Erzählung der Woche 46/2010


Lew Tolstoi
(sein 100. Todestag ist heute, am 20.11.2010)

Die drei Tode

1

Es war Herbst. Auf der Landstraße fuhren in schnellem Trab zwei Equipagen. In der vorderen Kutsche saßen zwei Frauen: die eine, die Dame, war hager und bleich, die andere, das Dienstmädchen, hatte glänzende rote Wangen und eine volle Figur. Ihre kurzen trockenen Haare drängten sich unter dem verschossenen Hute hervor, und die rote Hand im zerrissenen Handschuh brachte sie immer wieder hastig in Ordnung. Die hohe, mit einem bunten Tuch bedeckte Brust atmete Gesundheit; die flinken schwarzen Augen verfolgten bald durch das Wagenfenster die dahinschwindenden Felder, bald blickten sie scheu auf die Herrin, bald schweiften sie unruhig über die Ecken der Kutsche. Vor der Nase des Dienstmädchens schaukelte der ans Gepäcknetz gebundene Hut der Herrin, auf ihren Knien lag ein Hündchen, ihre Füße standen auf einem Berg von Schachteln und trommelten kaum hörbar im gleichen Takte mit dem Rütteln der Federn und dem Klirren der Fensterscheiben.

Die Dame hielt die Hände im Schoß gefaltet, hatte die Augen geschlossen und wiegte sich schwach in den Kissen, die man ihr hinter den Rücken geschoben hatte; sie hüstelte hohl mit geschlossenem Mund, wobei sie jedesmal das Gesicht verzog. Auf dem Kopfe trug sie ein weißes Nachthäubchen und darüber ein leichtes hellblaues Tuch, dessen Enden um ihren zarten blassen Hals geschlungen waren. Ein gerader Scheitel, der unter dem Häubchen verschwand, teilte das blonde, ungewöhnlich dünne, pomadisierte Haar; die weiße Haut dieses breiten Scheitels schien eigentümlich trocken und leblos. Die gelbliche Haut lag schlaff auf den feinen und schönen Umrissen des Gesichts und hatte an den Wangen und Backenknochen rote Flecken. Die Lippen waren trocken und unruhig, die dünnen Wimpern waren seltsam gerade, und der Reisemantel fiel auf der eingefallenen Brust in geraden Falten herab. Obwohl die Augen geschlossen waren, drückte das Gesicht der Dame Müdigkeit, Gereiztheit und gewohntes Leid aus.

Der Lakai saß zurückgelehnt auf dem Bock und schlummerte; der Postillion trieb mit kurzen Schreien das stattliche, schweißtriefende Viergespann an und blickte sich ab und zu nach dem andern Kutscher um, der auf dem Bocke des zweiten Wagens saß und seine Pferde mit den gleichen Schreien antrieb. Auf dem kalkigen Straßenschmutz liefen gleichmäßig und schnell die parallelen breiten Spuren der Wagenräder. Der Himmel war grau und kalt, feuchter Nebel lagerte auf den Feldern und Wegen. Im Innern der Kutsche war es dumpf und roch nach Kölnischem Wasser und Staub. Die Kranke warf ihren Kopf in den Nacken und öffnete langsam die Augen. Die großen Augen waren glänzend und von einer schönen, dunklen Farbe.

»Schon wieder!« sagte sie, indem sie nervös mit ihrer schönen hageren Hand einen Mantelzipfel des Dienstmädchens wegschob, der kaum ihren Fuß berührt hatte; ihr Mund zuckte dabei schmerzvoll zusammen. Matrjoscha raffte mit beiden Händen die Schöße ihres Mantels auf, erhob sich auf ihren kräftigen Beinen und rückte etwas weiter. Ihr frisches Gesicht errötete. Die schönen dunklen Augen der Kranken verfolgten gespannt alle Bewegungen des Mädchens. Die Dame stemmte sich mit beiden Händen gegen den Sitz und wollte gleichfalls etwas hinaufrücken, doch ihre Kräfte versagten. Ihr Mund krümmte sich, und ihr ganzes Gesicht wurde durch den Ausdruck ohnmächtiger, gehässiger Ironie verzerrt. »Wenn du mir wenigstens helfen wolltest!… Ach, jetzt ist es nicht mehr nötig! Ich kann schon selbst; leg mir aber um Gottes willen nicht immer deine Päckchen hinter den Rücken!… Laß es sein, wenn du es nicht verstehst!« Die Dame schloß die Augen, hob dann wieder die Lider und warf dem Dienstmädchen einen schnellen Blick zu. Matrjoscha starrte sie an und biß sich in die rote Unterlippe. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust der Kranken und ging in einen Hustenanfall über. Sie wandte sich ab, verzog das Gesicht und griff mit beiden Händen an die Brust. Als der Anfall vorüber war, schloß sie wieder die Augen und saß unbeweglich da. Beide Equipagen fuhren durch ein Dorf. Matrjoscha steckte ihre volle Hand unter dem Tuche hervor und bekreuzigte sich.

