Märchen der Woche 32/2010


Sutermeister, Otto:
Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz

7. Die drei Raben.

Es war einmal ein Mädchen, das hatte seinen Vater, so lang es denken mochte, immer nur traurig gesehen. Endlich konnte es nicht mehr anders und fragte ihn nach der Ursache seiner Traurigkeit; und da vernahm es, dass es drei Brüder gehabt, die der Vater einst im bösen Zorn zu Raben verwünscht habe. Von dem Augenblick an fand es daheim keine Ruhe mehr, und sobald es unbemerkt davon gehen konnte, machte es sich auf den Weg, um seine Brüder aufzusuchen.
Am Abend kam es in einen Wald, da wohnte eine Fee, welche dem Mädchen schon lange gewogen war; die behielt es in ihrer Laubhütte über Nacht, und am andern Morgen, als das Mädchen ihr sein Anliegen erzählt hatte, führte sie es bis an den Rand des Waldes und sagte da zu ihm:
»Gradaus über Feld und mitten im Feld
Da stehn die drei schönsten Linden auf der Welt«;
und dann ließ sie’s allein weiter gehen. Und nachdem es noch einen halben Tag gegangen war, sah es mitten auf einem weiten Feld drei alte Linden, und auf einer jeden saß ein Rabe. Als es aber näher hinzukam, flogen die Raben von den Linden herunter, setzten sich ihm auf Schulter und Hand und fingen an zu sprechen: »Ei sieh doch, unser herzliebes Schwesterchen kommt und will uns erlösen.«
»Ach Gott«, sagte das Mädchen, »was ist es ein Glück, dass ich euch gefunden habe; sagt mir doch nur, wie ich es anstellen soll, damit ihr erlöst werdet«.
»Freilich ist es ein schweres Stück«, antworteten die Raben; »drei Jahre lang darfst du kein Menschenwort reden; und versiehst du’s nur ein einziges Mal, so müssen wir eben Raben bleiben unser Leben lang; auch darfst du uns nicht mehr hier besuchen.«
»Das will ich euch schon zu lieb tun«, sagte das Mädchen und begab sich sogleich auf den Heimweg.
Es kam wieder in den Wald, wo die Fee wohnte; allein da stand heute an der Stelle der Laubhütte, wo es über Nacht gewesen war, ein stattliches Schloss, aus dem sprengte eben ein Zug von Jägern und einer blies das Jagdhorn, dass der Wald davon erschallte. An der Spitze ritt aber der Herr Graf, dem das Schloss und der Wald und das ganze Land herum gehörte; als der das wandernde Mädchen erblickte, ritt er heran und fragte: »Woher des Landes, und was willst du hier?«
Allein das Mädchen gab keine Antwort, sondern verneigte sich bloß mit Anmut, und der Graf wurde nicht satt, ihre liebliche Gestalt zu betrachten.
»Nun, wenn dir Gott die Rede versagt hat«, sprach er, »so hast du doch holde Zucht und Sitte; und wenn du mit mir auf das Schloss kommen willst, so soll es dich drum nicht reuen.«
Mit stummer Gebärde willigte das Mädchen ein und der Graf brachte es sofort zu seiner Mutter ins Schloss; vor dieser verneigte es sich wieder, sprach aber nicht ein Wort dazu. »Wo bringst du die Dirne her?« fragte die alte Gräfin; »es scheint, sie hat eine schwere Zunge; was soll sie im Schloss?«
»Sie soll meine Gemahlin werden«, sagte der Graf; »seht nur hin, ist sie nicht anmutig? Und wenn sie auch nicht spricht, so hat sie doch sonst kein Fehl.«
Darauf schwieg die alte Gräfin; aber sie behielt einen heimlichen Groll im Herzen. Am andern Tage feierte der Graf mit hohen Freuden sein Hochzeitsfest; aber die Hochzeit war kaum vorüber, so kam ein Gesandter von dem Kaiser, der ließ alle seine Untertanen zu einem großen Kriegszug aufbieten, und auch der Graf musste ohne Verzug Abschied nehmen von seiner jungen Gemahlin. Zuvor bestellte er indessen einen Diener und empfahl ihm, dass er zu der jungen Frau Sorge tragen sollte wie für seinen Augapfel.
Der Graf war jedoch kaum fort, so begann die alte Gräfin ihre verborgene Tücke auszulassen; sie bestach den Diener; und als die junge Gräfin nach Jahresfrist einen wunderlieblichen Knaben gebar, nahm ihn der Diener auf der Alten Geheiß weg und trug ihn in den Wald hinaus, damit ihn die wilden Tiere auffräßen. Bald darauf kam der Graf auf Urlaub nach Hause; da sagte die Alte zu ihm:
»Dein stummes Weib ist ein Zauberweib; sie hat dir ein totes Kind geboren.«
Und der Diener, der herbeigerufen wurde, sagte:
»Ja, Herr Graf, draußen im Wald liegt’s, da hab‘ ich’s begraben.«
Wieder verging ein Jahr, da kam der Graf zum zweiten Mal auf Urlaub; da hatte unterdessen seine Gemahlin einen zweiten Knaben geboren, den hatte der Diener wieder hinausgetragen, und die Alte sagte:
»Dein stummes Weib ist des Teufels; das zweite Kind war gar kein Kind, sondern ein behaartes Tier.«
Und der Diener sagte:
»Ja Herr Graf, es war ein schwarzer Hund; draußen im Wald hab‘ ich ihn verscharrt.«
Nun wurde der Graf zornig und befahl, dass seine Gemahlin gleich neben der untersten Magd im Schlosse dienen solle. Wieder nach einem Jahr war der Kriegszug des Kaisers beendigt und der Graf kehrte als Sieger nach seinem Schlosse zurück. Unterdessen hatte seine Gemahlin ihren dritten Knaben geboren, den hatte der Diener wieder in den Wald hinausgetragen, und die Alte sagte:
»Dein stummes Weib hat den Tod verdient; das dritte Kind war ein garstiges Ungetüm.«
Und der Diener sagte:
»Ja, Herr Graf, es ist gleich durch das Fenster nach dem Wald hingeflogen.«

