Märchen der Woche 45/2010


Carlot Gottfried Reuling

Märchen

Das Glück

aus dem Märchenband „Das Herdfeuer“

Vor Zeiten lebten einmal zwei innig befreundete Bildhauer; sie besaßen, wie alle rechten Künstler, keinen Pfennig Geld, waren dafür aber immer lustig und frohen Mutes. Alle Wände ihres Zimmers hatten sie mit Werken von ihren Händen ausgeschmückt. Besonders der größere Bildhauer schuf die herrlichsten Sachen; wer sie sah, war ganz begeistert von ihnen und jedermann prophezeite ihm eine große Zukunft. Vorläufig aber ging es den beiden nicht gerade zum besten. Ihre Freunde hatten wenn möglich noch weniger Geld als sie selbst und konnten also nichts kaufen und die reichen Leute waren nicht im stande, die vielen, vielen Treppen des Hinterhauses zu erklimmen. Die schweren Geldsäcke in ihren Taschen schlugen ihnen fortwährend abmahnend an die Beine und ließen sie allerhöchstens in die Ateliers im ersten Stock steigen; zu diesen führten doch wenigstens breite, mit dicken Teppichen belegte Marmorstufen. Da war die Mühe nicht allzu groß.

Unglücklicherweise war auch damals das Rezept noch nicht erfunden, nach dem man nicht zu essen und zu trinken braucht und doch gesund leben kann; die beiden Bildhauer arbeiteten deshalb in einer Werkstätte für Grabmonumente. Das war eine schöne und muntere Beschäftigung. Der Gedanke, daß man vergnügt lebt, wahrend der Gute, für den das prachtvollste Kreuz ausgehauen wird, von all‘ der Herrlichkeit gar nichts mehr genießt, stimmt überaus heiter, und die trostreichen Sprüche in glänzenden, goldenen Lettern tragen zur Erbauung nicht wenig bei. Es kommt also auch das Gemüt bei dieser Arbeit nicht zu kurz!

Wenn die beiden am Abend zu Hause saßen, kneteten sie aus Lehm prächtige Modelle; sie sollten im feinsten Marmor ausgeführt werden, sobald sie einmal zu Geld kämen. Gewöhnlich schlief der eine, ein großer Phlegmatiker, unter diesen Gesprächen ein, während der andere ganze Nächte hindurch Pläne machen und träumen konnte.

Dieses ruhige, beschauliche Leben sollte jedoch nicht allzu lange dauern. Sie waren nämlich beide entschiedene Feinde von unnötigen Ausgaben; zu diesen rechneten sie in erster Linie Geld für Kohlen und Holz. Deshalb führten sie im Winter an fünf Tagen in ihrer Stube die kühnsten Indianertänze auf, um sich warm zu machen; an den zwei übrigen Abenden luden sie ihre Freunde zu Grog bei sich ein. Dann tanzte zur Abwechselung die ganze Gesellschaft einen höchst kunstvollen Reigen und es gab ein Lärmen und Lachen, daß man mit einiger Sicherheit rechnen durfte, jeden Augenblick müsse der Fußboden einbrechen. Dies wurde auf allgemeine Klagen der Wirtin doch ein bißchen zu bunt und sie kündigte den beiden. Inzwischen war aber der Frühling herangekommen und die Freunde beschlossen, nach Italien zu wandern, um dort weiter zu arbeiten. Sie verkauften ihre paar Habseligkeiten, veranstalteten von dem Geld ein großes Abschiedsfest und marschierten dann zum Thor hinaus.

Es war ein überaus schöner Morgen; ein leichter Duft hing an den blühenden Bäumen, die zartgrünen Blätter schienen zusehends zu wachsen. Die beiden liefen seelenvergnügt in die Welt hinein; allzu schwer zu tragen hatten sie ja nicht und um den Weg kümmerten sie sich erst recht nicht; sie folgten ihrem alten Spitz, den sie mitgenommen hatten und der den Führer machen sollte. Da der brave Hund nun leider das Unglück hatte, beinahe blind zu sein, so verirrten sie sich tüchtig und schätzten sich glücklich, spät am Abend noch eine alleinstehende Mühle zu finden. Der Müller versprach ihnen auf ihre Bitten ein Heulager zu geben; Betten besaß er selbst keine; nach einem einfachen Essen streckten sie sich todmüde auf dem kleinen Heuboden aus.

Sie mochten einige Stunden geschlafen haben, als der größere Bildhauer wach wurde. Er rieb sich die Augen und wußte im ersten Augenblick nicht, wo er sich befand; der Duft des Heu’s hatte ihm den Kopf berauscht. Da sah er einen breiten Strahl glänzenden Lichtes über das Heu gleiten; erstaunt sprang er in die Höhe, eilte an die Dachluke und sah hinaus.

Vor ihm dehnte sich eine Heide aus; an dem Saum des nahen Waldes aber sah er eine wunderbare Erscheinung. Das Glück stand dort auf einer schimmernden, goldenen Kugel; sein Schleier, mit Sternen besät, flatterte in dem Nachtwinde; aus dem Füllhorn schüttete es seine Gaben weithin in das Land. Da faßte eine tiefe, unendliche Sehnsucht nach dem Glück seine Brust; es drängte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach der schönen Frau. Er kletterte von dem Heuboden herunter und rannte über die Heide. Die liebliche Fee lächelte ihm freundlich entgegen und nickte ihm zu. Schon war er ziemlich nahe – da verschwand sie plötzlich in dem Dunkel des Waldes! …

Beim Frühstück erzählte er seinem Freunde und ihrem Wirte, was er die Nacht gesehen hatte. Der Müller kratzte sich bedächtig in den grauen Haaren, nahm die Pfeife aus dem zahnlosen Mund und sagte ernst zu dem Scheidenden, daß er sich doch vor dem Glück in acht nehmen sollte. Es hätte schon so manchen tüchtigen Kerl zum Narren gehalten und der junge Bildhauer sehe ihm gerade so aus, wie einer, der leicht von der festen Straße weggelockt werden könne.

Eine Zeitlang gingen die Freunde schweigend ihres Weges; dann erklärte der Größere, sie müßten ihren Plan ändern. Er könne das Glück nicht vergessen, das gestern so strahlend in seiner Nähe geschwebt sei; er müsse es erreichen, koste es, was es auch immer wolle. Ihm würde er folgen, seinetwegen bis an das Ende der Welt.

Sein Freund gab sich zuerst Mühe, ihm den Gedanken auszureden. Er ließ sich aber nicht irre machen und beharrte eigensinnig auf seinem Willen, so daß der gutmütige Kleine des lieben Friedens wegen endlich nachgab. Sie zogen nun kreuz und quer in allen Ländern herum und folgten der Spur des Glücks. Manchmal waren sie ihm wirklich ganz nahe; aber zufassen konnten sie doch nicht. Gerade im letzten Augenblick fing die Kugel an, so schnell zu rollen, daß sie trotz der verzweifeltsten Anstrengung nicht folgen konnten.

An einem glühend heißen Augustnachmittag gelangten sie auf ihrer Wanderung nach einem sauberen, zwischen zwei kleinen Bergen gelegenen Städtchen. Gleich am Eingang stand auf der linken Seite der Straße ein Wirtshaus; der große Garten wurde von prächtigen alten Linden hübsch beschattet und hinter ihm, dicht am Zaune, stoß der Waldbach vorbei, aus dem ein kühler Wasserhauch herüberwehte. Tische und Bänke waren weiß geputzt und hinter den Fenstern sah man auf dem Gesims eine große Menge blitzender Deckelkrüge, Gläser und Flaschen. Da verspürte der kleine Bildhauer auf einmal einen geradezu unüberwindlichen Durst; er behauptete, vor Mattigkeit keinen Schritt weiter gehen zu können; hier wollten sie einkehren und sich mal gründlich ausruhen.

Sie setzten sich an ein recht kühles Plätzchen in dem Garten, die Wirtin brachte Gläser, Butter und Käse, nahm bei ihnen Platz und sprach mit ihren Gästen.

Der Kleine fühlte sich so wohl, wie noch nie in seinem Leben; er unterhielt sich vortrefflich und als ihm die Wirtin – sie war hübsch und rundlich – zum Abendessen sein Leibgericht, ganz ausgezeichnete Pfannkuchen buk, glaubte er sich im siebenten Himmel zu befinden.

Sein Freund hatte an allem wenig Anteil genommen; er saß still da, starrte vor sich hin und träumte von dem Glück, das er bald zu erreichen hoffte. Kaum war die Sonne aufgegangen, so wollte er weiter gehen; diesmal aber weigerte sich der Kleine hartnäckig; er habe sich den Fuß vertreten und könne in den nächsten Tagen nicht fort. Wohl oder übel mußten sie bleiben; während der Größere in der Nähe herumschweifte, saß der Bequeme bei der Wirtin und plauderte mit ihr. Er merkte bald aus hundert Dingen, daß sie großes Gefallen an ihm fand; auch er wurde ihr von Herzen zugethan und es kam ihm vor, als flüstere ihm eine leise Stimme zu, er solle das Suchen nach dem großen, unbekannten Glück aufgeben, lieber die Gelegenheit beim Schopf nehmen und das saubere Mädchen heiraten. Er faßte sich ein Herz und frug gleich am selben Abend die Wirtin, ob sie seine Frau werden wolle; als sie daraufhin verschämt lächelte, zog er sie an sich und gab ihr einen herzhaften Kuß.

Als der Freund von der Verlobung hörte, schnürte er sogleich sein Bündel: es sei für ihn die höchste Zeit, auf’s neue nach dem Glück auszuziehen. Wenn er es gefunden habe, wolle er gleich zurückkehren und seinen lieben, alten Gefährten so vieler, froher Stunden daran teilnehmen lassen. Jetzt aber dulde es ihn nicht länger unter seinem Dach. Trotz aller Bitten wartete er nicht einmal die Hochzeit ab, sondern umarmte seinen Freund und eilte einsam hinaus in die Welt, dem Glücke nach, das er in weiter Ferne vor sich hinschweben zu sehen meinte.

Jahr um Jahr zog er rastlos hinter ihm her. Er sah, wie das Glück seine Gaben nach allen Seiten ausstreute, über Arme und Reiche, Alte und Junge, Kranke und Gesunde; er selbst konnte nicht die geringste erhaschen. Jedoch seine Hoffnung schwand um nichts; er dachte, gewiß das Glück zu erreichen und dann die reichste Entschädigung für alle Mühen zu finden. Den ganzen Tag über jagte er ihm nach und gönnte sich selbst in der Nacht nur ein paar Stunden unruhigen Schlafs. Das Haar an seiner Stirne wurde erst grau, dann hing es in weißen, dünnen Strähnen herab; sein Gesicht magerte von der ewigen Anstrengung ab und wurde blaß, von Falten durchzogen. Er war ein vor der Zeit alter Mann geworden. Manchmal wollten ihn die Füße vor Mattigkeit nicht weiter tragen; und doch trieb es ihn vorwärts; mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts. Schon zweimal glaubte er sein Ziel erreicht zu haben und streckte bereits die Hand aus, den Schleier des Glücks zu fassen. Da griff er in Nichts und sah in weiter, weiter Ferne den Schimmer strahlen, den er so nahe geträumt hatte.

In der letzten Zeit merkte er aber ganz deutlich, daß der Abstand zwischen ihm und dem Glück immer geringer wurde. Noch einmal belebten Hoffnung und Kraft seine Brust und er schritt wieder munter dahin, wie in früheren Tagen. Und in einer Juninacht war er dem Glück wieder so nah gekommen, daß er zum drittenmal die Hand nach ihm ausstreckte. Aber zum drittenmal griff er die leere Luft.

Mit tiefem Aufseufzen ließ er die Hand sinken und blickte nach dem Glück. Es war diesmal nicht wie sonst in weite Ferne gerückt, sondern schwebte nur wenige Schritte vor ihm über einem Hause und goß sein ganzes Füllhorn dort aus. Dann verschwand es plötzlich in der Nacht.

Der Bildhauer sank todmatt zu Boden. Nun wußte er, daß alles zu Ende und ihm auf Erden kein Glück beschieden sei. Ganz gebeugt blickte er um sich; und es kam ihm vor, als ob er die Gegend schon früher einmal gesehen habe. Er sann und sann; plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; er befand sich in dem Städtchen, wo er vor Jahren seinen Freund verlassen hatte. Und dort – dort das Haus, über dem das Glück geschwebt und sein Füllhorn geleert hatte, es war das seines Freundes. Er lag mit Frau und Kindern in tiefem Schlaf!

Da war es dem müden Mann, als ob eisiger Hauch um seine Schläfe wehe. Anstatt des gehofften Glückes stand jetzt der Tod neben ihm. Er hatte in rastlosem Jagen seine Kräfte vernichtet; er hatte zu viel gewollt, auf zu Großes gehofft: – sein Freund im Kleinen Befriedigung gefunden.

Und wieder fühlte er den eisigen Wind. Er drang in seine Brust und löschte die Flamme des Lebens aus. Noch einmal fuhr er krampfhaft in die Höhe. In weiter, weiter Ferne tanzte wie ein Irrlicht das nie erreichte Glück, das Ideal seines Lebens!

Er schloß die Augen für immer.

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