Märchen der Woche 22/2010


sind diesmal die erste (1812) und die letzte(1857) bearbeitete Fassung
des Schwankmärchen
Strohhalm, Kohle und Bohne auf Reise
n – viel Spass beim lesen und Vergleichen der Bearbeitung

Strohhalm, Kohle und Bohne auf der Reise. (1812)

Ein Strohhalm, eine Kohle und eine Bohne schlugen sich zusammen, und wollten gemeinschaftlich eine große Reise machen. Sie waren schon durch viele Länder gezogen, da kamen sie an einen Bach ohne Brücke und konnten nicht hinüber. Endlich wußte Strohhalm guten Rath, er legte sich quer über und die andern sollten über ihn hingehen, erst Kohle, dann Bohne. Kohle ging breit und langsam darauf, Bohne trippelte nach. Wie aber die Kohle mitten auf den Strohhalm kam, fing der an zu brennen, und brannte durch, Kohle fiel zischend ins Wasser und starb, Strohhalm floß in zwei Theile zerstückt fort, Bohne, die noch etwas zurück war, rutschte auch nach, und fiel hinunter, half sich aber ein bischen mit Schwimmen. Sie mußte doch endlich so viel Wasser trinken, daß sie zerplatzte, und ward in diesem Zustand ans Ufer getrieben. Zum Glück saß da ein Schneider, der auf seiner Wanderschaft ausruhte, weil er nun Nadel und Zwirn bei der Hand hatte, nähte er sie wieder zusammen; seit der Zeit aber haben alle Bohnen einen Naht.

Nach einer andern Erzählung ging die Bohne zuerst über den Strohhalm, kam glücklich hinüber und sah auf dem gegenseitigen Ufer der Kohle zu wie die herüberzog. Mitten auf dem Wasser brannte sie den Strohhalm durch, fiel hinab und zischte. Wie das die Bohne sah, lachte sie so stark, daß sie platzte. Der Schneider am Ufer nähte sie wieder zu, hatte aber gerade nur schwarzen Zwirn, daher alle Bohnen eine schwarze Naht haben.

Strohhalm, Kohle und Bohne (1857)

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fieng der Strohhalm an und sprach „liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?“ Die Kohle antwortete „ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiß: ich wäre zu Asche verbrannt.“ Die Bohne sagte „ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.“ „Wäre mir denn ein besser Schicksal zu Theil geworden?“ sprach das Stroh, „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpft.“ „Was sollen wir aber nun anfangen?“ sprach die Kohle. „Ich meine,“ antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.“ Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wußten sie nicht wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rath und sprach „ich will mich quer über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.“ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fieng an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, mußte über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig daß sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.

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4 Kommentare zu „Märchen der Woche 22/2010

  1. Das ist interessant, manchmal habe ich dieses Gefühl auch, besonders stark beim Märchen von der Unke – werde ich demnächst mal vorstellen.
    Im Vergleich liegt auch das Problem, dass der eigentliche Tatbestand oft schon in der Urfassung enthalten ist und somit in der bearbeiteten Fassung kein „Überraschungsmoment“ mehr entdeckt werden kann, wenn man sie zeitnah liest.

    Diese Bearbeitung hier finde ich richtig, richtig gut.
    Es wird eine abgerundete Situation geschaffen, erzählt, wie die Gesellschaft zusammen gekommen ist – und das durchaus witzig, über das:

    Liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?

    kann ich mich kringeln. Und man kann so schön Lamorianz in die Stimme legen, wenn man die schröcklichen Aussichten beschreibt, die unsere Protagonisten hatten: zu Brei verkocht, verbrannt zu werden, als Rauch durch den Schornstein…
    Macht Spass das vorzutragen (natürlich toternst und ungekringelt).

    In der Urfassung hat sich die dubiose Gesellschaft ja in“vorgeschichtlicher Zeit“ ergeben, sie durchwandern viele Länder – `ne glühende Kohle, die nicht verglimmt … häh?
    Dass die reden und wandern, das ist märchenhaft und wird akzeptiert, jedoch dass die Kohle glüht erfordert zwingend ihr Ende, auch im Märchen.

  2. Na ja, Märchen eben, denn ein Strohhalm der sich über einen Fluss legen kann ist doch genauso unglaubwürdig oder? Aber was solls, in einem Märchen ist eben (fast) alles erlaubt. Das ist ja das schöne daran.

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