ausgeguckt: Fetih 1453 oder Battles of Empires


Also, hat mich beeindruckt, erstaunt. Insofern, dass in einem vermeintlich europäischen Land es 2012 möglich ist, so einen Film auf den Markt zu bringen. Gut, ich will nicht übertreiben, in Ungarn wäre jetzt wohl unter anderem Vorzeichen ähnliches möglich.
Goebbels jedenfalls wäre vor Neid erblasst und Maos Ehefrau würde überprüfen lassen, inwieweit dieses Drehbuch von ihren Theaterstücken beeinflusst wurde, denn in diesem Film wurde so ungeniert mit den gängigen Methoden der Propaganda gearbeitet, wie es sich DDR-Propagandisten nach 1950 nicht mehr gewagt hatten (Karl Eduard von Schnitzler mal außen vor gelassen).
Ich denke, dass man sich diesen Film ansehen sollte – und dabei überlegen, an wen sich dieser Film richten soll und was die Macher mit diesem Film aussagen wollen – und warum. Schließlich ist es die teuerste türkische Filmproduktion, soll gut 16,5 Mio Dollar gekostet haben.
Und optisch hat er mir zum Teil auch gefallen, muss ich sagen. Ich mochte diese Kombination aus erkennbar von Computer erzeugten Hintergründen und Menschen und finde das für so historische Sachen passend, denn unser Wissen um diese Dinge ist papierenes Wissen, erlebt von Menschen mit anderen Befindlichkeiten als wir Heutigen.
Für die Inhaltsbeschreibung bediene ich mich mal bei wikipedia, die haben das sauber ausgerbeitet:
Inhaltlich behandelt der Film schwerpunktmäßig die Ereignisse um die Belagerung und Eroberung Konstantinopels und die damit verbundene Zerschlagung des byzantinischen Reiches im Jahr 1453 durch die Osmanen unter Sultan Mehmed II.
Einleitend wird eine Szene gezeigt, in welcher die Anhänger des Propheten Mohammed von ihm über den Dschihad und den künftigen Eroberer Konstantinopels unterrichtet werden. Diese Prophezeiung wird im weiteren Verlauf mehrmals aufgegriffen und verleiht so der Eroberung eine religiös fundierte Legitimation. Später werden einzelne Episoden aus dem Leben Mehmeds II. gezeigt, so etwa sein Verhältnis zu seinem Vater und Vorgänger, Sultan Murad II. Parallel dazu treten weitere Protagonisten auf, so sein Jugendfreund Hasan, dessen Geliebte Era und der schließliche Gegenspieler Hasans auf Seiten der Byzantiner, Giustiniani. Breiten Raum nimmt die in epischer Form und mit aufwändigen Massenszenen dargestellte Belagerung ein. Im dramatischen Finale erobern schließlich die Osmanen die Stadt und Mehmed hält einen triumphalen Einzug. Zuvor stirbt Hasan, nachdem er seinen Gegner besiegt hat, während er die osmanische Fahne auf der Stadtmauer hisst.

