Erzählung der Woche 42/2010


Marc Twain

Eine Hundegeschichte

Fortsetzung von hier

Kapitel III

Es war so ein liebenswertes Zuhause – mein neues; ein feines, schönes Haus, mit Bildern und edlen Dekorationen und teuren Möbeln, und nirgends Hoffnungslosigkeit sondern überall zarte Farben, erleuchtet von flutenden Sonnenschein; und die geräumige Gartenanlage drumherum, und der großartige Garten – oh, die edlen Bäume, und die Blumen, kein Ende!
Und ich war wie ein Familienmitglied, sie liebten mich und liebkosten mich und gaben mir keinen neuen Namen, das war mir lieb, sie  riefen mich mit dem Namen, den meine Mutter mir gab – Aileen Mavourneen. Mutter hatte ihn aus einem Lied und die Grays kannten das Lied, und sagten es wäre ein schöner Name.

Frau Gray war dreißig und so süß und so lieb, das kannst du dir gar nicht vorstellen; und Sadie war zehn, und genau wie ihre Mutter, fast wie eine niedliche kleine Kopie von ihr, mit kastanienbraunen Zöpfen auf dem Rücken und mit kurzem Leibchen; und das Baby war ein Jahr alt und mollig und hatte Grübchen und mochte mich, und konnte niemals genug davon bekommen mich am Schwanz zu ziehen und mich zu drücken und aus unschuldigen Freude heraus zu lachen; und Herr Gray war achtunddreißig, groß und schmächtig und hübsch, ein bisschen kahl auf der Stirn;  aber munter, schnell in seinen Bewegungen, beschäftigt,  und sofort entschieden ohne Gefühl und sein schön geformtes Gesicht schien im frostigen Intellektual zu strahlen. Er war ein bekannter Wissenschaftler.
Bekannter Wissenschaftler – ich weiß nicht, was diese Worte bedeuten, aber meine Mutter hätte bestimmt gewusst, wie man diese Wörter benutzt und daraus Nutzen zieht.
Aber  nicht das  war das Beste; das Beste war das Laboratorium.  Das Laboratorium war kein Buch, oder  Bild oder ein Platz wo man sich die Hände wäscht, wie es der Hund eines Kollegen des Präsidenten sagte – nein, das ist das Waschbecken, das Laboratorium ist ganz was anderes, und ist voll von Gläsern und Flaschen und elektrischen Sachen und Kabeln und seltsamen Maschinen; und jede Woche kamen andere Wissenschaftler dorthin und benutzten diese Maschinen und diskutierten und machen dort das, was sie Experimente und Entdeckungen nennen; und oft kam ich auch dazu und stand da herum und hörte zu und versuchte etwas zu lernen, um die Ehre meiner Mutter und in lieber Erinnerung an sie, obwohl es für mich schmerzlich war, wenn es mir klar wurde, was sie in ihrem Leben verpasst hatte und dass ich damit nichts anfangen konnte; obwohl ich es so gut ich konnte versuchte – ich war nie fähig, etwas daraus zu machen.

Einmal lag ich auf dem Fußboden vor dem Arbeitszimmer der Frauchen und schlief, sie benutzte mich zärtlich als einen Fußschemel, wissend dass es mir gefiel, da es eine Liebkosung war, einander mal verbrachte ich eine Stunde im Kinderzimmer und wurde sehr zerzaust und brachte Freude, ein anderes mal passte ich auf das Bettchen auf wenn das Baby schlief und das Kindermädchen für ein paar Minuten hinausging um etwas für das Baby zu holen, ein anderes mal tobte ich und raste durch den Hof und Garten mit Sadie bis wir müde waren, dann schlummerte ich auf dem Gras im Schatten eines Baumes, während sie ihr Buch las; ein anderes mal ging ich die Nachbarshunde besuchen – da nicht weit von hier sehr Angenehme lebten, darunter ein sehr stattlicher , höflicher, graziöser mit lockigen Haaren, ein Irischer Setter mit dem Namen Robin Adair, der war ein Presbyterianer wie ich und gehörte dem schottischen Minister.

Mit der Zeit kam mein kleiner Welpe, und dann war mein Becher der Freude voll, mein Glück war vollkommen. Es war das niedlichste watschelnde Ding, und so glatt und sanft und kuschlig, und hatte solch listige kleine ungeschickten Pfoten und solch liebevollen Augen, und solch ein süßes und unschuldiges Gesicht; und es machte mich so stolz zu sehen wie die Kinder und ihre Mutter davon schwärmten und es streichelten  und  über jenes kleine wundervolles Ding staunten. Mir schien es, dass das Leben für mich irgendwie zu schön wäre.

