Erzählung der Woche 39/2010


Ein Berliner

von Herman Bang

An Max Eisfeld

Max Eisfeld (1863–1935): Schauspieler in Berlin, den Herman Bang in der Theaterstadt Meiningen getroffen hatte, mit dem er dann in Wien und in Prag 1885–1886 zusammenlebte. Eisfeld war die große Liebe Bangs.

»Guten Abend – Du … Na … bei solchem Wetter ist »Bauer« Das bekannte Wiener-Café in Berlin eine reine Wohltat.«
»Bist Du da?« Rudolf Stein legte das »Tageblatt« weg. (»Tageblatt«: Berliner Tageblatt, 1872 von Rudolf Mosse begründet, bestand bis 1939 und war zusammen mit der »Frankfurter Zeitung« vielleicht Deutschlands wichtigste liberale Tageszeitung, die später, insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus, ein wechselndes Schicksal hatte. Herman Bang lieferte 1886 und gelegentlich auch später für diese Zeitung Beiträge. ) »Guten Abend. Wie gehts, Appel? Du warst gestern ja gar nicht hier?«
»Nein …«
»Du bist sehr ›unstet‹ in letzter Zeit?«
»Nein – ich war gestern den ganzen Nachmittag zuhause … Kellner, hallo, einen Piccolo! Tasse Kaffee ohne Milch und Zucker … Ich hatte keine Lust auszugehen … mir ging es seelisch nicht gut …«
»Ach so. Nun ja … dann war es ja richtig vernünftig, zuhause zu bleiben. Dies ist das einzig unfehlbare Mittel, es schlimmer zu machen …«
»Ich war auf einer Beerdigung« – Max Appel setzte sich – »gestern vormittag.«
»Und ich wurde traurig, als ich an die ›Vergänglichkeit des Fleisches‹ Vergänglichkeit des Fleisches: vgl.. Gal. 5, 16–25. erinnert wurde!«
»Nein, Du, wenn ich an meine Jugend … denke, als Bruno Felsen beerdigt wurde.«
»Das ist wahr, ja, ich hätte eigentlich zu seiner Beerdigung gehen müssen … wir hatten uns doch vorher gekannt – nicht nur oberflächlich … Weißt Du – es war ein Glück, daß er starb …«
»Ja, das kann man wohl sagen.«
»Er war zu weit unten …«
»Ja, ihm ging es schlecht.«
»Wie alt wurde er?«
»So alt wie Du und ich … er war zweiunddreißig Jahre …«
Rudolf Stein verharrte einen Augenblick:
»Du, nein«, sagte er, »er war zu fertig in der letzten Zeit … wenn er dort drüben in seiner Ecke saß, den erloschenen Zigarrenstummel im Mundwinkel – und nur vor sich hinstarrte. Niemals rührte er eine Zeitung an! … Es machte mich auch betroffen – ja, das war gewiß das letzte Mal, als ich ihn sah – vor einigen Wochen auf dem Pariser Platz: Er kam natürlich mit dem Stock neben der Jackentasche dahergeschlendert, den hohen Hut in die Stirn gezogen, grüßte mit beiden Fingern an der Krempe, wie Du es kennst … Ich drehte mich tatsächlich um und blickte ihm nach. Es war sehr sonnig an jenem Tag, und es traf mich, wie heruntergekommen er war – mit seiner Kleidung, verstehst Du … Das einzig Neue an ihm waren die braunen Handschuhe … Die Kornblume Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers jedoch hatte er im Knopfloch.«
»Ja – er war in der letzten Zeit mitgenommen.«
»Hm – von was lebte er eigentlich?«
»Von nichts – Du …«
»Na – zum Teufel man muß doch von etwas leben … Man lebt doch nicht davon, dreimal am Tag bei Bauer Kaffee zu trinken …«
»Es gab sicher Tage«, und Max Appel versuchte, über seinen Witz zu lachen, »an denen er groß nichts anderes bekam. Übrigens war er Musiklehrer … Aber ich glaube nicht, daß er irgendwelche Schüler hatte.«
»Dann war die Musik ja einträglich … Ein merkwürdiger Patron war er – von was er so lebte; aber mit allen Mitteln, – wie er doch zu Geld kam …«
»Nun, es kostet ja nicht so viel, sich in der Leipzigerstraße Eine der Berliner Hauptstraßen herumzutreiben – und einen Zigarrenstumpen zu rauchen, der nicht angezündet ist …«
