200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm


Am 20.12.1812 erschien die erste Ausgabe der Märchensammlung der Brüder Grimm. Auf wikipedia findet man mit dem Suchbegriff: Kinder – und Hausmärchen eine gute Aufstellung der wesentlichen Informationen dazu, derer ich mich aus Zeitgründen für diesen Beitrag hier auch überwiegend bediente.

Angeregt wurden die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zu dieser Sammlung von Clemens Brentano, welcher auf der Suche nach volkstümlichen Liedern für die Sammlung Des Knaben Wunderhorn war. Der Kontakt entstand über  Friedrich Carl von Savigny, Jacob Grimm studierte bei ihm und arbeitete zu dem Zeitpunkt  in der Kasseler Bibliothek. Die Brüder Grimm  begannen ab 1806 , für Brentanos Sammlung Lieder und später auch Märchen aus literarischen Werken herauszusuchen.
Als Vorgabe für die ideale Märchenform, nach der zu suchen ist, nannte Brentano seine Bearbeitung von Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst und Von dem Tode des Hühnchens, sowie Runges Märchen Vom Fischer und seiner Frau und Vom Wacholderbaum. Er riet ihnen auch, die mündliche Erzähltradition zu erforschen.

Die handschriftliche Urfassung

Jacob Grimm schickte Brentano am 17. Oktober 1810 48 Texte, die dieser aber nicht nutzte. Insgesamt war die Sammlung etwas größer, da er Brentano bereits vorliegende Texte nicht erneut abschrieb. Jacob Grimm hatte die Texte sortiert und 25 selbst niedergeschrieben, Wilhelm 14 und verschiedene Gewährsleute sieben. Von der sogenannten handschriftlichen Urfassung stammten wohl 18 Stück aus literarischen Quellen (einschließlich der 2 Texte Runges), 16 von den Geschwistern Hassenpflug, 14 von Familie Wild, 6 von Friederike Mannel, 2 von der Frau des Marburger Hospitalvogts und 1 von den Geschwistern Ramus. Die mündlich beitrugen, waren durchwegs etwa gleichaltrige junge Frauen aus dem bürgerlichen Milieu, bis auf zwei von der Apothekersfrau Wild nachgewiesene Texte (Strohhalm, Kohle und BohneLäuschen und Flöhchen).

Die Erstauflage

Da Brentano das angeforderte Material nicht nutzte, führten Jacob und Wilhelm Grimm  die Sammlung in eigener Regie weiter, wobei sie Notizen zu Gewährspersonen und Aufnahmedaten nun genauer führten. Die Geschwister Hassenpflug und Wild waren ihre ergiebigsten Quellen. Dem Bild hessischer Volksüberlieferung am nächsten kommt noch der pensionierte Dragonerwachtmeister Johann Friedrich Krause. Er ist der älteste Beiträger überhaupt.
Jetzt war es Brentanos Freund, Achim von Arnim, der die Brüder Grimm auf weitere Texte hinwies, u. a. Die Sterntaler, und sie 1812 zur Publikation animierte. Das Buch sollte preiswert sein und zur Mitarbeit anregen. So wurde auch fragmentarisches Material abgedruckt mit Anmerkungen direkt unter den Texten. Die ersten Exemplare erschienen am 20. Dezember 1812, der größte Teil im März 1813 in einer Auflage von 900 Stück bei Verleger Georg Andreas Reimer in Berlin.
Es war zu Verzögerungen gekommen, da der Text von Der Fuchs und die Gänse verloren gegangen war. Außerdem führten Reimers Eingriffe in Runges Texte zu Spannungen.

Insgesamt erfuhr die Sammlung eine stete Erweiterung und Textbearbeitung bis zur siebten Auflage 1857, genannt letzter Hand, weil es seit dem keine Bearbeitung durch die Brüder Grimm mehr gab.

