Erzählung der Woche 41/2010


Eine Hundegeschichte

von Marc Twain

Kapitel I

Mein Vater war ein St. Bernard, meine Mutter war eine Collie, aber ich bin ein Presbyterianer. Das war, was meine Mutter mir erzählte, ich kenne die feinen Unterschiede selber nicht. Für mich sind es nur schöne große Wörter, die nichts bedeuten. Meine Mutter hatte Zärtlichkeit für sowas, sie mochte es, das auszusprechen und andere Hunde  überrascht und neidisch zu sehen, wie gebildet sie war. Aber tatsächlich war es keine richtige Bildung, es war nur Show: Sie kannte die Wörter, die sie im Esszimmer und wenn dort Gesellschaft war hörte, und durch   das Zuhören in der Sonntagsschule, wohin sie mit den Kindern ging  und immer, wenn sie ein großes Wort hörte, wiederholte sie es mehrmals vor sich hin, und konnte es dadurch solange behalten, bis die Hundeversammlung in der Nachbarschaft stattfand und überraschte und erstaunte sie dort alle, von Pocket-Pup bis zum Bulldogge. Das war der Lohn für ihre Bemühungen. Wenn mal  ein Fremder dabei war und misstrauisch fragte was das bedeute, dann erklärte sie es ihm.  Die anderen haben immer darauf gewartet, und waren froh darüber und stolz auf sie. Wenn sie die Bedeutung eines großen Wortes erklärte, waren alle so mitgenommen durch die Bewunderung, dass es keinem Hund in den Sinn kam darüber zu zweifeln, ob es richtig wäre; und das war natürlich, weil auf jedes Ding worauf sie antwortete, die Antwort so schnell kam, als ob ein Wörterbuch für sie spräche, und außerdem woher sollten sie es wissen, ob es richtig ist oder nicht? – Aber auch weil sie der einzige kultivierte Hund dort war. Mit der Zeit, da ich größer wurde, brachte sie das eine mal  das Wort Unintellektual, und verarbeitete es die ganze Woche in verschiedenen Versammlungen, wodurch sie viel Unglück und Niedergeschlagenheit verursachte; und ich merkte dieses mal, dass sie nach der Bedeutung auf acht verschiedenen Zusammenkünften gefragt wurde, und sie schoß jedes mal eine frische Definition heraus, die mir zeigte, dass sie mehr Geistesgegenwart als Zucht hatte, worauf ich natürlich nichts sagte. Sie hatte immer ein Wort, das sie parat hielt und bereit wie einen Lebensretter, ein Wort für den Notfall, an dem sie sich festhielt, wenn sie plötzlich durch die Fragen zu ertrinken schien – dieses Wort war „synonym“. Wenn es auch mal passiert, dass sie ein Wort aus vergangenen Wochen wieder nahm und dessen vorbereitete Bedeutungen längst vergessen hatte und wenn dann ein Fremder durch dieses Wort für ein paar Minuten stutzig geworden ist, dann würde er zu ihr kommen, während sie schon mit dem Wind einen anderen Kurs eingeschlagen hat und nichts erwartend stellt er sie zur Rede; Ich (der einzige Hund, der das Spiel kennt) kann für einen Moment ihr Segel flattern sehen – aber nur für ein Moment – dann wird es wieder voll und straf und sie würde sagen, so ruhig wie ein Sommertag, „Es ist ein Synonym für Supererogation,“ oder irgendein anderes gottverdammtes, vor langer Zeit ausgestorbenes Wort wie dieses. Dann ginge sie geschmeidig  gleitend die nächsten Richtung, vollkommen zufrieden, weißt schon, und ließe den Fremden profan und verlegen gucken, und der Beginn  des Wackelns der Schwänze der anderen im Einklang mit der Zufriedenheit ihre Gesichter erfüllte sie mit heiliger Freude.

