das 28. der Kinder- und Hausmärchen


heißt Der singende Knochen;.Ich habe das als Kind geliebt, das war einerseits so schrecklich, andererseits so befriedigend, dass der Mörder nicht davon kommt, auch wenn es dauerte und er dazwischen in Wohlstand und Ehre durch seine böse Tat lebte. Das Märchen vermittelt das, was Kriegsverbrecherprozesse vermitteln, eine späte, aber notwendige Genugtuung der Opfer. Es fällt mir immer wieder ein, wenn berichtet wird, dass ein Massengrab gefunden wurde. Ist ja leider nicht so selten und die Gräber nicht so alt wie man möchte.
Man sollte die, die dann verurteilt werden – hier auch wieder, nie wie man möchte,passiert viel zu selten – ebenso verurteilen, dass sie in ihrer Zelle jeden Tag dieses Märchen abschreiben müssen, Tag für Tag, für Tag…
Gerade dieses Märchen heute einzustellen veranlasste mich diese frische Mitteilung hier über ein gerade gefundenes Massengrab in Kambodscha

Der singende Knochen

Es war einmal in einem Lande große Klage über ein Wildschwein, das den Bauern die Äcker umwühlte, das Vieh tötete und den Menschen mit seinen Hauern den Leib aufriss. Der König versprach einem jeden, der das Land von dieser Plage befreien würde, eine große Belohnung: aber das Tier war so groß und stark, dass sich niemand in die Nähe des Waldes wagte, worin es hauste. Endlich ließ der König bekannt machen: Wer das Wildschwein einfange oder töte, der solle seine einzige Tochter zur Gemahlin haben.
Nun lebten zwei Brüder in dem Lande, Söhne eines armen Mannes, die meldeten sich und wollten das Wagnis übernehmen. Der Älteste, der listig und klug war, tat es aus Hochmut, der Jüngste, der unschuldig und dumm war, aus gutem Herzen. Der König sagte: „Damit ihr desto sicherer das Tier findet, sollt ihr von entgegen gesetzten Seiten in den Wald gehen.“ Da ging der Älteste von Abend und der Jüngste von Morgen hinein. Und als der Jüngste ein Weilchen gegangen war, so trat ein kleines Männlein zu ihm: das hielt einen schwarzen Spieß in der Hand und sprach: „Diesen Spieß gebe ich dir, weil dein Herz unschuldig und gut ist: damit kannst du getrost auf das wilde Schwein eingehen, es wird dir keinen Schaden zufügen.“ Er dankte dem Männlein, nahm den Spieß auf die Schulter und ging ohne Furcht weiter. Nicht lange so erblickte er das Tier, das auf ihn los rannte, er hielt ihm aber den Spieß entgegen, und in seiner blinden Wut rannte das Tier so gewaltig hinein, dass ihm das Herz entzwei geschnitten wurde. Da nahm er das Ungestüm auf die Schulter, ging heimwärts und wollte es dem Könige bringen.
Als er auf der andern Seite des Waldes heraus kam, stand da am Eingang ein Haus, wo die Leute sich mit Tanz und Wein lustig machten. Sein ältester Bruder war da eingetreten und hatte gedacht, das Schwein liefe ihm nicht fort, erst wollte er sich einen rechten Mut trinken. Als er nun den Jüngsten erblickte, der mit seiner Beute beladen aus dem Wald kam, so ließ ihm sein neidisches und boshaftes Herz keine Ruhe. Er rief ihm zu: „Komm doch herein, lieber Bruder, ruhe dich aus und stärke dich mit einem Becher Wein.“ Der Jüngste, der nichts Arges dahinter vermutete, ging hinein und erzählte ihm von dem guten Männlein, das ihm einen Spieß gegeben, womit er das Schwein getötet hätte. Der Älteste hielt ihn bis zum Abend zurück, da gingen sie zusammen fort. Als sie aber in der Dunkelheit zu der Brücke über einen Bach kamen, ließ der Älteste den Jüngsten vorangehen, und als er mitten über dem Wasser war, gab er ihm von hinten einen Schlag, dass er tot hinabstürzte. Er begrub ihn unter der Brücke, nahm dann das Schwein und brachte es dem König mit der Aussage, er hätte es getötet; worauf er die Tochter des Königs zur Gemahlin erhielt. Als der jüngste Bruder nicht wieder kommen wollte, sagte er: „Das Schwein wird ihm den Leib aufgerissen haben.“ und das glaubte jedermann.

Weil aber vor Gott nichts verborgen bleibt, sollte auch diese schwarze Tat ans Licht kommen. Nach langen Jahren trieb ein Hirt einmal seine Herde über die Brücke und sah unten im Sande ein schneeweißes Knöchlein liegen und dachte das gäbe ein gutes Mundstück. Da stieg er herab, hob es auf und schnitzte ein Mundstück daraus für sein Horn. Als er zum ersten Mal darauf geblasen hatte, fing das Knöchlein zu großer Verwunderung des Hirten von selbst an zu singen
„Ach, du liebes Hirtelein,
du bläst auf meinem Knöchelein,
mein Bruder hat mich erschlagen,
unter der Brücke begraben,
um das wilde Schwein,
für des Königs Töchterlein.“
„Was für ein wunderliches Hörnchen,“ sagte der Hirt, „das von selber singt, das muss ich dem Herrn König bringen.“ Als er damit vor den König kam, fing das Hörnchen abermals an sein Liedchen zu singen. Der König verstand es wohl, und ließ die Erde unter der Brücke aufgraben, da kam das ganze Gerippe des Erschlagenen zum Vorschein. Der böse Bruder konnte die Tat nicht leugnen, ward in einen Sack genäht und lebendig ersäuft, die Gebeine des Gemordeten aber wurden auf den Kirchhof in ein schönes Grab zur Ruhe gelegt.

Advertisements

7 Kommentare zu „das 28. der Kinder- und Hausmärchen

  1. Ein gutes Märchen ist das, und auch Deine Empfehlung zum Umgang mit Nazis gefällt mir.
    Die Nr. 115 ist ähnlich und ist nebenbei das einzige Märchen der Brüder Grimm, in dem ein Jude das unschuldige Opfer ist.

  2. Nazis und andere Menschenvernichter, ich will da nicht sortieren, denn es gibt keine guten Massenmörder. Ob Hitler-, Stalin-, Mao- oder Pol Pot-Anhänger, Ratko Mladić oder wie die aktuelleren Mordtreiber auch heißen mögen, sie sind alle eine Menschheitsgeißel.

        1. Außer, wie ich gerade merke, in der Orthographie. Eine Geisel ist ein entführter Mensch; das Ding zum Verprügeln ist eine Geißel (mein’twejn auch eine Geissel).

        2. Das Ding heißt wirklich Geißel , mit sz –
          änder ich gleich, weiß ich doch eigentlich … wäre auch mal interessant so eine Beschäftigung mit Fehlern, wieso, weshalb, warum sie passieren

  3. Wie schön, dieses Märchen wirft keine Fragen auf – jedenfalls für mich nicht. Regt mich an, mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Danke hierfür.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s