Erzählung der Woche 46/2010


Lew Tolstoi
(sein 100. Todestag ist heute, am 20.11.2010)

Die drei Tode

1

Es war Herbst. Auf der Landstraße fuhren in schnellem Trab zwei Equipagen. In der vorderen Kutsche saßen zwei Frauen: die eine, die Dame, war hager und bleich, die andere, das Dienstmädchen, hatte glänzende rote Wangen und eine volle Figur. Ihre kurzen trockenen Haare drängten sich unter dem verschossenen Hute hervor, und die rote Hand im zerrissenen Handschuh brachte sie immer wieder hastig in Ordnung. Die hohe, mit einem bunten Tuch bedeckte Brust atmete Gesundheit; die flinken schwarzen Augen verfolgten bald durch das Wagenfenster die dahinschwindenden Felder, bald blickten sie scheu auf die Herrin, bald schweiften sie unruhig über die Ecken der Kutsche. Vor der Nase des Dienstmädchens schaukelte der ans Gepäcknetz gebundene Hut der Herrin, auf ihren Knien lag ein Hündchen, ihre Füße standen auf einem Berg von Schachteln und trommelten kaum hörbar im gleichen Takte mit dem Rütteln der Federn und dem Klirren der Fensterscheiben.

Die Dame hielt die Hände im Schoß gefaltet, hatte die Augen geschlossen und wiegte sich schwach in den Kissen, die man ihr hinter den Rücken geschoben hatte; sie hüstelte hohl mit geschlossenem Mund, wobei sie jedesmal das Gesicht verzog. Auf dem Kopfe trug sie ein weißes Nachthäubchen und darüber ein leichtes hellblaues Tuch, dessen Enden um ihren zarten blassen Hals geschlungen waren. Ein gerader Scheitel, der unter dem Häubchen verschwand, teilte das blonde, ungewöhnlich dünne, pomadisierte Haar; die weiße Haut dieses breiten Scheitels schien eigentümlich trocken und leblos. Die gelbliche Haut lag schlaff auf den feinen und schönen Umrissen des Gesichts und hatte an den Wangen und Backenknochen rote Flecken. Die Lippen waren trocken und unruhig, die dünnen Wimpern waren seltsam gerade, und der Reisemantel fiel auf der eingefallenen Brust in geraden Falten herab. Obwohl die Augen geschlossen waren, drückte das Gesicht der Dame Müdigkeit, Gereiztheit und gewohntes Leid aus.

Der Lakai saß zurückgelehnt auf dem Bock und schlummerte; der Postillion trieb mit kurzen Schreien das stattliche, schweißtriefende Viergespann an und blickte sich ab und zu nach dem andern Kutscher um, der auf dem Bocke des zweiten Wagens saß und seine Pferde mit den gleichen Schreien antrieb. Auf dem kalkigen Straßenschmutz liefen gleichmäßig und schnell die parallelen breiten Spuren der Wagenräder. Der Himmel war grau und kalt, feuchter Nebel lagerte auf den Feldern und Wegen. Im Innern der Kutsche war es dumpf und roch nach Kölnischem Wasser und Staub. Die Kranke warf ihren Kopf in den Nacken und öffnete langsam die Augen. Die großen Augen waren glänzend und von einer schönen, dunklen Farbe.

»Schon wieder!« sagte sie, indem sie nervös mit ihrer schönen hageren Hand einen Mantelzipfel des Dienstmädchens wegschob, der kaum ihren Fuß berührt hatte; ihr Mund zuckte dabei schmerzvoll zusammen. Matrjoscha raffte mit beiden Händen die Schöße ihres Mantels auf, erhob sich auf ihren kräftigen Beinen und rückte etwas weiter. Ihr frisches Gesicht errötete. Die schönen dunklen Augen der Kranken verfolgten gespannt alle Bewegungen des Mädchens. Die Dame stemmte sich mit beiden Händen gegen den Sitz und wollte gleichfalls etwas hinaufrücken, doch ihre Kräfte versagten. Ihr Mund krümmte sich, und ihr ganzes Gesicht wurde durch den Ausdruck ohnmächtiger, gehässiger Ironie verzerrt. »Wenn du mir wenigstens helfen wolltest!… Ach, jetzt ist es nicht mehr nötig! Ich kann schon selbst; leg mir aber um Gottes willen nicht immer deine Päckchen hinter den Rücken!… Laß es sein, wenn du es nicht verstehst!« Die Dame schloß die Augen, hob dann wieder die Lider und warf dem Dienstmädchen einen schnellen Blick zu. Matrjoscha starrte sie an und biß sich in die rote Unterlippe. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust der Kranken und ging in einen Hustenanfall über. Sie wandte sich ab, verzog das Gesicht und griff mit beiden Händen an die Brust. Als der Anfall vorüber war, schloß sie wieder die Augen und saß unbeweglich da. Beide Equipagen fuhren durch ein Dorf. Matrjoscha steckte ihre volle Hand unter dem Tuche hervor und bekreuzigte sich.

»Was gibts?« fragte die Herrin.