»Nein – da hast Du Recht; stundenlang trieb er sich umher, starrte in jedes Fenster und musterte jeden ›Rock‹ … Ich traf ihn auch einmal oben im Museum … ich sollte die Stadt einer Kusine aus Cottbus Kleinstadt in der Nähe von Berlin zeigen, Du kennst das ja – so ein ›Berlin-Panorama‹ in acht Tagen, wo man nichts anderes tut, als in Droschken ein- und aus Droschken wieder herauszusteigen, – und wo man drei-, viermal in der Stunde die Plakatsäulen von oben bis unten studiert, um zu erfahren, wo man abends sein Geld am langweiligsten ausgibt … Unten in der Pergamon-Abteilung treffen wir dann – kannst Du Dir das vorstellen! – auf Felsen. (Pergamon(-Abteilung): Monumentaler Altar von 180–159 v. Chr. Entweder Zeus oder Athene geweiht, auf dem Burghügel von Pergamon in Griechenland von dem deutschen Archäologen C. Humann ausgegraben und zwischen 1878–1886 in das Pergamonmuseum in Berlin übergeführt, gegen eine Bezahlung von 20 000 Mark.)
Er stand da, starrte auf all die zerbrochenen Arme und Beine und war völlig verzückt. Ich dachte, frisch herausgesagt, er wäre etwas verrückt geworden … Ich hätte mir nie vorstellen können, daß er weder an Dr. Schliemann  noch an Pergamon Gefallen fände. Aber er war ganz verrückt vor lauter Begeisterung – völlig verrückt. (Schliemann: Heinrich Schliemann (1822–1890) war ein deutscher Kaufmann und Pionier der Feld-Archäologie; er grub Teile des antiken Trojas im türkischen Hisarlik aus, dem früheren Anatolien und brachte von dort gefundene Kunstgegenstände nach Berlin.)
›Daß wir das‹, sagte er, ›daß wir das in Berlin haben‹, wiederholte er – ›nicht wahr, Fräulein, das ist doch großartig? Ja – es ist überaus großartig, Fräulein.‹
Meine arme Kusine aus Cottbus bekam richtig Angst vor ihm …
Sie hatte sich wirklich nicht weiter mit dem Verständnis von beschädigten Götterschenkeln und Göttinnen ohne Nasen beschäftigt … Aber Felsen – er war völlig verrückt …«
Rudolf Stein hielt inne und lachte bei dieser Erinnerung.
»Ja«, sagte Max Appel, und seine Stimme hatte immer noch denselben müden und traurigen Klang – »Felsen war oft ›verrückt‹ … Er hatte in seinem Leben nur eine einzige Leidenschaft – und diese brachte ihm den Tod … Ja – Du verziehst Dein Gesicht – und doch stimmt es, was ich sage – und ist nicht im mindesten romantisch … Du kanntest Felsen nicht so gut wie ich … Ich hatte seinerzeit viel mit ihm zu tun … wir lebten in der Pension miteinander, als Jungen – und dann – in den ersten Semestern waren wir unzertrennlich … man hat ja einen engen Freund – wenn man achtzehn Jahre alt ist … Ja … Bruno hatte nur eine Leidenschaft …«
»Welche denn?«
»Er liebte Berlin – Du – und er starb daran … Ja, Du lachst, aber es stimmt … Du sagst ja selbst, er sei verrückt gewesen … Das war er, Du hast Recht. Er liebte Berlin über alles in der Welt. Nicht wie Du und ich, die aus alter Gewohnheit am liebsten das Pflaster von Unter den Linden vor den Pflastern in aller Welt abnutzen und keine Trüffelsoße finden, die so gut wäre wie die von Aimès, (Aimès: Es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um das »Grand Restaurant Imperial« in Berlin W, Unter den Linden 16, Erdgeschoß. Sein Besitzer war Eduard Aimé. (Auskunft des Landesarchivs Berlin, Frau Thoma, vom 22.6.2009))
und keinen Lehnstuhl auf Erden so weich wie die Marterbänke im ›Deutschen Theater‹( Vornehmstes Berliner Theater )
Nein – mit Bruno war es etwas ganz anderes … Er liebte diese Stadt von Osten bis Westen – vom Halleschen Tor bis zum Brandenburger Tor – wie man eine Frau liebt – die Frau, die man anbetet … Er liebte jeden Fleck dieser Stadt, er mochte jedes neue Haus, und er war so dankbar für jede neue Schönheit, die er fand …«
»Wie ich mich daran erinnere – die letzten paar Jahre, die wir in der Pension lebten … Es war gerade in der Zeit, in der Berlin wuchs und wuchs. Und man hatte einen weiten Blick hinaus auf lange Straßen und freie Luft, und die Häuser – man zog sie hoch, als ob sie mitsamt ihrem Zementputz und Altanen aus dem Boden gezaubert würden.
