ausgehört: Die große „Begine Altmut“ – Box


Ha, da habe ich beim Schreiben der Überschrift ja richtig Probleme gehabt, denn irgendwie ist beides groß , Begine Almut und die Box mit Hörbüchern dieser Romanserie. Genaugenommen sind es fünf Romane über das Leben der Begine Almut in einer Box. Die Romane sind schon durch alle Medien gelobt, manchmal aber auch gelobthudelt worden, nämlich wenn der Artikel mehr oder weniger nur dem Wortlaut der Verlagswerbung glich – keine eigenen Eindrücke des Redakteurs,  das hat die Romanserie wirklich nicht verdient.
Von den Beginen-Krimis hatte ich gehört und mir damals gedacht. „Musste mal lesen!“- nun bekam ich diese Box Hörbücher geschenkt (und  spar mir nun das Lesen).
Wer sich fragt, was eine Begine ist, findet hier die Kurz-Erklärung von wikipedia,( lohnt aber dort die Langversion zu lesen):

Als Beginen und Begarden wurden ab dem 12. Jahrhundert in den Niederlanden und dem 13. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich, Oberitalien und der Schweiz die Angehörigen einer Gemeinschaft christlich andächtigen Lebens ohne Klostergelübde bezeichnet. Beginen (weibliche Mitglieder) und Begarden (männliche Mitglieder, auch Lollarden oder Lollharden genannt) führten ein frommes, eheloses Leben in ordensähnlichen Hausgemeinschaften, wurden von der Kirche teilweise als häretisch gebrandmarkt und sahen sich der Verfolgung durch die Inquisition ausgesetzt. Zu Beginn der Frühen Neuzeit wurden diese Glaubensgemeinschaften, sofern sie noch bestanden, kirchlich integriert oder schlossen sich der Reformation an.

 


Die Autorin Andrea Schacht hat eine gute Entscheidung getroffen, als sie ihre mittelalterlichen Krimis um die Beginenbewegung angelegt hat . So konnte sie vom Mittelalter erzählen und trotzdem eine Heldin schaffen, die nicht fremdbestimmt in der Zeit lebt und die somit wunderbar geeignet ist, Verbrechen aufzuklären. Almut Bossart, so heißt die Begine, ist bei ihren Ermittlungen aber nicht auf sich allein gestellt, Pater Ivo stärkt sie, wo immer er kann. All das ist unterhaltsam mit etwas Witz erzählt, mit der Leichtigkeit populärer Unterhaltung.

Diese Box enthält folgende Romane, bei denen es neben dem Leben im mittelalterlichen Köln darum geht:

Der dunkle Spiegel – in diesem Roman wird die Begine Almut selbst eines Giftmordes verdächtigt – und nebenher wurde das Kölnisch Wasser erfunden

Das Werk der Teufelin – in diesem Roman wird ein Domherr von einer herabstürzenden Glocke erschlagen und seine letzten Worte sind: “ Sucht die Teufelin bei den Beginen“ – das machen die Beiden dann auch.

Die Sünde aber gebiert den Tod:- in diesem Roman gibt es ein ausgesetztes Baby mit einem Feuermal im Gesicht und einem Pergament in der Windel und dazu eine kopflose Leiche – und das Kölsch wird erfunden

Die elfte Jungfrau – in diesem Roman häufen sich tödliche Unfälle junger Frauen und eine Schülerin verschwindet aus dem Beginen-Konvent – um bald darauf mit gebrochenem Genick aufgefunden zu werden. Begine Almut und Pater Ivo entdecken eine Mordserie , der bereits zehn Jungfrauen zum Opfer gefallen waren.

Das brennende Gewand – in diesem Roman warten Begine Almut Bossart und Pater Ivo auf den Dispens des Erzbischofs. Doch es gibt eine Absage – und zu allem Überfluss wird Pater Ivo auch noch des Mordes verdächtigt, doch das wird Begine Almut nicht hinnehmen und klärt die Sache auf ihre Art.

All diese spannenden Romane wurden von den Sprecherinnen so lebendig gelesen, dass das Zuhören eine Freude ist. Besonders begeisterte mich Ulrike Hübschmann als Vorleserin und ich freute mich sehr, dass ich drei Romane von ihr hören konnte, da sie für jede Person einen eigenen Charakter mit dem Klang ihrer Stimme anlegen kann, ohne ihre Stimme zu verstellen. Doch auch Janina Sachau, von der zwei Romane gelesen werden hatte bei mir Wiedererkennensfreude ausgelöst und vermutlich wäre es mir bei Sandra Maria Schöner auch so gegangen – alle drei zähle ich zur Elite der Vorleserinnen, die mit ausgesprochen angenehmer Stimme dem Text stets das passende Tempo und den passenden Ton geben.

Diese Romanbox machte mich geradezu süchtig – und ich bedauerte es richtig, wenn ich mir mal aus irgendeinem Grund nicht meine Nachmittagsstunde mit der Begine Almut gönnen konnte. Nun hoffe ich, dass es auch bald über die Ermittlungen der Tochter der Begine, Alyss, so eine Box geben wird.

Was an Geschichte in den Geschichten steckt – Die Nibelungen


Das Nibelungenlied ist eine hochmittelalterliche deutsche Ausformung der Nibelungensage und ist eines der wichtigsten erhaltenen literarischen Arbeiten dieser Zeit. Der Ursprung der Sage reicht in die Zeit  der germanischen Völkerwanderung zurück.
Der  historische Kern der Sage ist die Zerschlagung des Burgunderreiches in der Spätantike (um 436) durch den römischen Heermeister Aëtius mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen.

Eins der Hauptthemen im Nibelungenlied ist der Konflikt zwischen Brunhilde und Kriemhild. Weitere  historische Ereignisse scheinen die Sage geprägt zu haben, so auch der Streit im Hause der Merowinger zwischen Brunichild und Fredegunde, der als  Merowingischer Bruderkrieg in die Geschichte einging und der tödliche Feindschaft zwischen der Königin Brunhilde und der abgefeimten Königin Fredegunde, erst Geliebte, dann 3. Ehefrau des Königs Chilperich I. erzeugte.