Dann kam der Winter. Einen Tag hielt ich Wache in dem Kinderzimmer. Eigentlich schlief ich auf dem Bett. Das Baby schlief in dem Kinderbettchen, welches neben dem Bett stand, an der Seite zum Kamin. Es war ein Kinderbettchen, welches einen Umhang hatte, der aus gazeartigen Stoff gemacht ist und durch den man durchsehen konnte. Das Kindermädchen war draußen und wir beide Schläfer waren allein. Ein Funke aus dem Feuerholz flog heraus und zündete den Vorhang an der Seite an. Ich nehme an, es verging eine Zeit bis der Schrei des Babys mich aufweckte – und da war der ganze Vorhang im Flammen empor bis zur Decke! Bevor ich denken konnte, sprang ich auf den Fußboden und in einer Sekunde war ich schon auf dem halben Weg zur Tür; aber in der nächsten halben Sekunde erklang meiner Mutter Abschiedgruß in meinen Ohren und ich war wieder neben dem Bett. Ich schob meinen Kopf durch die Flammen und schnappte das Baby an dessen Brustschleife und zehrte es heraus, es fiel auf den Fußboden damit in eine Rauchwolke; ich schnappte nach einem neuen Halt bei dem Baby und schleppte das schreiendes kleines Ding  aus der Tür  und um die Kurve des Flurs und schleppte es immer noch weg, ganz aufgeregt und freudig und stolz, als des Herrchens Stimmer ertönte:
„Fort mit dir, du verdammtes Biest!“
und ich sprang weg um mich zu retten, aber er war ziemlich schnell und verfolgte mich und schlug mich fürchterlich mit seinem Spazierstock. Ich wich so und so aus in dieser Hetze, und schließlich  traf ein starker Schlag mein linkes Vorderbein, wodurch ich aufschrie und hinfiel, für ein Moment hilflos; der Spazierstock schwenkte zum neun Schlag aus, aber sank nie, da die Stimme des Kindermädchens wild schrie, „Das Kinderzimmer ist in Feuer!“ und der Herrchen verschwand in dieser Richtung, und meine anderen Knochen wurden dadurch gerettet.

Der Schmerz war fürchterlich aber egal, ich durfte keine Zeit verlieren; er konnte jeden Moment zurück sein; also hinkte ich auf drei Beinen zum anderen Ende des Flurs wo eine dunkle kleine Treppe zum Dachboden hinaufführte , dahin wo alte Kisten und solche Dinge aufbewahrt wurden wie ich hörte und wohin die Menschen nur selten gingen. Ich schaffte es dorthin  zu kommen, dann suchte ich mir einen Weg durch  Berge verschiedener Sachen und versteckte mich am geheimsten Platz den ich finden konnte. Es war dumm sich dort zu fürchten, trotzdem tat ich das, so ängstlich, dass ich kaum das Winseln zurückhalten konnte, obwohl es besser für mich wäre, winseln zu können, weil es den Schmerz lindert, das weißt du doch. Aber ich konnte mein Bein lecken und es war etwas angenehmer.

Für halbe Stunde war unten Aufregung und Rufe und eilige Schritte, und dann wurde es wieder still. Still für wenige Minuten und das war gut für meine Seele und meine Ängste  begannen sich zu legen; Ängste sind schlimmer als Schmerzen – oh, viel schlimmer. Dann kam ein Klang, der mich zusammenfahren ließ. Sie riefen mich – riefen  mein Namen – jagten mich! Es wurde durch die Entfernung gedämpft, aber das konnte nicht den Schrecken verhindern, den ich empfand und es war der schrecklichste Ruf für mich, den ich je hörte. Es ging überall hindurch da unten: den Flur entlang, durch alle Räume, auf beiden Geschossen und im Untergeschoss und Keller; dann draußen, und weiter und weiter weg – dann zurück, und wieder durchs ganze Haus, und ich dachte es würde nie enden, nie.

Aber schließlich hörte es auf, Stunden und Stunden nachdem die Dämmerung des Dachbodens in der schwarzen Dunkelheit erlosch. In der friedlichen Stille ließ der Schreck nach und ich kam zur Ruhe und schlief. Ich erholte mich etwas, dann wachte ich auf noch bevor die Dämmerung kam. Ich fühlte mich schon recht gut und konnte mir einen Plan ausdenken, wie ich mich runterschleichen werde, den ganzen Weg die Treppe hinab und wie ich mich hinter der Kellertür verstecken und durchschlüpfen und veschwinden würde, wenn der Eismann käme  und den Kühlschrank auffüllen würde; dann würde ich mich den ganzen Tag verstecken und in der Nacht meine Reise fortsetzen; meine Reise – irgendwohin, wo man mich nicht vermutete und mich nicht meinen Herrchen verraten würde. Ich fühlte mich nun fast großartig, doch dann dachte ich plötzlich: Warum, was für ein Leben wird es ohne meinen Welpen!