Wie wir in den drei Freistunden umherstreiften, Bruno und ich, Straße rauf und Straße runter – Arm in Arm, – und wir kannten jedes Haus, das gebaut wurde – jedes neue Geschäft, das eröffnet wurde … In unserer ganzen Freizeit gingen wir in einer der großen Straßen auf und ab, wo tausende Hände die Häuser bauten, und wir hörten den Klang der Spaten der Maurergesellen wie Musik, Du, den Lärm, das Rasseln der Wagen und ›Hallo‹ auf den schwindelerregenden Leitern … Du« – und Bruno kniff mich so, daß mein Arm gelb und blau wurde: ›Du, ich könnte schreien!‹ sagte er.
Aus lauter Freude … Ja – weißt Du, ich hätte schreien können, ich auch – einfach aus Freude, hier zu sein … hier zu gehen … mitten im Leben. Auf Ehrenwort – wenn wir nicht glaubten – es war doch nur für uns, daß man all dies baute.
»Und als wir Studenten wurden – wie glücklich waren wir, hier bei Bauer in einer Ecke zu sitzen, wir waren nur glücklich, hier zu sitzen. Und wir nahmen uns eine Droschke und fuhren durch die Straßen, und wir genossen schweigend, wie sie so weich über den Asphalt wiegte – und – ja, Du, wir waren die ganze Zeit wie in einem einzigen Rausch … in reiner Verzückung.
Ich erinnere mich … es war sicher im zweiten Studienjahr … eines Abends im Mai … Bruno und ich saßen hier draußen auf dem Balkon … Es war gerade Frühling geworden, und die Bäume hier unten hatten ausgeschlagen… es lag wirklich Frühjahr in der Luft … und unten wogte der schwarze Strom von Menschen … wie ich mich daran erinnere! … Das Klingeln der Straßenbahnen und die Droschken – und der Lichtstrom von den Geschäften dort drüben – über den Gehweg … Bruno hatte den Kopf in die Hände gestützt, sich gegen das Geländer gelehnt … Er war so hübsch damals – das graublonde Haar und seine großen Augen … Und dann sagte er und sah mich an:
›Max – Du – weißt Du – es ist zu schön …‹«
Max Appel saß schweigend und stützte den Kopf in seine Hand.
»Ja«, sagte er, »die fröhliche Zeit! Wir waren überall, und wir waren immer zusammen … In allen Theatern, in allen Kneipen, bei jedem Tingel-Tangel … Wir gingen hinein – wenn wir Geld dabei hatten – ein halbes Dutzend an einem Abend, gingen bloß durch, wollten nur dort gewesen sein, im Gaslicht und im Getümmel … Wie ich daran denke! Als wäre es gestern gewesen, dabei ist es schon über zehn Jahre her, an einem Abend, an dem ein großes ›Etablissement‹ – war es die Reichshalle? (Reichshalle: Berliner Konzertsaal) Ach, nein – das war wohl später … Wir waren natürlich dort, und es war ein Gedränge, so daß man weder gehen noch sehen konnte … Und eingeklemmt wurden wir, gestoßen wurden wir, und wir schrien Bravo in der Zaubervorstellung, die wir weder hören noch sehen konnten, und trösteten uns, bis das ganze vorbei war, und wir riefen Hurra vor dem eisernen Vorhang – dieser war die einzige Pracht, die wir sahen …«
Max Appel lachte.