»Was gibts?« fragte die Herrin.

»Eine Station, gnädige Frau.«

»Ich frage dich, warum du dich bekreuzigst!«

»Es ist eine Kirche, gnädige Frau.«

Die Kranke wandte sich zum Fenster und begann sich langsam zu bekreuzigen, mit weit geöffneten Augen auf die große hölzerne Kirche starrend, um die die Kutsche herumfuhr. Die Kutsche und die Kalesche hielten gleichzeitig vor der Station. Aus der Kalesche stieg der Gatte der kranken Dame und der Arzt. Sie traten an die Kutsche heran.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte derArzt,ihren Puls befühlend.

»Nun, meine Liebe, bist du nicht müde?« fragte der Gatte französisch. »Willst du nicht aussteigen?«

Matrjoscha nahm alle Päckchen zusammen und drückte sich in eine Ecke,um die Herrschaften in ihrem Gespräch nicht zu stören.

»Immer dasselbe,« antwortete die Kranke. »Ich möchte nicht aussteigen.« Der Gatte stand noch eine Weile da und ging dann in das Stationsgebäude. Matrjoscha sprang aus der Kutsche und lief auf den Fußspitzen durch den Schmutz zum Tor.

»Daß es mir schlecht geht, ist noch kein Grund für Sie, nicht zu frühstücken,« sagte die Kranke mit einem schwachen Lächeln zum Arzt, der vor dem Wagenfenster stand.

›Niemand kümmert sich um mich‹, fügte sie in Gedanken hinzu, als der Arzt sich mit leisen Schritten vom Wagen entfernte und dann in großer Hast die Stufen des Stationshauses hinauslief. ›Ihnen geht es gut, und um alles übrige kümmern sie sich nicht. O mein Gott!‹

»Nun, Eduard Iwanowitsch,« sagte der Gatte oben im Stationsgebäude zu dem Arzt, sich mit vergnügtem Lächeln die Hände reibend, »ich habe den Eßkorb heraufbringen lassen. Was halten Sie davon?«

»Ich bin dabei,« antwortete der Arzt.

»Wie geht es ihr eigentlich?« fragte der Gatte seufzend, indem er die Stimme senkte und die Augenbrauen hochzog.

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt: sie wird unmöglich bis nach Italien kommen; ich zweifle sogar, daß sie Moskau noch erreicht. Besonders bei diesem Wetter.«

»Was soll ich tun? Ach mein Gott! Mein Gott!« Der Gatte bedeckte die Augen mit der Hand. »Gib her!« wandte er sich zum Diener, der mit dem Eßkorb hereinkam.

»Sie hätten eben zu Hause bleiben müssen,« entgegnete der Arzt und zuckte die Achseln.

»Sagen Sie mir doch, was konnte ich tun?« entgegnete der Gatte. »Ich habe doch alles versucht, um sie von der Reise abzuhalten; ich habe ihr die Kosten vorgehalten, ich habe von den Kindern, die wir allein zurücklassen mußten, und von meinen Geschäften gesprochen – sie will nichts hören. Sie malt sich das Leben im Ausland aus, als ob sie gesund wäre. Und ihr die Wahrheit über ihren Zustand sagen hieße sie töten.«

»Sie ist ja schon so gut wie tot, das müssen Sie selbst wissen, Wassili Dmitritsch. Der Mensch kann nicht ohne Lungen leben, und neue Lungen wachsen nicht nach. Es ist ja wirklich sehr traurig und schwer, was kann man aber tun? Unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, daß wir ihr das Ende möglichst leicht gestalten. Hier ist viel eher ein Seelsorger am Platze.«

»Ach mein Gott! Versetzen Sie sich doch in meine Lage; Wie kann ich mit ihr von ihrer letzten Stunde sprechen? Mag kommen, was will, ich kann es ihr nicht sagen. Sie wissen ja selbst, wie gut sie ist …«

»Versuchen Sie doch, sie zu überreden, noch bis zum Winter, bis wir Schlittenbahn haben, zu warten,« sagte der Arzt und schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Unterwegs kann ja leicht eine Verschlimmerung eintreten …«

»Aksjuscha, he, Aksjuscha!« schrie auf der schmutzigen Hintertreppe die Tochter des Stationsaufsehers, indem sie sich eine Jacke über den Kopf warf. »Wir wollen uns die Gutsherrin von Schirkino ansehen; man sagt, sie werde wegen ihrer Brustkrankheit ins Ausland geführt. Ich habe noch nie eine Schwindsüchtige gesehen.«

Aksjuscha sprang herbei, und beide Mädchen liefen Hand in Hand vor das Tor. Als sie an der Kutsche vorbeigingen, verlangsamten sie die Schritte und blickten durch das herabgelassene Fenster hinein. Die Kranke wandte den Kopf nach ihnen um; als sie aber ihre Neugier bemerkte, runzelte sie die Stirn und wandte sich wieder ab.