 

Chilperich und Fredegunde

Brunhilde, des Westgothenkönigs Athanagild und der Gunthsvintha Tochter, wuchs auf am Hofe von Toledo, bis sie im J. 566 als Braut des Frankenkönigs Sigibert I. durch dessen Erzieher, den Major domus Gogo nach Rheims geführt wurde.
Der Hochzeit voran ging der Uebertritt der Braut vom arianischen zum katholischen Bekenntniß, ein Schritt, der ihr das Wohlwollen des Clerus sicherte.
Die leiblichen und geistigen Vorzüge Brunhildens rühmt Venantius Fortunatus in hohen Tönen. Andere Nachrichten bezeugen, daß man der Fremden mit Mißtrauen begegnete, namentlich die Großen des Volks standen ihr gegenüber.
Aus ihrer Ehe mit Sigibert stammten ein Sohn, Childebert II. und zwei Töchter, Ingundis und Chlodosintha. Ingundis wurde an den Westgothen Hermenegild vermählt und in seinen Untergang verwickelt, ein harter Schlag für die Mutter.
Trübes erfährt diese auch bei den Franken. Ihre Schwester Gailesvintha, Gemahlin von Brunhildens Schwager Chilperich, wird um einer Buhlerin, der Fredegunde willen, durch den Gemahl ermordet.
Feindschaft trennt seitdem die beiden Bruderreiche, aber in dem ersten Kriege von 574 erscheinen Chilperich und Fredegunde als Angreifer. Mitten im Sieg wurde Sigibert 575 ermordet und die verwittwete Brunhilde fällt mit ihren Schätzen in die Gewalt Chilperichs.
Während ihr Sohn unter der Obhut austrasischer Großen in Metz aufwächst, lebt sie in der Verbannung zu Rouen.
Dort findet sie Chilperichs Sohn Merovech und Leidenschaft und Politik helfen eine Ehe zwischen Merovech und Brunhilde schließen.
Der Bischof Praetextatus von Rouen, der Taufpathe Merovechs, begünstigt die Sache, aber Chilperich trennt sofort seinen Sohn von der unerwünschten Schwiegertochter und Merovech findet schon 577 einen gewaltsamen Tod. Nach Chilperichs Ermordung (584), welche der Fredegunde zur Last gelegt wird, lebte B. im austrasischen Reich, zwar nicht als Vormünderin ihres Sohnes, aber doch nicht ohne Einfluß, denn der Vertrag von Andelot 588 ist mit ihrem Namen abgeschlossen, und ihr Dazwischentreten vermag einen ihrer Getreuen, Lupus von Champagne, vor dem Angriff der Gegner zu beschützen.
Allein die austrasischen Großen erheben sich in wiederholten Verschwörungen gegen das Königthum und dessen fiscalische Politik und deutlich ist darin der Einfluß der Fredegunde zu erkennen.
Nicht blos persönlicher Haß, auch politischer Gegensatz trennt die beiden Frauen bis zum Tode der Fredegunde 597.
Im Jahr zuvor hatte B. nach ihres Sohnes Tode die Vormundschaft über ihre beiden Enkel übernommen; bald bricht zwischen diesen und dem Sohn der Fredegunde Chlothar II. der Krieg aus; Chlothar hatte ihn begonnen.
In diesen Kämpfen mit dem Geschlecht der Gegnerin und mit den Großen um die Leitung ihrer Enkel verwildert B. Ihren Enkel Theuderich verhindert sie eine legitime Ehe zu schließen, um nicht in der Gemahlin die Nebenbuhlerin zu haben; ihr wird die Schuld an dem Kriege Theuderichs gegen seinen Bruder Theudebert und die Ermordung des letzteren zugeschrieben (611), ihr die Tödtung oder Verstümmelung so mancher Großen aus dem Volke.
Auch der zweite Enkel starb im J. 613 und die rastlos energische Frau bemühte  sich, den ältesten der vier Urenkel auf den Thron zu setzen. Aber Arnulf von Metz und Pippin, die Stammväter der Karolinger, rufen Chlothar II. in das Land.
Von Worms aus sendet B. ihm die Mahnung zur Umkehr und wirbt um die Hülfe der rechtsrheinischen Völker. Jedoch der Verrath umlauert sie. Die austrasischen und burgundischen Großen gehen über zu Chlothar und durch Mord enden die Urenkel Brunhildens, sie selbst ward in Orbe von dem Kämmerer Herpo gefangen und dem Sohne ihrer alten Feindin in Rionne ausgeliefert.
Alle Gräuel der langen Kriege wurden auf die Besiegte gehäuft und nach langen Folterqualen, dem Heere ihrer abtrünnigen Unterthanen schimpflich zur Schau gestellt, ward sie von einem wilden Pferde zu Tode geschleift (613).
In Autun soll sie bestattet worden sein.

Quelle:  Artikel „Brunichilde“ von Albrecht. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3 (1876), S. 442–443,

Auch wenn sich die Motive und Charaktere verschoben haben im Lauf der Jahrhunderte, viele Einzelheiten finden sich wieder, im Nibelungenlied verunglückt Königin Kriemhild auf der Flucht und ihr fortkullerndes Kind wird vom scheuenden Pferd zu Tode getreten, ein für die Erzählung eigentlich stumpfes Motiv, das für mich vor der Kenntnis der Hinrichtung der Brunichilde keinen Sinn ergab, den der stürzende Wagen hätte als Todesursache für den Säugling gereicht und dessen Tod so auszumalen bringt keine Steigerung in der Erzählung. Ganz anders aber, wenn da so ein diffuses Erinnern vom Tode durch ein Pferd im Raume stand, so wird das plötzlich alles schlüssig.