»Ja, der Pfandleiher hatte unsere Uhren und unsere Sommermäntel im Winter und die Wintermäntel im Sommer – aberden schwarzen Frackhaben wir behalten, und dreimal täglich saßen wir dort drüben an der Fensterecke und gaben ehrlich unsere zehn Pfennig Trinkgeld für einen ›Piccolo‹ – auch wenn wir kein Geld fürs Essen hatten …
Dann lockerte sich meine Beziehung zu Felsen etwas … Das Studium nahm mich gefangen, und die Zeit verging …
Wir trafen uns gelegentlich … auf der Straße oder hier – und wir schlenderten zusammen umher – wir sahen uns die Schaufenster an, und immer hatte Felsen hundert Dinge, die er mir zeigen mußte … Ein Kind war er – und weißt Du, ja, es klingt so lächerlich – aber glaubst Du nicht, ich würde darauf schwören, daß dieser Mensch, der nichts anderes tat als sich in diesem großen Babel herumzutreiben – unschuldig starb …
Ich sprach mit ihm oft über das Examen: Er mußte doch daran zu denken beginnen.
›Ja‹, und dann lachte er, ›Du hast Recht. Meine kümmerlichen Schillinge sind bald aufgebraucht. Aber weißt Du, Max, das ist das Verfluchte, man hat so elend wenig Zeit hier in Berlin …‹
Dann redete er davon, auf eine andere Universität zu gehen – nach Leipzig oder nach Bonn. Es blieb aber beim Reden.
Es vergingen wieder ein paar Jahre – und eines Tages fiel mir ein, daß ich Bruno schon seit langem nicht mehr gesehen hatte … Ich fragte hier nach – hier konnte man am besten Bescheid erhalten. – Hier meinte man, er sei verreist – denn er war nie mehr gekommen …
Und so vergaß ich Bruno.
Bis ich mich – das ist nun zwei, drei Jahre her – auf einer langweiligen Geschäftsreise befand und abends in der Gaststube des kleinen sächsischen Hotels in einer Ecke saß, in stickiger Luft, und auf die sechs, acht Stammgäste starrte, die Rußlands Streitkräfte kritisierten, als ich plötzlich einen Menschen hereinkommen sah und – mit leicht schleppendem Gang – durch die Stube gehen sah … Ich sah ihn nur von hinten – und Felsen hatte ja nie die Beine nach sich gezogen … Aber trotzdem – das mußte ja er sein …
›Felsen!‹ rief ich.
Er war es! Er war ganz derselbe geblieben – dasselbe Jungengesicht mit den weichen Zügen, dieselben Kinderaugen … und doch war etwas über ihn gekommen, etwas Fremdes, die weichen Züge hingen merkwürdig herab, es war etwas gekommen, das mir sehr weh tat …
Er redete die ganze Zeit nur von mir. Welchen Beruf ich hätte, ob ich zufrieden sei; und dann fragte er nach alten Bekannten, nach diesem Bekannten und nach jenem …
Schließlich sagte ich:
›Aber Du, Bruno … wie geht es Dir eigentlich?‹
›Ich sitze hier‹, sagte er, ›das siehst Du ja …‹
Etwas in seinem Ton berührte mich; unwillkürlich sah ich mich in der kleinen Gaststube um: mit den Holztischen, den nackten Wänden und dem skrofulösen Skrofulose: (Heute seltene Kleinkinderkrankheit. Zur Zeit Bangs oft mit Tuberkulose verwechselt; die befallenen Kinder weisen chronische Entzündungen der Augenlider, Bindehaut, Nasenschleimhaut und Halslymphknoten auf. )Kellnerjungen, der sich im Halbschlaf an den Türrahmen gelehnt hatte, und den Stammgästen mit ihren runden Gesichtern und dem Porträt des Landesvaters über dem ›Stammtisch‹ …
›Ja‹, sagte Bruno, – ›Nicht wahr – das ist ein gemütlicher Ort …‹
Ich weiß nicht warum, – aber ich ergriff Brunos Hand: ›Bruno‹, sagte ich.
›Übrigens arbeite ich bei meinem Onkel‹, sagte er. Er löste seine Hand von der meinigen und füllte die Gläser – er trank viel von dem sauren Mosel – und er begann wieder von den Bekannten aus der alten Zeit zu reden.