Der WDR zeigte auf seiner Homepage sogar mein erstes Grimm-Märchenbuch, das hatte ich irgendwann totgeliebt und kaputtgelesen, aber es bleibt mir auf ewig im Hirn und Herzen.

bei Vollmond – Theater auf dem Friedhof


Samstag, 13.8.2011, 21 Uhr
Alter St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstr. 12-14, 10829 Berlin

Performance zum Gedenken an die Brüder Grimm:
„Märchen von einem, der auszog, Verwandlung zu lernen“
Eintritt frei, Spenden willkommen (Taschenlampen mitbringen)
In dieser Vollmondnacht entführen szenische Lesungen und Darstellungen in die Welt von Märchen und Fabeln der Brüder Grimm.
Inmitten der romantischen Atmosphäre des Friedhofs wird der Zuschauer hineingezogen in die schöpferische Macht der Verwandlung nicht nur zwischen menschlicher und tierischer Gestalt.
Ein Projekt von Roberto Dell’Orco – ilmotorediricerca
mit Roberto Dell’Orco, Jule Flierl, Alessandro Guagno, Kunle Kuforiji, Harald Pittel, Silvio Talamo
Vorgetragen in Deutsch, Englisch, Italienisch.
Weitere Infos: http://www.efeu-ev.de
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!
Mit freundlichen Grüßen

Märchen der Woche 43/2010


Das singende, springende Löweneckerchen


Es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite Diamanten, die dritte aber sprach:
„lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen (Lerche.)“
Der Vater sagte: „Ja, wenn ich es kriegen kann, sollst du es haben“ küsste alle drei und zog fort. Als nun die Zeit kam, dass er wieder auf dem Heimweg war, hatte er Perlen und Diamanten für die zwei ältesten, aber das singende, springende Löweneckerchen für die jüngste hatte er umsonst aller Orten gesucht, und das tat ihm leid, denn sie war sein liebstes Kind. Da führte ihn sein Weg durch einen Wald und mitten darin war ein prächtiges Schloss und nah’ am Schloss stand ein Baum, ganz oben auf der Spitze des Baums aber sah er ein Löweneckerchen singen und springen.
„Ei! du kommst mir noch recht!“ sagte er und war froh und rief seinem Diener, er sollte hinaufsteigen und das Tierchen fangen. Wie der aber an den Baum herantrat, sprang ein Löwe darunter auf, schüttelte sich und brüllte, dass das Laub an den Bäumen zitterte: „Wer mir mein singendes, springendes Löweneckerchen stehlen will, den fress’ ich auf!“
Da sagte der Mann: „das hab’ ich nicht gewusst, dass der Vogel dir gehört; kann ich mich nicht von dir loskaufen?“
„Nein!“ sprach der Löwe, „da ist nichts, was dich retten kann, als wenn du mir zu eigen versprichst, was dir daheim zuerst begegnet, tust du aber das, so will ich dir das Leben schenken und den Vogel für deine Tochter obendrein.“
Der Mann aber wollte nicht und sprach: „Das könnte meine jüngste Tochter sein, die hat mich am liebsten, und lauft mir immer entgegen, wenn ich nach Haus komme.“
Dem Diener aber war angst und er sagte: „Es könnte ja auch eine Katze oder ein Hund sein!“
Da ließ sich der Mann überreden, nahm mit traurigem Herzen das singende, springende Löweneckerchen und versprach dem Löwen zu eigen, was ihm daheim zuerst begegnen würde.