Erzählung der Woche 40/2009


Ludwig Uhland

Lied der Nibelungen

In Burgunden erwuchs Jungfrau Kriemhild, die schönste in allen Landen. Drei königliche Brüder haben sie in Pflege, Gunther, Gernot und der junge Giselher. Zu Worms am Rheine wohnen sie in grosser Macht; kühne Recken sind ihre Dienstmannen: Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, der Marschalk; deren Neffe, Ortwin von Metz; Gere und Eckewart, zwei Markgrafen; Volker von Alzei, der Spielmann; Sindolt, der Schenke; Hunolt, der Kämmerer, und Rumolt, der Küchenmeister. In diesen hohen Ehren träumt Kriemhilden, wie ein schöner Falke, den sie gezogen, von zwei Aaren ergriffen wird. Ute, ihre Mutter, deutet dieses auf einen edeln Mann, den Kriemhild frühe verlieren möge. Aber Kriemhild will immer ohne Mannes Minne leben. Viele werben vergeblich um sie. Da hört auch Siegfried, Sohn des Königs Siegmund und der Siegelind zu Santen in Niederlanden, von ihrer grossen Schönheit. In früher Jugend schon hat er Wunder mit seiner Hand getan; den Hort der Nibelunge hat er gewonnen, samt dem Schwerte Balmung und der unsichtbar machenden Tarnkappe, den Lindwurm erschlagen und in dem Blute seine Haut zu Horn gebadet. Selbzwölfte zieht er jetzt aus, Kriemhilden zu erwerben, umsonst gewarnt von den Eltern vor der burgundischen Recken Übermut. Köstlich ausgerüstet, reitet er zu Worms auf den Hof und fordert den König Gunther zum Kampf um Land und Leute. Doch im Gedanken an die Jungfrau lässt er sich begütigen und bleibt ein volles Jahr in Freundschaft und Ehre dort, ohne Kriemhilden zu sehen. Sie aber blickt heimlich durch das Fenster, wenn er auf dem Hofe den Stein oder den Schaft wirft. Siegfried heerfahrtet für Gunthern gegen die Könige Liudeger von Sachsenland und dessen Bruder, Liudegast von Dänemark; beide nimmt er gefangen. Als Kriemhilden ein Bote meldet, wie herrlich vor allen Siegfried gestritten, da erblüht rosenrot ihr schönes Antlitz; reichen Lohn lässt sie dem Boten geben. Gunther aber bereitet seinen Helden ein grosses Fest, bei dem Siegfried Kriemhilden sehen soll; denn die Könige wollen ihn festhalten. Wie aus den Wolken der rote Morgen, geht die Minnigliche hervor; wie der Mond vor den Sternen, leuchtet sie vor den Jungfrauen, die ihr folgen. Sie grüsst den Helden, sie geht an seiner Hand; nie in Sommerzeit noch Maientagen gewann er solche Freude.

Fern über See, auf Island, wohnt die schöne Königin Brünhild. Wer ihrer Minne begehrt, muss in drei Spielen ihr obsiegen, in Speerschiessen, Steinwurf und Sprung; fehlt er in einem, so hat er das Haupt verloren. Auf sie stellt König Gunther den Sinn und gelobt seine Schwester dem kühnen Siegfried, wenn der ihm Brünhilden erwerben helfe. Mit Hagen und Dankwart besteigen die beiden ein Schifflein und führen selbst das Ruder. Sie fahren mit gutem Winde den Rhein hinab in die See. Am zwölften Morgen kommen sie zur Burg Isenstein, wo Brünhild mit ihren Jungfrauen im Fenster steht. Als die Helden an das Land getreten, hält Siegfried dem Könige das Ross, damit er für dessen Dienstmann gehalten werde. Sie reiten in die Burg, Siegfried und Gunther mit schneeweissen Rossen und Gewanden, Hagen und Dankwart rabenschwarz gekleidet. Brünhild grüsst Siegfrieden vor dem Könige. Die Kampfspiele heben an. Unsichtbar durch die Tarnkappe, steht Siegfried bei Gunthern; er übernimmt die Werke, der König die Gebärde. Brünhild streift sich die Ärmel auf, einen Schild fasst sie, den vier Kämmerer kaum hergetragen, einen Speer, gleichmässig schwer, schliesst sie auf Gunthers Schild, dass die Schneide hindurchbricht und die beiden Männer straucheln; aber kräftiger noch wirft Siegfried den umgekehrten Speer zurück. Einen Stein, den zwölf Männer mühlich trügen, wirft sie zwölf Klafter weit; über den Wurf hinaus noch springt sie in klirrendem Waffenkleid; doch weiter wirft Siegfried den Stein, weiter trägt er den König im Sprunge. Zürnend erkennt Brünhild sich besiegt und heisst ihre Manne Gunthern huldigen.

Brünhild wird nun heimgeführt und zu Worms herzlich empfangen. Am gleichen Tage führt Gunther Brünhilden, Siegfried Kriemhilden in die Brautkammer. Doch Brünhild hat geweint, als sie Kriemhilden bei Siegfried am Mahle sitzen sah; vorgeblich, weil ihr leid sei, dass des Königs Schwester einem Dienstmann gegeben werde; und in der Hochzeitnacht will sie nicht Gunthers Weib werden, bevor sie genau wisse, wie es so gekommen. Sie erwehrt sich Gunthers, bindet ihm mit ihrem Gürtel Füss‘ und Hände zusammen und lässt ihn so die Nacht über an einem Nagel hoch an der Wand hängen. Siegfried bemerkt am andern Tage des Königs Traurigkeit, errät den Grund und verspricht, ihm die Braut zu bändigen. In der Tarnkappe kommt er die nächste Nacht in Gunthers Kammer, ringt gewaltig mit Brünhilden und bezwingt sie dem Könige. Einen Ring, den er heimlich ihr vom Finger gezogen, und den Gürtel nimmt er mit sich hinweg.