Nach und nach erstarb das Gespräch. Ich fühlte mich bedrückt und wußte eigentlich nicht, weswegen. Bruno saß da, sah auf den Tisch und leerte Glas auf Glas.
Dann sagte er plötzlich und blickte auf die Uhr am Tresen:
›Du – nun ist es voll bei Bauer.‹ ›Ja‹, sagte ich halb in Gedanken. – ›Nun gehen sie von der Oper nach Hause – jetzt ist Lohengrin vorbei …‹
›Lohengrin?‹ fragte ich.
›Ja, heute Abend spielen sie Lohengrin‹ …
›Woher weißt Du das? …‹
Mir schien, Bruno wurde rot … ›Was soll man denn hier wohl machen?‹, sagte er. ›Hier hat man auch Zeit, die Anzeigen in der Post zu studieren.‹(»Post«: wahrscheinlich eine lokale Zeitung.)
Am nächsten Vormittag reiste ich ab.
›Soll ich jemanden grüßen?‹ fragte ich aus dem Abteilfenster.
›Ja‹, sagte Bruno – grüß Berlin.‹
Ich war traurig, Du – während der ganzen Reise niedergedrückt. Bruno ging mir nicht aus dem Sinn … ich sah ihn die ganze Zeit in dieser heruntergekommenen Gaststube mit dem skrofulösen Kellner, der am Türrahmen gelehnt schlief, sitzen … und Glas auf Glas des sauren, abscheulichen Mosels in sich hineinschütten. – Und als ich abends aus dem Anhalter Bahnhof trat, über den Potsdamer Platz mit seinem Wagengewimmel und seiner Menschenmenge unter elektrischem Licht fuhr – hörte ich in meinen Ohren unablässig:
›Jetzt ist es voll bei Bauer – nun ist Lohengrin vorbei …‹
Ich fuhr dorthin, zu Bauer – Du, – und ich setzte mich dorthin in die Fensterecke, wo Bruno und ich unseren Lieblingsplatz gehabt hatten … in alten Zeiten … und ich war überaus niedergeschlagen …
Und ich dachte zum ersten Mal daran – daß wenn man dreißig Jahre alt ist, doch die Jugend vorbei ist – und welchen Sinn hat alles Andere? …«
Max Appel schwieg. Er zündete sich eine Zigarette an und saß da und schaute dem blauen Rauch nach.
»Aber wann kam er denn hierher zurück?« sagte Stein.
»Zurück?« Appel war geistesabwesend. »Ach, das war wohl einige Monate später.
Er kam eines Morgens zu mir hoch – ich lag noch im Bett – voller Freude. Er sah aus, als wäre er erst zwanzig Jahre alt … Er war am Abend vorher zurückgekommen … Und alles, was er bereits gesehen hatte, Du! Die halbe Stadt – er hatte bereits alle Straßen durchstreift … Und alles Neue, was es gab – Straßen und Gebäude – ich kannte nicht die Hälfte – und das elektrische Licht … besonders das elektrische Licht!
Bruno war glücklich.
Ich mußte mit ihm hierher – und wir tranken unseren Piccolo auf unserem gewohnten Platz auf dem Balkon, nahmen dann einen Wagen und fuhren im Mittagslärm durch die Friedrichstraße.
Bruno saß schweigend und blickte sich nur um.
›Ja‹, sagte er plötzlich und atmete tief. – ›Du, hier lebt man …!‹
Wir aßen spät – drinnen bei Ai … – unten im Hinterzimmer, wo wir früher so oft gesessen waren.
