das 33. der Kinder- und Hausmärchen


heißt Die drei Sprachen. In den Anmerkungen schrieben die Grimms: Aus Oberwallis, von Hans Truffer aus Visp erzählt. Unter dem Pabst ist vielleicht Silvester II. (Gerbert) gemeint, von dem Vincent. Bellov. (Spec. hist. 24, 98) sagt ibi (zu Sevilla) didicit et cantus avium et volatus mysterium. Aber auch von der Wahl Innocenz  III. (im J. 1198) wird erzählt drei Tauben seien in der Kirche umher geflogen und zuletzt habe sich eine weiße zu seiner rechten gesetzt; s. Raumer Hohenstaufen 3, 74.
Heute ist für die meisten eher  interessant und wichtig, dass, wie auch in Hans mein Igel, ein vom Vater  nicht geschätzter, ja sogar  gehasster Sohn konsequent seinen Weg gemacht hat und es so weiter gebracht hat, als jeder andere.

Die drei Sprachen.

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: „Höre, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Du musst fort von hier, ich will dich einem berühmten Meister übergeben, der soll es mit dir versuchen.“
Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte: „Nun, mein Sohn, was hast du gelernt?“

„Vater, ich habe gelernt was die Hunde bellen“ antwortete er.
„Dass Gott erbarm,“ rief der Vater aus, „ist das alles, was du gelernt hast? ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister tun.“
Der Junge ward hingebracht, und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr. Als er zurückkam, fragte der Vater wiederum: „Mein Sohn, was hast du gelernt?“
Er antwortete „Vater, ich habe gelernt was die Vögli sprechen.“
Da geriet der Vater in Zorn und sprach: „Oh, du verlorener Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir unter die Augen zu treten? Ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein.“
Der Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte:„Mein Sohn, was hast du gelernt?“ So antwortete er: „Lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt was die Frösche quacken.“
Da geriet der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf, rief seine Leute herbei und sprach: „Dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus und gebiete euch dass ihr ihn hinaus in den Wald führt und ihm das Leben nehmt.“
Sie führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.

Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. „Ja,“ sagte der Burgherr, „wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.“
Die ganze Gegend war darüber in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling aber war ohne Furcht und sprach:„Lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts tun.“ Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Tiere und brachten ihn hinab zu dem Turm. Als er hinein trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen was er ihnen hinsetzte und krümmten ihm kein Härchen. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder zum Vorschein und sagte zu dem Burgherrn: „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht und müssen einen großen Schatz hüten, der unten im Turme liegt und kommen nicht eher zur Ruhe als bis er gehoben ist, und wie dies geschehen muss, das habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.“
Da freuten sich alle die das hörten, und der Burgherr sagte er wollte ihn an Sohnes statt annehmen, wenn er es glücklich vollbrächte. Er stieg wieder hinab, und weil er wusste was er zu tun hatte, so vollführte er es und brachte eine mit Gold gefüllte Truhe herauf. Das Geheul der wilden Hunde ward von nun an nicht mehr gehört, sie waren verschwunden, und das Land war von der Plage befreit.

Über eine Zeit kam es ihm in den Sinn, er wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig. Endlich langte er in Rom an, da war gerade der Papst gestorben, und unter den Kardinälen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig derjenige sollte zum Papst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde. Und als das eben beschlossen war, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche, und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes und fragte ihn auf der Stelle ob er Papst werden wolle. Er war unschlüssig und wusste nicht ob er dessen würdig wäre, aber die Tauben redeten ihm zu dass er es tun möchte, und endlich sagte er „ja.“
Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was er von den Fröschen unterwegs gehört, und was ihn so bestürzt gemacht hatte, dass er der heilige Papst werden sollte. Darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.

das 149. Kinder- und Hausmärchen


heißt: Der Hahnenbalken. Und ich fand das als Kind immer total doof.Einerseits schien es mir nie so schlimm, wenn jemand in einem Feld seine Röcke rafft, dass man ihn davonjagen muss, anderseits, wenn die Leute schon so drauf sind, war das eine  unverhältnismäßige Rache – schien mir.
Aber ist Rache ja so oft, von daher passt es.
Dieses Märchenstückchen ist nach Angaben eigentlich eine kurze Prosanacherzählung   von Friedrich Kinds gleichnamigem Gedicht, erschienen in Wilhelm Gottlieb Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen von 1812. Eigentlich ist es nicht weiter erzählenswert, wenn es nicht dokumentieren würde, wie schnell alles kippen kann. Gerade noch in hohen Ehren, im nächsten Augenblick davongejagdt – nicht durch den, mit dem man den Zwist hat, sondern vom Publikum.