Bald hernach führt er Kriemhilden in seine Heimat nach Santen, wo sein Vater ihm die Krone abtritt. Zehn Jahre vergehen und stets denkt Brünhild, warum Siegfried von seinem Lande keinen Lehensdienst leiste. Sie beredet Gunthern, den Freund und die Schwester zu einem grossen Fest auf nächste Sonnenwende zu laden. Der alte Siegmund reitet mit ihnen nach Worms. Beim Empfange blickt Brünhild unterweilen auf Kriemhilden, wie ihre Farbe gegen dem Golde glänzt. In festlicher Freude verbringen sie zehn Tage. Am elften, vor Vesperzeit, als Ritterspiel auf dem Hofe sich hebt, sitzen die zwei Königinnen zusammen. Da rühmt Kriemhild ihren Siegfried, wie er herrlich vor allen Recken gehe. Brünhild entgegnet, dass er doch nur Gunthers Eigenmann sei. So eifern sie in kränkenden Worten, und als man nun zur Vesper geht, kommen sie, die sonst immer beisammen gingen, jede mit besondrer Schar ihrer Jungfraun zum Münster. Brünhild heisst Kriemhilden als Frau eines Unfreien zurückstehn; da wirft Kriemhild ihr vor, Siegfried habe ihr das Magdtum abgewonnen, und geht in das Münster vor der weinenden Königin. Nach dem Gottesdienste wartet Brünhild vor dem Münster und verlangt von Kriemhilden Beweis jener Rede. Kriemhild zeigt Ring und Gürtel, die Siegfried ihr gegeben, und abermals weint die Königin. Umsonst schwört Siegfried im Ringe der Burgunden, dass er Brünhilden nicht geminnet. Hagen gelobt, ihr Weinen an Siegfried zu rächen, und er zieht die Königin in den Mordrat.

Falsche Boten werden bestellt und reiten zu Worms ein, als hätten sie von Liudeger und Liudegast, die man auf Treu und Glauben freigelassen, neuen Krieg anzusagen. Siegfried, der seinen Freunden stets gerne dient, erbietet sich alsbald, den Kampf für sie zu bestehen. Als das Heer bereit ist, nimmt Hagen von Kriemhilden Abschied. Sie bezeigt Reue über das, was sie Brünhilden getan, und bittet ihn, über Siegfrieds Leben in der Schlacht zu wachen. Deshalb vertraut sie ihm, dass Siegfried an einer Stelle, zwischen den Schultern, verwundbar sei, wohin ihm ein Lindenblatt gefallen, als er sich im Blute des Drachen gebadet. Diese Stelle zu bezeichnen, näht sie, nach Hagens Rat, auf ihres Mannes Gewand ein kleines Kreuz. Hagen freut sich der gelungenen List und kaum ist Siegfried ausgezogen, so kommen andre Boten mit Friedenskunde. Ungerne kehrt Siegfried um; statt der Heerfahrt soll nun im Wasgenwald eine Jagd auf Schweine, Bären und Wisente (wilde Ochsen) gehalten werden. Weinend ohne Mass, entlässt Kriemhild den Gemahl. Ihr hat geträumt, wie ihn zwei wilde Schweine über die Heide gejagt und die Blumen von Blute rot geworden, wie zwei Berge über ihm zusammengefallen und sie ihn nimmermehr gesehen.

Mit Gunthern, Hagen und grossem Jagdgefolge reitet Siegfried zu Walde. Gernot und Giselher bleiben daheim. Viel Rosse, mit Speise beladen, werden über den Rhein geführt auf einen Anger vor dem Walde. Die Jagdgesellen trennen sich, damit man sehe, wer der beste Weidmann sei. Siegfried nimmt sich einen alten Jäger mit einem Spürhund; kein Tier entrinnt ihm, Berg und Wald macht er leer, er gewinnt Lob von allen. Schon wird zum Imbiss geblasen, als Siegfried einen Bären aufjagt. Er springt vom Rosse, läuft dem Tiere nach, fängt und bindet es auf seinen Sattel. So reitet er zur Feuerstätte; herrlich ist sein Jagdgewand, mächtig der Bogen, den nur er zu spannen vermag, reich der Köcher, von Golde das Horn. Als er abgestiegen, lässt er den Bären los, der unterm Gebell der Hunde durch die Küche rennt, Kessel und Brände zusammenwirft, zuletzt aber von Siegfried ereilt und mit dem Schwert erschlagen wird. Die Jäger setzen sich zum Mahle; Speise bringt man genug, aber die Schenken säumen. Hagen gibt vor, er habe gemeint, das Jagen solle heut im Spessart sein, dorthin hab‘ er den Wein gesandt. Doch hier nahe sei ein kühler Brunnen. Zu diesem beredet er mit Siegfried einen Wettlauf. Sie ziehen die Kleider aus, Siegfried legt sich vor Hagens Füsse; wie zwei Panther laufen sie durch den Klee; Siegfried, all sein Waffengerät mit sich tragend, erreicht den Brunnen zuerst. Doch trinkt er nicht, bevor der König getrunken. Wie er sich zur Quelle neigt, fasst Hagen den Speer, den Siegfried an die Linde gelehnt, und schiesst ihn dem Helden durch das Kreuzeszeichen, dass sein Blut an des Mörders Gewand spritzt. Hagen flieht, wie er noch vor keinem Manne gelaufen. Siegfried springt auf, die Speerstange ragt ihm aus der Wunde, den Schild rafft er auf, denn Schwert und Bogen trug Hagen weg; so ereilt er den Mörder und schlägt ihn mit dem Schilde zu Boden. Aber dem Helden weicht Kraft und Farbe, blutend fällt er in die Blumen; die Verräter scheltend, die seiner Treue so gelohnt, und doch Kriemhilden dem Bruder empfehlend, ringt er den Todeskampf.

In der Nacht führen sie den Leichnam über den Rhein. Hagen heisst ihn vor Kriemhilds Kammertür legen. Als man zur Mette läutet, bringt der Kämmerer Licht und sieht den blutigen Toten, ohne ihn zu erkennen. Er meldet es Kriemhilden, die mit ihren Frauen zum Münster gehen will. Sie weiss, dass es ihr Mann ist, noch ehe sie ihn gesehen; zur Erde sinkt sie und das Blut bricht ihr aus dem Munde. Der alte Siegmund wird herbeigerufen; Burg und Stadt erschallen von Wehklage. Am Morgen wird der Leichnam auf einer Bahre im Münster aufgestellt. Da kommen Gunther und der grimme Hagen; der König jammert. „Räuber,“ sagt er, „haben den Helden erschlagen.“ Kriemhild heisst sie zur Bahre treten, wenn sie sich unschuldig zeigen wollen; da blutet vor Hagen die Wunde des Toten. Drei Tage und drei Nächte bleibt Kriemhild bei ihm; sie hofft, auch sie werde der Tod hinnehmen. Messopfer und Gesang für seine Seele rasten nicht in dieser Zeit. Als darauf Siegfried zu Grabe getragen wird, heisst Kriemhild den Sarg wieder aufbrechen, erhebt noch einmal sein schönes Haupt mit ihrer weissen Hand, küsst den Toten und illre lichten Augen weinen Blut. Freudlos kehrt der König Siegmund heim. Kriemhild lässt sich am Münster eine Wohnung bauen, von wo sie täglich zum Grabe des Geliebten geht. Vierthalb Jahre spricht sie kein Wort mit Gunthern und ihren Feind Hagen sieht sie niemals. Hagen aber trachtet, dass der Nibelungenhort in das Land komme. Gernot und Giselher bringen die Schwester erst dahin, dass sie Gunthern, mit Tränen, wieder grüsst; dann wird sie beredet, den Hort, ihre Morgengabe von Siegfried, herführen zu lassen. Als sie aber das Gold freigiebig austeilt, fürchtet Hagen den Anhang, den sie damit gewinne. Da werden ihr die Schlüssel abgenommen, und als sie darüber klagt, versenkt Hagen den ganzen Schatz im Rheine.