›Du – alter Max!‹ sagte Bruno und legte die Arme weit über den Tisch und ergriff meine Hände – hier haben wir viel von unserem Studentensalär fürs Essen gelassen und – und haben uns dann auf Unter den Linden herumgedrückt …‹
›Aber Bruno‹, sagte ich, während wir aßen, ›hast Du eigentlich irgendeine Arbeit?‹
›Nein – noch nicht … Aber ich habe ja etwas Geld gespart … Dort unten konnte ich ja nicht leben … Ach, Du, da wird sich schon etwas ergeben. Wenn nicht – kann ich wohl als Musiklehrer vierzig Pfennig für die Stunde bekommen … Du weißt, ich habe ja immer auf dem Klavier herumgeklimpert … Ach, das wird schon … Prost, Du! Hier gibt es immer etwas.‹
Und er schwatzte und lachte, und er riß mich in seinem Glück mit – so daß wir nach dem Essen Arm in Arm durch Unter den Linden gingen und unterwegs vor jedem Schaufenster hielten; wir glaubten beide wirklich, wir wären wieder achtzehn Jahre alt …
Ach ja – der arme Bruno – es gab nichts. Seine geringen Mittel waren wohl aufgebraucht … Er versuchte, Klavierschüler zu bekommen – bekam wohl auch einige – und hielt die Stunden nicht ein …
Energie hatte er nie gehabt – und dort unten in dem sächsischen Wirtshausloch war es nicht besser geworden … An den langen Abenden hatte er sein Heimweh mit allzu reichlichem saurem Mosel ertränkt …
So lebte er, wohl wie es kam, von Tag zu Tag … Von mir hat er nie Geld geliehen – aber ich habe gehört, daß er im übrigen hochstapelte – ringsum – armer Kerl!
Im übrigen sprachen wir im letzten Halbjahr seltener miteinander – er war gleichsam scheu vor mir geworden …
Dann bekam ich vor etwa zehn Tagen einen Brief. Er war von Bruno – aber ich hätte seine Schrift nicht wiedererkannt.
›Mir geht es schlecht, alter Junge‹, schrieb er, ›wenn Du Zeit hast, dann schau nach Deinem alten Kameraden Bruno.‹
Weit draußen im Norden – in einer Dachkammer – fand ich ihn.
Er war genauso unkenntlich wie seine Schrift. Gelb und mager wie ein Gerippe, mit Bartstoppeln in seinem Gesicht …
›Ja – hier liege ich‹, sagte er, als ich kam. Die Hand, die er mit reichte, war brennend heiß.
›Aber – Bruno – warum hast Du mir nicht geschrieben …‹
›Ich habe den Arzt dagehabt‹, antwortete er nur … Dann drehte er sich im Bett zu mir um:
›Aber dann in den letzten Tagen – stieg in mir ein Wunsch auf – und ich dachte, Du würdest ihn mir erfüllen, Max …‹ Ach, es war der alte Kinderton in seiner Stimme.
›Ja, Bruno, darauf kannst Du zählen …‹
›Max‹, sagte er, fast ängstlich, ›ich würde so gerne hinausfahren …‹
›Hinausfahren?‹
›Ja, zu Unter den Linden – wenn die Straßenlaternen angezündet sind …?‹
›Ja, Bruno – wenn Du kräftig genug bist – aber der Arzt …‹
›Ach, der Arzt! Er ist doch gleichgültig …‹
Ich sah den armen Bruno an und dachte, daß es wohl das Gleiche sei, ob er ausführe oder nicht.
›Willst Du wirklich fahren – heute, Bruno?‹ fragte ich.
›Ja – am liebsten‹, sagte er, und es kam der Glanz der alten Tage in seine Augen … ›Aber‹, sagte er, ›siehst Du … ich würde gerne … aber es ist schwierig mit den Kleidern, Max …‹
›Du kannst natürlich meinen Pelz nehmen …‹
›Danke, Max, Du bist so gut … und dann würde ich mich gerne auch rasieren lassen, Du …‹
Er ergriff meine Hand.
Wir bekamen ihn angezogen, die Zimmerwirtin und ich, – und ich holte einen Barbier – seinen früheren Scheitel zog er sich selbst – mit seinen zitternden Händen …
Nie werde ich diese Fahrt vergessen …
Wir fuhren durch Unter den Linden …
›Sag ihm, er soll langsam fahren‹, sagte er die ganze Zeit, ›richtig langsam …‹
Er redete lebhaft – zeigte auf die Häuser – und kannte fast von jedem einzelnen eine Geschichte – zeigte auf die Menschen – und nickte, wenn er ein Gesicht kannte.
Er bekam einen langen Hustenanfall und sprach von da an nicht mehr viel … Aber manchmal drückte er meine Hand:
›Ja – hier ist es schön‹, sagte er … ›Max, wie groß unsere Stadt geworden ist!‹
Wir fuhren den Boulevard Unter den Linden hinauf und hinunter. Bruno hielt weiter Ausschau über die Menge auf den erhellten Bürgersteigen – aber mir schien, er fiel mehr und mehr in sich zusammen.
