Die verlorenen Märchen


Die verlorenen Märchen
für meinen Vater

27. Februar,
Geburtstag,
den Du nicht erlebst
seit zwanzig Jahren schon.

Ich erinnere mich in kindlicher Liebe
an die kurzen Zeiten der Nähe,
wenn abends an meinem Bette
deinem Kopf nie zuvor gelesene,
nie zuvor gehörte Märchen entsprangen,
die ich leider vergaß, aber
die mich lachen machten und
die Dunkelheit der Nacht leicht.

Später stand zwischen uns
Gesagtes und Ungesagtes,
Persönliches wie Politisches,
schuf traurigen Abstand.
Doch ich erinnere mich
in kindlicher Liebe an deine Nähe,
wenn du abends an meinem Bette
unbeschreibliche Märchen erzähltest.

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Was bleibt… so heißt mein Beitrag im Buch „Yeahsterday“


Das Buch kann man auch kaufen :

Was bleibt“

Are you going to be in my dreams
tonight?
And in the end
the love you take
is equal to the love you make
(The Beatles)


An jedem 7. Oktober feiere ich meine Erinnerung; meine Erinnerung an dich. Und an jedem 7. Oktober kämpfe ich dagegen an, dass du mir immer unwirklicher wirst, denn von Jahr zu Jahr verblassen deine Konturen.
Hätte ich kein Foto, wüsste ich schon nicht mehr, was genau dein Gesicht so schön machte. Wüsste zwar von den langen blonden Locken und blauen Augen, könnte aber dieses feine, verhaltene Lächeln, das in deinem Blick, in den Grübchen deiner Wangen und in den Mundwinkeln saß, nicht zurückrufen. Dieses Lächeln – wohl der eigentliche Grund dafür, dass ich von den anderen Mädchen beneidet wurde. Dieses Lächeln, das sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf dich zog.
Lästig für mich, und ich neckte dich oft genug damit, um meine Eifersucht zu verbergen. Ein Grund, nicht mit dir zu gehen, denn ich wollte unsere Freundschaft nicht gegen eine unsichere Liebe eintauschen; dafür hatte ich dich einfach zu gern und zu große Angst, dich zu verlieren.
Wir besuchten damals die neunte Klasse einer polytechnischen Oberschule in Berlin. Berlin-Hauptstadt der DDR, wie jener Teil der Stadt in den verkrampften Verlautbarungen von „Partei und Regierung“ stets hieß.
Unsereins sagte, wenn im Gespräch unterschieden werden musste, Ostberlin und Westberlin.
Berliner leben  in ihren Kiezen, sind und waren nur schwer herauszulocken. Unser Gebiet war der Friedrichshain. Wir hatten da fast alles, was wir brauchten – Sportplatz, Bibliothek, Arbeitsgemeinschaften, Jugendclub, das Café Sybille, das Kino Kosmos -, und konkurrierten spielerisch mit den Leuten vom Prenzlauer Berg. Neben dem Kokettieren mit der Zugehörigkeit zum „einzig wahren Bezirk“ aber zählte hauptsächlich die Frage: „Beatles oder Stones?“
Die richtige Antwort entschied darüber, ob man als Gast bei einer Fete erste oder zweite Wahl war; weil Übereinstimmung im Musikgeschmack die gleiche Lebenseinstellung vermuten ließ.

An Einladungen zu Feiern mangelte es uns nicht, denn deine langen Haare, die dir manche demütigende Bemerkung von Erwachsenen und kurzzeitig sogar ein Schulverbot einbrachten, machten dich für Gleichaltrige zum Helden. Da konnte selbst eine als falsch empfundene Antwort nicht disqualifizierend wirken.

Mit Nachrichten und Musik von jenseits der Mauer versorgte uns der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor und die „freie Stimme der freien Welt“, wie stets vor den Nachrichten verkündet wurde.

Du hast oft mit deinem Tonbandgerät die  Musiktitel aus der Sendung „Treffpunkt“ mitgeschnitten. Deine Großmutter aus dem Westen, entweder war sie besonders couragiert – oder leichtsinnig, schmuggelte für dich als Jugendweihegeschenk Beatles-Platten in ihrem  Gepäck. Von wem auch immer sie diesen Tipp gehabt haben mochte, die Friedrichshainer Jugend dankte es ihr im Geiste. Wie viele Tonbänder fülltest du mit Beatles-Alben, mit A Hard Day’s NightBeatles For Sale, mit Help und Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band!
Im Tausch bekamst du dann Bänder mit Musik der Rolling Stones und anderer Gruppen zurück.