Dreizehn Jahre hat Kriemhild im Witwentum gelebt. Da stirbt Frau Helke, des gewaltigen Hunnenkönigs Etzel Gemahlin. Ihm wird geraten, um die edle Kriemhild zu werben, und er sendet nach ihr den Markgrafen Rüdiger mit grossem Geleite. Den Königen zu Worms ist die Werbung willkommen; Hagen aber widerrät. Kriemhild selbst widerstrebt lange: Weinen geziem‘ ihr und andres nicht. Erst als Rüdiger heimlich mit ihr spricht und ihr schwört, mit allen seinen Mannen jedes Leid, das ihr widerfahre, zu rächen, hofft sie noch Rache für Siegfrieds Tod und reicht ihre Hand das. Sie fährt mit den Boten hin, im Geleit ihrer Jungfrauen und des Markgrafen Eckewart, der mit seinen Mannen ihr bis an sein Ende dienen will. Ihr Weg geht über Passau, wo der Bischof Pilgrim, ihrer Mutter Bruder, sie wohl empfängt, dann über Pechlarn, wo sie in Rüdigers gastlichem Hause einspricht. Bei Tuln reitet König Etzel ihr entgegen mit all den Fürsten, die ihm dienen, Heiden und Christen. Die Hochzeit wird zu Wien begangen; zu Wiselburg schiffen sie sich auf die Donau ein. So kommen sie gen Etzelnburg, wo Kriemhild fortan gewaltig an Helken Stelle sitzt. Sie genest eines Sohnes, der Ortlieb genannt wird.

Aber in dreizehn Jahren solcher Ehre vergisst sie nicht ihres Leides; allezeit denkt sie, wie sie es räche. Sie klagt dem Gemahle, dass man sie für freundlos halte, weil ihre Verwandten noch niemals zu ihr gekommen. So bewegt sie ihn, ihre Brüder zu einem Fest auf nächste Sonnenwende herzuladen. Werbel und Swemmel, des Königs Spielleute, werden als Boten gesandt und Kriemhild empfiehlt ihnen, dass Hagen nicht zurückbleibe, der allein der Wege kundig sei. König Gunther bespricht sich mit seinen Brüdern und Mannen über die Botschaft. Hagen, des Mordes eingedenk, rät ab von der Reise; als aber Gernot und Giselher ihn der Furcht zeihen, schliesst er zürnend sich an, rät jedoch, mit Heeresmacht auszufahren. Rumolts, des Küchenmeisters, Rat ist, daheim zu bleiben, bei guter Kost und schönen Frauen. Als sie zur Fahrt bereit sind, hat Frau Ute einen bangen Traum, wie alles Geflügel im Lande tot sei.

Mit tausend und sechzig ihrer Mannen, dazu tausend Nibelungen, und mit neuntausend Knechten erheben sich die Könige; durch Ostfranken ziehen sie zur Donau, zuvorderst reitet Hagen. Der Strom ist angeschwollen und kein Schiff zu sehen. Hagen geht gewappnet umher, einen Fährmann suchend. Er hört Wasser rauschen und horcht; in einem schönen Brunnen baden Meerweiber. Er schleicht ihnen nach, aber ihn gewahrend entrinnen sie und schweben, wie Vögel, auf der Flut. Ihr Gewand jedoch hat er genommen und die eine, Hadeburg, verspricht ihm, wenn er es wiedergebe, das Geschick der Reise vorherzusagen. Wirklich verkündet sie, dass die Fahrt in Etzels Land wohl ergehen werde. Als er darauf die Kleider zurückgegeben, rät die andre, Sieglind, jetzt noch umzukehren, sonst werden sie alle bei den Hunnen umkommen, nur des Königs Kaplan werde heimgelangen. Noch sagen sie ihm, wenn er die Fahrt nicht lassen wolle, wie er über das Wasser komme. Jenseits des Stromes wohnt der Ferge des bayrischen Markgrafen Else; laut ruft Hagen hinüber und nennt sich Amelrich, einen Mann des Markgrafen; hoch am Schwerte bietet er einen Goldring als Fährgeld. Der Ferge rudert herüber, als er sich aber betrogen sieht und Hagen nicht vom Schiffe weichen will, schlägt er den Helden mit dem Ruder. Hagen greift zum Schwerte, schlägt dem Fergen das Haupt ab und wirft es an den Grund. Dann bringt er das Schiff, das von Blute raucht, zu seinen Herrn und fährt selbst, den ganzen Tag arbeitend, das Heer über. Den Kaplan aber schwingt Hagen aus dem Schiffe und stösst ihn, als er zu schwimmen versucht, zürnend zu Grunde; dennoch kommt der Priester unversehrt an das Ufer zurück. Hagen sieht daraus, dass unvermeidlich sei, was die Meerweiber verkündet; da schlägt er das Schiff zu Stücken und wirft es in die Flut, damit, gibt er zuerst vor, kein Zager entrinnen könne. Bald aber sagt er den Recken ihr Schicksal, davor manches Helden Farbe wechselt.