»Eine Station, gnädige Frau.«

»Ich frage dich, warum du dich bekreuzigst!«

»Es ist eine Kirche, gnädige Frau.«

Die Kranke wandte sich zum Fenster und begann sich langsam zu bekreuzigen, mit weit geöffneten Augen auf die große hölzerne Kirche starrend, um die die Kutsche herumfuhr. Die Kutsche und die Kalesche hielten gleichzeitig vor der Station. Aus der Kalesche stieg der Gatte der kranken Dame und der Arzt. Sie traten an die Kutsche heran.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte derArzt,ihren Puls befühlend.

»Nun, meine Liebe, bist du nicht müde?« fragte der Gatte französisch. »Willst du nicht aussteigen?«

Matrjoscha nahm alle Päckchen zusammen und drückte sich in eine Ecke,um die Herrschaften in ihrem Gespräch nicht zu stören.

»Immer dasselbe,« antwortete die Kranke. »Ich möchte nicht aussteigen.« Der Gatte stand noch eine Weile da und ging dann in das Stationsgebäude. Matrjoscha sprang aus der Kutsche und lief auf den Fußspitzen durch den Schmutz zum Tor.

»Daß es mir schlecht geht, ist noch kein Grund für Sie, nicht zu frühstücken,« sagte die Kranke mit einem schwachen Lächeln zum Arzt, der vor dem Wagenfenster stand.

›Niemand kümmert sich um mich‹, fügte sie in Gedanken hinzu, als der Arzt sich mit leisen Schritten vom Wagen entfernte und dann in großer Hast die Stufen des Stationshauses hinauslief. ›Ihnen geht es gut, und um alles übrige kümmern sie sich nicht. O mein Gott!‹

»Nun, Eduard Iwanowitsch,« sagte der Gatte oben im Stationsgebäude zu dem Arzt, sich mit vergnügtem Lächeln die Hände reibend, »ich habe den Eßkorb heraufbringen lassen. Was halten Sie davon?«

»Ich bin dabei,« antwortete der Arzt.

»Wie geht es ihr eigentlich?« fragte der Gatte seufzend, indem er die Stimme senkte und die Augenbrauen hochzog.

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt: sie wird unmöglich bis nach Italien kommen; ich zweifle sogar, daß sie Moskau noch erreicht. Besonders bei diesem Wetter.«

»Was soll ich tun? Ach mein Gott! Mein Gott!« Der Gatte bedeckte die Augen mit der Hand. »Gib her!« wandte er sich zum Diener, der mit dem Eßkorb hereinkam.

»Sie hätten eben zu Hause bleiben müssen,« entgegnete der Arzt und zuckte die Achseln.

»Sagen Sie mir doch, was konnte ich tun?« entgegnete der Gatte. »Ich habe doch alles versucht, um sie von der Reise abzuhalten; ich habe ihr die Kosten vorgehalten, ich habe von den Kindern, die wir allein zurücklassen mußten, und von meinen Geschäften gesprochen – sie will nichts hören. Sie malt sich das Leben im Ausland aus, als ob sie gesund wäre. Und ihr die Wahrheit über ihren Zustand sagen hieße sie töten.«

»Sie ist ja schon so gut wie tot, das müssen Sie selbst wissen, Wassili Dmitritsch. Der Mensch kann nicht ohne Lungen leben, und neue Lungen wachsen nicht nach. Es ist ja wirklich sehr traurig und schwer, was kann man aber tun? Unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, daß wir ihr das Ende möglichst leicht gestalten. Hier ist viel eher ein Seelsorger am Platze.«

»Ach mein Gott! Versetzen Sie sich doch in meine Lage; Wie kann ich mit ihr von ihrer letzten Stunde sprechen? Mag kommen, was will, ich kann es ihr nicht sagen. Sie wissen ja selbst, wie gut sie ist …«

»Versuchen Sie doch, sie zu überreden, noch bis zum Winter, bis wir Schlittenbahn haben, zu warten,« sagte der Arzt und schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Unterwegs kann ja leicht eine Verschlimmerung eintreten …«

»Aksjuscha, he, Aksjuscha!« schrie auf der schmutzigen Hintertreppe die Tochter des Stationsaufsehers, indem sie sich eine Jacke über den Kopf warf. »Wir wollen uns die Gutsherrin von Schirkino ansehen; man sagt, sie werde wegen ihrer Brustkrankheit ins Ausland geführt. Ich habe noch nie eine Schwindsüchtige gesehen.«

Aksjuscha sprang herbei, und beide Mädchen liefen Hand in Hand vor das Tor. Als sie an der Kutsche vorbeigingen, verlangsamten sie die Schritte und blickten durch das herabgelassene Fenster hinein. Die Kranke wandte den Kopf nach ihnen um; als sie aber ihre Neugier bemerkte, runzelte sie die Stirn und wandte sich wieder ab.

»Gott der Gerechte!« sagte die Tochter des Stationsaufsehers, hastig den Kopf wegwendend. »Was war sie doch für eine Schönheit, und was ist aus ihr geworden! Es ist sogar entsetzlich! Hast du sie gesehen, Aksjuscha, hast du sie gesehen?«

»Ja, so mager ist sie!« bestätigte Aksjuscha. »Wir wollen noch einmal vorübergehen, als ob wir zum Brunnen gingen. Siehst du, sie hat sich weggewandt, aber ich konnte sie noch sehen. Sie tut mir so leid, Mascha!«

»Und wie schmutzig es ist!« entgegnete Mascha, und beide liefen zum Tore zurück.