 Der Hahnenbalken

Es war einmal ein Zauberer, der stand mitten in einer großen Menge Volks und vollbrachte seine Wunderdinge. Da ließ er auch einen Hahn einherschreiten, der hob einen schweren Balken und trug ihn als wäre er federleicht.

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Nun war aber ein Mädchen, das hatte eben ein vierblättriges Kleeblatt gefunden und war dadurch klug geworden, so dass kein Blendwerk vor ihr bestehen konnte. Sie sah, dass der Balken nichts war als ein Strohhalm. Da rief sie: „Ihr Leute, seht ihr nicht, das ist ein bloßer Strohhalm und kein Balken, was der Hahn da trägt.“ Alsbald verschwand der Zauber, und die Leute sahen was es war und jagten den Hexenmeister mit Schimpf und Schande fort. Er aber, voll innerlichen Zornes, sprach: „Ich will mich schon rächen.“ Nach einiger Zeit hielt das Mädchen Hochzeit, war geputzt und ging in einem großen Zug über das Feld nach dem Ort, wo die Kirche stand. Auf einmal kamen sie an einen stark angeschwollenen Bach, und war keine Brücke und kein Steg, darüber zu gehen. Da war die Braut flink, hob ihre Kleider auf und wollte durchwaten. Wie sie nun eben im Wasser so steht, ruft ein Mann, und das war der Zauberer, neben ihr ganz spöttisch: „Ei! wo hast du deine Augen, dass du das für ein Wasser hältst?“ Da gingen ihr die Augen auf, und sie sah, dass sie mit ihren aufgehobenen Kleidern mitten in einem blaublühenden Flachsfeld stand. Da sahen es die Leute auch allesamt und jagten sie mit Schimpf und Gelächter fort.

das 28. der Kinder- und Hausmärchen


heißt Der singende Knochen;.Ich habe das als Kind geliebt, das war einerseits so schrecklich, andererseits so befriedigend, dass der Mörder nicht davon kommt, auch wenn es dauerte und er dazwischen in Wohlstand und Ehre durch seine böse Tat lebte. Das Märchen vermittelt das, was Kriegsverbrecherprozesse vermitteln, eine späte, aber notwendige Genugtuung der Opfer. Es fällt mir immer wieder ein, wenn berichtet wird, dass ein Massengrab gefunden wurde. Ist ja leider nicht so selten und die Gräber nicht so alt wie man möchte.
Man sollte die, die dann verurteilt werden – hier auch wieder, nie wie man möchte,passiert viel zu selten – ebenso verurteilen, dass sie in ihrer Zelle jeden Tag dieses Märchen abschreiben müssen, Tag für Tag, für Tag…
Gerade dieses Märchen heute einzustellen veranlasste mich diese frische Mitteilung hier über ein gerade gefundenes Massengrab in Kambodscha

