Gedicht der Woche 43/2010


Märchen

Fern im Abendsonnenglanze
Liegt ein wunderbares Land,
Erdenleid und Sorgen reichen
Nicht an seinen heil’gen Strand.

Blaue Anemonen sprießen
Um ein marmorkühles Haus,
An der glückgeweihten Schwelle
Breitest du die Arme aus.

Noch einmal im Abendwinde
Gleitet meiner Sehnsucht Kahn,
Glückverlangend, glückerbangend,
Jene sonnenstille Bahn.

Wanderwolken seh ich ziehen
Ruhelos am Himmelsraum. –
Schneller eilen meine Träume
Nach dem fernen Ufersaum.

Wandervögel seh ich ziehen
Flügelschlagend über mir.
Jauchzender drängt meiner Liebe
Möwenflug zu dir, zu dir.

Schifflein schaukelt auf und nieder,
Wellenberg und Wellental,
Abendglocken singen ferne,
Und mein Herz frägt tausendmal:

Werd ich je das Land erreichen,
Eh die Nacht hernieder sinkt?
Oder wartet schon die Klippe,
Die mich in die Tiefe zwingt? –

Falte deine lieben Hände,
Betend, dass aus Not und Qual
Noch mein Kahn zu dir gelange
In das glückbereite Tal.

Ernst Goll

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