16. Dezember: Todestag Wilhelm Grimm



Testament Wilhelm Grimms 
Berlin, 28. Oktober 1850. Montag

Abschrift meines Testaments, das bei dem Stadtgericht niedergelegt ist.Ich endesunterzeichneter Wilhelm Carl Grimm bin Willens ein Testament zu errichten und fest zu setzen wie es nach meinem Tode mit meinem Vermögen und der Bevormundung meiner Kinder soll gehalten werden.

Meine Universalerben sollen sein meine drei lieben Kinder Hermann, Rudolf und Auguste. Hierbei mache ich folgende nähere Bestimmungen

1. Meine liebe Ehefrau Dorothea geborene Wild erhält zurück ihr eigenes, von mir verwaltetes Vermögen, bestehend aus 9130 rthlr. und einem bei Cassel in Kurhessen auf dem Weg nach Wolfsanger gelegenen Garten.
Sie tritt, wie sich von selbst versteht, in den Genuß der Kurhessischen Wittwencasse, in welche ich zu der Zeit, wo ich in kurhessischen Diensten stand, eingetreten und fortwährend geblieben bin.

2. Ich stelle ihr frei dieses ihr Vermögen zurück zu nehmen, mit dem Meinigen zu vereinigen und dann die Hälfte des Ganzen als ihr Eigenthum  zu behalten.

3. Mein Vermögen besitze ich zu gleichen Theilen gemeinschaftlich mit meinem ältesten Bruder Jacob Grimm, und ist dies allzeit der Fall gewesen, so daß niemals eine Theilung zwischen uns statt gefunden hat. Von allem vorhandenen Vermögen, Geld Silber Bücher, Bilder und Mobilien ist daher  die Hälfte mein Eigenthum. Dieses mein Eigenthum vermache ich meinen drei Kindern Hermann,Rudolf und Auguste zu gleichen Theilen und soll keinem etwas angerechnet werden, was er bei meinem Leben empfangen hat.

4. Meine liebe Frau Dorothea bleibt, so lange sie lebt, in dem vollen Besitz und Gebrauch meines ganzen Vermögens, das sie sowohl zu ihrem eigenen als meiner Kinder Unterhalt verwenden wird. Sobald eines meiner Kinder majorenn wird und sich von ihr trennt, so gibt sie ihm von den Einkünften so viel ihr gut dünkt, aber nicht mehr als was den dritten Theil der Einkünfte ausmacht und zwar nach ihrer Berechnung. Sie ist überhaupt in  keiner Art verbunden Rechenschaft abzulegen. Sie kann auch, wenn es die Noth erfordert, das Vermögen selbst angreifen.

5. Will sie aber während ihres Lebens, wenn die Kinder majorenn sind,eine Theilung vornehmen, so steht ihr das frei. Bei den Mobilien, Silber,Bilder, Bücher, Linnen u. s. w. macht sie die Theile zwar nach dem Grundsatz der Gleichheit, aber zugleich nach ihrem Ermessen und dem Rath meines Bruders Jacob. Meine Kinder sollen ihre Entscheidung still und friedlich annehmen ohne Widerspruch.

6 Zu Vormündern meiner minorennen Kinder ernenne ich meine liebe Frau Dorothea und meinen lieben Bruder Jacob Grimm. Sollte einer von beiden Vormündern das Ende der Vormundschaft nicht erleben, so gehen seine Rechte auf den Überlebenden über.

7. Ich ernenne die eben bestimmten Vormünder zu Testamentsexecutoren und befreie beide von aller und jeder vormundschaftlichen Aufsicht und Rechnungsablage so weit dies die geltenden Gesetze irgend gestatten.

8. Ich erhalte mir die Befugnis vor ein oder mehrere Codicille zu errichten und verordne daß alle etwa von mir darin niedergelegten Bestimmungen, mögen sie weitere Ausführungen oder Abänderungen von dem Inhalt dieses Testaments enthalten gleiche Rechtskraft haben sollen als ständen sie in gegenwärtigem Testament. Gleicherweise behalte ich mir vor außergerichtliche Aufsätze zu hinterlassen, die gleiche Rechtskraft mit gegenwärtigem Testament haben sollen.

9. Eine Versiegelung meiner Effecten und Papiere soll nach meinem Tode so wenig als eine Inventur statt finden.

10. Ich bitte meine liebe Frau ein Testament zu machen; in welchem sie,wenn sie bei ihren Lebzeiten keine Theilung vorgenommen hat, bestimmt wie die Theilung der Mobilien Silber, Bilder, Linnen u. s. w. statt finden soll. Unterläßt sie aber in dem Testament die Theilung zu bestimmen, so sollen meine Kinder sich friedlich ohne Einmischung vormundschaftlicher Behörden, so weit es die Gesetze erlauben, diese Theilung vornehmen, und wenn sie sich nicht einigen, soll mein Bruder Jacob entscheiden.

11. Ich bitte ferner meine liebe Frau in einem Testament zu bestimmen wer an ihrer Stelle, wenn und insoweit die Kinder noch minderjährig sind,Vormund werden soll. Lebt mein Bruder Jacob noch, so gehen auf diesen,wie schon vorhin bemerkt ist, ihre Rechte über. Sind die beiden Söhne oder einer volljährig, so wünsche ich daß diese eintreten, doch kann auch ein anderer gewählt werden, wenn sie es für besser hält: immer aber wird sie in dem Testament fest setzen, daß keine Regelung, überhaupt keine Einmischung der vormundschaftlichen Behörden eintritt, so weit es die Gesetze erlauben.

70 Berlin 28 Octbr. 1850 (L. S.)

Dr. Wilhelm Grimm
Professor und Mitglied der
königl Academie
der Wissenschaften

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2 Kommentare zu „16. Dezember: Todestag Wilhelm Grimm

  1. Ebenso umsichtig wie liebevoll, diese Regelung. Ich finde bemerkenswert, daß Wilhelm Grimm seiner Frau so viel Freiheit in geschäftlichen Dingen gelassen hat und sie ausdrücklich für gescheiter und besser als die Behörden gehalten hat. War ja nicht die Regel in seiner Zeit.

  2. ja, ich fand das auch beeindruckend. Kommt das passende Datum, zeige ich auch noch Jacob Grimms Testament.
    Im grimmschen Schriftverkehr und anderen Dokumenten ist soviel Zeitzeugnis zu finden – ich könnte mich da so festlesen…

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