»Gott der Gerechte!« sagte die Tochter des Stationsaufsehers, hastig den Kopf wegwendend. »Was war sie doch für eine Schönheit, und was ist aus ihr geworden! Es ist sogar entsetzlich! Hast du sie gesehen, Aksjuscha, hast du sie gesehen?«

»Ja, so mager ist sie!« bestätigte Aksjuscha. »Wir wollen noch einmal vorübergehen, als ob wir zum Brunnen gingen. Siehst du, sie hat sich weggewandt, aber ich konnte sie noch sehen. Sie tut mir so leid, Mascha!«

»Und wie schmutzig es ist!« entgegnete Mascha, und beide liefen zum Tore zurück.

Die Kranke dachte: ›Ich muß wohl wirklich grauenhaft aussehen! Wenn ich nur so schnell wie möglich ins Ausland kommen könnte! Dort werde ich mich bald erholen.‹

»Nun, wie geht es dir, meine Liebe?« fragte der Gatte, der wieder zur Kutsche kam. Er hatte noch einen Bissen im Munde.

›Immer dieselbe Frage!‹ dachte die Kranke; ›und er selbst ißt!‹

»Es geht,« murmelte sie durch die Zähne.

»Weißt du, meine Liebe, ich fürchte, die Reise wird dir bei diesem Wetter nicht gut tun; auch Eduard Iwanowitsch ist derselben Ansicht. Wollen wir nicht lieber umkehren?«

Sie schwieg ärgerlich.

»Das Wetter wird ja einmal besser werden, wir werden Schlittenbahn bekommen; inzwischen kannst du dich ja auch erholen, dann könnten wir alle zusammen fahren.«

»Verzeih! Hätte ich auf dich schon früher nicht gehört, so wäre ich jetzt längst in Berlin und ganz gesund.«

»Was soll man tun, mein Engel? Du weißt ja selbst, daß es unmöglich war. Wenn du jetzt noch einen Monat warten wolltest, könntest du dich bedeutend erholen, ich würde auch mit meinen Geschäften fertig werden, und wir könnten auch die Kinder mitnehmen …«

»Die Kinder sind gesund, und ich nicht.«

»Begreife doch, meine Liebe, bei diesem Wetter! Wenn unterwegs eine Verschlimmerung eintritt … so ist man wenigstens zu Hause …«

»Warum ists zu Hause besser? … Meinst du, ich soll lieber zu Hause sterben?« antwortete die Kranke gereizt. Doch das Wort ›sterben‹ hatte sie offenbar erschreckt, und sie warf dem Gatten einen stehenden und fragenden Blick zu. Er schlug die Augen nieder und schwieg. Der Mund der Kranken verzerrte sich plötzlich wie bei einem Kinde, und Tränen stürzten ihr aus den Augen. Der Gatte bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und trat schweigend beiseite.

»Nein, ich will doch fahren!« sagte die Kranke, die Augen gen Himmel richtend. Sie faltete die Hände und begann unzusammenhängende Worte zu flüstern. »Mein Gott! Wofür?« murmelte sie, und die Tränen flossen noch unaufhaltsamer. Sie betete lange und inbrünstig, doch der Schmerz und das Gefühl von Beklemmung in ihrer Brust blieben unverändert, der Himmel, die Felder und die Straße blieben ebenso grau und trüb, und der herbstliche Nebel senkte sich immerzu gleichmäßig, ohne dichter oder durchsichtiger zu werden, auf den Straßenschmutz, auf die Dächer, die Kutsche und die Schafpelze der Kutscher, die unter lautem, vergnügtem Geplauder die Räder schmierten und die Pferde vorspannten…