Die Kranke dachte: ›Ich muß wohl wirklich grauenhaft aussehen! Wenn ich nur so schnell wie möglich ins Ausland kommen könnte! Dort werde ich mich bald erholen.‹

»Nun, wie geht es dir, meine Liebe?« fragte der Gatte, der wieder zur Kutsche kam. Er hatte noch einen Bissen im Munde.

›Immer dieselbe Frage!‹ dachte die Kranke; ›und er selbst ißt!‹

»Es geht,« murmelte sie durch die Zähne.

»Weißt du, meine Liebe, ich fürchte, die Reise wird dir bei diesem Wetter nicht gut tun; auch Eduard Iwanowitsch ist derselben Ansicht. Wollen wir nicht lieber umkehren?«

Sie schwieg ärgerlich.

»Das Wetter wird ja einmal besser werden, wir werden Schlittenbahn bekommen; inzwischen kannst du dich ja auch erholen, dann könnten wir alle zusammen fahren.«

»Verzeih! Hätte ich auf dich schon früher nicht gehört, so wäre ich jetzt längst in Berlin und ganz gesund.«

»Was soll man tun, mein Engel? Du weißt ja selbst, daß es unmöglich war. Wenn du jetzt noch einen Monat warten wolltest, könntest du dich bedeutend erholen, ich würde auch mit meinen Geschäften fertig werden, und wir könnten auch die Kinder mitnehmen …«

»Die Kinder sind gesund, und ich nicht.«

»Begreife doch, meine Liebe, bei diesem Wetter! Wenn unterwegs eine Verschlimmerung eintritt … so ist man wenigstens zu Hause …«

»Warum ists zu Hause besser? … Meinst du, ich soll lieber zu Hause sterben?« antwortete die Kranke gereizt. Doch das Wort ›sterben‹ hatte sie offenbar erschreckt, und sie warf dem Gatten einen stehenden und fragenden Blick zu. Er schlug die Augen nieder und schwieg. Der Mund der Kranken verzerrte sich plötzlich wie bei einem Kinde, und Tränen stürzten ihr aus den Augen. Der Gatte bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und trat schweigend beiseite.

»Nein, ich will doch fahren!« sagte die Kranke, die Augen gen Himmel richtend. Sie faltete die Hände und begann unzusammenhängende Worte zu flüstern. »Mein Gott! Wofür?« murmelte sie, und die Tränen flossen noch unaufhaltsamer. Sie betete lange und inbrünstig, doch der Schmerz und das Gefühl von Beklemmung in ihrer Brust blieben unverändert, der Himmel, die Felder und die Straße blieben ebenso grau und trüb, und der herbstliche Nebel senkte sich immerzu gleichmäßig, ohne dichter oder durchsichtiger zu werden, auf den Straßenschmutz, auf die Dächer, die Kutsche und die Schafpelze der Kutscher, die unter lautem, vergnügtem Geplauder die Räder schmierten und die Pferde vorspannten…

– das 2. Kapitel gibt es nächste Woche

Erzählung der Woche 44/2010


Wilhelm Heinrich Wackenroder

Schilderung der dramatischen Arbeiten des Meistersängers Hans Sachs

Wenn je die deutsche Poesie in irgendeiner Periode, Volkspoesie war, so war sie es im 16. Jahrhundert, dem Hauptzeitpunkte der Meistersänger. Handwerke und Künste blühten; der Bürger lebte im Wohlstande; – es war das goldne Alter des deutschen Kunstfleißes. Vornehmlich passen diese Züge auf einige damals weitberühmte Städte, unter denen Nürnberg den ersten Rang behauptete. Gewiß hatte auch jene bürgerliche Poesie gute Wirkungen, und verbreitete eine gewisse Bildung auch unter der niedrigeren Klasse. Ihre Hauptzwecke waren: Beförderung der Religion, – und der Moralität: Hans Sachs, der als Haupt der Dichtkunst verehrt ward, gibt diese Zwecke mehrmals deutlich an; und wir sehen auch aus seinen Werken hinlänglich, daß er sie beständig vor Augen gehabt hat. Um religiöse Gesinnungen, und zugleich die in dem heiligen Buche der Christen enthaltenen interessanten und lehrreichen Geschichten unter seinen Mitbürgern gemein zu machen, brachte er, stückweise, und in verschiedenen Arten der Behandlung, fast die ganze Bibel in Versen: eine Arbeit, der durchaus alles poetische Verdienst mangelt, die aber in jenen Zeiten, da die Bibel ein neu aufgegrabener, und noch von wenigen genutzter Schatz war, sehr nützlich sein konnte. Der gemeine Mann ward mit dem Inhalte der Bibel vertrauter, nachdem der allgemein beliebte Volksdichter denselben in seine Manier gekleidet hatte; stückweise lernte er mit leichterer Mühe das Ganze kennen, und der Reim prägte Worte und Sinn ihm tiefer ein. – Was die Moral in Hans Sachsens Werken betrifft, so sieht man deutlich, daß diese sein allgemeinster Zweck war. Fast kein einziges seiner Tausende von Gedichten, läßt er aus der Hand, ohne einen ›Beschluß‹, wie er es nennt, anzuhängen, worin eine oder mehrere Lehren aus dem Gedichte gezogen, und meistenteils mit höchst gedehnter Weitschweifigkeit auseinandergesetzt, und dein Leser ans Herz gelegt werden. Überall findet er Gelegenheit, moralische Anwendungen anzuknüpfen; er erzählt fast keine Anekdote ohne dem; – er bringt lange, trockene Verzeichnisse von Tieren und Vögeln in Reime, um die Natur jedes Tiers allegorisch auf einen menschlichen, guten oder bösen Charakter zu deuten; – er versifiziert unendlich viele Stücke aus alten und neuen Geschichtsschreibern nicht bloß, um seine Leser mit den merkwürdigen Vorfällen der Zeiten bekannt zu machen, sondern hauptsächlich, um darin Charaktere und Handlungen, zur Nachahmung oder zum Abscheu aufzustellen.

