ausgelesen: Tausendschön


 

Auf die Autorin Kristina Ohlsson wurde ich aufmerksam, weil sie ihren Krimis Märchentitel gibt. „Aschenputtel“,“Tausendschön“ und „Sterntaler“ heißen die bisher herausgegebenen Krimis.

(Wer mit dem Märchentitel “ Tausendschön“ nichts anfangen kann, das ist im deutschen Märchengut eine andere Betitelung  für „Die Schöne und das Biest“.)

Ich kaufte „Aschenputtel“ und „Tausendschön“ und hatte vor, ganz ordentlich, der Reihe nach zu lesen, also Band 1, dann Band 2 – aber wie es so ist im Leben, es kam was dazwischen, ich hatte Band 1 verliehen und begann mit Band 2 – Tausendschön. Was auch unproblematisch war, da die Bücher gut für sich allein stehen können.

Durch die Vita der Autorin hatte ich mit ihren profunden Kenntnissen gerechnet und so eine Art  Enthüllungs- oder Aufklärungskrimi erwartet, der auf die Praktiken von Schleuserbanden , Flüchtlinge nach Europa zu verbringen eingeht und auf ihre  Hintermänner, doch hat mich das Gelesene in dieser Hinsicht mehr verwirrt als aufgeklärt, wenn auch für dieses Thema sensibilisiert.

In dem Buch nehmen die augenblicklichen Lebenssituationen von drei Kripo-Mitarbeitern sowie ihr Verhältnis zueinander ziemlichen Raum ein, gleichzeitig kann man lesend beobachten, wie ein Flüchtling fremdbestimmt in seinem Versteck davon träumt, mit seiner Verlobten frei zu leben, oder wie eine Frau in Bangkok überfallen wird und ihre Identität verliert.  Tote gibt es in dem Buch auch reichlich . Ja, was soll ich sagen ohne etwas spoilermäßig  zu verraten…

Alles das ist qualitativ gut erzählt, der Spannungsbogen ist bis zum Schluss gehalten worden und selbst für die Titelwahl kann man in gewisser Weise – und sogar in Motivdopplung – eine Berechtigung finden – und doch hat mich das alles nicht wirklich überzeugt.

Mir schien, immer, wenn es hätte tiefer gehen müssen, gab es einen Bildwechsel, so dass das letzte Quent, um den Leser emotional mitzunehmen und auch sein logisches Denken zu befriedigen fehlte.

Gut unterhalten fühlte ich mich trotzdem noch, auch wenn ich  sehr an Henning Mankells Romane erinnert war.

Irgendwie hat das Gelesene meine Empfindungen bestätigt, welche ich seit der Sache mit dem kriminellen Polizeichef und Serienvergewaltiger der Stadt Uppsala,  Göran Lindberg  habe, dass in meinem geliebten Ferienland Schweden neben der allgemeinen  unverbindlichen Freundlichkeit und dem Gleichheitsgetue, dem Jantelagen,  und neben der Vorreiterrolle Schwedens in Sachen Emanzipation  und der an die Grenzen des Machbaren stoßende Flüchtlingspolitik in der empathischen Tradition von Olof Palme etwas als Gegengewicht wuchert, das man nicht kennen lernen möchte.

ausgelesen: Die Tuchhändlerin


Dies ist schon das zweite Buch aus dem Dyras-Verlag, das ich las, welches diese Themenverbindung Vorrevolutionäres Deutschland und Schicksal einer Frau zeigt.
Es würde mir gefallen, wenn das so eine Art Serie würde, denn diese Themenverbindung ist zwar gut zur Entspannung zu lesen (auch abends im Bett), es macht einen aber, so ganz nebenher, auch noch ein Stück wissender.

Ich habe das Buch mit freudigem Interesse gelesen. Es ist ein leicht erzählter Roman, der es dem Leser ermöglicht, sich in die vorrevolutionären Verhältnisse der Zeit ab 1830 einzufühlen und so die Lebensbedingungen empathisch nachzuempfinden, die man im Geschichtsunterricht als Fakten gelehrt bekam.
Grundsätzlich ist das Buch so angelegt, dass es gut in die Kategorie Frauenroman einzuordnen ist, denn die Hauptheldin ist eine junge Frau, Tochter eines Damasthändlers, die sich in den Weber Caspar verliebt.
Die Autorin Ivonne Hübner erzählt aber nicht nur eine Liebesgeschichte voller Widrigkeiten, sie berichtet unaufdringlich über die Lebensumstände der damaligen Zeit, über die Trennung der Gesellschaft, über das Leben unter Zunftgesetz und den Auswirkungen der technischen Revolution.
Lesend wird man auch sensibilisiert, die Leistung und Kunstfähigkeit der Weber, speziell der Damastweber, zu beachten, für mich war das alles sehr interessant zu erfahren.