– das 2. Kapitel gibt es nächste Woche

Gedicht der Woche 46/2010


Entschuldigung

Kam einst ein englischer Kapitan
Zu Stambul in dem Hafen an,
Der wollte nach der langen Fahrt
Sich gütlich tun nach seiner Art,
Und in Stambuls krummen Gassen
Vor den Leuten sich sehen lassen.
Hatte auch weit und breit gehört,
Wie die Türken so schöne Pferd,
Reiche Geschirr und Sättel haben;
Wollte auch wie ein Türke traben,
Und bestellt auf abends um vier
Ein recht feurig arabisch Tier.
Ziehet sich an im höchsten Staat,
Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,
Schwärzt den Bart um Wange und Maul
Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.
Drauf, als er reitet durch das Tor,
Kam es den Türken komisch vor,
Hatten noch keinen Reiter gesehn
Wie den englischen Kapitän;
Die Knie hatt er hinaufgezogen,
Und seinen Rücken krumm gebogen,
Die Brust mit den Tressen eingedrückt,
Auch den Kopf tief herabgebückt,
Saß zu Pferd wie ein armer Schneider.
Doch der Schiffskapitän ritt weiter,
Glaubte getrost die Türken lachen
Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.
So ritt er bis zum großen Platz,
Da macht der Araber einen Satz
Und steigt; der englische Kapitän
Ergreift des Arabers lange Mähn,
Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen,
Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;
Das Roß den Reiter nicht verstand,
Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.
Die Türken den Rotrock sehr beklagen,
Haben ihn auch zu Schiff getragen,
Und seinem Dragoman, einem Scioten,
Haben sie hoch und streng verboten,
Er dürf′s nimmer wieder leiden,
Daß der Herr den Araber tät reiten.
Als sie verlassen den Kapitan,
Befiehlt er gleich dem Dragoman,
Ihm auf englisch auszudeuten,
Was er gehört von diesen Leuten.
Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,
Sie glauben Ihr seid ein schlechter Reiter,
Wollen Ihr sollt in Stambuls Gassen
Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«
Des hat sich der Kapitän gegrämt
Und vor den Türken sehr geschämt.
Spricht zum Dragoman: »Geh hinein
Und sage den Türken, es kommt vom Wein.
Der Herr ist sonst ein guter Reiter,
Aber heut an der Tafel, leider,
Hat er sich ziemlich im Sekt betrunken,
Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«
Der Grieche ging zum Hafentor
Und trug den Türken die Sache vor.
Doch diese hören ihn schaudernd an:
»Wir glaubten Gutes vom roten Mann,
Und dachten er sitze schlecht zu Pferd,
Weil′s ihn sein Vater nicht besser gelehrt;
Aber wie! vom Weine betrunken,
Ist er im Rausche vom Pferd gesunken!
Pfui dem Giaur und seinem Glas,
Allah tue ihm dies und das!«
Da sprach ein alter Muselmann:
»Glaubt′s nicht Leute, höret mich an,
Nicht weil der Frank zu viel getrunken,
Ist er schmählich vom Roß gesunken.
Hab gleich gedacht es wird so gehn,
Als ich ihn habe reiten sehn,
Die Knie hoch hinaufgezogen,
Den Rücken krumm und schief gebogen,
Die Brust mit Tressen eingedrückt,
Kopf und Nacken niedergebückt.
Denk ich, wenn sein Rößlein scheut,
Ihn sein Reiten gewiß gereut.
Aber nein, ich will euch sagen,
Warum er wollte den Wein verklagen,
Und stellt sich lieber als Säufer gar
Denn als ein schlechter Reiter dar.
Das macht des Menschen Eitelkeit,
Die ihn zu Trug und Lug verleit′.
Will mancher lieber ein Laster haben,
Hätt er nur andere glänzende Gaben;
Und mancher lieber eine Sünd gesteht,
Eh er eine Lächerlichkeit verrät;
Ein dritter will gar zur Hölle fahren,
Um sich ein falsch Erröten zu sparen.
So auch der fränkische Kapitan,
Schämt sich und lügt uns lieber an,
Will lieber Säufer sich lassen schelten,
Als für einen schlechten Reiter gelten.«
Wilhelm Hauff
(* 29.11.1802 , † 18.11.1827)

gestorben 18.11.1827 – 19. märchenhafte Biografie


Wilhelm Hauff

Wilhelm Hauff, Brustbild

* 29. November 1802 in Stuttgart;

† 18. November 1827 ebenda)

war ein deutscher Schriftsteller der Romantik.

Trotz seiner viel zu kurzen Lebenszeit gehört er zu den Hauptvertretern der Schwäbischen Dichterschule. Ich mag seine Arbeiten sehr, aber wegen ihrer ziemlichen Länge der nicht so bekannten Stücke gehören sie bisher nicht zu meinen Programmen, und ich bevorzuge  die unbekannten Stücke. Aber ich könnte sie ja mal bearbeiten und programmtauglich kürzen, falls dann immer noch der pure Hauff übrigbleibt ist und sich nicht zuviel Buske hineinschummelt  wäre das eine Möglichkeit…
Seine Biografie aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie:

Leben

Der Vater August Friederich Hauff war Regierungs-Sekretarius in Stuttgart. Als er 1809 starb, zog die Mutter mit ihren vier Kindern (Hermann, geb. 1800; Marie geb. 1806; Sophie, geb. 1807) zu ihrem Vater Karl Friederich Elsässer nach Tübingen.

Wilhelm Hauff besuchte von 1809 bis 1816 die Schola Anatolica, die damalige Tübinger Lateinschule, und ab 1817 die Klosterschule in Blaubeuren. Von 1820 bis 1824 studierte er als Stipendiat des Evangelischen Stifts Tübingen Theologie an der Universität Tübingen, wo er zum Dr. phil. promovierte. Er war Mitglied der Tübinger Burschenschaft Germania.