Wo Belehrung, moralische Belehrung, der Hauptzweck der Dichtkunst ist, da wohnt ihr echter Genius nicht. So war es bei uns fast durchaus der Fall im Mittelalter. Dazu kam noch überdies, daß die deutsche Sprache im 16. Jahrhundert viel zu wenig ausgebildet war, als daß sich eine eigene poetische Sprache von ihr hätte absondern können; welches um so weniger möglich sein konnte, da die besondere Gattung der Poesie, von der hier die Rede ist, auf die niedere Klasse mechanischer Handarbeiter eingeschränkt war, die in ihrem Ausdruck nicht leicht über den Bezirk der gemeinen Volkssprache hinauszutreten, und zur reinen Kunstschönheit zu gelangen vermochten. Und dennoch wurden sie sehr geschätzt. Ihrem Ideenkreise und ihrer Sprache gemäß, läßt sich schon im allgemeinen vermuten, daß sie in der niedrigkomischen, burlesken Poesie am glücklichsten gewesen sein müßten; und gerade dies Fach ist es auch vornehmlich, worin die unparteiische Nachwelt unserem Hans Sachs wahres Verdienst zugestehen muß. Einige seiner Schwänke sind in Ausdruck und Erfindung, -(denn die, bei denen er keine Quelle angibt, sind doch wahrscheinlich mehrenteils aus seinem eigenen Kopf,) Meisterstücke in ihrer Art. Außer ihnen ist Hans Sachs nur in einigen allegorischen Phantasien, (Gesprächen allegorischer Personen, usw.) wahrer Dichter, und Erfinder; denn sonst sind seine Gegenstände durchaus entlehnt. Diese allegorischen Stücke in denen auch eine in ihren Zügen zwar immer einförmige, aber doch romantische und angenehme Einbildungskraft herrscht, gehören zu den Arbeiten seiner früheren Jahre. Man bemerkt bei der Ansicht seiner Werke sehr bald, daß er in seinen älteren Jahren fast nur Historien, und Stücke aus der Bibel in gereimte Erzählungen, oder in Schauspiele verwandelte, und daß auch in der Ausführung alles auffallend trockener und nüchterner wird. Er macht im Alter aus einigen seiner Erzählungen, Schauspiele, und aus einigen seiner Schwänke, Fastnachtspiele, vermehrte auch einige seiner Schauspiele mit Akten und Personen. Und im einzelnen wiederholte er sich noch mehr. Aber seinen Hang, alles was er las, und was er nur einigermaßen lehrreich fand, in Verse umzugießen, konnte er bis in sein spätes Alter nicht aufgeben.