Der singende Knochen

Es war einmal in einem Lande große Klage über ein Wildschwein, das den Bauern die Äcker umwühlte, das Vieh tötete und den Menschen mit seinen Hauern den Leib aufriss. Der König versprach einem jeden, der das Land von dieser Plage befreien würde, eine große Belohnung: aber das Tier war so groß und stark, dass sich niemand in die Nähe des Waldes wagte, worin es hauste. Endlich ließ der König bekannt machen: Wer das Wildschwein einfange oder töte, der solle seine einzige Tochter zur Gemahlin haben.
Nun lebten zwei Brüder in dem Lande, Söhne eines armen Mannes, die meldeten sich und wollten das Wagnis übernehmen. Der Älteste, der listig und klug war, tat es aus Hochmut, der Jüngste, der unschuldig und dumm war, aus gutem Herzen. Der König sagte: „Damit ihr desto sicherer das Tier findet, sollt ihr von entgegen gesetzten Seiten in den Wald gehen.“ Da ging der Älteste von Abend und der Jüngste von Morgen hinein. Und als der Jüngste ein Weilchen gegangen war, so trat ein kleines Männlein zu ihm: das hielt einen schwarzen Spieß in der Hand und sprach: „Diesen Spieß gebe ich dir, weil dein Herz unschuldig und gut ist: damit kannst du getrost auf das wilde Schwein eingehen, es wird dir keinen Schaden zufügen.“ Er dankte dem Männlein, nahm den Spieß auf die Schulter und ging ohne Furcht weiter. Nicht lange so erblickte er das Tier, das auf ihn los rannte, er hielt ihm aber den Spieß entgegen, und in seiner blinden Wut rannte das Tier so gewaltig hinein, dass ihm das Herz entzwei geschnitten wurde. Da nahm er das Ungestüm auf die Schulter, ging heimwärts und wollte es dem Könige bringen.
Als er auf der andern Seite des Waldes heraus kam, stand da am Eingang ein Haus, wo die Leute sich mit Tanz und Wein lustig machten. Sein ältester Bruder war da eingetreten und hatte gedacht, das Schwein liefe ihm nicht fort, erst wollte er sich einen rechten Mut trinken. Als er nun den Jüngsten erblickte, der mit seiner Beute beladen aus dem Wald kam, so ließ ihm sein neidisches und boshaftes Herz keine Ruhe. Er rief ihm zu: „Komm doch herein, lieber Bruder, ruhe dich aus und stärke dich mit einem Becher Wein.“ Der Jüngste, der nichts Arges dahinter vermutete, ging hinein und erzählte ihm von dem guten Männlein, das ihm einen Spieß gegeben, womit er das Schwein getötet hätte. Der Älteste hielt ihn bis zum Abend zurück, da gingen sie zusammen fort. Als sie aber in der Dunkelheit zu der Brücke über einen Bach kamen, ließ der Älteste den Jüngsten vorangehen, und als er mitten über dem Wasser war, gab er ihm von hinten einen Schlag, dass er tot hinabstürzte. Er begrub ihn unter der Brücke, nahm dann das Schwein und brachte es dem König mit der Aussage, er hätte es getötet; worauf er die Tochter des Königs zur Gemahlin erhielt. Als der jüngste Bruder nicht wieder kommen wollte, sagte er: „Das Schwein wird ihm den Leib aufgerissen haben.“ und das glaubte jedermann.

Weil aber vor Gott nichts verborgen bleibt, sollte auch diese schwarze Tat ans Licht kommen. Nach langen Jahren trieb ein Hirt einmal seine Herde über die Brücke und sah unten im Sande ein schneeweißes Knöchlein liegen und dachte das gäbe ein gutes Mundstück. Da stieg er herab, hob es auf und schnitzte ein Mundstück daraus für sein Horn. Als er zum ersten Mal darauf geblasen hatte, fing das Knöchlein zu großer Verwunderung des Hirten von selbst an zu singen
„Ach, du liebes Hirtelein,
du bläst auf meinem Knöchelein,
mein Bruder hat mich erschlagen,
unter der Brücke begraben,
um das wilde Schwein,
für des Königs Töchterlein.“
„Was für ein wunderliches Hörnchen,“ sagte der Hirt, „das von selber singt, das muss ich dem Herrn König bringen.“ Als er damit vor den König kam, fing das Hörnchen abermals an sein Liedchen zu singen. Der König verstand es wohl, und ließ die Erde unter der Brücke aufgraben, da kam das ganze Gerippe des Erschlagenen zum Vorschein. Der böse Bruder konnte die Tat nicht leugnen, ward in einen Sack genäht und lebendig ersäuft, die Gebeine des Gemordeten aber wurden auf den Kirchhof in ein schönes Grab zur Ruhe gelegt.

das 56. der Kinder- und Hausmärchen …


… heißt Der Liebste Roland.
Es ist wieder so ein Märchen, dass erwachsene Zuhörer schnell schockiert: nein, diese Grausamkeit im Märchen …
Aber Märchen sind wie gewellte, getönte Spiegel der Wirklichkeit, sie verzerren zwar etwas, zeigen aber, was ist. Und so grausam wie in der Wirklichkeit geht es im Märchen kaum zu. Ich erinnere nur an den gerade aktuellen Fall in Dortmund. Hier nun, in Der Liebste Roland, überwindet eine Stieftochter Hass und Bosheit der Stiefmutter und findet schlussendlich doch noch ihr Glück und die böse Stiefmutter musste den höchsten Preis für ihre Bosheit zahlen, indem ihre geliebte Tochter den Tod erleiden musste, den sie ihrer Stieftochter zugedacht hatte.
Das Märchen wurde in der Rechtschreibung angepasst, das Mädchen bekam ein Geschlecht, schließlich ist sie heiratsfähig und hat einen Liebsten, und manchmal, ganz selten, wurde ein sie durch die Alte oder das arme Mädchen ersetzt, wenn es dem „Kopfkino“ diente.