Über Passau kommen sie auf Rüdigers Mark, wo sie den Hüter schlafend finden, dem Hagen das Schwert nimmt. Es ist Eckewart, der mit Kriemhilden hingezogen. Beschämt über seine üble Hut, empfängt er das Schwert zurück und warnt die Helden. Zu Pechlarn erfahren sie die Gastfreiheit des Markgrafen Rüdiger und seiner Hausfrau Gotelind. Sie schöne Tochter des Hauses wird Giselhern verlobt; keiner von ihnen geht unbeschenkt hinweg. Rüdiger selbst mit fünfhundert Mannen begleitet die Helden zum Feste. Dietrich von Bern, der bei den Hunnen lebt, reitet mit seinen Amelungen den Gästen entgegen. Auch er warnt, dass die Königin noch jeden Morgen um Siegfried weine.

Kriemhild steht im Fenster und blickt nach ihren Verwandten aus, der nahen Rache sich freuend. Als die Burgunden zu Hofe reiten, fragt jedermann nach Hagen, der den starken Siegfried schlug. Der Held ist wohl gewachsen, von breiter Brust und langen Beinen; die Haare grau gemischt, schrecklich der Blick, herrlich der Gang. Zuerst küsst Kriemhild Giselhern; als Hagen sieht, dass sie im Gruss unterscheide, bindet er sich den Helm fest. Ihn fragt sie nach dem Horte der Nibelunge; Hagen erwidert, er hab‘ an Schild und Brünne (Brustharnisch), Helm und Schwert genug zu tragen gehabt. Als die Helden ihre Waffen nicht abgeben wollen, merkt Kriemhild, dass sie gewarnt sind; wer es getan, dem droht sie den Tod. Zürnend sagt Dietrich, dass er gewarnt. Hagen nimmt sich Volkern zum Heergesellen; sie setzen sich Kriemhilds Saale gegenüber auf eine Bank. Die Königin, durchs Fenster blickend, weint und fleht Etzels Mannen um Rache an Hagen. Sechzig derselben wappnen sich; als ihr diese zu wenig dünken, rüsten sich vierhundert. Die Krone auf dem Haupte, kommt sie mit dieser Schar die Stiege herab. Der übermütige Hagen legt über seine Beine ein lichtes Schwert, aus dessen Knopf ein Jaspis scheint, grüner denn Gras; wohl erkennt Kriemhild, dass es Siegfrieds war. Furchtlos sitzen sie da und keiner steht auf, als die Königin ihnen vor die Füsse tritt. Sie wirft Hagen vor, dass er ihren Mann erschlagen; da spricht Hagen laut aus, dass er es getan, räch‘ es, wer da wolle! Die Hunnen sehen einander an und ziehen ab, den Tod fürchtend.

König Etzel, von all dem nichts wissend, empfängt und bewirtet die Helden auf das beste. Zu Nachtruhe werden sie in einen weiten Saal geführt, wo kostbare Betten bereitet sind. Hagen und Volker halten vor dem Hause Schildwacht. Volker lehnt den Schild von der Hand, nimmt die Fiedel und setzt sich auf den Stein an der Türe. Süsser und süsser lässt er seine Saiten tönen, bis alle die Sorgenvollen entschlummert sind. Mitten in der Nacht glänzen Helme aus der Finsternis; es sind Gewaffnete, von Kriemhilden geschickt; doch als sie die Türe so wohl behütet sehn, kehren sie wieder um.

Morgens, da man zur Messe läutet, heisst Hagen seine Gefährten statt der Seidenhemde die Harnische nehmen, statt der Mäntel die Schilde, statt der Kränze die Helme, statt der Rosen die Schwerter. Etzel fragt, ob ihnen jemand Leides getan. Hagen antwortet, es sei Sitte seiner Herren, bei allen Festen drei Tage gewappnet zu gehen. Aus Übermut sagen sie dem König ihren Argwohn nicht. Nach der Messe beginnen Ritterspiele. Dietrich verbietet seinen Recken teilzunehmen; auch Rüdiger hält die seinigen ab, weil er die Burgunden unmutig sieht. Einem Hunnen, der bräutlich aufgeputzt daherreitet, sticht Volker den Speer durch den Leib. Die Verwandten des Hunnen rufen nach Waffen, Etzel selbst muss schlichten; er reisst einem das Schwert aus der Hand und schlägt die andern hinweg. Ehe sie zu Tische sitzen, sucht Kriemhild Dietrichs Hilfe; doch er verweist ihr den Verrat an ihren Blutsfreunden. Williger findet sie Blödeln, Etzels Bruder, dem sie das Land des erschlagenen Nudung und dessen schöne Braut verheisst. Mit tausend Gewappneten zieht er feindlich zur Herberge, wo Dankwart, der Marschalk, mit den Knechten speist. Nach kurzem Wortwechsel springt Dankwart vom Tisch und schlägt ihm einen Schwertschlag, dass ihm das Haupt vor den Füssen liegt. Das ist die Morgengabe zu Nudungs Braut. Ein grimmer Kampf erhebt sich. Die Hälfte der Hunnen wird erschlagen; aber andre zweitausend kommen und lassen nicht vom Streite, bis all die Knechte tot liegen. Dankwart allein haut sich zum Saale durch, wo die Herren sind. Eben wird Ortlieb, Etzels junger Sohn, seinen Oheimen zu Tische getragen. Da tritt Dankwart in die Tür, mit blossem Schwert, alle sein Gewand mit Hunnenblut beronnen. Laut rufend verkündet er den Mord in der Herberge. Hagen heisst ihn der Türe hüten, dass kein Hunne hinauskomme. Dann schlägt er das Kind Ortlieb, dass sein Haupt in der Königin Schoss springt. Dem Erzieher des Knaben schlägt er das Haupt ab und dem Spielmann Werbel, zum Botenlohne, die rechte Hand auf der Fiedel. So wütet er fort im Saale. Kriemhild ruft Dietrichs Hilfe an. Der Held, auf dem Tische stehend und mit der Hand winkend, lässt seine Stimme schallen wie ein Wisenthorn. Gunther hört im Sturme den Ruf und gebietet Stillstand. Dietrich verlangt, dass man ihn und die Seinigen mit Frieden aus dem Hause lasse. Gunther gewährt es. Da nimmt der Berner die Königin unter den Arm, an der andern Seite führt er Etzeln, mit ihm gehen sechshundert Recken. Auch Rüdiger mit fünfhunderten räumt ungefährdet den Saal. Einem Hunnen aber, der mit Etzeln hinaus will, schlägt Volker das Haupt ab. Was von Hunnen im Saal ist, wird niedergehauen. Die Toten werden die Stiege hinabgeworfen.

