Erzählung der Woche 49/2010


Lew Tolstoi (sein 100. Todestag war am 20.11.2010)

Die drei Tode

(Fortsetzung von hier)

4

Einen Monat später ragte auf dem Grabe der Entschlafenen eine steinerne Kapelle. Auf dem Grabe des Kutschers war aber noch immer kein Stein, und nur hellgrünes Gras sproß aus demHügel, dem einzigen Merkzeichen eines vergangenen Menschenlebens.

»Du begehst eine Sünde, Serjoga,« sagte einmal die Stationsköchin, «wenn du dem Fjodor den Stein nicht kaufst. Du sagtest immer, es ist Winter. Warum hältst du aber jetzt nicht dein Wort? Ich war ja dabei und habe es gehört. Er ist dir schon einmal im Schlafe erschienen; wenn du den Stein nicht kaufst, so kommt er wieder und würgt dich.«

»Ich weigere mich ja nicht«, entgegnete Serjoga. »Ich werde den Stein kaufen, wie ich es gesagt habe; ich werde einen für anderthalb Rubel kaufen. Ich habe es nicht vergessen, aber man muß ihn auch hertransportieren. Sobald wieder eine Gelegenheit in die Stadt ist, will ich ihn kaufen.«

»Du sollst ihm wenigstens ein Kreuz setzen. Hör auf mich!« mischte sich ein alter Kutscher ins Gespräch. »Es ist wirklich nicht schön. Seine Stiefel trägst du doch!«

»Wo soll ich denn ein Kreuz hernehmen? Aus einem Holzscheit kann ich es doch nicht zimmern!«

»Was redest du von einem Holzscheit? Nimm die Axt, geh am frühen Morgen in den Wald, hau eine kleine Esche um, und da hast du das Kreuz. Sonst müßtest du dem Waldhüter einen Schnaps geben; doch wo soll das hinaus, wenn man ihm wegen jeder Kleinigkeit Schnaps geben wollte? … Neulich hab ich eine Deichsel zerbrochen, hab mir eine ausgezeichnete neue gemacht, kein Mensch hat es gesehen.«

Am frühen Morgen vor Sonnenaufgang nahm Serjoga die Axt und ging in den Wald.

Auf Bäumen und Gräsern lag die kalte matte Decke des noch immer fallenden, von der Sonne beleuchteten Taues. Im Osten wurde es ganz allmählich hell, und das schwache Licht spiegelte sich in den leichten Wölkchen, die das Himmelsgewölbe umlagerten. Kein Grashälmchen unten am Boden, kein Blättchen in den höchsten Wipfeln der Bäume regte sich. Die Stille des Waldes wurde nur zuweilen von einem Flügelschlag im Dickicht oder von einem Rascheln am Boden gestört. Ein seltsamer, der Natur fremder Ton erklang plötzlich am Waldessaum und erstarb gleich darauf. Und wieder wurde der Ton vernehmbar, und er wiederholte sich gleichmäßig unten am Stamme eines der unbeweglichen Bäume. Einer der Wipfel erbebte ganz ungewöhnlich, seine saftigen Blätter flüsterten etwas, und eine Grasmücke, die auf einem der Zweige gesessen hatte, flatterte pfeifend zweimal auf und setzte sich, mit dem Schwanze wippend, auf einen anderen Baum.

Die Axt tönte unten dumpfer und dumpfer, saftige weiße Späne flogen auf das taubedeckte Gras, und durch die Schläge ließ sich ein leises Knarren vernehmen. Der Baum erzitterte am ganzen Körper, beugte sich nieder, richtete sich gleich wieder auf und schwankte erschrocken auf seinen Wurzeln. Für einen Augenblick wurde alles still, doch der Baum neigte sich wieder, in seinem Stamm krachte es, und er stürzte, die Äste brechend und die Zweige senkend, mit dem Wipfel auf die feuchte Erde. Die Axthiebe und die Schritte verstummten. Die Grasmücke flog pfeifend einige Zweige höher hinauf. Ein Zweig, den sie mit ihren Flügeln gestreift hatte, wiegte sich eine Weile hin und her und erstarb dann wie die anderen mit allen seinen Blättern. Die Bäume ragten nun schöner und freudiger mit ihren regungslosen Zweigen in den neuen Raum.

Die ersten Sonnenstrahlen schossen durch die leichten Wolken und durcheilten Himmel und Erde. In den Talgründen braute der Nebel, im Grase blinkte diamanten der Tau, durchsichtige weiße Wölkchen eilten über den immer blauer werdenden Himmel und verzogen sich. Im Dickicht regten sich Vögel, und sie zwitscherten wie weltvergessen etwas Seliges; saftige Blätter flüsterten freudig und ruhig in den Wipfeln, und die Zweige der lebendigen Bäume rauschten langsam und majestätisch über dem toten gesunkenen Baume.

-Ende-


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