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Der Liebste Roland.

Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe und hatte zwei Töchter. Eine war hässlich und böse, und die liebte sie, weil sie ihre rechte Tochter war, und eine war schön und gut, die hasste sie, weil sie ihre Stieftochter war. Zu einer Zeit hatte die Stieftochter eine schöne Schürze, die der andern gefiel, so dass sie neidisch wurde und ihrer Mutter sagte, sie wollte und müsste die Schürze haben. „Sei still, mein Kind,“ sprach die Alte, „du sollst sie auch haben. Deine Stiefschwester hat längst den Tod verdient, heute Nacht wenn sie schläft, komm ich und haue ihr den Kopf ab. Sorge nur dass du hinten ins Bett zu liegen kommst, und schieb sie recht vorn hin.“ Um das arme Mädchen wäre es geschehen, wenn sie nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angehört hätte. Sie durfte den ganzen Tag nicht zur Türe hinaus, und als Schlafenszeit gekommen war, musste sie zuerst ins Bett steigen, damit die Stiefschwester sich hinten hin legen konnte. Als sie aber eingeschlafen war, da schob das arme Mädchen sie sachte nach vorn und nahm den Platz an der Wand. In der Nacht kam die Alte geschlichen, in der rechten Hand hielt sie eine Axt, mit der linken fühlte sie erst, ob auch jemand vorn lag, und dann fasste sie die Axt mit beiden Händen, hieb und hieb ihrem eigenen Kinde den Kopf ab.
Als die Alte fort gegangen war, stand das Mädchen auf, und ging zu seinem Liebsten, der Roland hieß, und klopfte an seine Türe. Als er heraus kam, sprach sie zu ihm „Höre, liebster Roland, wir müssen eilig flüchten, die Stiefmutter hat mich totschlagen wollen, hat aber ihr eigenes Kind getroffen. Kommt der Tag, und sie sieht was sie getan hat, so sind wir verloren.“ „Aber ich rate dir,“ sagte Roland, „dass du erst ihren Zauberstab wegnimmst, sonst können wir uns nicht retten, wenn sie uns nachsetzt und verfolgt.“ Das Mädchen holte den Zauberstab, und dann nahm es den toten Kopf und tröpfelte drei Blutstropfen auf die Erde, einen vors Bett, einen in die Küche, und einen auf die Treppe. Darauf eilte es mit seinem Liebsten fort.
Als nun am Morgen die alte Hexe aufgestanden war, rief sie ihre Tochter, und wollte ihr die Schürze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie „Wo bist du?“ „Ei, hier auf der Treppe, da kehr ich,“ antwortete der eine Blutstropfen. Die Alte ging hinaus, sah aber niemand auf der Treppe und rief abermals: „Wo bist du?“ „Ei, hier in der Küche, da wärm ich mich“ rief der zweite Blutstropfen. Sie ging in die Küche, aber sie fand niemand. Da rief sie noch einmal: „Wo bist du?“ „Ach, hier im Bette, da schlaf ich“ rief der dritte Blutstropfen. Die Alte ging in die Kammer ans Bett. Was sah sie da? Ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm, und dem sie selbst den Kopf abgehauen hatte.
Die Hexe geriet in Wut, sprang ans Fenster, und da sie weit in die Welt schauen konnte, erblickte sie ihre Stieftochter, die mit ihrem Liebsten Roland fort eilte. „Das soll euch nichts helfen,“ rief sie, „wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr entflieht mir doch nicht.“ Sie zog ihre Meilenstiefeln an, in welchem sie mit jedem Schritt eine Stunde machte, und es dauerte nicht lange, so hatte sie beide eingeholt. Das Mädchen aber, wie es die Alte daher schreiten sah, verwandelte mit dem Zauberstab seinen Liebsten Roland in einen See, sich selbst aber in eine Ente, die mitten auf dem See schwamm. Die Hexe stellte sich ans Ufer, warf Brotbrocken hinein und gab sich alle Mühe die Ente herbeizulocken: aber die Ente ließ sich nicht locken, und die Alte musste abends unverrichteter Sache wieder umkehren. Darauf nahm das Mädchen mit seinem Liebsten Roland wieder die natürliche Gestalt an, und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zu Tagesanbruch. Da verwandelte sich das Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, seinen Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Nicht lange, so kam die Hexe heran geschritten und sprach zu dem Spielmann: „Lieber Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“ „O ja,“ antwortete er, „ich will dazu aufspielen.“ Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn sie wusste wohl wer die Blume war, so fing er an aufzuspielen, und, sie mochte wollen oder nicht, sie musste tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Sprünge musste sie machen, und die Dornen rissen ihr die Kleider vom Leibe, stachen sie blutig und wund, und da er nicht aufhörte, musste sie so lange tanzen bis sie tot liegen blieb.
Als sie nun erlöst waren, sprach Roland: „Nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.“ „So will ich derweil hier bleiben,“ sagte das Mädchen, „und auf dich warten, und damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen roten Feldstein verwandeln.“ Da ging Roland fort, und das Mädchen stand als ein roter Stein auf dem Felde und wartete auf seinen Liebsten. Als aber Roland heim kam, geriet er in die Fallstricke einer andern, die es dahin brachte, dass er das Mädchen vergaß. Das arme Mädchen stand lange Zeit, als er aber endlich gar nicht wieder kam, so ward es traurig und verwandelte sich in eine Blume und dachte :„Es wird ja wohl einer daher gehen und mich umtreten.“
Es trug sich aber zu, dass ein Schäfer auf dem Felde seine Schafe hütete und die Blume sah, und weil sie so schön war, so brach er sie ab, nahm sie mit sich, und legte sie in seinen Kasten. Von der Zeit ging es wunderlich in des Schäfers Hause zu. Wenn er morgens aufstand, so war schon alle Arbeit getan: die Stube war gekehrt, Tisch und Bänke abgeputzt, Feuer auf den Herd gemacht, und Wasser getragen; und mittags, wenn er heim kam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufgetragen. Er konnte nicht begreifen wie das zuging, denn er sah niemals einen Menschen in seinem Haus, und es konnte sich auch niemand in der kleinen Hütte versteckt haben. Die gute Aufwartung gefiel ihm freilich, aber zuletzt ward ihm doch angst, so dass er zu einer weisen Frau ging und sie um Rat fragte. Die weise Frau sprach „es steckt Zauberei dahinter; gib einmal morgens in aller Frühe acht ob sich etwas in der Stube regt, und wenn du etwas siehst, es mag sein was es will, so wirf schnell ein weißes Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“ Der Schäfer tat wie sie gesagt hatte, und am andern Morgen, eben als der Tag anbrach, sah er wie sich der Kasten auftat und die Blume heraus kam. Schnell sprang er hinzu und warf ein weißes Tuch darüber. Alsbald war die Verwandlung vorbei, und ein schönes Mädchen stand vor ihm, das bekannte ihm dass sie die Blume gewesen wäre und seinen Haushalt bisher besorgt hätte. Sie erzählte ihm sein Schicksal, und weil sie ihm gefiel, fragte er ob es ihn heiraten wollte, aber sie antwortete „nein,“ denn sie wollte ihren Liebsten Roland, obgleich er sie verlassen hatte, doch treu bleiben. Aber sie versprach dass sie nicht weggehen, sondern ihm fernerhin Haus halten wollte.
Nun kam die Zeit heran dass Roland Hochzeit halten sollte: da ward nach altem Brauch im Lande bekannt gemacht dass alle Mädchen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen sollten. Das treue Mädchen, als sie davon hörte, ward so traurig dass sie meinte, das Herz im Leib würde ihr zerspringen und wollte nicht hingehen, aber die andern kamen und holten sie herbei. Wenn aber die Reihe kam, dass sie singen sollte, so trat sie zurück, bis sie allein noch übrig war, da konnte sie nicht anders. Aber wie sie ihren Gesang anfing und er zu Rolands Ohren kam, so sprang er auf, und rief: „Die Stimme kenne ich, das ist die rechte Braut, eine andere begehr ich nicht.“ Alles, was er vergessen hatte und ihm aus dem Sinn verschwunden war, das war plötzlich in sein Herz wieder heim gekommen. Da hielt das treue Mädchen Hochzeit mit seinem Liebsten Roland, und war ihr Leid zu Ende und fing ihre Freude an.