Seine dramatischen Arbeiten, die einen beträchtlichen Teil seiner Werke ausmachen, sind freilich weder in Ansehung des Plans, noch der poetischen Behandlung, weder als Dramas, noch als Gedichte, von dem geringsten Verdienst, (einige Fastnachtsspiele ausgenommen;) aber sie müssen uns darum interessant sein, weil wir in ihnen unsre Bühne, von der wir so wenig frühere Proben haben, in der Kindheit erblicken. Dies muß uns anreizen, sie näher kennen zu lernen. Zuerst von seinen historischen, (geistlichen und weltlichen) Schauspielen, welche man unter seinen dramatischen Arbeiten allein, im engeren Sinn, Schauspiele nennen kann. über eigentümlichen Geist, über Plan, Situation und Durchführung der Charaktere, über die ganze dramatische Kunst läßt sich hier nichts sagen. Die Schauspiele Hans Sachsens sind dialogisierte Stücke aus der biblischen oder profanen Geschichte oder aus einem Roman oder einer Erzählung gezogen. Von der Kunst, den Faden einer Handlung, aus einem Netz zusammenhängender Begebenheiten auszusondern; – die Handlung durch genaue Bestimmung der Grenzpunkte zu einem für sich bestehenden Ganzen zu runden, das auch keine überflüssigen Teile hat; von dieser Kunst hatte Hans Sachs keine Idee. Wenn er größere Abschnitte aus der Bibel dramatisiert, so verknüpft er alle gleichzeitigen Nebenvorfälle treulich mit seiner Haupthandlung und schließt, wenn diese, wenn die Geschichte seiner Hauptperson zu Ende ist, ohne für einen befriedigenden Schlug des Ganzen zu sorgen. In seinem langen Stück ›Der Daniel‹ wird die Anbetung des Bildes des Nebukadnezar, dessen Wahnsinn, die wunderbare Szene des Belsazar an der Tafel usw. auf der Bühne ausführlich vorgestellt. überhaupt folgt der Dichter sklavisch den Begebenheiten und ihrer Folge, wie er sie beides in seiner Quelle findet; er tut so wenig hinzu, als er wegschneidet. Auch die Personen läßt er unverändert; außer daß er zuweilen ein paar geringe Nebenpersonen hinzutut. übrigens bringt er alle Vorfälle der Geschichte vor die Augen seiner Zuschauer, so unvollkommen sie auch auf den damaligen Bühnen vorgestellt sein mögen. In den Ritterstücken usw. kommen viele Gefechte, auch Gefechte mit Drachen, vor; auch feindliche Heere, wovon eins das andre in die Flucht schlägt. In dem Stück ›Die Kindheit Mose‹ watet die Hofjungfrau der Königstochter auf der Bühne ins Wasser, holt das Kästchen heraus, und kommt triefend naß zurück. Im ›Josua‹ fließt der Jordan auf der Bühne durch ein Wunder ab, läßt die Israeliten durch sein Bett gehn, und füllt sich wieder. Nachher gehn die Priester mit der Bundeslade und mit Posaunen dreimal auf der Bühne herum, – «blasen und machen ein Feldgeschrei, die Stadt fällt mit Gerumpel, die Feind werden erschlagen.» Im ›Simson‹ hebt Simson auf der Bühne das Tor aus. Im ›Jonas‹ steigt Jonas in ein vorüberfahrendes Schiff; es segelt darauf auf der Bühne umher; man wirft im Sturme die Ballen, und den Jonas selbst heraus. Zwar hat Hans Sachs ihn nicht auf der Bühne vom Walfisch verschlucken und wieder ausspeien lassen, auch reißt Simson nicht auf der Bühne das Haus ein, sondern «man hört ein groß Gerumpel, als falle das Rathaus ein»; – aber dafür läßt er oft weit unbegreiflichere Dinge vor unseren Augen geschehen. In der ›Göttin Circes‹ gibt Circe den Gefährten des Ulysses den Zaubertrank, – «deckt sie murmelet mit einem Tuch, so gewinnen sie Sewrüssel». «Sie treibt sie hinaus, sie gröchtzen.» Im folgenden heißt es: «Circes bringt die Sew, gibt ihn wieder zu trinken, so werden’s Menschen.» Noch mehr: in dem biblischen Schauspiele ›Von der Schöpfung, Fall und Außtreybung Ade, auß dem Paradieß‹, welches an der Spitze der Werke Hans Sachsens steht, heißt es, nach einem Monolog, den Gott (welcher hier wie in einigen anderen Stücken, z. B. dem ›Hiob‹, eine der mitspielenden Personen ist) gesprochen hat: «Der Herr formieret Adam und bläßt ihm ins Angesicht.» Und im zweiten Akt kommt der Herr, «nimpt ein Ripp aus dem Adam, in dem dieser schläft und bildet die Eva». – Noch weniger als diese offenbaren Wunder der Mythologie des Altertums, und der christlichen Religion, muß es ihm natürlich kosten, Unschicklichkeiten, und Widrigkeiten aufs Theater zu bringen. In dem ›Machabäer‹ läßt er im fünften Akt dem vergifteten und kranken König Herodes von seinem Leibarzt «den Brunnen» besehen; und in demselben Stück nimmt die Grausamkeit des Königs Antiochus, der den sieben Söhnen Einer Mutter die Zungen nacheinander ausschneiden läßt, weil sie das Heidentum nicht annehmen wollen, den ganzen dritten Akt ein.