Eines Abends im September saßen wir, wie so oft, in deinem Zimmer und hörten „Treffpunkt“. Da verkündete der Moderator, dass die Rolling Stones am 7.Oktober, dem Tag der Republik, auf dem Dach des Springer-Verlaghauses auftreten würden. Verwundert sahen wir uns an.
Dieselbe Gruppe, die vor vier Jahren in der Westberliner Waldbühne eine derart lustlose, kurze Vorstellung abgeliefert hatte, dass die enttäuschten Fans den Veranstaltungsort in Trümmer legten? Das musste geradezu traumatisch für die Westberliner gewesen sein, weil noch immer davon erzählt wurde. Ausgerechnet diese Band sollte nun, hoch oben über der 19. Etage, an der Grenze ein Konzert geben? Als Gäste des Presseunternehmens, das ständig gegen sie polemisierte? Wo keiner sie sehen konnte, höchstens hören, wenn überhaupt?
Alles sehr unwahrscheinlich – wohl eine der sprichwörtlichen RIAS-Enten.

Im weiteren Verlauf der Sendung wurde das Stones-Konzert noch einmal im Konjunktiv erwähnt und es war nun deutlich als fiktive Idee des Moderators zu erkennen. Wir waren erleichtert, nicht auszudenken, welche Folgen so ein Konzert in der Realität hätte nach sich ziehen können!
Doch wie schnell ein Gerücht sich verselbständigt, zeigte sich am nächsten Tag. In der Schule, im Zeichenzirkel, im Sportverein, überall gab es nur das eine Thema: Die Rolling Stones spielen am 7. Oktober auf dem Springer-Hochhaus! Unsere Versuche, den Scherz richtig zu stellen, verblassten gegen den bunten Wunsch, einmal eine richtige Rockgruppe, einmal die Rolling Stones live zu erleben.

In den nächsten Tagen sprach im „Treffpunkt“ niemand mehr von dem fiktiven Konzert, aber überall, wo Jugendliche zusammenkamen, entstand gespannte Unruhe. Langsam bekamen wir Angst um unsere Freunde.
Da kam dir die Idee, eine Feier für Stones- und Beatles-Fans auf dem Dachgarten des Hauses, in dem ich wohnte, zu veranstalten. Mit einer Halbwahrheit gelang es mir, vom Hausmeister den Schlüssel zu bekommen. Tagelang hast du unter Zuhilfenahme eines geliehenen zweiten Gerätes fünf Stunden Rolling Stones und Beatles im Wechsel auf Bänder kopiert, ab und an unterbrochen von den Yardbirds, Joe Cocker, Donovan, Small Faces, Joan Baez, Janis Joplin und Marianne Faithfull: Musik, die unser Empfinden in allen Facetten spiegelte.

Am Republikfeiertag saßen wir auf dem Dachgarten und blickten über die Straßen der Stadt, tranken Clubcola und warteten auf unsere Freunde. Die Mädchen kamen alle, aber nicht einer von den Jungen konnte der vagen Chance, die Rolling Stones könnten doch an der Mauer auftreten, widerstehen.Sie fuhren zum Hausvogteiplatz, um von dort an die  Grenze zu gelangen. Wie sie später erzählten, kamen sie nicht weit. Vor der U-Bahn-Station erwartete sie eine erstaunlich große Anzahl von Leuten im Blauhemd mit Armbinden der FDJ-Ordnungsgruppen. Sobald ein kleiner Trupp Jugendlicher den Bahnhof verlassen hatte, umzingelten sie die angereisten Fans und trieben sie zu Bereitschaftspolizisten, die mit Gummiknüppeln schlugen und verhafteten, wen immer sie greifen konnten.