ausgelesen: Tschick


Manchmal passieren Ereignisse  so, als sollte man auf etwas aufmerksam gemacht werden. Klingt jetzt vielleicht etwas verschwiemelt, ist aber im Nachhinein noch immer mein Empfinden. Duplizität der Ereignisse …
Also,was ich erzählen will: Im Autoradio hörte ich auf Deutschlandfunk einen Beitrag über Wolfgang Herrndorf. Und da ich mich zur Zeit auch  intensiv mit dem Leben mit unheilbarer, todbringender Krankheit beschäftigen muss, war mir das Schicksal des Mannes sehr nahe und mein Interesse an seinem Werk geweckt. Spiegelbestseller zu sein, reicht  mir nicht, um lesebegierig nach einem Buch zu werden, da  ich mich nicht gern vom allgemeinen Rummel um ein Buch beeinflussen lasse. Solche Bücher stehen dann auf meiner Liste der irgendwann mal zu lesenden Bücher – und geraten dadurch auch oft in Vergessenheit.

Dieses nun nicht, denn da war der Rundfunkbeitrag und am selben Abend sah ich bei meiner Schwiegertochter den Roman „tschick“ , den sie gerade für den Deutschunterricht in ihrer Ausbildung las und den ich mir dann auch ausborgte.

Tschick ist ein kleiner, leicht lesbarer Roman, der auch von Lesefaulen gut zu bewältigen ist, was für schulische Pflichtlektüren ein großes Plus ist.
In der Empathie erzeugenden Ich-Form bekommt der Leser Passagen aus dem bisherigen Leben des Jugendlichen Maik Klingenberg erzählt, wie der neue Mitschüler Andrej Tschichatschow in die Klasse kommt und wie die zwei verschiedenen Jungen mit ähnlichen Problemen eine Urlaubsreise in die „Walachei“ machen, bei der eine Freundschaft entsteht, die auch nach einer aus der Reise resultierenden Gerichtsverhandlung bestehen wird.

Dieser kleine Roman ist groß in einzelnen Szenen, besonders gegenwärtig ist mir hier die Passage über den Schulaufsatz samt Reaktion des Lehrers darauf; das Gespräch zwischen den Jungen, ob es jüdische Zigeuner und ob es die Walachei gibt oder wie sie zwar wissen, dass man man mit einer Armbanduhr die Himmelsrichtung bestimmen kann aber nicht wie – und wie sie es am Ende herausbekommen. Auch ihr Zusammentreffen mit „Adel auf dem Radl“ oder wie der Vater seinen Sohn zusammenschlägt, während er sich über dessen Freundschaft zu einem jugendlichen Schwarzfahrer und Autodieb aufregt, weil die dem Vater ein schlechtes Image geben würde blieb mir noch nach der Lektüre sehr gegenwärtig.
Die Passage mit dem schießwütigen Rentner im Abrissdorf empfand ich irgendwie den Roman störend, obwohl sie auf sexuelle Orientierung eingehen und ihre Dialoge Tiefe haben. Doch fast zuviel, denn ich bin mir sicher, dass über die „kommunistische Widerstandsgruppe Ernst Röhm“ hinweggelesen werden wird. Diese Passage mit dem Rentner ist so komplex, sie könnte als Kurzgeschichte richtig gut bestehen.
Fakt ist, dieses Büchlein bietet Diskussion- und Gesprächsstoff für eine längere Zeit, als man zum Lesen benötigt hatte.

Die im Roman verwendete Jugendsprache schien mir zwar nicht wirklich authentisch, aber da schon eine Schule weiter andere Schlagworte angesagt sind als in der Schule in meiner Straße brauche ich das auch nicht.