Wie er nun zu Haus einritt, war das erste, was ihm begegnete, niemand anders, als seine jüngste, liebste Tochter; die kam gelaufen und küsste und herzte ihn, und als sie sah, dass er ein singendes, springendes Löweneckerchen mitgebracht hatte, freute sie sich noch mehr. Der Vater aber konnte sich nicht freuen, sondern fing an zu weinen und sagte:
„O weh! mein liebstes Kind, den  kleinen Vogel hab’ ich teuer gekauft, dafür hab’ ich dich einem wilden Löwen versprechen müssen, wenn er dich hat, wird er dich zerreißen und fressen“ und erzählte ihr da alles, wie es zugegangen war und bat sie, nicht hinzugehen, es möcht’ auch kommen was wollte. Sie aber tröstete ihn und sprach: „liebster Vater, weil ihr’s versprochen habt, muss es auch gehalten werden und will ich hingehen und den Löwen schon besänftigen, dass ich wieder gesund zu euch heim kommen kann.“
Am andern Morgen ließ sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und ging getrost in den Wald hinein. Der Löwe aber war ein verzauberter Prinz und bei Tag ein Löwe und mit ihm wurden alle seine Leute zu Löwen, in der Nacht aber hatten sie ihre natürliche Gestalt wieder. Als sie nun ankam, tat er gar freundlich und ward Hochzeit gehalten und in der Nacht war er ein schöner Prinz, und da wachten sie in der Nacht und schliefen am Tag und lebten eine lange Zeit vergnügt miteinander. Einmal kam der Prinz und sagte:
„Morgen ist ein Fest in deines Vaters Haus, weil deine älteste Schwester sich verheiratet und wenn du Lust hast hinzugehen, sollen dich meine Löwen hinführen.“
Da sagte sie ja, sie möchte gern ihren Vater wiedersehen, und fuhr hin und wurde von den Löwen begleitet; da war große Freude, als sie ankam, denn sie hatten alle geglaubt, sie wäre schon lange tot und von dem Löwen zerrissen worden. Sie erzählte aber, wie gut es ihr ging und blieb bei ihnen, so lang die Hochzeit dauerte, dann fuhr sie wieder zurück in den Wald. Wie die zweite Tochter heiratete, und sie wieder zur Hochzeit eingeladen war, sprach sie zum Löwen: „Diesmal will ich nicht allein sein, du musst mitgehen.“
Der Löwe aber wollte nicht und sagte, das wäre zu gefährlich für ihn, denn wenn ein Strahl eines brennenden Lichts ihn anrühre, so würd’ er in eine Taube verwandelt und müsste sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. Sie ließ ihm aber keine Ruh’, und sagte, sie wollt’ ihn schon hüten und bewahren vor allem Licht. Also zogen sie zusammen und nahmen auch ihr kleines Kind mit. Sie aber ließ dort einen Saal mauern, so stark und dick, dass kein Strahl durchdrang, darin sollt’ er sitzen, wenn die Hochzeitslichter angesteckt würden. Die Tür aber war von frischem Holz gemacht, das sprang und bekam einen kleinen Ritz, den kein Mensch bemerkte. Nun ward die Hochzeit mit Pracht gefeiert, wie aber der Zug aus der Kirche zurückkam mit den vielen Fackeln und Lichtern an dem Saal des Prinzen vorbei, da fiel ein dünner dünner Strahl auf ihn und wie dieser ihn berührt hatte, in dem Augenblick war er auch verwandelt, und als die Prinzessin hinein kam und ihn suchte, saß bloß eine weiße Taube da, die sprach zu ihr: „Sieben Jahr muss ich nun in die  Welt fortfliegen, alle sieben Schritte aber will ich einen roten Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lassen, die sollen dir den Weg zeigen, und wenn du mir da nachfolgst, kannst du mich erlösen.“

Da flog die Taube zur Thür hinaus und sie folgte ihr nach und alle sieben Schritte fiel ein rotes Blutströpfchen und ein weißes Federchen herab und zeigte ihr den Weg. So ging sie immer zu in die weite Welt hinein und schaute nicht um sich und ruhte sich nicht, und waren fast die sieben Jahre herum; da freute sie sich und meinte, sie wären bald erlöst und war noch so weit davon. Einmal, als sie so fort ging, fiel kein Federchen mehr und auch kein rotes Blutströpfchen und als sie die Augen aufschlug, da war die Taube verschwunden. Und weil sie dachte, Menschen können dir da nichts helfen, so stieg sie zur Sonne hinauf und sagte zu ihr:
„Du scheinst in alle Ritzen und über alle Spitzen; hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,“ sagte die Sonne, „ich habe keine gesehen, aber da schenk ich dir ein Schächtelchen, das mach auf, wenn du in großer Not bist.“
Da dankte sie der Sonne und ging weiter bis es Abend war und der Mond schien, da fragte sie ihn:
„Du scheinst ja die ganze Nacht, durch alle Felder und Wälder: hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,“ sagte der Mond,“ ich habe keine gesehen, aber da  schenk ich dir ein Ei, das zerbrich wenn du in großer Not bist.“
Da dankte sie dem Mond und ging weiter, bis der Nachtwind wehte, da sprach sie zu ihm:
„Du wehst ja durch alle Bäume und unter alle Blätterchen weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,“ sagte der Nachtwind, “ ich habe keine gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen.“
Der Ostwind und der Westwind kamen und sagten sie hätten nichts gesehen, der Südwind aber sprach:
„Die weiße Taube hab’ ich gesehen, sie ist zum roten Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Prinzessin.“
Da sagte der Nachtwind zu ihr:
„Ich will dir Rat geben, geh’ zum roten Meer’ am rechten Ufer da stehen große Ruten, die zähl’ und die eilfte schneid’ dir ab und schlag’ den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder; dann schau dich um und du siehst den Vogel Greif am roten Meer sitzen, schwing’ dich auf seinen Rücken mit dem Prinzen, der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen; da hast du auch eine Nuß, wenn du mitten über dem Meer bist, laß sie herab fallen, alsbald wird ein großer Nußbaum aus dem Wasser hervorwachsen, auf dem sich der Greif ruht, und könnte er nicht ruhen, wär’ er nicht stark genug, euch hinüber zu tragen, und wenn du es vergißt, wirft er euch ins Meer hinunter.“