Nun ließ der Graf seine Gemahlin in den Turm werfen, denn er wollte sie am folgenden Tage bei lebendigem Leib verbrennen. Und als der Holzstoß im Schlosshof errichtet war, auf welchem sie verbrannt werden sollte, ließ er sie hinaufführen, und das ganze Gericht musste herum stehen. Dann trat der Herold hervor, verkündigte der jungen Gräfin den Tod und fragte das Gericht, ob jemand da sei, der die Angeklagte zu verteidigen wüsste. Aber alles schwieg, und man hörte keinen Atem; nur die arme Gräfin seufzte leise. Da erscholl plötzlich aus der Ferne ein Horn, und wie ein Sturmwind jagten alsbald drei Ritter in silberblanker Rüstung auf schneeweißen Rossen in den Schlosshof herein; die trugen alle drei einen Raben im Schild, und jeder hielt im Arm einen wunderlieblichen Knaben. Und ehe der falsche Diener, der gerade neben dem Holzstoß stand und schon eine Fackel zum Anzünden bereit hielt, sich dessen versah, hatte ihn einer mit seiner Lanze durchspießt, und alle drei riefen:
»Da sind wir ja, liebe Schwester; heute sind die drei Jahre um; und da hast du auch deine Kinder wieder; die hat dir die Fee im Walde aufgezogen!«
Da war eine Freude und ein Jubel, ihr könnt euch denken wie! Die alte Gräfin lief vor Verdruss in die weite Welt hinaus und der Graf lebte mit seiner Gemahlin in lauterer Liebe bis ans Ende.

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4 Kommentare zu „Märchen der Woche 32/2010

  1. Eine schöne Version dieser Verwandlungsgeschichte! Als sieben Raben gibt es sie ja auch, und bei Andersen sind es Schwäne.
    Nur daß ich schon als Kind fand, wenn der Herr Gemahl so einen gemeinen Tratsch ernst nimmt, sollte sie nach der Erlösung mit ihren Kindern weggehen. Gibt ja noch andere Männer.

  2. Ja, das Problem hatte ich als Kind immer mit dem Rumpelstilzchenmärchen.

    Aber, Märchenerzähler sind und waren halt Realisten. In einem modernen Märchen werden dann wohl noch zwei andere Prinzen zu erleben sein, mit anderen Schwächen …
    Das hier war das Muttersöhnchen, dem folgt dann „Hans Dampf in allen Betten“ und dann der Bruder Schlendrian und zum Schluss landet die noch recht junge Frau und mehrfache Mutter bei der Alten im Turm des Dornröschen.

  3. … Die Prinzessin umarmte ihre Brüder und stellte sich breitbeinig vor ihren Gemahl hin und sprach: „Wenn du noch ein einziges Mal zuläßt, daß deine Mutter sich in die Erziehung unserer Kinder einmischt, dann hau ich ab. Und denk bloß nicht, daß du irgendwelches Besuchsrecht bekommst.“ Da schloß der Prinz sie in seine Arme, bat sie um Verzeihung und versprach, seine Mutter solle künftig kein Mitspracherecht mehr haben. Schließlich wandte er sich an die alte Königin: „Sei froh, wenn du zum Sonntagskaffee kommen darfst. Aber die Kleinen läßt du in Ruhe, daß das mal klar ist.“
    Und so lebten sie glücklich miteinander, nur die Sonntage waren etwas schwierig, weil die Kronprinzessin dann immer mit den Kindern aufs Land fuhr und der Kronprinz das Genörgel seiner Mutter allein ertragen mußte. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann nörgelt sie noch heute.

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