Es war zum verzweifeln. Es gab keinen Möglichkeit für mich, ich sah das; ich musste dableiben, wo ich war, bleiben und warten und auf mich nehmen,  was kommt – es war nicht meine Sache; es war das, was Leben ist – meine Mutter sagte es. Dann – das Rufen begann wieder! Alle meine Qualen kamen wieder. Ich sagte mir, das Herrchen wird mir nie verzeihen. Ich wusste zwar nicht, was ich gemacht hatte, dass sie so verbittert und unverzeihlich wurden,  ich schätze, es war irgend etwas, was ein Hund nicht verstehen konnte, aber was für einen Menschen schrecklich schien.

Sie riefen und riefen – Tage und Nächte, so schien mir .  Hunger und Durst trieben mich fast zum Wahnsinn und ich merkte, dass ich ganz schwach wurde. Wenn man in dieser Lage ist, schläft man viel – und das tat ich. Einmal wachte ich in einer schrecklichen Angst auf – es schien mir, als ob der Ruf nun oben auf dem Dachboden war! Und so war es auch: es war Sadie’s Stimme, und sie weinte, mein Name erklang zerbrochen aus ihren Lippen. Armes Ding, und ich konnte meinen Ohren nicht glauben, als sie voll Freude sagte:

„Komm zurück zu uns – oh, komm zurück zu uns, und vergib – es ist alles so schlimm ohne unser -“

Ich brachte einen kleinen Schrei heraus und nächsten Moment kroch und stolperte Sadie durch die Dunkelheit und schleppte sich dahin und rief laut ihrer Familie damit sie sie hörten, „Ich hab sie gefunden, ich hab sie gefunden!“

Die Tage, die folgten – nun, sie waren wunderschön. Die Mutter und Sadie und die Diener – warum nur, schienen mich geradezu anzubeten. Sie glaubten mein Bett nicht weich genug zu machen; und das Futter, nur feine Delikatessen, welche nicht der Jahreszeit entsprachen, und jeden Tag strömten Freunde und Nachbarn herbei, um meine Heldentat zu hören – das war das Wort, was sie dafür benutzten, und es bedeutet Landwirtschaft. Ich erinnere mich, meine Mutter schleppte es einmal in die Hundehütte und erklärte es so, aber sagte nicht, was Landwirtschaft ist, außer dass es ein Synonym für eingeschlossenes Weißglühen ist; und ein duzend mal musste Frau Gray und Sadie es den Neuankömmlingen erzählen und sagen ich riskierte mein Leben, und rettete das Leben beider, und dann staunt und kuschelt mich die ganze Gesellschaft in der Runde, und man konnte den Stolz in Sadies Augen sehen und auch in denen ihrer Mutter; und wenn die Leuten wissen wollten, warum ich hinke, guckten sie verlegen und änderten das Thema, und wenn manchmal die Leute nicht nachgaben und sie darüber ausfragten, schien es mir als ob sie fast weinten.

Und es war nicht die ganze Ehre, nein, die Freunde des Herrchens kamen, ganzen zwanzig verschiedenen Leute und nahmen mich mit ins Laboratorium, als ob ich eine Entdeckung war und manche von denen sagten, es ist wundervoll, in einem so dummen Tier wie mich eine solche Vorstellung hervorragender Instinkte zu sehen; aber der Herrchen sagte mit Leidenschaft, „Es ist weit mehr als nur Instinkt, es ist VERSTAND, und manche Menschen, privilegiert gerettet zu sein, mit mir und euch in einer besseren Welt zu gehen, hat weniger davon als dieses arme dumme Vierbein, das dazu bestimmt ist umzukommen; und dann lachte er und sagte: „Warum gucken sie so – ich bin sarkastisch! Bin gesegnet durch all meine große Intelligenz und das einzige, das ich mir erklären konnte, war, dass der Hund verrückt geworden ist und versucht hat das Kind zu verletzen. Das ist die Intelligenz dieses Tieres – das ist sein Verstand, das sage ich euch – das Kind wäre umgekommen!“

Sie stritten und stritten, und ich war der einzige Mittelpunkt der Unterhaltung, und ich wünschte meine Mutter würde wissen, dass diese große Ehre mir galt; das würde sie stolz machen.

Dann diskutierten sie über Optik, wie sie es nannten, und ob eine bestimmte Verletzung im Gehirn zu Blindheit führen könnte, aber sie konnten sich nicht darüber einig werden und sagten, sie müssen es mit der Zeit durch Experimente herausfinden. Als nächstes diskutierten sie über Pflanzen und das interessierte mich, weil die Sadie und ich im Sommer Pflanzen säten – Ich half ihr die Löcher zu graben, du weißt – und nach ein paar Tagen kam ein Busch oder eine Blume dort heraus, und es war wunderschön wie es passierte. Ich wünschte, ich könnte reden – ich würde diesen Leuten das erzählen und ihnen zeigen wie viel ich wusste und völlig von dem Thema eingefangen; achtete ich nicht auf die Optik, das war langweilig und wenn sie wieder darüber sprachen,  ging ich schlafen.