Da ging sie hin und fand alles, wie der Nachtwind gesagt hatte und schnitt die elfte Rute ab, damit schlug sie den Lindwurm und alsbald bezwang ihn der Löwe und da hatten beide ihren menschlichen Leib wieder. Und wie sich die Prinzessin, die vorher ein Lindwurm gewesen war, frei sah, nahm sie den Prinzen in den Arm, setzte sich auf den Vogel Greif und führte ihn mit sich fort. Also stand die arme Weitgewanderte und war wieder verlassen, sie sprach aber:
„Ich will noch so weit gehen als der Wind weht und so lang als der Hahn kräht, bis ich ihn finde.“
Und ging fort, lange lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloss kam, wo beide zusammen lebten, da hörte sie dass bald ein Fest wäre, wo sie Hochzeit mit einander machen wollten. Sie sprach aber, Gott hilft mir doch noch, und nahm das Schächtelchen, das ihr die Sonne gegeben hatte, da lag ein Kleid darin, so glänzend, wie die Sonne selber.
Da nahm sie es heraus und zog es an und ging hinauf in das Schloss und alle Leute sahen sie an und die Braut selber; und das Kleid gefiel ihr so gut, dass sie dachte, es könnte ihr Hochzeitkleid geben und fragte, ob es nicht feil wäre? „Nicht für Geld und Gut, sagte sie, aber für Fleisch und  Blut.“
Die Braut fragte, was sie damit meine, da sagte sie: „lasst mich eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft.“
Die Braut wollte nicht und wollte doch gern das Kleid haben, endlich willigte sie ein, aber der Kammerdiener musste dem Prinzen einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war, und der Prinz schon schlief, ward sie in die Kammer geführt, da setzte sie sich ans Bett und sagte: „ich bin dir nachgefolgt sieben Jahre, bin bei Sonne, Mond und den Winden gewesen und hab’ nach dir gefragt, und hab’ dir geholfen gegen den Lindwurm, willst du mich denn ganz vergessen?“ Der Prinz aber schlief so hart, dass es ihm nur vorkam, als rausche der Wind draußen in den Tannenbäumen. Wie nun der Morgen anbrach, da ward sie wieder hinausgeführt, und musste das goldene Kleid hingeben; und als auch das nichts geholfen hatte, ward sie traurig, ging hinaus auf eine Wiese, setzte sich da hin und weinte. Und wie sie so saß, da fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hatte und sie schlug es auf: Ei! da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein ganz von Gold, die liefen herum und piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so dass nichts schöneres auf der Welt zu sehen war. Da stand sie auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange bis die Braut aus dem Fenster sah, und da gefiel ihr das kleine Wesen so gut, dass sie gleich herab kam und fragte, ob sie nicht feil wären? „Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut; lasst mich noch eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft.“ Die Braut sagte ja und wollte sie betrügen, wie am vorigen Abend, als aber der Prinz zu Bett ging, fragte er seinen Kammerdiener, was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewesen sei. Da erzählte der Kammerdiener alles, dass er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mädchen heimlich in der Kammer geschlafen hätte, und heute Nacht solle er ihm wieder einen geben. Sagte der Prinz: „Gieße den Trank neben das Bett aus.“ und zur Nacht wurde sie wieder hereingeführt, und als sie anfing wieder zu erzählen, wie es ihr traurig ergangen wär’, da erkannt’ er gleich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und sprach:
„So bin ich erst recht erlöst, mir ist gewesen, wie in einem Traum, denn die Prinzessin hat mich bezaubert, dass ich dich vergessen musste, aber Gott hat mir noch zu rechter Stunde geholfen.“
Da gingen sie beide in der Nacht heimlich aus dem Schloss, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Prinzessin, der ein Zauberer war, und setzten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das rote Meer, und als sie in der Mitte waren, ließ sie die Nuss fallen. Alsbald wuchs ein großer Nussbaum, darauf ruhte sich der Vogel und dann führte er sie nach Haus, wo sie ihr Kind fanden, das war groß und schön geworden, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.

