Märchen der Woche 26/2010


Das Ungeheuer

Leo Tolstoi

Es war einmal ein Ungeheuer, das saß auf einem Baumstumpf und zählte mit seinen Krallen die Sterne. „„Eins, zwei, drei, vier.“ Der Kopf des Ungeheuers sah aus wie der von einem Hund, der Schwanz war kahl und kräftig wie der von einer Ratte. „Fünf, sechs, sieben.“ Die gezählten Sterne erloschen und statt ihnen erschienen schwarze Löcher am Himmel, aus denen es regnete.
Und so wurde die Erde immer dunkler und nasser.

Da war das Ungeheuer froh, da es ja ein böses Ungeheuer war und ging in ein Dorf, um auch den Menschen Böses zu tun. Vom Zählen hatte es mittlerweile genug und schon Hornhaut auf den Krallen. Im Dorf torkelte ein betrunkener Schneider durch die Straße, der das Ungeheuer erblickte und schrie: „Hilfe, ein Monster!“ Er lief auch gleich zum Mond, um ihn um Hilfe zu bitten. So kam der Mond herbei, stellte sich vor das Ungeheuer und ließ nicht zu, dass es noch mehr Sterne auslöschte. Das Ungeheuer wollte mit seinen Krallen nach den Sternen greifen, doch der Mond stellte sich so, dass es sie nicht erreichen konnte. Da peitschte das Ungeheuer mit seinem Schwanz, aber der Mond stieß es erneut zurück und fletschte mit seinen Zähnen. Überall wurde es still im Wald. Der Mond versuchte, das Ungeheuer mit seinen Zähnen zu halten Dieses jedoch schnappte mit seinen Reißzähnen nach dem Mond, riss dabei die Hälfte von ihm ab und verschluckte sie. Der verletzte Mond bäumte sich vor Schmerzen auf und zog sich hinter die Wolken zurück.

Nun jammerte das Ungeheuer so kläglich, das überall im weiten Umkreis die Blätter von den Bäumen fielen. In seinem Bauch tobte nämlich die abgebissene Mondhälfte hin und her und machte dem Ungeheuer mächtiges Bauchweh. Mehr und mehr wand sich das Ungeheuer und hatte keine ruhige Minute mehr. Schließlich lief es zum Fluss und sprang ins Wasser, um seine Schmerzen zu lindern. Überall spritzte die Gischt. Doch die Schmerzen ließen nicht nach, sosehr sich das Ungeheuer auch krümmte.

Vom mächtigen Platschen angelockt schwammen kleine Wassernixen zum Ungeheuer. Sie  erschreckten sich, starrten auf das Ungeheuer und erblickten die abgerissene Mondhälfte in seinem Inneren. Sie sprachen: „Der Mond ist da, da ist der Mond.“
Das Ungeher wand sich in einem großen Schmerz, und dann wurde es ohnmächtig, fiel hernieder und blieb regungslos liegen. Die Wassernixen jedoch ergriffen das Mondstück, das aus seinem Maul ragte und zogen es heraus. Sogleich wurde der Fluss hell erleuchtet und klar, wie an einem jungen Tag im Frühling. Dem Mond hinter den Wolken jedoch nahm die abgerissene Seite wieder an und schon bald zog er wie zuvor in voller Größe über den Himmel der Nacht. Und so zeigte sich wieder einmal: Abgerissene Seiten kann man reparieren.

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2 Kommentare zu „Märchen der Woche 26/2010

  1. An sich gefällt mir die Geschichte ganz gut, aber das Ende ist … weiß auch nicht … zu einfach? Nicht überraschend genug? Ist das im Original so oder ein Fragment oder Entwurf?

  2. Ist so…
    Das ist eines der ganz kurzen Märchen aus der Tolstoisammlung und ich glaube, er hat sich keine große Mühe gegeben das zu bearbeiten.
    Der eigenartige Nachsatz

    Und so zeigte sich wieder einmal: Abgerissene Seiten kann man reparieren.

    Keine Ahnung, ob das von Lew T. ist oder von demjenigen, der ihm das als Volksmärchen erzählt hat. Dieses Erzählgut ist ja recht häufig , mit unterschiedlichen
    Mondfressern und -rettern abgewandelt.

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