Vor dem Hause stehen viel tausend Hunnen. Hagen und Volker spotten ihrer Feigheit; umsonst beut die Königin einen Schild voll Goldes, samt Burgen und Land, dem, der ihr Hagens Haupt bringe. – Noch vor Abend werden zwanzigtausend Hunnen versammelt; bis zur Nacht währt der harte Streit. Da versuchen die Könige noch, Sühne zu erlangen. Kriemhild begehrt vor allem, dass sie ihr Hagen herausgeben. Die Könige verschmähen solche Untreue. Darauf lässt Kriemhild die Helden alle in den Saal treiben und diesen an vier Enden anzünden. Vom Winde brennt bald das ganze Haus. Das Feuer fällt dicht auf sie nieder, mit den Schilden wehren sie es ab und treten die Brände in das Blut. Rauch und Hitze tut ihnen weh; von Durst gequält trinken sie, auf Hagens Anweisung, das Blut aus den Wunden der Erschlagenen; besser schmeckt es jetzt denn Wein. Am Morgen sind ihrer noch sechshundert übrig zu Kriemhilds Erstaunen. Mit neuem Kampfe bietet man ihnen den Morgengruss. Die Königin lässt das Gold mit Schilden herbeitragen, den Streitern zum Solde.

Markgraf Rüdiger kommt und sieht die Not auf beiden Seiten. Ihm wird vorgeworfen, dass er für Land und Leute, die er vom König habe, noch keinen Schlag in diesem Streite geschlagen. Etzel und Kriemhild flehen ihn fussfällig um Hilfe. Jener will ihn zum Könige neben sich erheben; diese mahnt ihn des Eides, dass er all ihr Leid rächen wolle. Was Rüdiger lässt oder beginnt, so tut er übel. Er hat die Burgunden hergeleitet, sie in seinem Hause bewirtet, seine Tochter, seine Gabe ihnen gegeben. Land und Burgen, was er vom Könige hat, heisst er wiedernehmen und will zu Fuss ins Elend gehen. Doch er muss leisten, was er gelobt, steht auch Seel‘ und Leib auf der Wage. Weib und Kind befiehlt er den Gebietern und heisst seine Mannen sich rüsten. Kriemhild ist freudenvoll und weint. Als Giselher den Schwäher mit seiner Schar daherkommen sieht, freut er sich der vermeinten Freundeshilfe. Rüdiger aber stellt den Schild vor die Füsse und sagt den Burgunden die Freundschaft auf. Umsonst mahnen sie in aller Lieb‘ und Treue. Er wünscht, dass sie am Rheine wären und er mit Ehren tot; aber den Streit kann niemand scheiden. Schon heben sie die Schilde, da verlangt Hagen noch eines. Der Schild, den ihm Frau Gotelind gegeben, ist ihm vor der Hand zerhauen; er bittet Rüdigern um den seinigen. Rüdiger gibt den Schild hin, es ist die letzte Gabe, die der milde Markgraf geboten. Manches Auge wird von heissen Tränen rot, und wie grimmig Hagen ist, erbarmt ihn doch die Gabe. Er und sein Geselle Volker geloben, Rüdigern nicht im Streite zu berühren. Hinan springt Rüdiger mit den Seinen; sie werden in den Saal gelassen, schrecklich klingen drin die Schwerter. Da sieht Gernot, wie viel seiner Helden der Markgraf erschlagen, und springt zum Kampfe mit diesem. Schon hat er selbst die Todeswunde empfangen, da führt er noch auf Rüdigern den Todesstreich mit dem Schwerte, das der ihm gegeben. Tot fallen beide nieder, einer von des andern Hand. Die Burgunden üben grimmige Rache, nicht einer von Rüdigers Mannen bleibt am Leben.

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Ungeheure Wehklage erhebt sich von Weib und Mann; wie eines Löwen Stimme erschallt Etzels Jammerruf. Helfrich bringt die Kunde, dass Rüdiger samt seinen Mannen erschlagen sei. Der Berner will von den Burgunden selbst erfahren, was geschehen sei, und schickt den Meister Hildebrand. Als dieser gehen will, tadelt ihn Wolfhart, dass er ungewaffnet gehe und so dem Schelten sich aussetze. Da waffnet sich der Weise nach der Unbesonnenen Rat. Zugleich rüsten sich, ohne Dietrichs Wissen, all seine Recken und begleiten den Meister. Hildebrand befragt die Burgunden und Hagen bestätigt Rüdigers Tod; Tränen rinnen Dietrichs Recken über die Bärte. Der Meister bittet um den Leichnam, damit sie nach dem Tode noch des Mannes Treue vergelten. Wolfhart rät, nicht lange zu flehen. Sie sollen ihn nur aus dem Hause holen, erwidert Volker; mit trotzigen Reden reizen sich die beiden. Wolfhart will hinanspringen, aber Hildebrand hält ihn fest, an Dietrichs Verbot mahnend. „Lass ab den Leuen!“ spottet Volker. Da rennt Wolfhart in weiten Sprüngen dem Saale zu; zornvoll alle Berner ihm nach. Ein wütender Kampf beginnt. Niemand bleibt lebend als Gunther und Hagen und von den Bernern Hildebrand, der mit einer starken Wunde von Hagens Hand entrinnt. Blutberonnen kommt er zu seinem Herrn, der traurig im Fenster sitzt. Dietrich fragt, woher das Blut. Hildebrand erzählt, wie sie Rüdigern haben wegtragen wollen, den Gernot erschlagen. Als Dietrich den Tod Rüdigers bestätigen hört, will er selbst hingehen und befiehlt dem Meister, die Recken sich waffnen zu heissen. „Wer soll zu euch gehn?“ sagt Hildebrand; „Was ihr habt der Lebenden, die seht ihr bei euch stehn.“ Mit Schrecken hört der Berner den Tod seiner Mannen; das Haus erschallt von seiner Klage. Da sucht er selbst sein Waffengewand, Hildebrand hilft ihn wappnen. Dietrich geht zu Gunthern und Hagen, hält ihnen vor, was sie ihm Leides getan, und verlangt Sühne. Sie sollen sich ihm zu Geiseln ergeben, dann woll‘ er selbst sie heimgeleiten. Hagen nennt es schmählich, dass zwei wehrhafte Männer sich dem einen ergeben sollen. Schon als er den Berner kommen sah, vermass er sich, allein den Helden zu bestehen. Des mahnt ihn jetzt Dietrich. Sie springen zum Kampfe. Dietrich schlägt dem Gegner eine tiefe Wunde, aber töten will er nicht den Ermüdeten; den Schild lässt er fallen und umschlingt ihn mit den Armen. So bezwingt er ihn und führt ihn gebunden zu der Königin. Das ist ihr ein Trost nach herbem Leide. Dietrich verlangt, dass sie den Gefangenen leben lasse. Dann kehrt er zu Gunthern; nach heissem Kampfe bindet er auch diesen und übergibt ihn Kriemhilden mit dem Beding der Schonung. Sie aber geht zuerst in Hagens Kerker und verspricht ihm das Leben, wenn er wiedergebe, was er ihr genommen. Hagen erklärt, er habe geschworen, den Hort nicht zu zeigen, solang seiner Herren einer lebe. Da lässt Kriemhild ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trägt ihn am Haare vor Hagen. Dieser weiss nun allein den Schatz; nimmer, sagt er, soll sie ihn erhalten. Aber ihr bleibt doch Siegfrieds Schwert, das er getragen, als sie ihn zuletzt sah. Das hebt sie mit den Händen und schlägt Hagen das Haupt ab. Der alte Hildebrand erträgt es nicht, dass ein Weib den kühnsten Recken erschlagen durfte. Zornig springt er zu ihr, nichts hilft ihr Schreien, mit schwerem Schwertstreich haut er sie zu Stücken. So liegt all die Ehre darnieder; mit Jammer hat das Fest geendet, wie alle Lust zujüngst zum Leide wird.

