Brandenburger Impressionen(3)


Fortsetzung von hier

In der Krypta des Domes kann man die Baugeschichte erahnen, sie ist irgendwie zwischen Spätromanik und Frühgotik angelegt.
Das Kruzifix wird um 1300 datiert.

Interessant waren die Sandsteinkapitelle, von denen vermutet wird, dass es überzählige Stücke vom Magdeburger Dombau sein sollen. Sie werden auf 1220 datiert.
Da man nicht mit Blitz fotografieren darf und es in einer Krypta immer noch dunkler ist als im eigentlichen Kirchenraum, war es mir leider nicht möglich, alle Motive abzulichten. Dabei sind die zum Teil rätselhaften Motive sehr interessant.

Dieses Kapitell zeigt einen Adler, einen Löwen (Evangelistensymbole?) und zwei Chimären.
Auf dem Kapitell links kämpft eine Chimäre in Ritterrüstung und menschlichen Antlitz mit Fischschwanz und Vogelfüßen gegen einen Drachen, auf dem rechten Kapitell sind friedliche Vögel und Weinreben.

Im Ostflügel befinden sich zweischiffige gotische Hallenräume, im Kapitelsaal zeigt das Dommuseum Skulpturen und Glasfenster, im Auditorium Altarretabel. Vor dem Kapitelsaal ist der Anlass meiner Besichtigung beheimatet, zwischen dem dritten und vierten Joch von Süden aus gezählt.

Diese Darstellung ist eine Einheit mit dem folgenen Kapitell, auf dem ein Kampf zwischen einem Ritter und einem Drachen dargestellt wird und dem vorherigen, das Rosenmotive zeigt. Geschichte und Symbolkenntnis lassen die Säulen folgendermaßen interpretieren:

Kaiser Friedrich II. von Hohenstauffen (1215-1250) befand sich im Streit mit Papst Gregor IX. (1227-1241) und wurde von ihm mit mehrfachem Kirchenbann belegt. Je nach Interessenlage hatten beide Seiten Parteigänger.

Die kaiserliche Kanzlei entwickelte in dieser Situation eine außergewöhnliche Aktivität. Nicht nur an die Kardinäle, sondern auch an die Bürger Roms und vor allem die Fürsten der Christenheit gingen pathetische Aufrufe in großer Zahl hinaus. Friedrich betonte dabei immer wieder deutlich, dass er der eigentlich Friedliebende sei. Nach einer auf verschiedene Stellen des Alten Testaments Bezug nehmenden Einleitung und einer sehr ausführlichen und tatsachenbezogenen Darstellung der Dinge aus Friedrichs II. Sicht heißt es in einem Brief an die Hohen des Reiches vom 20. April 1239:

„Du also, geliebter Fürst, und mit Dir alle Fürsten des Erdkreises, beklage nicht nur Uns, sondern die Kirche, die die Gemeinschaft aller Gläubigen ist! Ihr schlaffes Haupt, ihr Fürst, steht wie ein brüllender Löwe da, ihr Prophet ist rasend (Off. 19,20), ein ungetreuer Mann, ein Priester, der sein Heiligtum besudelt, der ohne Gerechtigkeit gegen das Gesetz handelt.“

Hierauf antwortete der Papst mit einem Rundschreiben an alle Könige, Fürsten und Bischöfe der Christenheit. Dieser Brief vom 21. Mai 1239 bedient sich farbiger Bilder der Apokalypse des Johannes und bezeichnet Friedrich als den wahrhaftigen Antichristen:

„Es steigt aus dem Meere die Bestie voller Namen der Lästerung, die mit den Tatzen des Bären und dem Rachen des Löwen wütet und mit den übrigen Gliedern wie ein Leopard ihren Mund zu Lästerungen des göttlichen Namens öffnet, die nicht aufhört, auf Gottes Zelt und die Heiligen, die in den Himmeln wohnen, die gleichen Speere zu schleudern.“

Erklären kann man den Einfluss solcher Briefe nur durch die damaligen chiliastischen Vorstellungen. Joachim von Floris (Joachim von Fiore), sagte für die Jahre vor 1260 Vorläufer des Antichristen und schließlich diesen selbst voraus. Von der einen Seite wurde Friedrich als der Messiaskaiser, der Papst hingegen als die große „Hure Babylon“ dargestellt. Die andere Seite meinte, den Kampf zwischen Antichrist und Engelpapst mitzuerleben.

Da Kaiser Friedrich II. nach den Judenmorden in Fulda im Jahre 1236 die Juden seines Reiches unter seinen Schutz stellte, Juden, denen der Papst pauschal die Schuld an der Kreuzigung Jesu, also Gottesmord anlastete, interpetierte man  das hier als Bestätigung der päpstliche Aussage vom Wegbereiter des Antichristen.

Das Kapitell mit den Dracheskulpturen, die gegen Ritter kämpfen und sie besiegen (mit dem Schweif erwügt ein Drache einen Ritter und ein anderer, kleinerer Drache frisst einen Ritter gerade auf) kann als Herrschaft des Antichristen gedeutet werden, der die Kämpfer des Christentums tötet.

besser gings leider nicht …

Hier nun das Judenkapitell, auf dem eine Chimäre, ein Schweinekörper mit einem menschlichen Gesicht, mit Bart und Judenhut, dass einen Arm predigend erhoben hat und vier Ferkel und einen Menschen säugt, vor und hinter ihm je ein Mensch in verehrender Haltung und noch ein „normales“ Schwein. Diese Darstellung ist eindeutig eine Verhöhnung der jüdischen Religion, da den Juden das Schwein gemäß 3. Buch Mose als unreines Tier gilt und diese symbolische Bedeutung auch von der christlichen Theologie übernommen wurde.
Die dann folgende Säule zeigt nur Rosen, was als Sieg des Christentums ausgelegt wird. Ein Foto habe ich nicht, weil es dort noch dunkler war und die Steine schon recht verwittert.

Wenn ich bedenke, wie lange dieses Symbol der Diffamierung des jüdischen Glaubens genutzt wurde, schlägt mich das Gewissen, obwohl ich damit nichts zu tun habe. Und wie mir geht es vielen Leuten und es gibt Bestrebungen, diese Darstellungen zu verschweigen, verschwinden zu lassen. Die Brandenburger Judensau ist und war nicht die einzigste Darstellung in Europa, sie sind zur Zeit noch an zirka 30 Orten zu finden, in Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich, Polen, Schweden. In der Schweiz kannte an eine am Basler Münster, doch diese um 1432 entstandene Figur wurde um 1995 vom Gemeindepfarrer entfernt. Und hier frage ich mich: ist das der richtige Umgang mit Geschichte, oder ist das nicht Beihilfe zu Verdrängung und Geschichtsklittung?

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2 Kommentare zu „Brandenburger Impressionen(3)

  1. Das sind ja nette Worte und Bilder über meine Heimatstadt :))
    Fremde sind fast immer mehr an der Stadtgeschichte interessiert als wir Einheimischen – aber wo ist hier die Literatur?

    1. ja Bernd, Deine Bemerkung sehe ich jetzt erst, ein Jahr später. keine Ahnung, ob Du nun noch weiter nach Literatur gesucht hast auf meinem Blog, fündig wird man zum Beispiel mit dem Suchbegriff Erzählungen – und Märchen – die ganz besonders…

      aber meine kleinen Zeitreisen sind Reiseberichte und von daher auch eine Literaturgattung, oder?

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