Anhang

[V]

2.

Das singende, springende Löweneckerchen.

(Aus Hessen.) Für sich bestehend und eigenthümlich schön und doch mannigfach mit andern verwandt. Wegen des Eingangs mit dem Sommer- und Wintergarten (I. 68.) vgl. die dortigen Anmerkungen. Nach einer anderen Erzählung bittet sich die jüngste aus, was dem Vater zuerst begegnet, das sind drei Lilien; wie er sie abbricht, springt ein Drache hervor, dem er das Mädchen dafür versprechen muß. Noch näher kommt unten Nr. 41. der Eisenofen (s. die Anmerkung dazu) und Prinz Schwan I. 59., nur sind die Gestirne hier bedeutender und reden in alten Formen und Sprüchen. Ihre Thätigkeit und Mitgefühl erscheint auch in der Erzählung von der Eva in der Weltchronik (Cass. Hdschr. Fol. 21 a). Sie bittet Sonne und Sterne, wenn sie zum Orient kommen, dem Adam ihre Noth zu sagen und sie vollbringen es auch. Mit dem Märchen von Amor (dem Löwen–Reuter) und Psyche stimmt dieses auch darin, daß Licht das Unglück bringt und die überall entfesselnde Nacht den Zauber jedesmal löst. In der Braunschweig. Sammlung hat das Märchen „vom singenden, klingenden Bäumchen,“ das gleichfalls ein Löwe bewacht, einigen Zusammenhang. Löweneckerchen ist das Westph. Lauberken, nieders. Leverken, altholl. Leeuwercke, Leewerick, Lewerk, Lerk, Lerche. [VI] Die Federn und die Blutstropfen, die fallen, erinnern an den Volksglauben von den Feder- Nelken, deren eine Gattung im Herzen einen dunkeln Purpurflecken hat: das, sagt man, sey ein Tropfen Blut, welchen der Heiland vom Kreuz habe hineinfallen lassen. Ferner: die Federn sollten den Weg weisen, der Blutstropfen wohl die Gedanken an den Verzauberten stets erhalten, der gleichsam abwesend war, und so führt es zu der Sage von den Blutstropfen, über welche Parcifal nachsinnt und die ihm seine Frau ins Gedächtniß rufen. S. altd. Wälder I.

Märchen der Woche 40/2010


Irische Elfenmärchen ist der deutsche Titel einer Textsammlung in der Übersetzung der Brüder Grimm. Sie erschien in Leipzig 1826. Ihre Vorrede datiert auf 1825, dem Erscheinungsjahr des englischen Originals Fairy legends and traditions of the South of Ireland von Thomas Crofton Croker.

Nach eigenen Angaben kürzten die Brüder Grimm aus den Anmerkungen alles, was sich nicht auf das jeweilige Märchen bezieht. Dafür beginnen sie ihre Einleitung mit einer Beschreibung der verschiedenen Spielarten des irischen Elfenglaubens, nach denen auch die Texte geordnet sind.

Jacob und Wilhelm Grimm

Irische Elfenmärchen

5. Der kleine Sackpfeifer

Vor noch nicht lange lebte an den Grenzen der Grafschaft Tipperary ein rechtschaffenes Ehepaar, Michael Flanigan und Judy Muldun, denn dort herrscht die Sitte, daß die Frau den Namen ihrer Familie fortführt. Diese armen Leute hatten vier Kinder, alle Knaben. Drei davon waren so schöne, wohlgewachsene, gesunde, frisch aussehende Kinder, als die Sonne je beschienen hat, und es war genug, einen Irländer auf das Geschlecht seiner Heimat stolz zu machen, daß er an einem hellen Sommertag zu Mittagszeit diese vier Knaben erblickte, wie sie vor der Haustüre ihres Vaters standen mit dem prächtigen Flachshaar, das gelockt von dem Kopf herabhing, und eine dicke, lachende Kartoffel einem jeden in der Hand dampfte. Stolz war Michael auf diese schönen Kinder und Judy war auch stolz darauf, und beide hatten Recht genug dazu. Aber ganz anders verhielt es sich mit dem noch übrigen, welcher der dritte von oben war. Das war der erbärmlichste, häßlichste und mißgeschaffenste Wicht, dem Gott noch je Leben verliehen hatte, so ungestalt, daß er nicht fähig war, allein zu stehen oder seine Wiege zu verlassen. Er hatte langes, struppichtes, verfitztes, rabenschwarzes Haar, eine grüngelbe Gesichtsfarbe, Augen wie feurige Kohlen, die immer hin und her blickten und in beständiger Bewegung waren.
Weiterlesen „Märchen der Woche 40/2010“

