Erzählung der Woche 19/2010


Christian Wagner

Die Marterstiefel

Ja gewiß, er war ein lieber gefälliger Nachbar, dieser Schuhmacher Auer. Jahraus, jahrein, vornehmlich in den langen Abenden des Winters war die ganze Stube voll von Nachbarn, selbst Unterdörfern, das heißt solchen, die einen weiteren Weg zu gehen hatten. Es war, was man hier einen Männervorsitz zu heißen pflegt. Da saßen sie herum auf der Bank: der alte Goßper, der Philipple, der immer mit dem Kopf wackelte, der Tobias, der Schützenhansjörg und Gott weiß welche.

Da wurden nun die Tagesneuigkeiten besprochen: des Michels Christian hatte ein Schwein verkauft, der Basche ein Kalb um soundso viel Gulden; das Dorle war gestorben, und auf den Fünfzehnten des Monats war Teilung angesagt; der Heckenbeerle hatte soeben noch ein Wägelchen Brennholz nach Stuttgart geladen usw. Nun, dies alles wäre recht und gut und völlig harmlos gewesen, wenn diese Besuche nicht auch Verpflichtungen mit sich gebracht hätten. Anständigerweise mußte doch ein jeder dieser Besucher für sich selbst und seine Angehörigen Schuhe und Stiefel hier machen lassen, und so traf auch mich das leidige Los, Weheträger zu werden. Doch nicht, als ob der gute Mann lumpige Arbeit geliefert hätte, nein, im Gegenteil: es waren solide und unzerreißbare Stiefel, die er machte. Nur schade, daß ihr Träger fast daran zugrunde ging, Denn nicht die Stiefel gingen kaputt, sondern der Unglücksmensch, der verurteilt war, sie zu tragen. Pechstiefel vorsintflutlicher Art mit Drähten, so dick wie eine Schnur, und Nagelköpfen wie ein Kupferkreuzer.

Welche Qual diese Stiefel nur an einem einzigen Tag verursachten, läßt sich überhaupt nicht in Worten schildern. Vollends wenn es sich traf, daß ich einen weiteren Weg, etwa nach Stuttgart, zu gehen hatte. Am Frauenkreuz, kaum eine Stunde von hier, hatte ich schon wunde Knöchel und blutrünstige Schienbeine. So probierte ich’s dann, barfuß zu gehen. Nun, das wäre köstlich gewesen, aber da kamen Leute, vor denen ich mich schämte, da kam die Stadt, in deren Straßen ich doch unmöglich barfuß umhergehen konnte, und, den Schmerz verbeißend, zog ich sie wieder an. Möge doch keiner der Leser die Unzerstörbarkeit dieser Stiefel anzweifeln. Heute noch kommt der eine oder andere, von Pflug oder Schaufel aufgewühlt, zum Vorschein; unversehrt wie ein fränkisches Schwert oder eine römische Münze, zementartig gehärtet von der Nässe des Bodens.

Und sollte je einmal meiner poetischen Versuche halber, vielleicht erst nach Jahrhunderten, ein Antiquitätensammler, vielleicht Spezialist für Reliquien ländlicher Dichter, es unternehmen, meinen Überresten nachzuspüren, so möchte ich ihm hiefür besonders den Acker hinter der Scheune, jetzt Garten, vorschlagen, wo er unfehlbar diese Marterstiefel noch auffinden wird, und zwar genau in gleicher Dauerhaftigkeit als zur Zeit, da ich sie getragen. Falls jedoch dieser ehrsame, vielleicht arme Finder, möglicherweise Dichter, dieselben ihres guten Zustandes wegen noch zu benützen gedächte, so lege ich, um ruhig sterben zu können, feierlichst Verwahrung hiegegen ein, da sie von Rechts wegen nur in eine Sammlung von Folterwerkzeugen gehören. Es sei ihm Nürnberg hiezu empfohlen.

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