›Willst Du nach Hause fahren, Bruno?‹ fragte ich leise.
›Ja‹, sagte er – ›ja, das ist wohl das Beste …‹
Plötzlich tastete er nach meiner Schulter und stützte sich krampfhaft auf mich … Er wollte im Wagen aufstehen … Ich stützte ihn, und er sah weit auf den schönen Platz mit all seinen Lichtern hinaus:
›Große, mächtige Stadt!‹ sagte er.
Er fiel in den Wagen zurück und sprach nicht mehr. Ich glaube, er weinte.
Und ich – ja, ich drehte meinen Kopf auf die andere Seite …
Ich pflegte ihn – so gut ich konnte – in seinen letzten Tagen … Der Arzt hatte mir gleich am nächsten Morgen gesagt, daß keine Hoffnung mehr bestehe. Seine Brust war wohl nie kräftig gewesen – und nun hatten Not und Elend das Ihrige getan … das Letzte …
In seinen letzten Tagen sprach er ununterbrochen von alten Zeiten – und darüber, wenn es nun Frühjahr würde – und wir wieder zusammen ausgingen – daß wir die ersten Bäume im Tiergarten grünen sähen …
Am letzten Morgen seines Lebens wollte er sein Bett anders gestellt haben … so daß er zum Fenster hinaussehen konnte … Man blickte auf ein paar Dächer und einen Kirchturm mit einem kleinen Streifen Himmel …
Er starb gegen Abend. Ein leichter Glanz der untergehenden Wintersonne lag über dem Fetzen Himmel.
Er starb ruhig.
›Hörst Du den Wagen?‹ sagte er. ›Wie hell es hier ist – wie hell!‹«
Max Appel schwieg und fuhr flüchtig mit der Hand über die Augen … Sie saßen eine Weile schweigend da und erhoben sich dann, um zu gehen.
Der Zahlkellner half Max Appel in den Mantel:
»Ob ich im Vertrauen ein Wort mit dem Herrn reden könnte?« fragte der Zahlkellner. »Es ist bloß eine Kleinigkeit.«
Rudolf Stein wartete unten im Vorraum.
»Was wollte er?« fragte er, als Max herunterkam.
»Ach«, und Max Appel zwang sich zu lächeln – »es war ein geringer Betrag, den Bruno schuldete – von sieben Mark – die der Kellner gerne haben wollte.
Er hatte gehört, daß ›der Herr‹ verstorben war.« –
[En Berliner. Nutiden i Billed

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3 Kommentare zu „Erzählung der Woche 39/2010

  1. Das passt zu meiner momentanen Lektüre von Hans Fallada.
    Wie ich an anderer Stelle bereits erwähnte, sind speziell die Dialoge bemerkenswert, wie auch dieses Beispiel aus jener Zeit.

  2. Was liest Du gerade von Fallada, war das nicht: Kleiner Mann – was nun? In meinen jungen Jahren habe ich alles von Fallada verschlungen. Und ja, Du hast recht, die Dialogfreudigkeit ist bemerkenswert und sie nimmt den Leser sofort mit ins Geschehen, bindet ihn ein, ob er innerlich dazu bereit ist oder nicht. Ich liebe das, würde ich auch gern so können.

  3. Kleiner Mann – was nun? Genau das, obwohl reichlich spät. Fiel mir bisher nicht in die Hände – ist meine peinliche Entschuldigung.
    Ja, das ist wie ein Sog, kann man kaum erklären und erst recht nicht nachahmen, wie man in dieses Geschehen hinein gezogen wird.
    Wenig Erklärung, viel Dialog und wie aus dem Bauch heraus geschrieben. Im Grunde so einfach, und doch eine große Kunst!

    Würde mich interessieren, ob es damals tatsächlich so einfach gehandhabt wurde. Heutzutage gibt es Regeln im Aufbau und so genannte Protagonisten, die ihre Pflicht unbedingt zu erfüllen haben.
    Mundart wurde oft eingebracht, was auch zur Nähe beiträgt. Nebensächlichkeiten, die mit in ein Gespräch flossen. Protagonisten – die kaum beschrieben wurden – sie sprechen und bewegen sich, wie man auch anhand „Ein Berliner“ erkennen kann.

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