Unter den Schauspielen unseres Volksdichters sind diejenigen in der Anlage am erträglichsten, die aus einer kleinen Erzählung entstanden sind, welche schon an sich ein Ganzes ausmachte; z. B. einige, die aus dem Boccaz genommen sind, z. B. die geduldig und gehorsam Markgräfin Griselda. Aber die ungeheuersten Kompositionen sind diejenigen Stücke, in deren enge Grenzen von etwa zwölf Quartblättern er sich einfallen läßt, ganze Romane zusammenzupressen: es sind einzelne, verstümmelte Glieder eines Riesenkörpers, welche ungeschickt zur Gestalt eines Zwerges zusammengesetzt sind. Freilich überspringt er manche einzelne Vorfälle, aber die Hauptbegebenheiten oder Abenteuer jagt er in der größesten Schnelligkeit vor den Augen seiner Zuschauer vorüber, und läßt sie in einer oder zwei Viertelstunden eine lange Reihe von Jahren durchlaufen. Denn diese Stücke enthalten immer die ganze Lebensgeschichte des Helden, von seiner Geburt, bis zu seinem Tod. Sie sind übrigens aus den damals allgemein bekannten, und in häufigen Umarbeitungen wiederholten Volksromanen oder chronikmäßigen Rittergeschichten entlehnt. Hier sind einige Titel solcher Stücke: «Comedi. Mit XIX Personen, die schön Magelona, vnd hat 7 Actus. Tragedia: Mit XXV Personen zu agieren, die Melusina, vnd hat VII Actus. – Tragedia. Mit XXI Personen. Hertzog Wilhelm von Österreich, mit seiner Agaley, deß Königs Tochter aus Griechenland, vnd hat 7 Actus. – Tragedia. Mit XVII Personen. Der Hörnen Seyfried, ein Sohn König Sigmunds in Niderland, vnd hat 7 Actus. – Ein Comedi, Florio, deß Königs Son aus Hispania und der schön Bianceflora, vnd hat VII Actus. – Comedia. Mit XIII Personen. Pontus, eines Königs Sohn aus Galicia, mit seiner schönen Sidonia, eines Königs Tochter zu Britannia, vnd hat 7 Actus.» – Ebenso sind auch die Geschichte des Trojanischen Krieges, das Leben Alexanders des Großen, und das Leben des Cyrus bearbeitet. Unter andern hat er auch die Geschichte des Ritters Galmi, in dem ersten Teile des Buches der Liebe (einer alten Romanensammlung, wovon dieser erste Teil durch den Herrn Bibliothekar Reichard in Gotha neu aufgelegt ist,) zum Gegenstande eines seiner Schauspiele gemacht. In diesen Ritterstücken kommen nun auch die abgeschmacktesten Anekdoten, die seltsamsten Abenteuer, usw. auf die Bühne.

Hans Sachs bringt eine ganze Lebenszeit, in ein kurzes Stück; aber nicht bloß zwischen den Akten läßt er Jahre vergehen, sondern auch während der Handlung vergehen Tage, ja sogar Jahre, man weiß nicht wie, und zwischen zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Auftritten, muß man oftmals viel Zeit und Handlung in Gedanken einschieben. In dem Stück ›Marino, deß Königs Tochter auß Frankreich‹ eröffnet der König gleich anfangs seinen Räten das schreckliche Vorhaben, seine Tochter zur Ehe zu nehmen; unmittelbar darauf kommt diese voll Betrübnis herein, und weiß schon, was ihr Vater beschlossen hat. In dem schon erwähnten ›Machabeer‹ verläßt der eben vergiftete Herodes die Bühne; und kommt unmittelbar darauf, weit kränker, wieder herein. Ähnliche Ellipsen kommen häufig vor. Reisen werden in wenigen Minuten gemacht. Zuweilen kommt jedoch der Dichter der Einbildungskraft seiner Zuschauer zu Hilfe. In der ›Opferung Isaaks‹ zum Beispiel, kommen im dritten Akt, Abraham und Isaak vor, welche mit einem Holzbündel, nach dem Opferberg gehen. Darauf halten zwei Knechte Abrahams ein kurzes Gespräch; und nun erscheinen jene beiden Personen wieder. Die Zwischenszene ist hier also das Maß der Entfernung des Berges, oder der Zeit um dahin zu gelangen. Weit öfter aber verschwinden Tage, während daß eine Person hinaus- und eine andere hereingeht. Das erste Beispiel gibt die ›Comedia vom Jacob vnd seinem Bruder Esaw‹. Im ersten Akt bringt eine Magd die in dem Augenblick vorher geborenen Kinder Jakob und Esau dem alten Isaak herein; und alle Personen gehen ab. Unmittelbar darauf kommt Jakob herein und spricht als ein Jüngling von wenigstens 14 bis :16 Jahren!…