Von 1824 bis 1826 arbeitete Hauff als Hauslehrer in Stuttgart bei Ernst Eugen Freiherr von Hügel und reiste danach durch Frankreich und Norddeutschland. 1825 trat er mit der Satire Der Mann im Mond hervor, in der er Stil und Manier des Trivialautors Heinrich Clauren und seiner Erzählung Mimili virtuos nachahmt und der Lächerlichkeit preisgibt. Zwei Jahre später legte er den literarischen Bluff offen mit der Controvers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond. Im Januar 1827 wurde er Redakteur des Cottaschen „Morgenblattes für gebildete Stände“. Im Jahre 1827 heiratete Hauff seine Cousine Luise Hauff, die ihm am 10. November desselben Jahres ein Kind gebar. Nur eine Woche später, am 18. November 1827, verstarb Hauff infolge eines Nervenfiebers („Schleimfieber“), das er sich während einer Reise durch Tirol zugezogen hatte. Sein Grab befindet sich auf dem Hoppenlau-Friedhof Stuttgart. Zu seinem Gedenken wurde der Wilhelm-Hauff-Preis zur Förderung von Kinder- und Jugendliteratur gestiftet.

Hauff ist Autor der Novelle „Jud Süß“, basierend auf dem Leben des Württemberger Hoffaktors Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738), die als Vorlage für den gleichnamigen antisemitischen NS-Propagandafilm (Jud Süß (Film)) diente.

Werke

Wilhelm Hauffs kurze literarische Schaffensperiode begann 1825 mit der Veröffentlichung einiger Novellen (Memoiren des Satan, Othello) sowie seines ersten Märchenalmanachs.

Lichtenstein (1826), ein historischer Roman der Romantik, war bis ins 20. Jahrhundert neben Hauffs Märchen sein bekanntestes Werk.

Herzog Wilhelm von Urach, Angehöriger einer Nebenlinie des regierenden Hauses Württemberg, ließ sich durch den Roman anregen, das alte Forsthaus in der Nähe des Standortes der ehemaligen Burg Alt-Lichtenstein zu erwerben und Anfang der 1840er Jahre auf dessen Gelände eine der vormaligen Ritterburg nachempfundene neue Burg, das bis heute bestehende Schloss Lichtenstein errichten zu lassen. Die Ruinenreste der Ende des 14. Jahrhunderts zerstörten Burg befinden sich nur wenige hundert Meter davon entfernt.

Auch eine Oper, Theaterstücke und Dramatisierungen für das Scherenschnittheater trugen zur Popularisierung des Romans bei.

Märchen und Sagen

Hauffs Märchen fallen in die spätromantische Literaturphase nach den scharfen Zensurbestimmungen der Karlsbader Beschlüsse im Jahre 1819. Der erste Band um die Rahmenerzählung Die Karawane ist gekennzeichnet von hohem Einfühlungsvermögen in die orientalische Lebensweise; er enthält bekannte Märchen wie Kalif Storch und Der kleine Muck. Der zweite Band um den Scheich von Alessandria und seine Sklaven verlässt den rein orientalischen Handlungsraum; Zwerg Nase und zwei von Wilhelm Grimm übernommene Märchen („Schneeweißchen und Rosenroth“ und „Das Fest der Unterirdischen“, wobei letzteres in der Grimmschen Märchensammlung nicht auftaucht) stehen in der europäischen Märchentradition. Sein dritter Band, Das Wirtshaus im Spessart, behandelt eher Sagenstoffe als Märchen; die Schwarzwaldsage Das kalte Herz ist die bekannteste dieser Sagen.

• Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände (1825)

o Märchen als Almanach (Einleitung)
o Die Karawane (Rahmenerzählung)
o Die Geschichte vom Kalif Storch
o Die Geschichte von dem Gespensterschiff
o Die Geschichte von der abgehauenen Hand
o Die Errettung Fatmes
o Die Geschichte von dem kleinen Muck
o Das Märchen vom falschen Prinzen
o Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 für Söhne und Töchter gebildeter Stände (1826)
o Der Scheich von Alessandria und seine Sklaven (Rahmenerzählung)
o Der Zwerg Nase
o Abner, der Jude, der nichts gesehen hat
o (Der arme Stephan – von Gustav Adolf Schöll)
o (Der gebackene Kopf – von James Justinian Morier)
o Der Affe als Mensch (Der junge Engländer)
o (Das Fest der Unterirdischen – von Wilhelm Grimm)
o (Schneeweißchen und Rosenrot – von Wilhelm Grimm)
o Die Geschichte Almansors
o Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 für Söhne und Töchter gebildeter Stände (1827)
o Das Wirtshaus im Spessart (Rahmenerzählung)
o Die Sage vom Hirschgulden
o Das kalte Herz (In zwei Teilen in die Rahmenerzählung eingefügt)
o Saids Schicksale
o Die Höhle von Steenfoll – Eine schottländische Sage
o Der Reußenstein

Roman

• Lichtenstein (3 Bände, 1826)

Satiren

• Der Mann im Mond oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme (erschienen 1825 unter dem Namen des populären H. Clauren);

• Mittheilungen aus den Memoiren des Satan (1825/1826, 2 Bände)

• Controvers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond, gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827

Erzählungen

o Othello (1826)
o Die Sängerin (1826)
o Die Bettlerin vom Pont des Arts (1827)
o Jud Süß (1827)
o Die letzten Ritter von Marienburg
o Das Bild des Kaisers
o Phantasien im Bremer Ratskeller, ein Herbstgeschenk für Freunde des Weines (1827)
o Die Bücher und die Lesewelt
o Freie Stunden am Fenster
o Der ästhetische Klub
o Ein Paar Reisestunden

Oper

Ingeborg Bachmann schrieb 1964 das Libretto für Hans Werner Henzes komische Oper Der junge Lord in Anlehnung an die Parabel Der Affe als

Märchen der Woche 45/2010


Carlot Gottfried Reuling

Märchen

Das Glück

aus dem Märchenband „Das Herdfeuer“

Vor Zeiten lebten einmal zwei innig befreundete Bildhauer; sie besaßen, wie alle rechten Künstler, keinen Pfennig Geld, waren dafür aber immer lustig und frohen Mutes. Alle Wände ihres Zimmers hatten sie mit Werken von ihren Händen ausgeschmückt. Besonders der größere Bildhauer schuf die herrlichsten Sachen; wer sie sah, war ganz begeistert von ihnen und jedermann prophezeite ihm eine große Zukunft. Vorläufig aber ging es den beiden nicht gerade zum besten. Ihre Freunde hatten wenn möglich noch weniger Geld als sie selbst und konnten also nichts kaufen und die reichen Leute waren nicht im stande, die vielen, vielen Treppen des Hinterhauses zu erklimmen. Die schweren Geldsäcke in ihren Taschen schlugen ihnen fortwährend abmahnend an die Beine und ließen sie allerhöchstens in die Ateliers im ersten Stock steigen; zu diesen führten doch wenigstens breite, mit dicken Teppichen belegte Marmorstufen. Da war die Mühe nicht allzu groß.

Unglücklicherweise war auch damals das Rezept noch nicht erfunden, nach dem man nicht zu essen und zu trinken braucht und doch gesund leben kann; die beiden Bildhauer arbeiteten deshalb in einer Werkstätte für Grabmonumente. Das war eine schöne und muntere Beschäftigung. Der Gedanke, daß man vergnügt lebt, wahrend der Gute, für den das prachtvollste Kreuz ausgehauen wird, von all‘ der Herrlichkeit gar nichts mehr genießt, stimmt überaus heiter, und die trostreichen Sprüche in glänzenden, goldenen Lettern tragen zur Erbauung nicht wenig bei. Es kommt also auch das Gemüt bei dieser Arbeit nicht zu kurz!

Wenn die beiden am Abend zu Hause saßen, kneteten sie aus Lehm prächtige Modelle; sie sollten im feinsten Marmor ausgeführt werden, sobald sie einmal zu Geld kämen. Gewöhnlich schlief der eine, ein großer Phlegmatiker, unter diesen Gesprächen ein, während der andere ganze Nächte hindurch Pläne machen und träumen konnte.

Dieses ruhige, beschauliche Leben sollte jedoch nicht allzu lange dauern. Sie waren nämlich beide entschiedene Feinde von unnötigen Ausgaben; zu diesen rechneten sie in erster Linie Geld für Kohlen und Holz. Deshalb führten sie im Winter an fünf Tagen in ihrer Stube die kühnsten Indianertänze auf, um sich warm zu machen; an den zwei übrigen Abenden luden sie ihre Freunde zu Grog bei sich ein. Dann tanzte zur Abwechselung die ganze Gesellschaft einen höchst kunstvollen Reigen und es gab ein Lärmen und Lachen, daß man mit einiger Sicherheit rechnen durfte, jeden Augenblick müsse der Fußboden einbrechen. Dies wurde auf allgemeine Klagen der Wirtin doch ein bißchen zu bunt und sie kündigte den beiden. Inzwischen war aber der Frühling herangekommen und die Freunde beschlossen, nach Italien zu wandern, um dort weiter zu arbeiten. Sie verkauften ihre paar Habseligkeiten, veranstalteten von dem Geld ein großes Abschiedsfest und marschierten dann zum Thor hinaus.

Es war ein überaus schöner Morgen; ein leichter Duft hing an den blühenden Bäumen, die zartgrünen Blätter schienen zusehends zu wachsen. Die beiden liefen seelenvergnügt in die Welt hinein; allzu schwer zu tragen hatten sie ja nicht und um den Weg kümmerten sie sich erst recht nicht; sie folgten ihrem alten Spitz, den sie mitgenommen hatten und der den Führer machen sollte. Da der brave Hund nun leider das Unglück hatte, beinahe blind zu sein, so verirrten sie sich tüchtig und schätzten sich glücklich, spät am Abend noch eine alleinstehende Mühle zu finden. Der Müller versprach ihnen auf ihre Bitten ein Heulager zu geben; Betten besaß er selbst keine; nach einem einfachen Essen streckten sie sich todmüde auf dem kleinen Heuboden aus.

Sie mochten einige Stunden geschlafen haben, als der größere Bildhauer wach wurde. Er rieb sich die Augen und wußte im ersten Augenblick nicht, wo er sich befand; der Duft des Heu’s hatte ihm den Kopf berauscht. Da sah er einen breiten Strahl glänzenden Lichtes über das Heu gleiten; erstaunt sprang er in die Höhe, eilte an die Dachluke und sah hinaus.

Vor ihm dehnte sich eine Heide aus; an dem Saum des nahen Waldes aber sah er eine wunderbare Erscheinung. Das Glück stand dort auf einer schimmernden, goldenen Kugel; sein Schleier, mit Sternen besät, flatterte in dem Nachtwinde; aus dem Füllhorn schüttete es seine Gaben weithin in das Land. Da faßte eine tiefe, unendliche Sehnsucht nach dem Glück seine Brust; es drängte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach der schönen Frau. Er kletterte von dem Heuboden herunter und rannte über die Heide. Die liebliche Fee lächelte ihm freundlich entgegen und nickte ihm zu. Schon war er ziemlich nahe – da verschwand sie plötzlich in dem Dunkel des Waldes! …

Beim Frühstück erzählte er seinem Freunde und ihrem Wirte, was er die Nacht gesehen hatte. Der Müller kratzte sich bedächtig in den grauen Haaren, nahm die Pfeife aus dem zahnlosen Mund und sagte ernst zu dem Scheidenden, daß er sich doch vor dem Glück in acht nehmen sollte. Es hätte schon so manchen tüchtigen Kerl zum Narren gehalten und der junge Bildhauer sehe ihm gerade so aus, wie einer, der leicht von der festen Straße weggelockt werden könne.

Eine Zeitlang gingen die Freunde schweigend ihres Weges; dann erklärte der Größere, sie müßten ihren Plan ändern. Er könne das Glück nicht vergessen, das gestern so strahlend in seiner Nähe geschwebt sei; er müsse es erreichen, koste es, was es auch immer wolle. Ihm würde er folgen, seinetwegen bis an das Ende der Welt.

Sein Freund gab sich zuerst Mühe, ihm den Gedanken auszureden. Er ließ sich aber nicht irre machen und beharrte eigensinnig auf seinem Willen, so daß der gutmütige Kleine des lieben Friedens wegen endlich nachgab. Sie zogen nun kreuz und quer in allen Ländern herum und folgten der Spur des Glücks. Manchmal waren sie ihm wirklich ganz nahe; aber zufassen konnten sie doch nicht. Gerade im letzten Augenblick fing die Kugel an, so schnell zu rollen, daß sie trotz der verzweifeltsten Anstrengung nicht folgen konnten.

An einem glühend heißen Augustnachmittag gelangten sie auf ihrer Wanderung nach einem sauberen, zwischen zwei kleinen Bergen gelegenen Städtchen. Gleich am Eingang stand auf der linken Seite der Straße ein Wirtshaus; der große Garten wurde von prächtigen alten Linden hübsch beschattet und hinter ihm, dicht am Zaune, stoß der Waldbach vorbei, aus dem ein kühler Wasserhauch herüberwehte. Tische und Bänke waren weiß geputzt und hinter den Fenstern sah man auf dem Gesims eine große Menge blitzender Deckelkrüge, Gläser und Flaschen. Da verspürte der kleine Bildhauer auf einmal einen geradezu unüberwindlichen Durst; er behauptete, vor Mattigkeit keinen Schritt weiter gehen zu können; hier wollten sie einkehren und sich mal gründlich ausruhen.

Sie setzten sich an ein recht kühles Plätzchen in dem Garten, die Wirtin brachte Gläser, Butter und Käse, nahm bei ihnen Platz und sprach mit ihren Gästen.

Der Kleine fühlte sich so wohl, wie noch nie in seinem Leben; er unterhielt sich vortrefflich und als ihm die Wirtin – sie war hübsch und rundlich – zum Abendessen sein Leibgericht, ganz ausgezeichnete Pfannkuchen buk, glaubte er sich im siebenten Himmel zu befinden.

Sein Freund hatte an allem wenig Anteil genommen; er saß still da, starrte vor sich hin und träumte von dem Glück, das er bald zu erreichen hoffte. Kaum war die Sonne aufgegangen, so wollte er weiter gehen; diesmal aber weigerte sich der Kleine hartnäckig; er habe sich den Fuß vertreten und könne in den nächsten Tagen nicht fort. Wohl oder übel mußten sie bleiben; während der Größere in der Nähe herumschweifte, saß der Bequeme bei der Wirtin und plauderte mit ihr. Er merkte bald aus hundert Dingen, daß sie großes Gefallen an ihm fand; auch er wurde ihr von Herzen zugethan und es kam ihm vor, als flüstere ihm eine leise Stimme zu, er solle das Suchen nach dem großen, unbekannten Glück aufgeben, lieber die Gelegenheit beim Schopf nehmen und das saubere Mädchen heiraten. Er faßte sich ein Herz und frug gleich am selben Abend die Wirtin, ob sie seine Frau werden wolle; als sie daraufhin verschämt lächelte, zog er sie an sich und gab ihr einen herzhaften Kuß.

Als der Freund von der Verlobung hörte, schnürte er sogleich sein Bündel: es sei für ihn die höchste Zeit, auf’s neue nach dem Glück auszuziehen. Wenn er es gefunden habe, wolle er gleich zurückkehren und seinen lieben, alten Gefährten so vieler, froher Stunden daran teilnehmen lassen. Jetzt aber dulde es ihn nicht länger unter seinem Dach. Trotz aller Bitten wartete er nicht einmal die Hochzeit ab, sondern umarmte seinen Freund und eilte einsam hinaus in die Welt, dem Glücke nach, das er in weiter Ferne vor sich hinschweben zu sehen meinte.

Jahr um Jahr zog er rastlos hinter ihm her. Er sah, wie das Glück seine Gaben nach allen Seiten ausstreute, über Arme und Reiche, Alte und Junge, Kranke und Gesunde; er selbst konnte nicht die geringste erhaschen. Jedoch seine Hoffnung schwand um nichts; er dachte, gewiß das Glück zu erreichen und dann die reichste Entschädigung für alle Mühen zu finden. Den ganzen Tag über jagte er ihm nach und gönnte sich selbst in der Nacht nur ein paar Stunden unruhigen Schlafs. Das Haar an seiner Stirne wurde erst grau, dann hing es in weißen, dünnen Strähnen herab; sein Gesicht magerte von der ewigen Anstrengung ab und wurde blaß, von Falten durchzogen. Er war ein vor der Zeit alter Mann geworden. Manchmal wollten ihn die Füße vor Mattigkeit nicht weiter tragen; und doch trieb es ihn vorwärts; mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts. Schon zweimal glaubte er sein Ziel erreicht zu haben und streckte bereits die Hand aus, den Schleier des Glücks zu fassen. Da griff er in Nichts und sah in weiter, weiter Ferne den Schimmer strahlen, den er so nahe geträumt hatte.

In der letzten Zeit merkte er aber ganz deutlich, daß der Abstand zwischen ihm und dem Glück immer geringer wurde. Noch einmal belebten Hoffnung und Kraft seine Brust und er schritt wieder munter dahin, wie in früheren Tagen. Und in einer Juninacht war er dem Glück wieder so nah gekommen, daß er zum drittenmal die Hand nach ihm ausstreckte. Aber zum drittenmal griff er die leere Luft.

Mit tiefem Aufseufzen ließ er die Hand sinken und blickte nach dem Glück. Es war diesmal nicht wie sonst in weite Ferne gerückt, sondern schwebte nur wenige Schritte vor ihm über einem Hause und goß sein ganzes Füllhorn dort aus. Dann verschwand es plötzlich in der Nacht.

Der Bildhauer sank todmatt zu Boden. Nun wußte er, daß alles zu Ende und ihm auf Erden kein Glück beschieden sei. Ganz gebeugt blickte er um sich; und es kam ihm vor, als ob er die Gegend schon früher einmal gesehen habe. Er sann und sann; plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; er befand sich in dem Städtchen, wo er vor Jahren seinen Freund verlassen hatte. Und dort – dort das Haus, über dem das Glück geschwebt und sein Füllhorn geleert hatte, es war das seines Freundes. Er lag mit Frau und Kindern in tiefem Schlaf!

Da war es dem müden Mann, als ob eisiger Hauch um seine Schläfe wehe. Anstatt des gehofften Glückes stand jetzt der Tod neben ihm. Er hatte in rastlosem Jagen seine Kräfte vernichtet; er hatte zu viel gewollt, auf zu Großes gehofft: – sein Freund im Kleinen Befriedigung gefunden.

Und wieder fühlte er den eisigen Wind. Er drang in seine Brust und löschte die Flamme des Lebens aus. Noch einmal fuhr er krampfhaft in die Höhe. In weiter, weiter Ferne tanzte wie ein Irrlicht das nie erreichte Glück, das Ideal seines Lebens!

Er schloß die Augen für immer.