Wilhelm Grimms Textarbeit an der Märchensammlung nachempfunden… Teil2


Fortsetzung von Teil 1

nur unvollständig erhalten; schon daß das Märchen von dem Drechsler abspringt, dem auch wohl das folgende selbst begegnen könnte, ist unrecht.

War also schon die Einschätzung der Grimms zum Märchen Vom Drechsler und Schreiner, ein Grund, warum das Märchen in den folgenden Ausgaben nicht mehr enthalten war.

Ich meine, ein weiteres „Unrecht“ ist es, vom Schreiner abzufallen. Viel sinnvoller wäre es, Tischler und Schreiner als gleichwertige Partner agieren zu lassen, entweder mit unterschiedlichen Lebensmodellen oder als Beispiel für die Kraft der Freundschaft.
Ihre unterschiedlichen Wunderdinge sind auch mehr Aufmerksamkeit wert, hat der Schreiner doch ein Tischchen gebaut, mit dem er das Element  Wasser  bezwingen kann und das auch Qualitäten des Element Erde enthält und Nahrung beschaffen kann, während der Drechsler mit seinem Fluggerät das Element Luft beherrscht.
Die antike Elementelehre war bis zur Zeit der Aufklärung gängige Lehrmeinung und hat die Vorstellung der Menschen vom Wesen der Dinge bis in unsere Zeit geprägt und findet sich auch in den Märchen wieder.

Damals, in der Antike, bekamen diese vier Elemente  Eigenschaften durch die Zuordnung  zu Gottheiten , welche auch in der  Medizin und psychologischen Betrachtung übernommen wurden.
Dem Feuer wurde Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Engagement zugeordnet.
Wasser ist das sanfte Element, das nachgiebige und weiche,
das Luftelement ist quirlig, flexibel und veränderungorientiert
und die Erde steht für das Festgefügte, Starre und Beständige.

Normalerweise besitzen alle Dinge  und alle Wesen eine charakteristischen Anteil der vier Elemente. Fehlt eines, herrscht ein Ungleichgewicht, dass ausgeglichen werden muss.
Hier in unserer Konstellation fehlt noch das Feuerelement, das entweder im Helden selbst anzulegen ist oder in einem magischen Helfer.
Letzteres gefällt mir gut, ich könnte mich durch die magischen  Holzinstrumente  auf die mythischen Eigenschaften bestimmter Bäume stützen, deren in der Mythologie nachgesagte Eigenschaften passen und die bestimmten Gottheiten zugeordnet waren.

Geht ja in dem Märchen irgendwie um Holzverarbeitung. Und über die Hölzer bekomme ich dann den Übergang zu einer hilfreichen Urgottheit hin, eine Erdmutter, Frau Trude, Frau Holle, Nerthus, Frigg, eine als Trinität erscheinende Göttin,  sowas in der Art.

Trinität, Göttin in dreifacher Gestalt, Jungfrau, Mutter, Alte

Wobei, Frau Holle, wie fast  jede andere Erdmutter, wohnt im Holunder, dessen Holz verarbeitet man nicht, daraus wird nur das Stockmaß für den Sargtischler gefertigt, ahhh, merke schon, wird spannend, das hinzubekommen.

Fortsetzung hier

Wilhelm Grimms Textarbeit an der Märchensammlung nachempfunden… Teil1


…oder wie man aus einem Fragment einMärchen macht

In der ersten Ausgabe der Märchensammlung befindet sich unter Nr.77
dieses unvollständige Märchen :

77.
Vom Schreiner und Drechsler.

Ein Schreiner und ein Drechsler sollten ihr Meisterstück machen. Da machte der Schreiner einen Tisch, der konnte von sich selbst schwimmen, der Drechsler Flügel, mit denen man fliegen konnte. Und alle sagten, daß dem Schreiner sein Kunststück besser gelungen wäre, der Drechsler nahm also seine Flügel, that sie an und flog fort aus dem Land, von Morgen bis zu Abend in einem fort.