Erzählung der Woche 41/2010


Eine Hundegeschichte

von Marc Twain

Kapitel I

Mein Vater war ein St. Bernard, meine Mutter war eine Collie, aber ich bin ein Presbyterianer. Das war, was meine Mutter mir erzählte, ich kenne die feinen Unterschiede selber nicht. Für mich sind es nur schöne große Wörter, die nichts bedeuten. Meine Mutter hatte Zärtlichkeit für sowas, sie mochte es, das auszusprechen und andere Hunde  überrascht und neidisch zu sehen, wie gebildet sie war. Aber tatsächlich war es keine richtige Bildung, es war nur Show: Sie kannte die Wörter, die sie im Esszimmer und wenn dort Gesellschaft war hörte, und durch   das Zuhören in der Sonntagsschule, wohin sie mit den Kindern ging  und immer, wenn sie ein großes Wort hörte, wiederholte sie es mehrmals vor sich hin, und konnte es dadurch solange behalten, bis die Hundeversammlung in der Nachbarschaft stattfand und überraschte und erstaunte sie dort alle, von Pocket-Pup bis zum Bulldogge. Das war der Lohn für ihre Bemühungen. Wenn mal  ein Fremder dabei war und misstrauisch fragte was das bedeute, dann erklärte sie es ihm.  Die anderen haben immer darauf gewartet, und waren froh darüber und stolz auf sie. Wenn sie die Bedeutung eines großen Wortes erklärte, waren alle so mitgenommen durch die Bewunderung, dass es keinem Hund in den Sinn kam darüber zu zweifeln, ob es richtig wäre; und das war natürlich, weil auf jedes Ding worauf sie antwortete, die Antwort so schnell kam, als ob ein Wörterbuch für sie spräche, und außerdem woher sollten sie es wissen, ob es richtig ist oder nicht? – Aber auch weil sie der einzige kultivierte Hund dort war. Mit der Zeit, da ich größer wurde, brachte sie das eine mal  das Wort Unintellektual, und verarbeitete es die ganze Woche in verschiedenen Versammlungen, wodurch sie viel Unglück und Niedergeschlagenheit verursachte; und ich merkte dieses mal, dass sie nach der Bedeutung auf acht verschiedenen Zusammenkünften gefragt wurde, und sie schoß jedes mal eine frische Definition heraus, die mir zeigte, dass sie mehr Geistesgegenwart als Zucht hatte, worauf ich natürlich nichts sagte. Sie hatte immer ein Wort, das sie parat hielt und bereit wie einen Lebensretter, ein Wort für den Notfall, an dem sie sich festhielt, wenn sie plötzlich durch die Fragen zu ertrinken schien – dieses Wort war „synonym“. Wenn es auch mal passiert, dass sie ein Wort aus vergangenen Wochen wieder nahm und dessen vorbereitete Bedeutungen längst vergessen hatte und wenn dann ein Fremder durch dieses Wort für ein paar Minuten stutzig geworden ist, dann würde er zu ihr kommen, während sie schon mit dem Wind einen anderen Kurs eingeschlagen hat und nichts erwartend stellt er sie zur Rede; Ich (der einzige Hund, der das Spiel kennt) kann für einen Moment ihr Segel flattern sehen – aber nur für ein Moment – dann wird es wieder voll und straf und sie würde sagen, so ruhig wie ein Sommertag, „Es ist ein Synonym für Supererogation,“ oder irgendein anderes gottverdammtes, vor langer Zeit ausgestorbenes Wort wie dieses. Dann ginge sie geschmeidig  gleitend die nächsten Richtung, vollkommen zufrieden, weißt schon, und ließe den Fremden profan und verlegen gucken, und der Beginn  des Wackelns der Schwänze der anderen im Einklang mit der Zufriedenheit ihre Gesichter erfüllte sie mit heiliger Freude.

Und so das selbe mit den Phrasen. Wenn sie eine Phrase nach hause brachte, die toll klang, dann wurde diese sechs Nächte und zwei Matinees lang vorgeführt und jedesmal von neuem erklärt – die Bedeutung interessierte sie nicht,  nur auf Richtigkeit der Phrase achtete sie, wusste sie doch, dass diese Hunde nicht genug Verstand hatten um sie auffliegen zu lassen. Ja, sie war ein Prachtexemplar! Sie hatte vor nichts Angst, sie hatte solches Vertrauen in die Ignoranz dieser Kreaturen. Sie erzählte sogar Witze, die sie in der Familie und von den Gästen gehört hatte, über die dort gelacht wurde; und regelmäßig verpasste sie den springenden Punkt, und wenn das passierte, fiel sie auf den Rücken , rollte sich auf dem Fußboden und lachte und bellte auf wirklich irrsinige Art, während ich sehen konnte wie sie sich wunderte, wieso es nicht so witzig war, wie als sie es gehört hatte. Aber das war nicht weiter schlimm; die anderen rollten und bellten mit, selbst aber beschämt, da sie nicht verstanden, worum es ging, sie wussten ja nicht, dass es nicht ihr Fehler war und dass es überhaupt keinen Grund gab zu lachen.

Durch diese Dinge konnte man sehen, wie eingebildet und leichtsinnig ihr Charakter war, dennoch hatte sie Vorzüge, um zu etwas zu bringen, denke ich. Sie hatte ein gütiges Herz und Zärtlichkeit und verbarg niemals den Ärger, wenn man sie verletzte, sondern sprach diesen aus und vergaß es dann wieder; und sie lehrte ihren Kindern diese freundliche Art, und von ihr haben wir auch gelernt, tapfer und ohne Zögern in Gefahren zu handeln, und nicht weglaufen, sondern der Gefahr, die Freund oder Fremden bedrohte, gegenüber zu treten und  zu helfen, so gut wie wir können ohne darüber nachzudenken, was es uns kosten würde. Und sie lehrte uns das nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch Beispiele, und das ist die beste, die sicherste und meist andauernde Art einen zu lehren. Warum sie die mutigen Sachen tat? Sie war ein Soldat; und auch so bescheiden darüber – gut, man konnte es nicht verhindern sie zu bewundern und sie zu imitieren, nicht einmal der König Charles, der Spaniel, konnte völlig verabscheuungswürdig in ihrer Gesellschaft bleiben. Wie man sehen kann,  da war mehr als nur ihre Bildung.