„Echt“ klingt  Jugendslang wirklich oft grauslich, dass sich der Autor für seine Sprachform entschieden hat,akzeptiere ich daher gern so, wie ich sie gelesen habe. Denn wie er schrieb, beinhaltet es vieles, was Jugendsprache kennzeichnet.Bedeutungsverschiebungen bzw. –veränderungen, Bedeutungserweiterungen oder -verengungen, Wortveränderungen und -neuschöpfungen, Superlativierungen. Diese Sprache grenzt sich eindeutig durch ihren affektiv – emotionale Aspekt von der „üblich“ gesprochenen Sprache ab und erfüllt somit die Funktion „Jugendsprache“, ist aber so gestaltet, dass sie auch von nachfolgenden Generationen in ihrer Bedeutung ohne Erläuterung weitgehend erfasst werden könnte.(Nur bei „alter Finne“ bin ich da im Zweifel.)

So sehr die gewählte Erzählperspektive (Ich-Form) auch half, sich in den Protagonisten Maik Klingenberg einzufühlen, ein Problem hat diese Perspektivwahl.
Über das Leben von Andrej Tschichatschow blieb der Leser trotz aller Dialoge wie sein Freund Maik stückweise im Ungewissen – und fast bedaure ich, dass dieser eher stereotyp angelegte Protagonist eigentlich nur für die Schlüsselfunktion zum „inneren Wachsen“ des Jugendlichen Maik Klingenberg dienen sollte, denn er fand mein Gefallen und Interesse.
Dieser Roman ist nicht, wie man meinen könnte, schnell heruntergeschrieben worden. Der Autor begann, wie man auf seinem Blog lesen konnte,  die Arbeiten daran im Jahre 2004 und hat ihn im Jahr seiner Erkrankung beendet. Dieser Roman ist auf einer „höheren Ebene“von seiner Persönlichkeit und  ein bisschen von seiner Biografie geprägt worden, denn vieles finde ich auf diesem Blog wieder.
Alles in allem ist „Tschick“ ein Buch, das anregt, Vorurteile zu überdenken und hilft, sich selbst im Leben „einzunorden“. Dieses Buch klingt im Leser länger nach, es ist ein richtig gutes Buch.

ausgelesen: Die Tochter eines Arztes


Vor einiger Zeit begann ich mich hier mit dem Thema „Frauenroman“ auseinander zu setzen und mit dem, was man unter „Frauenroman“ eigentlich zu verstehen hat.
Denn zu unterschiedlich sind die schriftstellerischen Produkte, die so betitelt werden. Da gibt es die Romane, die eine oberflächliche, leichte Unterhaltung bieten und heutzutage die Bezeichnung „Chick – lit“ verpasst bekommen, zuvor hießen sie „Trivialliteratur“.
Dann gibt es Literatur, geschrieben von Männern oder Frauen, die den Stand der Frau in der Gesellschaft zum Thema hat, die unter dieser Bezeichnung „Frauenliteratur“ eingeordnet werden könnte
Und es gibt Literatur von Frauen, die sich mit der Gesellschaft auseinander setzen.
Alles das könnte man unter der Hauptüberschrift „Frauenliteratur“ ablegen, von Sophie von La Roche  über Hedwig Courths-Mahler bis Christa Wolf oder Juli Zeh  – ein breites Spektrum. Zu breit, um zu vergleichen und gleichzusetzen.
Dieser Roman hier ist nun ebenfalls ein „Frauenroman“. Geschrieben von einer Frau über das Leben und Lieben einer Frau.

„Die Tochter eines Arztes“ von Martina Frey hatte meine Mutter gelesen und sie war gänzlich begeistert. Sie erzählte mir bei jedem Besuch von diesem Buch, wie sie mit der Protagonistin mitfühlen konnte, wie sie von der Geschichte begeistert war, so sehr nahm sie mit, dass eine Berufswahl Frauen nicht möglich war und auch die Partnerwahl von anderen Kriterien als der empfundenen  Liebe bestimmt wurden. Meiner Mutter zu Liebe, und weil ich die Epochen von der Aufklärung bis zur Gründerzeit besonders interessant finde, habe ich dieses Buch auch gelesen – jeden Abend ein, zwei Stündchen vor dem Einschlafen. Der Roman liest sich leicht herunter, bietet eine romantische Liebesgeschichte und geschichtliche Ereignisse. Ich war zwar nicht ganz so begeistert wie meine Mutter, hatte die eine oder andere Unstimmigkeit empfunden, habe ihn aber gern und zügig gelesen. Er war für mich eine angenehme Unterhaltung, die mich nicht dümmer machte und meine Aufmerksamkeit in die „Badische Gegend“ lenkte. Wer gern Romane mit „Frauenthemen“ liest, liest auch diesen Roman bestimmt gern, wer historische Romane mag, vielleicht auch.