fast (k)ein Märchen


Es waren einmal vier Mädchen, die lebten an vier verschiedenen Orten. Alle vier waren  arme Waisen und jedes von ihnen ging für die Leute des Heimatdorfes die Gänse hüten, damit es etwas zu essen bekam.
Eines Tages aber kam ein großer Sturm über alle vier Ecken des Landes und trug die vier Mädchen mitsamt den Gänsen in einen Zauberwald, mitten auf eine Lichtung.
Da standen sie nun und wussten nicht wo sie waren, doch es gefiel ihnen auf der Lichtung, und den Gänsen gefiel es auch, und die Mädchen begannen sich zu unterhalten.
„Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich“, sagte das Mädchen mit dem runden Gesicht, das der Sturm aus dem Osten hergetragen hatte, „Ich bin die Tochter von Sonne und Mond und habe mich auf den kühlen Schwingen des Windes hierher tragen lassen mit all meinen lieben Freundinnen, den Gänslein. Wir vergnügen uns alle Tage miteinander, genau wie es der liebe laue Wind mit den weißen Wölkchen tut.“
„Das ist ja nett, ich wünsche dir auch einen guten Tag“ erwiderte das Mädchen, welches der Sturm aus dem Süden auf die Lichtung geweht hatte, „Ich besitze viele Zungen und war schon in vielen Ländern zu Hause,denn meine Eltern sind steinalte Gottheiten, die in Gebirgen hausen. Und jetzt bin ich hier, auf dieser schönen Lichtung. Mir gehören all die Gänse, die mich begleiten.“
„Tach auch“ sagte nun das rappeldünne Mädchen, das der Sturm im Norden aufgegriffen hatte und auf der Lichtung wieder absetzte, „Ich bin die untodbare Tochter vom großen Zauberer Kotschej, dem unsterblichen Gerippe. Ich kann von mir behaupten,sein Ebenbild zu sein. Vor meinem Vater erzittern alle, denn er ist das Grauen und die Macht. Mit mir sind diese Gänse hier, es sind schrecklich wilde Ganter dabei, die jedem in die Wade beißen, der zu Nahe kommt. Ich habe nämlich beschlossen hier zu bleiben, hier gefällt es mir.“
Das vierte Mädchen, welches aus dem Westen herangeweht wurde, war dicker als die anderen drei. Es sprach:
„Ich kenne meine Eltern leider nicht, denn sie sind früh gestorben. Aber ich hatte schon verschiedene Lehrer, die mir vieles beigebracht haben. Ein Sturm hat mich mit den Gänsen aus meinem Heimatdorf hierher verschleppt und ich muss nun schauen, wie ich mit den Tieren wieder nach Hause komme, die Gänse gehören mir ja nicht.“

