eine kleine Flamme, ein Pulverfässchen. Es kannte die Kerze besser als sich das Talglicht selbst kannte. Das Pulverfässchen hatte so eine klare Sicht – geradewegs durch die Außenhülle hindurch – und innen fand es so viel Gutes. Es kam näher und die Kerze war voller strahlender Erwartungen – sie entzündete sich und ihr Herz schmolz

Die Flamme brach hervor wie die triumphale Fackel einer glanzvollen Hochzeit. Licht stieß hell und klar in der ganzen Umgebung hervor und erfüllte den Weg nach vorn mit Licht für ihre Umgebung – ihre wahren Freunde – die nun im Schein der Kerze die Wahrheit finden konnten.

Der Körper war auch stark genug, um die glühende Flamme lebenstüchtig zu machen. Ein Tropfen nach dem anderen, wie die Samen für ein neues Leben, rann rund und prall die Kerze hinab, und sie bedeckten den alten Ruß mit ihren Körpern. Sie waren nicht nur das körperliche sondern auch das spirituelle Resultat der Hochzeit.

Und das Talglicht hatte seinen richtigen Platz im Leben gefunden – und gezeigt, dass es eine wahre Kerze war und es schien für viele Jahre und beglückte sich selbst und die anderen Dinge um sich herum.

http://www.wdr2.de/musik/audiobegeisterungunterhistorikernentdeckungeinesandersenfruehmaerchendastalglicht100-audioplayer.html

H.C.Andersen Die Schneekönigin – 7. Geschichte


Siebente Geschichte

Was im Schloß der Schneekönigin geschehen war
und was dort später geschah

Die Wände des Schlosses waren aus treibendem Schnee und Fenster und Türen aus schneidenden Winden; es waren über hundert Säle darin, ganz wie sie der Schnee zusammengeweht hatte; der größte erstreckte sich viele Meilen lang, alle wurden von dem starken Nordlicht beleuchtet, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend! Niemals gab es hier Fröhlichkeit, nicht einmal soviel wie einen kleinen Bärenball, wo der Sturm hätte blasen und die Eisbären auf den Hinterbeinen gehen und ihre feinen Manieren zeigen können; niemals eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie ein kleines bißchen Kaffeeklatsch der Weißfuchsfräulein; leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren, unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück glich dem anderen so genau, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze und daß er der einzige und beste in dieser Welt sei.

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H.C.Andersen Die Schneekönigin – 6. Geschichte


Sechste Geschichte

Die Lappin und die Finnin

Bei einem kleinen Haus hielten sie an; es war sehr jämmerlich. Das Dach ging bis zur Erde herunter, und die Tür war so niedrig, daß die Familie auf dem Bauch kriechen mußte, wenn sie heraus oder hinein wollte. Hier war außer einer alten Lappin, die bei einer Tranlampe Fische kochte, niemand im Hause; und das Rentier erzählte Gerdas ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn diese erschien ihm weit wichtiger; und Gerda war so angegriffen von der Kälte. daß sie nicht sprechen konnte.

„Ach, ihr Armen!“ sagte die Lappin; „da habt ihr noch weit zu laufen! Ihr müßt über hundert Meilen weit in Finnmarken hinein, denn da wohnt die Schneekönigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde einige Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben, Papier habe ich nicht; den werde ich euch für die Finnin dort oben mitgeben. Sie kann euch besser Bescheid erteilen als ich!“

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H.C.Andersen Die Schneekönigin – 5. Geschichte


Fünfte Geschichte

Das kleine Räubermädchen

Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber die Kutsche leuchtete wie eine Fackel; das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen. „Das ist Gold, das ist Gold!“ riefen sie, stürzten hervor, hielten die Pferde an, schlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die Diener tot und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen.

„Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Mußkernen gefüttert!“ sagte das alte Räuberweib, das einen langen struppigen Bart und Augenbrauen hatte, die ihm über die Augen herabhingen.

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