Wir auf dem Dach bekamen davon nichts mit. Wir sahen nur den klaren Himmel und genossen das milde Wetter. Weil wir ausnahmslos zu denen gehörten, die die polarisierende Frage: „Beatles oder Stones?“ mit „Beatles!“ beantworteten, legten wir die Mixbänder irgendwann zur Seite und machten uns einen schönen Abend mit unserer Lieblingsband. Die Mädchen gingen später und wir beide blieben allein zurück, allein mit den Beatles, zu deren Musik man einfach eng und zärtlich tanzen musste. Wir wussten nichts über LSD und Lucy in the Sky with Diamonds schien uns damals magisch, märchenhaft und voller Liebe, wie ein Bild von Chagall.

Spät am Abend suchten vier starke Scheinwerfer das Firmament ab, bis die Lichtstrahlen sich trafen und zwei Kreuze malten, eine römische Zwanzig als Abschluss der Festveranstaltung zu Ehren des 20. Jahrestages der DDR. Du standest hinter mir, deine Arme um meinen Körper, deine Wange an meine Schläfe gelegt, und sagtest lakonisch: „Und zum dreißigsten Jahrestag machen die dann drei Kreuze, den geschafft zu haben.“

An diesem 7. Oktober wurden wir, was andere schon lange in uns gesehen hatten: ein Paar. Doch wir konnten unsere Liebe nicht lange leben, denn du konntest nicht lange leben.

Aber über die Jahre versöhnte ich mich mit dem Schicksal. Was bleibt, ist die Erinnerung – und Lucy in the Sky with Diamonds, für mich noch immer so magisch, märchenhaft und voller Liebe wie ein Bild von Chagall.

© Bettina Buske

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e-book oder E-Buch-Empfehlung (10) in eigener Sache…


Dass mir Märchen besonders am Herzen liegen, wird, wer hier öfter liest mitbekommen haben.  Ich erzähle sie und… gebe sie heraus, jedenfalls seit neuestem. Erzählfreude-Märchenzauber nenne ich diese Edition, bei der Namensgebung hat meine etwas vernachlässigte Homepage und mein Märchenforum Pate gestanden. Als Märchenerzähler bearbeit man Texte und „reinigt“ sie von störenden Einflüssen.
Nachdem ich das eine lange Zeit gemacht habe, habe ich mich an die Märchensammlung von Musäus gewagt und versucht, seine gestelzte Erzählweise den heutigen Leseansprüchen anzupassen, ohne den Musäus aus dem Text zu entfernen. Ob es mir gelungen ist, wird der Leser entscheiden, ich bin mit dem Ergebnis richtig zufrieden. Geplant ist eine Art von „Best of Musäus“ aus seinen Volksmärchen der Deutschen zu machen, begonnen habe ich mit der Richilde, dem wohl bekanntesten Märchen von Musäus – und meinem liebsten. Kaufen kann man dieses elektronische Büchlein für einen geringen Obolus durch klick aufs Bild

 

 

und mal sehen, wie es läuft, mir fallen noch etliche Märchensammlungen ein, die eine fachfrauliche Auffrischung der Sprachpolitur gebrauchen könnten.
Auffrischung der Politur – die Formulierung gefällt mir richtig, denn diese Textarbeit hat mit dem Restaurieren viel gemein, im Guten wie im Schlechten.

e-book: Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten


Nun gibt es das Buch auch als e-book im pdf-Format, mit einem Klick aufs Coverbild ist man schon bei libreka.de und kann es für 7,99 € herunterladen

Beschreibung
Geschichten zur Erinnerung an die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze, die das Land von 1961 bis 1989 in zwei feindliche Lager teilten und bis heute tiefe Wunden hinterlassen haben. Mehr als zwei Dutzend Autoren aus Ost und West haben ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen in Geschichten geformt. Autoren, die sich noch an den Bau der Mauer im Jahre 1961 erinnern können; und Autoren, die noch Kind waren, als im Jahre 1989 die Mauer fiel. Autoren, die in der DDR aufgewachsen sind; und Autoren, die gelernt haben, „DDR“ stets nur in Anführungszeichen zu schreiben. Autoren, die die Wirren der Friedlichen Revolution und die dramatischen Veränderungen im Gefolge der Wiedervereinigung hautnah miterlebt haben; und Autoren, die die historischen Umwälzungen nur als ferne Beobachter verfolgten.

und hier kann man etwas im Buch blättern…

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten