ausgehört: Stephen King – Das Mädchen


Es handelt sich hier um eine ungekürzte Fassung des Romans. Stephen King hatte den Roman „Das Mädchen“ damals, bevor er im Handel war, ja als pdf-Datei  frei ins Internet stellen lassen – ich weiß nicht warum, eine Kontrolle, wie groß die Lesernachfrage ist, ein Versuch, sich mit den Möglichkeiten des relativ neuen Mediums vertraut zu machen, egal – es war so und war interessant. Für mich – damals gab es noch keine anderen „Lesegeräte“ als den Monitor des PCs – die Erfahrung, dass Bücher nicht zu ersetzen sind, den vor dem PC zu sitzen und zu lesen ist nicht mit dem Lesevergnügen eines Buches gleichzusetzen, es auszudrucken um zu lesen -wird auch buchteuer und  ist doch nur ein Provisorium, es fehlt die Gemütlichkeit, die nur ein Buch anbieten kann.

Also kaufte ich mir dann doch das Buch, las es und konnte dann nicht sagen, wie ich es fand. Bücher sind auch auf die Stimmung des Lesenden angewiesen und damals fiel es mir nicht immer leicht, mich auf die Erlebnisse eines Neunjährigen, die, groß für ihr Alter,  sich im Wald verlaufen hatte und nur auf sich gestellt etliches ausstehen musste zu konzentrieren. Wald , was schreib ich, die sich im amerikanischen Urwald verlaufen hatte. Und doch  schien es mir wohl das Beste gewesen zu sein, was Stephen King geschrieben hatte, ich spürte den „Geist“, der mich aus den frühen Kurzgeschichten des Autors anweht – und der mich so fasziniert.

Nun also das Hörbuch, ungekürzte Fassung, von einer Sprecherin – Franziska Pigulla und einem Sprecher, Joachim Kerzel im CD-Wechsel gelesen. Ab und an wurden auf den CDs noch ein paar Geräusche eingespielt, Vogelzwischern, Hubschraubergeräusche, das Geräusch von fließendem Wasser … und wirklich, ich kann keine Aufnahme nennen, die mich bisher mehr fesselte. Pigulla und Kerzel sind wunderbare Sprecher, die sich auf ihren Job  gut vorbereitet hatten. Jede Betonung sitzt, jede Stimmfarbe hat die richtige Temperatur – ich behaupte: Besser geht es nicht!  Obwohl ich das Buch kenne, es war ein unbeschreiblich spannender Hörgenuss. Beurteilung: eine Milchstraße voll Sterne

Erzählung der Woche 3-2011


Heinrich von Kleist

Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken

Eine Anekdote

Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lichnowsky, ein heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins enthalten wolle. Er hielt auch, in der Tat, Wort, während drei Tage: ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, von einem Unteroffizier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken: › Pommeranzen! Pommeranzen! Pommeranzen!‹ Läut, Teufel, läut, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: ›Kümmel! Kümmel! Kümmel! – Kümmel! Kümmel! Kümmel!‹ Ich sage, zum Turm: bimmle du, daß die Wolken reißen – und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelturm herab: ›Anisette! Anisette! Anisette!‹ Was kostet das Glas, frag ich? Der Wirt spricht: Sechs Pfennige. Geb er her, sag ich – und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.«

Heinrich von Kleist

Charité-Vorfall

Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerat Herr K., in der Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der Geheimerat, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiderte: nein! die Beine wären ihm schon vor fünf Jahr, durch einen andern Doktor, abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrat zur Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor vierzehn Jahren ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der Geheimerat ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschädigt hätte? antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor sieben Jahren durch einen Doktorwagen zusammen gefahren worden. – Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Überfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. – Der Berichterstatter hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. – Übrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in acht nimmt, kann er noch lange leben.

Gedicht der Woche 3-2011


Das letzte Lied

Heinrich von Kleist

Nach dem Griechischen, aus dem Zeitalter Philipps von Mazedonien

Fern ab am Horizont, auf Felsenrissen,
Liegt der gewitterschwarze Krieg getürmt.
Die Blitze zucken schon, die ungewissen,
Der Wandrer sucht das Laubdach, das ihn schirmt.
Und wie ein Strom, geschwellt von Regengüssen,
Aus seines Ufers Bette heulend stürmt,
Kommt das Verderben, mit entbundnen Wogen,
Auf alles, was besteht, herangezogen.