Kapitel II

Als ich groß genug war, letztendlich, wurde ich verkauft und weggenommen, und ich sah sie nie wieder. Ihr Herz war gebrochen, und meins auch, und wir weinten; und sie tröstete mich so gut sie konnte, und sagte wir kommen in diese Welt für einen weisen und guten Zweck, und müssen unseren Dienst ohne Widerrede ausführen, unser Leben so hinnehmen wie es ist, so zu leben, dass es anderen wohl ergehe, und uns niemals über die Folgen Gedanken zu machen, es ist nicht unsere Sache. Sie sagte Männer, die so handeln, würden eine noble und wunderschöne Belohnung im Jenseits bekommen, und obwohl wir Tiere niemals dorthin kommen würden, gut und richtig zu handeln ohne Belohnung würde unserem kurzen Leben etwas Ehrenhaftigkeit und Würde verleihen, welches selbst schon eine Belohnung ist. Sie hat diese Dinge gesammelt als sie von Mal zu Mal in die Sonntagsschule mit den Kindern mitgelaufen ist, und hatte diese sorgfältiger in ihren Gedanken aufbewahrt als ihre anderen Wörter und Phrasen; und sie vertiefte sich mehr in diese – für unser und auch ihr Wohl. Man konnte dadurch sehen, dass sie einen weisen und nachdenklichen Kopf hatte, trotz dessen, dass dort soviel Leichtsinn und Eitelkeit war.

So, dann sagten wir uns Lebewohl und sahen uns gegenseitig voller Tränen an; und das Letzte was sie sagte – woran ich mich am meisten erinnere, glaube ich – war, „In der Erinnerung an mich, wenn irgendein Gefahr kommt und irgendeiner in Not ist, denk nicht an dich, denk an deine Muttter und tu das, was sie tun würde.“

Denkst du, ich könnte das vergessen? Nein.

Kapitel III dann in der 42. Woche


Erzählung der Woche 38/2010


Georg Queri

Die zwölf Blutegel des Zinserer Lipp
aus  Die Schnurren des Rochus Mang

Der Zinserer Lipp hat’s mit dem Kreuzweh zu tun und sagt dem Bader, daß es ein Wehdam sei schier zum Umkommen und wann er keine Salben nit hätt dafür und kein Pflaster auch nit, dann tät er ihn zeitlebens nimmer anschaun.
»Ich hab keine Salben nit für Deinen Wehdam«, sagt der Bader, »und kein Pflaster hab ich auch nit dafür. Aber Blutegel hab ich dafür, daß Dein Kreuzweh vergehn muß.«
Und er schickt dem Lipp zwölf Blutegel.
Wie er am anderen Tag zum Nachsehen kommt, da strahlt er wie ein Sieger, der Bader.
»Und Dein Wehdam,« sagt er, »der wird Dich heut wohl nimmer plagen?«
»Und wann mich auch der Wehdam im Kreuz hinten nimmer plagt, so hab ich’s jetzt im Magen und im Schlund. Deine Blutegel haben mir völlig nit gut getan.«
»Möcht ich wissen, warum und wegen was?« sagt der Bader.
»Wegen was und warum?« sagt der Zinserer und spuckt zu Boden. »Wann sie auch noch so schleimig sind und glitscherig, Deine Blutegel, aber sie wollen nit rutschen.«
»Indem daß einer überhaupt nit rutscht, was ein guter Blutegel ist. Sind wohl die allerbesten Blutegel, die meinigen.« Und einen Stolz setzt er auf, der Bader.
»Nit sind sie gut, Bader, gar nit. Da hab ich die Augen zudrucken müssen und hab denken müssen: Lipp, Du frißt itzt keinen Blutegel nit, Du frißt einen Lebzelten. Sonst wären sie gar nit hinuntergerutscht, die ersten vier.
»Und hast ihrer vier gefressen, Zinserer? Und hast sie wirklich gefressen?«
Der Bauer nickt. »Und aber die zweiten vier hat mir die Bäurin abrösten müssen im Schmalz, sonst wär’s wieder nit gangen.«
»In Schmalz hast Du die vier gefressen, Lipp?«
»Ja, und die hab ich im Schmalz gefressen. Aber es wird nit die richtig Kocherei gewesen sein und nit das richtig Butterschmalz. Die dritten vier hätt ich nit mehr so mögen und nit um ein Schloß und nit um die Welt!«
»Und wie hast die dritten vier gefressen?« fragt der Bader und hebt sich am Tisch fest, daß er nit herabrutscht von der Bank. »Hast die auch noch gefressen, Lipp?«
»Rechtschaffen hab ich sie heruntergebracht, weil die Bäurin einen scharfen Essig hingeschütt hat und einen Zwiefel dazugeschnitten. Die sind gar nit so viel schlecht gewesen.«
»Und Dein Kreuzweh, das ist alsdann weg?« sagt der Bader.
»Hab schier keinen Wehdam nimmer. Aber Deine Blutegel wollen dem Magen nit völlig gut sein. Ich mein, die muß er wieder hergeben, der Magen. Meinst nit auch?«
Der Bader hebt sich wieder am Tisch fest, aber nur eine Zeitlang. Und dann geht er schnell an die Tür.
»Ich mein schon auch«, sagt er und lauft davon.
Recht hat er gehabt, der Bader.