Da zog die Tochter von Sonne und Mond die rechte Augenbraue hoch, da blies die Tochter des unsterblichen Gerippes die Wangen auf und da zog die Vielzüngige einen breiten Mund, dass alle ihre Zungen heraus fielen und sie sagten:
„Was, nicht deine Gänse? Was, keine Eltern hast du, nicht mal menschliche? Was, du bist Gänsemagd? Na, so eine hat uns aber nichts zu sagen, wir haben göttliche Vorfahren.“
Weil es kalt wurde, begannen die Mädchen Holz zu sammeln und für ein Lagerfeuer aufzustapeln, und als es zu brennen begann, sangen sie Lieder. Das klang nicht schlecht und nicht besonders schön und das dickere Mädchen sagte:
„Wir könnten es ja mal mit einem Kanon versuchen, das ist, so habe ich gelernt, eine schöne Form des Gesanges, wenn man keine Instrumente hat.“
Die anderen Mädchen hatten aber keine Lust, sich die verschiedenen Melodiefolgen zu merken und auf ihren Einsatz zu achten.
„Na gut,“ sagte das dickere Mädchen, „wie wäre es mit einem zweistimmigen Volkslied, das ist ziemlich einfach und klingt hübsch.“
Aber auch daran fanden die anderen keinen rechten Gefallen und die Dickere wurde ärgerlich.
„Ihr seid ja nicht klüger als eure Gänse“ rief sie, „so bleibt euer Singen doch nur Geschnatter!“ Doch dann schlug sie vor: „Wenn ihr wollt, können wir ja Opernarien üben. Das macht Spaß, weil man noch ganze Geschichten…“
„Das ist alles blöd und langweilig, ich singe meine Schlager am liebsten.“ meinte die Tochter von Sonne und Mond.
„Und ich singe am liebsten Wanderlieder!“ sagte die Vielzüngige.
„Ich mache am liebsten den Sprechgesang“ meinte das junge Gerippe „und was anderes will ich gar nicht machen.“
„Ich auch nicht.“ „Ich schon gar nicht“ sagten die anderen. „Du komische Nuss hast keine Ahnung. Überhaupt, wie du nur aussiehst, wie eine Gänsemagd! So was wird nie ein Mann heiraten wollen, so was guckt ein Mann nicht mal an, mit sowas spricht nie einer.“
Da ging das Mädchen, das der Sturm vom Westen her auf die Lichtung getragen hatte, in den Wald hinein und suchte für sich und ihre Gänse dort ein Lager.Und damit es ihm allein nicht langweilig wurde, sang sie die Opernarien, die sie kannte. Wenn sie merkte, dass etwas noch nicht richtig Ordnung war, so wie sie es sang, übte sie noch mal und noch mal, bis es so klang, wie es sollte.
Die göttlichen Gänsemägde langweilten sich bald und die Vielzüngige schlich der Dickeren hinterher, um zu schauen, ob sie sich auch ordentlich fürchtete so allein im Wald, oder ob sie gar vor Langeweile umkam.
Aber da stand sie, mit dem Rücken zu Lichtung und sang, und sie konnte einen Troll im Wald entdecken, der ihr gerührt zuhörte.
„Ha,“ dachte die Vielzüngige, „dafür die Mühe der Gänsemagd, das muss ich meiner Freundin erzählen.“
Und sie lief schnell zurück zur mondgesichtigen Freundin, die sich jeden Morgen das Gesicht mit Fett belegte, dass es auch schön wie die Sonne glänzte und sprach zu ihr:
„Willst du mal was Lustiges sehen? Die olle Gänsemagd steht da im Wald und singt vor einem alten Troll. Dafür all die Mühe, ein alter Troll.“
Eilig lief das Sonnenkind in den Wald um sich daran zu erfreuen, dass die ganze Singerei von nur einem Troll gehört wurde. Sie musste sich sehr gegen die Erde drücken, damit ihr fetttriefendes Gesicht nicht die Sonnenstrahlen reflektierte und sie entdeckt werden könnte.
„Wie die aussieht“ sprach sie vor sich hin „so dicklich. Na das werd ich meinem Schwesterchen, dem lieben Rippchen erzählen, die kann Dicke ja nicht leiden, so mag sie mich noch mehr. Ich bin zwar auch ein bisschen dick, aber ich kann den Bauch einziehen, das geht schon.“
Und eilig lief sie zur Tochter des Unsterblichen.
„Schwester, drück Dich ganz lieb! Wie geht es dir? Hihi, wenn du mal lachen willst, so komm. Hihi, welche Pracht ich dir zeigen kann, die fette Gänsemagd singt vor einem alten Troll!“
Rippchen schlich sich in die Nähe der Stelle, wo die Gänsemagd ihr Lager aufgeschlagen hatte und betrachtete sich die Situation. Was die Gänsemagd sang und ob es gut war interessierte sie nicht. Sie freute sich daran, dass sie das Aussehen einer dicklichen Gänsehirtin hatte. Rippchen war sich sicher, dass sie viel mehr und viel schönere Zuhörer haben würde, wenn sie irgendwann mal eine Vorstellung geben sollte, so schlank wie sie war und dazu bestätigten ihr ihre göttlichen Freundinnen mit den vielen Gänsen, dass ihr Sprechgesang der schönste Sprechgesang sei, den sie je gehört hätten.
Aber ach, sie konnte sich vom Anblick des alten Trolls gar nicht los reißen, so grauste es sie und sie dachte:
„Was für eine Vorstellung, vor so einem alten Tattertroll zu singen. Ich würde nur vor jungen Prinzen singen, oder vor Königen, vielleicht noch vor männlichen Elfen, die sollen ja so liebestoll sein und eine Frau, die ihnen gefällt, mit Haut und Haar vereinnahmen.“
Rippchen stellte sich alle möglichen Elfenkörperteile vor, dann ging sie wieder zu ihren Freundinnen zurück, die ihren seeligen Blick dem Vergnügen an dem Aussehen der dicken Gänsemagd zuschrieben.

Ach, was gab es den Dreien für ein schönes Zusammengehörigkeitsgefühl, gegen Dicke zu sein, so konnten sie sich richtig leiden. Und wenn sie sich das nur oft genug erzählten, dann könnten sie vielleicht eines Tages wirklich so göttergleich werden, wie sie sein wollten – so dachten sie, denn sie hatten  gehört, mit dem Bewusstsein das Sein bestimmen zu können und sie bestritten entschieden,  Gänsehirtinnen zu sein.

Der Troll jedenfalls war dankbar für die Vorstellung der Dicken und er trug die Gänsehirtin nach Hause zurück. Die kleinen Zwerge, die im Unterholz saßen und von den Mädchen nicht gesehen wurden, trieben die Gänse, für die die dicke Gänsehirtin verantwortlich war, zurück zu ihrem Dorf .
Dort freuten sich die Leute, dass ihre Gänse so schön fett geworden waren und schenkten der Hirtin ein weiches Federbett zum Dank.
Die anderen Mädchen aber sitzen noch auf ihrer Lichtung, unterhalten sich darüber, wie dicklich die andere doch war und versuchen, sich durch ein Lagerfeuer vor der Kälte zu schützen, während von ihren Gänsen eine nach der anderen verschwindet.

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