Der alten Staaten graues Prachtgerüste
Sinkt donnernd ein, von ihm hinweggespült,
Wie, auf der Heide Grund, ein Wurmgeniste,
Von einem Knaben scharrend weggewühlt;
Und wo das Leben, um der Menschen Brüste,
In tausend Lichtern jauchzend hat gespielt,
Ist es so lautlos jetzt, wie in den Reichen,
Durch die die Wellen des Kozytus schleichen.

Und ein Geschlecht, von düsterm Haar umflogen,
Tritt aus der Nacht, das keinen Namen führt,
Das, wie ein Hirngespinst der Mythologen,
Hervor aus der Erschlagnen Knochen stiert;
Das ist geboren nicht und nicht erzogen
Vom alten, das im deutschen Land regiert:
Das läßt in Tönen, wie der Nord an Strömen,
Wenn er im Schilfrohr seufzet, sich vernehmen.

Und du, o Lied, voll unnennbarer Wonnen,
Das das Gefühl so wunderbar erhebt,
Das, einer Himmelsurne wie entronnen,
Zu den entzückten Ohren niederschwebt,
Bei dessen Klang, empor ins Reich der Sonnen,
Von allen Banden frei die Seele strebt;
Dich trifft der Todespfeil; die Parzen winken,
Und stumm ins Grab mußt du daniedersinken.

Erschienen, festlich, in der Völker Reigen,
Wird dir kein Beifall mehr entgegen blühn,
Kein Herz dir klopfen, keine Brust dir steigen,
Dir keine Träne mehr zur Erde glühn,
Und nur wo einsam, unter Tannenzweigen,
Zu Leichensteinen stille Pfade fliehn,
Wird Wanderern, die bei den Toten leben,
Ein Schatten deiner Schön‘ entgegenschweben.

Und stärker rauscht der Sänger in die Saiten,
Der Töne ganze Macht lockt er hervor,
Er singt die Lust, fürs Vaterland zu streiten,
Und machtlos schlägt sein Ruf an jedes Ohr, –
Und da sein Blick das Blutpanier der Zeiten
Stets weiter flattern sieht, von Tor zu Tor,
Schließt er sein Lied, er wünscht mit ihm zu enden,
Und legt die Leier weinend aus den Händen.

200. Todestag von Heinrich von Kleist


Vor zweihundert Jahren erschoss sich Heinrich von Kleist, sich und die (für die damalige Zeit) totkranke Henriette Vogel.
Ich habe eine Affinität zu diesem Autor, nicht weil ich Berlinerin bin, die Lokalität ist nur eine nette Beigabe, wohl aber, weil mich die Epoche seines Wirkens besonders anspricht, da sich der künstlerische Ausdruck  ganzheitlich dem Individuum zu widmen begann. Sich auf die Sprache von Kleist einzulassen ist in unserer schnelllebigen Zeit vielleicht nicht ganz einfach, sie fordert Aufmerksamkeit, aber sie beschenkt einen dafür auch mit dem Erlebnis, etwas besonderes zu genießen. Vor einiger Zeit gab es eine Initiative, wo der „schönste erste Satz“ gesucht wurde – meine Wahl war der Anfangssatz aus der Kleistschen Novelle „Die Marquise von O“ .

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…, eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.

Gewonnen hatte übrigens der Romanbeginn von „Der Butt“ (Günter Gras) mit: Ilsebill salzte nach.
Die Begründung für die Wahl war durchaus schlüssig und mag auch für mich als den schönsten Romananfangssatz des Jahres durchgehen  – aber für alle bisherige Zeit, da bleibt mir der provokante Kleist derjenige, der den fesselnsten, schön formulierten – und somit schönsten Anfangssatz geschrieben hat.
In der Zeit gedenkt man seiner mit mehreren Artikeln

schöne Abgründe

Die Verwirrung des Gefühls

Deutschester der Deutschen

Alles Propaganda?

Bis an die Grenzen des Sagbaren

Wie gefährlich ist Heinrich von Kleist?