Gedicht der Woche 30/2009


Das Hildebrand – Lied

Ich hörte das sagen, daß sich Herausforderer einzeln trafen,
Hildebrand und Hadubrand, zwischen Heeren zweien.
Sohn und Vater ihre Rüstungen richteten. Sie bereiteten ihre
Brünnen, gürteten sich ihre Schwerter an, die Helden,
über die Panzer, da sie zu dem Kampfe ritten. Hildebrand
sprach, Heribrands Sohn – er war der ältere
Mann, des Lebens erfahrener; zu fragen begann er mit wenigen
Worten, wer sein Vater gewesen sei der Menschen im Volke, „oder
welcher Sippe du seist. Wenn du mir einen sagst, weiß ich
mir die anderen, Jüngling, im Königreiche: Kund ist
mir alles Menschenvolk.“ Hadubrand sprach, Hilde-
brands Sohn: „Das sagten mir unsere Leute, alte und
weise, die früher waren, daß Hildebrand habe geheißen
mein Vater; ich heiße Hadubrand. Einst er nach Osten
ging, floh er vor Odoakers Haß, hin mit Dietrich
und seiner Degen viel. Er ließ im Lande das Kleine,
sitzen die junge Frau im Hause, das unerwachsene Kind, erbelos.
Er ritt nach Osten hin. Seither bedurfte Dietrich
meines Vaters: Das war ein so freund-
loser Mann. Er war (auf) Odoaker unmäßig ergrimmt, der De-
gen liebster, solange Dietrich seiner bedurfte.
Er war immer an des Volkes Spitze, ihm war Fechten immer zu lieb:
Bekannt war er kühnen Männern. Nicht wähne ich,
er sei noch am Leben.“ „Ich mache Gott zum Zeugen“, sprach
Hildebrand, „oben vom Himmel, daß du nie fortan mehr mit so
verwandtem Mann Verhandlung führst.“ Er wand da vom Arme gewun-
dene Ringe, aus Kaisergold gemacht, die ihm der König gab,
der Hunnen Herr: „Daß ich dir es nun aus Huld gebe.“ Hadubrand
sprach, Hildebrands Sohn: „Mit dem Speer soll man eine Gabe emp-
fangen, Spitze gegen Spitze. Du bist dir, alter Hunne, unmäßig schlau,
lockst mich mit deinen Worten, willst mich mit deinem Speer wer-
fen. Bist ein so alter Mann, so führtest du ewig Trug.
Das sagten mir Seefahrende westwärts über die Wendelsee, daß
ihn ein Kampf hinwegnahm: Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn.“
Hildebrand sprach, Heribrands Sohn: „Wohl sehe ich
in deiner Rüstung, daß du hast daheim einen guten Herrn,
daß du noch bei dieser Herrschaft nicht Verbannter wurdest. Wohl-
an nun, waltender Gott“, sprach Hildebrand, „Unheil geschieht!
Ich wallte Sommer und Winter sechzig außer Landes, wo
man mich immer stellte in die Reihe der Schießenden, ohne daß man
mir bei irgendeiner Stadt Tod zufügte; nun soll mich eigenes
Kind mit dem Schwert hauen, niederstrecken mit seiner Klinge, oder
ich ihm zum Mörder werden. Doch magst du nun leicht,
wenn dir deine Kraft taugt, an so hehrem Manne die Rüstung ge-
winnen, die Beute rauben, wenn du dazu irgendein Recht
hast.“ „Der sei doch nun der ärgste“, sprach Hildebrand, „der Ostleute,
der dir nun den Kampf verweigerte, nun dich es so sehr gelüstet nach
gemeinsamem Ringen: Versuche, der kann, ob er sich heute der
Gewänder rühmen dürfe oder über diese beiden Brünnen wal-
ten.“ Da ließen sie erst die „Eschen schreiten“ in scharfen Schauern,
daß sie in den Schilden standen. Da stapften sie zusammen,
spalteten die Schilde, hieben harmvoll die hellen Schilde,
bis ihnen ihre Schilde klein wurden, zerkämpft mit Waffen…


hier in einer Ansprechenden Interpretation der Gruppe TRANSIT von 1980