In dem Land war ein junger Prinz, der sah ihn fliegen, und bat ihn, er möchte ihm doch seine paar Flügel leihen, er wollts ihm gut lohnen. Der Prinz bekam also die Flügel und flog, bis er in ein anderes Reich kam, da war ein Thurm mit vielen Lichtern erleuchtet, dabei senkte er sich nieder zur Erde, fragte nach der Ursache und hörte, daß hier die allerschönste Prinzessin der Welt wohnte. Nun wurde er höchst neugierig, und als es Abend wurde, flog er in ein offenes Fenster hinein; wie sie aber nicht lange Zeit beisammen waren, wurde die Sache verrathen, und der Prinz sammt der Prinzessin sollten auf dem Scheiterhaufen sterben.

Der Prinz nahm indessen seine Flügel mit hinauf, und als die Flamme schon zu ihnen heraufschlug, band er sich die Flügel um und entfloh mit der Prinzessin bis in sein Vaterland, da ließ er sich nieder, und weil jedermann über seine Abwesenheit betrübt war, so gab er sich zu erkennen, und wurde zum König erwählt.

Nach einiger Zeit aber ließ der Vater der entführten Prinzessin bekannt machen, daß derjenige das halbe Königreich bekommen sollte, der ihm seine Tochter wiederbringe. Dies erfährt der Prinz, rüstet ein Heer aus und bringt die Prinzessin selbst ihrem Vater zu, den er zwingt, ihm sein Versprechen zu erfüllen.

Anhang

Zum Drechsler. No. 77.

nur unvollständig erhalten; schon daß das Märchen von dem Drechsler abspringt, dem auch wohl das folgende selbst begegnen könnte, ist unrecht.  Es schlägt übrigens in die alten Sagen von hölzernen Flugpferden, Entführungen etc. ein.

Im Anhang wurden schon die Fehler des Erzählgutes aufgeführt, ich werde in kleineren Artikeln in Folge Einblick in Textarbeit geben und versuchen, daraus ein Märchen zu machen, dass sich der schönen Motive der Vorlage bedient, aber ein in sich geschlossenes , homogenes Märchen ist.

Dabei werde ich die Möglichkeiten nutzen, wo es passt, mythische Elemente einzuflechten. Meine Gedankengänge bei dieser Arbeit werde ich dazu erläutern.

Vielleicht interessiert es ja und irgendwie bin ich selbst gespannt, was dabei herauskommen wird, ob brauchbar oder für die Tonne…

Fortstetzung hier

für die Woche 50/2009 erzählt


Das folgende Märchen ist  in der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812 noch nicht enthalten enthalten, es wurde ab der zweiten Ausgabe gegen
Wie die Kinder Schlachtens spielten eingetauscht
KHM 22
Das Räthsel.

Es war einmal ein Königssohn, der bekam Lust in der Welt umher zu ziehen, und nahm niemand mit als einen treuen Diener. Eines Tags gerieth er in einen großen Wald, und als der Abend kam, konnte er keine Herberge finden, und wußte nicht wo er die Nacht zubringen sollte. Da sah er ein Mädchen, das nach einem kleinen Häuschen zu gieng, und als er näher kam, sah er daß das Mädchen sehr schön war, und redete es an und sprach „liebes Kind, kann ich und mein Diener in dem Häuschen für die Nacht ein Unterkommen finden?“ „Ach ja,“ sagte das Mädchen mit trauriger Stimme „das könnt ihr wohl, aber ich rathe euch nicht dazu.“ „Warum räthst du mir nicht dazu?“ fragte der Königssohn. Das Mädchen seufzte und sprach „meine Stiefmutter treibt böse Künste, sie meints nicht gut mit den Fremden.“ Da merkte er wohl daß er zu dem Haus einer Hexe gekommen war, doch weil er nicht weiter konnte, und sich nicht fürchtete, so trat er ein. Die Alte saß auf einem Lehnstuhl beim Feuer, und sah mit ihren rothen und feurigen Augen die Fremden an. „Guten Abend,“ schnarrte sie, und that ganz freundlich, „laßt euch nieder und ruht euch aus.“ Sie blies die Kohlen an, bei welchen sie in einem kleinen Topf etwas kochte. Die Tochter warnte die beiden vorsichtig zu seyn nichts zu essen und  nichts zu trinken, denn die Alte braue böse Getränke. Sie schliefen ruhig bis zum frühen Morgen; als sie sich zur Abreise fertig machten und der Königssohn schon zu Pferde saß, sprach die Alte „wartet einen Augenblick, ich will euch erst einen Abschiedstrank reichen.“ Während sie ihn holte, ritt der Königssohn fort, und der Diener, der den Sattel noch fest schnallen mußte, war allein zugegen, als die böse Hexe mit dem Trank kam. „Da bring ihn deinem Herrn“ sagte sie, aber in dem Augenblick sprang das Glas, und das Gift spritzte auf das Pferd, und war so heftig daß das Thier gleich todt hinstürzte. Der Diener lief seinem Herrn nach, und erzählte ihm was geschehen war, der Diener aber wollte den Sattel nicht im Stich lassen, und lief zurück um ihn zu holen. Wie er aber zu dem todten Pferde kam, saß schon ein Rabe darauf und fraß davon. „Wer weiß ob wir heute noch etwas besseres finden“ sagte der Diener, tödtete den Raben, und nahm ihn mit. Nun zogen sie in dem Walde den ganzen Tag weiter, konnten aber nicht herauskommen. Bei Anbruch der Nacht fanden sie ein Wirthshaus, und giengen hinein. Der Diener gab dem Wirth den Raben, und sagte er sollte ihn zum Abendessen zubereiten. Sie waren aber in eine Mördergrube gerathen, und in der Dunkelheit kamen zwölf Mörder, und wollten die Fremden umbringen und berauben. Eh sie sich aber ans Werk machten, verzehrten sie erst den Raben, der da gebraten auf dem Tische stand. Dem Raben aber hatte sich das Gift von dem genossenen Pferdefleisch mitgetheilt, und kaum hatten sie ein paar Bißen hinunter geschluckt,  so fielen sie alle todt nieder. Es war niemand mehr im Hause übrig als die Tochter des Wirths, die es redlich meinte, und an den gottlosen Dingen keinen Theil genommen hatten. Sie öffnete dem Fremden alle Thüren, und zeigte ihm die angehauften Schätze. Der Königssohn aber sagte sie möchte alles behalten, und ritt mit seinem Diener weiter.

Nachdem sie lange herum gezogen waren, kamen sie in eine Stadt, worin eine schöne aber übermüthige Königstochter war, die hatte bekannt machen lassen wer ihr ein Räthsel vorlegte das sie nicht errathen könnte, der sollte ihr Gemahl werden; erriethe sie es aber, so müßte er sich das Haupt abschlagen lassen. Drei Tage hatte sie Zeit sich zu besinnen, sie war aber so klug daß sie immer die vorgelegten Räthsel vor der bestimmten Zeit errieth. Schon hatten neune sich hingeopfert, als der Königssohn kam, und von ihrer großen Schönheit geblendet, sein Leben daran wagte. Er trat vor sie hin, und gab ihr sein Räthsel auf, „was ist das,“ sagte er, „einer schlug keinen, und schlug doch zwölfe.“ Sie wußte nicht was das war, sie sann und sann, aber sie brachte es nicht heraus: sie schlug ihre Räthselbücher auf, aber es stand nicht darin; ihr Latein war zu Ende. Da sie sich nicht zu helfen wußte, befahl sie ihrer Magd in das Schlafgemach des Herrn zu schleichen, da sollte sie seine Träume behorchen, und dachte er rede vielleicht im Schlaf und verrathe das Räthsel. Aber der kluge Diener hatte sich statt des Herrn ins Bett gelegt, und als die Magd heran kam, nahm er ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen  hinaus. In der zweiten Nacht schickte die Königstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser glückte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr für die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Königstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und träumte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und hörte alles sehr wohl. Da fragte sie „einer schlug keinen, was ist das?“ Er antwortete „ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.“ Weiter fragte sie „und schlug doch zwölfe, was ist das?“ „Das sind zwölf Mörder, die den Raben verzehrten und daran starben.“ Als sie das Räthsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zurück lassen mußte. Am andern Morgen verkündigte die Königstochter sie habe das Räthsel errathen, und ließ die zwölf Richter kommen, und löste es vor ihnen. Aber der Jüngling bat sich Gehör aus, und sagte „sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst hätte sie es nicht errathen.“ Die Richter sprachen „bringt uns Wahrzeichen.“ Da wurden die drei Mäntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Königstochter zu tragen pflegte, so sagten sie „laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.“

http://www.atelier-verdande.de