Und so das selbe mit den Phrasen. Wenn sie eine Phrase nach hause brachte, die toll klang, dann wurde diese sechs Nächte und zwei Matinees lang vorgeführt und jedesmal von neuem erklärt – die Bedeutung interessierte sie nicht,  nur auf Richtigkeit der Phrase achtete sie, wusste sie doch, dass diese Hunde nicht genug Verstand hatten um sie auffliegen zu lassen. Ja, sie war ein Prachtexemplar! Sie hatte vor nichts Angst, sie hatte solches Vertrauen in die Ignoranz dieser Kreaturen. Sie erzählte sogar Witze, die sie in der Familie und von den Gästen gehört hatte, über die dort gelacht wurde; und regelmäßig verpasste sie den springenden Punkt, und wenn das passierte, fiel sie auf den Rücken , rollte sich auf dem Fußboden und lachte und bellte auf wirklich irrsinige Art, während ich sehen konnte wie sie sich wunderte, wieso es nicht so witzig war, wie als sie es gehört hatte. Aber das war nicht weiter schlimm; die anderen rollten und bellten mit, selbst aber beschämt, da sie nicht verstanden, worum es ging, sie wussten ja nicht, dass es nicht ihr Fehler war und dass es überhaupt keinen Grund gab zu lachen.

Durch diese Dinge konnte man sehen, wie eingebildet und leichtsinnig ihr Charakter war, dennoch hatte sie Vorzüge, um zu etwas zu bringen, denke ich. Sie hatte ein gütiges Herz und Zärtlichkeit und verbarg niemals den Ärger, wenn man sie verletzte, sondern sprach diesen aus und vergaß es dann wieder; und sie lehrte ihren Kindern diese freundliche Art, und von ihr haben wir auch gelernt, tapfer und ohne Zögern in Gefahren zu handeln, und nicht weglaufen, sondern der Gefahr, die Freund oder Fremden bedrohte, gegenüber zu treten und  zu helfen, so gut wie wir können ohne darüber nachzudenken, was es uns kosten würde. Und sie lehrte uns das nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch Beispiele, und das ist die beste, die sicherste und meist andauernde Art einen zu lehren. Warum sie die mutigen Sachen tat? Sie war ein Soldat; und auch so bescheiden darüber – gut, man konnte es nicht verhindern sie zu bewundern und sie zu imitieren, nicht einmal der König Charles, der Spaniel, konnte völlig verabscheuungswürdig in ihrer Gesellschaft bleiben. Wie man sehen kann,  da war mehr als nur ihre Bildung.

Kapitel II

Als ich groß genug war, letztendlich, wurde ich verkauft und weggenommen, und ich sah sie nie wieder. Ihr Herz war gebrochen, und meins auch, und wir weinten; und sie tröstete mich so gut sie konnte, und sagte wir kommen in diese Welt für einen weisen und guten Zweck, und müssen unseren Dienst ohne Widerrede ausführen, unser Leben so hinnehmen wie es ist, so zu leben, dass es anderen wohl ergehe, und uns niemals über die Folgen Gedanken zu machen, es ist nicht unsere Sache. Sie sagte Männer, die so handeln, würden eine noble und wunderschöne Belohnung im Jenseits bekommen, und obwohl wir Tiere niemals dorthin kommen würden, gut und richtig zu handeln ohne Belohnung würde unserem kurzen Leben etwas Ehrenhaftigkeit und Würde verleihen, welches selbst schon eine Belohnung ist. Sie hat diese Dinge gesammelt als sie von Mal zu Mal in die Sonntagsschule mit den Kindern mitgelaufen ist, und hatte diese sorgfältiger in ihren Gedanken aufbewahrt als ihre anderen Wörter und Phrasen; und sie vertiefte sich mehr in diese – für unser und auch ihr Wohl. Man konnte dadurch sehen, dass sie einen weisen und nachdenklichen Kopf hatte, trotz dessen, dass dort soviel Leichtsinn und Eitelkeit war.

So, dann sagten wir uns Lebewohl und sahen uns gegenseitig voller Tränen an; und das Letzte was sie sagte – woran ich mich am meisten erinnere, glaube ich – war, „In der Erinnerung an mich, wenn irgendein Gefahr kommt und irgendeiner in Not ist, denk nicht an dich, denk an deine Muttter und tu das, was sie tun würde.“

Denkst du, ich könnte das vergessen? Nein.

Kapitel III dann in der 42. Woche


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3 Kommentare zu „Erzählung der Woche 41/2010

  1. Das ist ja sehr interessant, dass Marc Twain eine Geschichte aus Sicht eines Hundes schrieb.
    Hier ließ er seiner Phantasie freien Lauf – durfte er ja auch, da es (s)eine Geschichte ist.
    Gab oder gibt es dazu Kritiken, Bettina?
    Bin gespannt auf die Fortsetzung!

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