Ich will jetzt nicht darauf eingehen, dass kein Wort über den Verbleib der Brüder des Mehmed II. in diesem Film erwähnt wird, verstehe ja,so genau will man ja nicht in die Vergangenheit gehen, wenn man Herrscher schlicht zum Helden erklären möchte – kann ich sogar akzeptieren.
Ich will auch nicht auf diese eigenartige moslemischen Ziehtochter des kanonengießenden Christen Urban eingehen, die in einem quietschroten Kleid mit tiefen Ausschnitt, der in jedem bayrischen Bierzelt für Aufsehen sorgen würde herumläuft – das alles könnte ich mit dem Gedanken, dass man damit der Geschichte dienen wollte, wegstecken.
Auch dass der christliche Meister Urban zwar für Christen keine Kanonen gießen möchte, nur Kräne bauen, für moslemische Eroberer aber freudig solche Kanonen gießt muss mir nicht weiter erklärt werden – ich schlucke es, weil der Schwerpunkt des Filmes woanders liegt und es Nettes über solcherart Motivation ohnehin nicht zu sagen gibt.
Fakt ist ja, es hat sie gegeben, die Kanonen des Urban.
Auf wikipedia heißt es darüber:
Sicher belegt ist nur, dass Urban sich im Sommer 1452 am byzantinischen Hof aufhielt, entweder, weil er in den Diensten Kaiser Konstantins stand oder ihm diese anbieten wollte. In jedem Fall kam Urban anschließend nach Edirne, um sich Mehmed II. anzudienen. Der an technischen Neuerungen interessierte und aufgeschlossene Sultan verpflichtete Urban zu einem sehr hohen Lohn.
….
Urban ließ in seiner Werkstatt insgesamt 69 Kanonen verschiedenster Größe gießen, darunter fünf für die damalige Zeit riesige Geschütze. Die kleineren feuerten zumeist Steinkugeln von 90 kg bis 230 kg ab. Die größte Kanone, das sogenannte Konstantinopel-Geschütz, mit einer Rohrlänge von über acht Metern und einem Durchmesser von 75 cm, verschoss Kugeln von ca. 550–600 kg. Die zweitgrößte, vermutlich „Basilisk“ genannt, wurde mit immerhin noch ca. 360 kg schweren Geschossen beladen. Für die größte Kanone wurden zudem sechs Eisenkugeln gefertigt, die deren Durchschlagskraft noch einmal deutlich erhöhen sollten. Die Schussfrequenz der größten Kanone wird in christlichen Quellen mit 20 Minuten, in osmanischen Quellen mit ein bis zwei Stunden angegeben. Die Aussagen der christlichen Chronisten sollten mit Vorsicht genossen werden, so dass die Angaben der osmanischen Zeitzeugen als plausibler gelten können.

Selbst die Darstellung der Probleme zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche finde ich noch akzeptabel; schließlich ist Fakt, dass eine Kirchenunion für die Unterstützung durch den Papst gefordert wurde und der vierte Kreuzzug 1202 bis 1204 nachhaltig das Vertrauen der orthodoxen Christen gegen Westeuropäer getrübt hat – und dass italienische Stadtstaaten in Byzanz eine Handelskonkurrenz sahen, doch fanden die Kapazitäten bindende zu bewältigenden Probleme europäischer Staaten so gar keine Erwähnung, so dass plumpes Desinteresse übrig blieb. Das nicht zu erwähnen ist zwar schon Propaganda, aber noch erträglich.
Über Sympathie und Unsympathie der Filmhelden kann ich im Gegensatz zu anderen Rezensenten nichts sagen, denn mir schienen sie wegen der Eindimensionalität ihrer Charaktere alle unsympathisch dargestellt, den Genueser Giustiniani vielleicht noch ausgenommen – aber der hatte ja auch kaum Text, dafür aber ein wirklich gefälliges Aussehen.
Wenn im Film auf die Vorgeschichte eingegangen wird, werden Kreuzritter nur als Schlächter argloser Bevölkerung dargestellt, auf die Ursachen dieser Kreuzzüge :
Kreuzzug gegen Mahdia: 1390, Ziel: Eindämmung der Piraterie
Kreuzzug von Nikopolis: 1396, Ziel: Eindämmung des osmanischen Vordringens in Europa –

wird aber nicht eingegangen . Und auch mit keiner Silbe erwähnt, dass die orthodoxen Byzantiner so gar nichts mit diesen Kreuzzügen zu tun hatten, sondern sogar selbst Ziel des 4. Krezzuges waren. Nein, die Eroberung von Konstantinopel wird in diesem Film geradezu unsäglich religiös verbrämt  – ja, stimmt, Mohammed hatte schon Krieg gegen Byzanz geführt, damals erfolglos  – die wirtschaftlichen und militärischen Interessen an der Eroberung  dieser so gut gelegenen Stadt aber so gar keine Erwähnung finden.

Vielleicht aber sollte der Zuschauer das von der Landkarte aus Leder, die Mehmed II. im Film gern mit dem Messer bearbeitete, herauslesen? So als Info für Wissende, für Unwissende nur das, was gut für sie ist zu wissen?
Ganz grotesk wird der Film, nachdem Konstantinopel gefallen ist. Lernten wir doch in Geschichte durch ausgewertete Schriften von Zeitgenossen (auch orientalischer) und können das auch auf wikipedia nachlesen:

Die Stadt wurde von den siegreichen osmanischen Truppen geplündert. Dabei kam es insbesondere in den ersten Stunden zu vielen blutigen Übergriffen gegen die Einwohner. Unter anderem wurden Menschen, die sich in die Hagia Sofia geflüchtet hatten, dort von den Soldaten niedergemacht. Erst nachdem die Eroberer bemerkten, dass jeder organisierte bewaffnete Widerstand zusammengebrochen war, konzentrierten sie sich auf die Plünderung der reichen Kirchen und Klöster Konstantinopels. In der Chronik des Aschikpaschazade heißt es dazu:
« ‏ایو طویملقلر دخی اولندی التون و کمش و جوهرلر و انواع قماشلر اورد بازاره کلوب دوکلدی صاتمغا بشلدلر و کافرنی اسیر اتدلر و محبوبه لرنی غازیلر بغرلرینه بصدلر‎ »
« eyü ṭoyumluḳlar daḫi olındı altun ve gümüş ve cevherler ve envāʿ-i ḳumāşlar āverd (?) bāzāra gelüb döküldi ṣatmaġa başladılar ve kāfirini esīr etdiler ve maḥbūbelerini ġāzīler baġırlarına baṣdılar »
„Da gab es gute Beute. Gold und Silber und Juwelen und kostbare Stoffe wurden auf den Markt im Heerlager gebracht und in Haufen aufgestapelt; all dieses wurde nun feilgeboten. Die Giauren von İstanbul wurden zu Sklaven gemacht, und die schönen Mädchen wurden von den Gazi in die Arme genommen.
Von den Plünderungen ausgenommen waren nur einige Viertel wie z. B. Petrion und Studion, in denen die Bewohner die Mauern ihrer Siedlung rechtzeitig öffneten und sich den osmanischen Truppen ergaben.[24] Der byzantinische Historiker Kritobulos von Imbros (Michael Kritopulos), der für einige Zeit Gouverneur der gleichnamigen Ägäis-Insel Imbros (heute Imroz oder Gökçeada, Türkei) war und der 1467 ein bedeutendes Geschichtswerk über die 17 ersten Regierungsjahre des Eroberersultans Mehmed II. verfasste, berichtet über die Einnahme Konstantinopels
„Danach zog der Sultan in die Polis ein und betrachtete eingehend ihre Größe und Lage, ihre Pracht und Herrlichkeit, die große Zahl, Größe und Schönheit ihrer Kirchen und öffentlichen Gebäude, ihre Einzel- und Gemeinschaftshäuser, die luxuriöse Anlage der Häuser der Vornehmen, außerdem die Lage des Hafens und der Werften und dass die Stadt in jeder Hinsicht mit allem Nötigen ausgestattet und von der Natur begünstigt war, kurz ihre gesamte Einrichtung und Schmuck. Er sah aber auch die große Zahl der Umgekommenen, die Verlassenheit der Häuser, und die völlige Zerstörung und Vernichtung der Stadt. Und jäh überkam ihn Mitleid und nicht geringe Reue wegen ihrer Zerstörung und Plünderung, und er vergoss Tränen, seufzte laut und schmerzlich und rief: ’Welch eine Stadt haben wir der Plünderung und Verwüstung ausgeliefert!’ So schmerzte es ihn in der Seele.“
– Kritobulos von Imbros

Im Film aber keine Plünderungen der Stadt, nur eitle Freude bei den Menschen in der Hagia Sophia endlich erobert worden zu sein. Und Mehmed II. nahm freundlich ein kleines Mädchen in den Arm – aber vielleicht ist das ja auch nur eine Anspielung für Wissende…

Ich hätte wirklich gern eine fundierte Darstellung der Ereignisse aus nicht-christlicher Sicht wahrgenommen, hat man doch bestimmt noch andere Dokumentationen der Zeit zur Verfügung, leider ist dieser Film nicht in der Absicht entstanden, zu berichten, sondern zu propagieren. Dabei hätte eine Darstellung der realen Ereignisse den Mehmed II. durchaus  positiv dargestellt, schließlich war er gegen die Plünderung der Stadt und erklärte die üblichen Plünderungen bereits nach einem Tag für beendet . In der  Hagia Sophia (‏ایاصوفیه‎ / Aya-Ṣofya), der Krönungskirche des Byzantinischen Reiches, betete er und  machte sie  zur ersten Moschee Konstantinopels, wobei er das Mosaikbildnis der thronenden Muttergottes mit dem Jesusknaben in der Apsis sichtbar ließ.

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