Bald kam der Frühling, und es war sonnig und angenehm und wunderschön, und die süße Mutter und die Kinder tätschelten mich und den Welpen und gingen weg auf eine Reise, wollten ihre Verwandten besuchen, und das Herrchen war nicht bei uns, aber wir spielten zusammen und hatten eine gute Zeit verbracht, und die Diener waren freundlich und nett, und so kamen wir gut und freundlich aus und zählten die Tage bis zur Wiederkehr der Familie.

Eines Tages kamen die Männer wieder und sagten: Nun machen wir den Test – und nahmen den Welpen mit in das Laboratorium und ich hinkte dreibeinig auch dahin, stolz wegen der Aufmerksamkeit für meinen Welpen. Sie diskutierten und experimentierten, und dann kreischte plötzlich der Welpe, und sie setzten ihn auf den Fußboden, und er ging schwindelig umher, sein Kopf voller Blut, und das Herrchen klatschte in seine Hände und rief:

„Da, Ich hab gewonnen – seht ihr! Er ist blind wie eine Fledermaus!“

Und sie alle sagten:

„Es ist so – du hast deine Theorie belegt, und die leidende Menschheit steht ab jetzt in großer Schuld vor dir,“ und sie umrundeten ihn und schüttelten seine Hand herzlich und dankbar und beglückwünschten ihn.

Aber ich hörte oder sah die Dinge kaum, da ich sofort zu meinem kleinen Liebling hingelaufen bin, und kuschelte mich ganz nah an ihn wo er lag und leckte das Blut ab und es legte seinen Kopf an meinen, sanft winselnd und ich wusste in meinem Herzen, dass es für ihn angenehm ihn seinem Schmerz und Leiden war, die Berührung der Mutter zu fühlen, obwohl es mich nicht sehen konnte. Dann fiel es zusammen, plötzlich, und seine kuschlige Nase blieb auf dem Fußboden und es war ruhig und bewegte sich nicht mehr.

Bald hörte das Herrchen für einen Moment auf zu diskutieren und läutete dem Butler und sagte, „Vergrabe es in der hinteren Ecke des Gartens,“ und dann setzte er die Diskussion fort, und ich folgte dem Butler, sehr froh und zufrieden, da ich wusste, dass das Welpchen jetzt keine Schmerzen mehr hatte, da es schlief. Wir gingen weit hinunter in den Garten ans andere Ende, dort wo die Kinder und das Kindermädchen und der Welpe und ich im Sommer in dem Schatten der großer Ulme spielten und dort grub der Butler ein Loch und ich sah, er wollte das Welpchen pflanzen und ich war froh, weil es wachsen und als großer Hund herauskommen würde, wie Robin Adair, zur schönen Überraschung für die Familie, wenn sie nach Hause kommen würden; also half ich ihm zu graben, aber mein verletztes Bein war wirklich schlimm, es war steif, du weißt, und man braucht zwei zum graben, oder es nützt nichts. Als der Butler aufhörte und den kleinen Robin bedeckte, tätschelte er mein Kopf und da waren Tränen in seinen Augen, und er sagte: „Armes kleines Hündchen, du hast SEIN Kind gerettet!“

Ich habe zwei ganze Wochen beobachtet und er kam nicht auf! Diese letzte Woche überkam mich die Angst. Ich denke, da ist etwas nicht in Ordnung. Ich weiß nicht was es ist, aber die Angst macht mich krank, und ich kann nicht essen, obwohl mir die Diener das beste Futter bringen und sie streicheln mich so, und kommen sogar  in der Nacht zu mir und weinen und sagen, „Armes Hündchen – gib es auf und komm nach Hause, brech nicht unsere Herzen!“ und all das besorgte mich noch mehr, und machte mich sicher, dass etwas passierte. Und ich bin so schwach; seit gestern kann ich nicht mehr stehen. Und seit dieser Stunde begannen die Diener, auf die sinkende Sonne schauend, und bis die kühle Nacht kam, mir Dinge zu sagen die ich nicht verstand, aber sie brachten mir etwas Kaltes in mein Herz.
Diese armen Leute! Sie erwarten es gar nicht. Sie werden morgen früh kommen, und sofort nach dem kleinen Hündchen fragen, das diese mutige Tat machte, und wer von uns ist stark genug um ihnen die Wahrheit zu sagen: „Der bescheidener kleiner Freund ist gegangen; dahin wo alle Tiere hingehen, wenn sie sterben.“

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