Märchen der Woche 13/2010


KHM 168 der Brüder Grimm
seit der 4. Auflage enthalten, hier die Version von 1840
Die hagere Liese

Ganz anders als der faule Heinz und die dicke Trine, die sich von nichts aus ihrer Ruhe bringen ließen, dachte die hagere Liese. Sie äscherte sich ab von Morgen bis Abend, und lud ihrem Mann, dem langen Lenz, so viel Arbeit auf, daß er schwerer zu tragen hatte als ein Esel an drei Säcken. Es war aber alles umsonst, sie hatten nichts, und kamen zu nichts. Eines Abends, als sie im Bette lag, und vor Müdigkeit kaum ein Glied regen konnte, ließen sie die Gedanken doch nicht einschlafen. Sie stieß ihren Mann mit dem Ellenbogen in die Seite, und sprach „hörst du, Lenz, was ich gedacht habe? wenn ich einen Gulden fände, und einer mir geschenkt würde, so wollte ich einen dazu borgen, und du solltest mir auch noch einen geben; so bald ich dann die vier Gulden beisammen hätte, so wollte ich eine junge Kuh kaufen.“ Dem Mann gefiel das recht gut, „ich weiß zwar nicht,“ sprach er, „woher ich den Gulden nehmen soll, den du von mir geschenkt haben willst, aber wenn du dennoch das Geld zusammenbringst, und du kannst dafür eine Kuh kaufen, so thust du wohl, wenn du dein Vorhaben ausführst. Ich freue mich,“ fügte er hinzu, „wenn die Kuh ein Kälbchen [367] bringt, so werde ich doch manchmal zu meiner Erquickung einen Trunk Milch erhalten.“ „Die Milch ist nicht für dich,“ sagte die Frau, „wir lassen das Kalb saugen, damit es groß und fett wird, und wir es gut verkaufen können.“ „Freilich,“ antwortete der Mann, „aber ein wenig Milch nehmen wir doch, das schadet nichts.“ „Wer hat dich gelehrt mit Kühen umgehen?“ sprach die Frau, „es mag schaden oder nicht, ich will es nicht haben: und wenn du dich auf den Kopf stellst, du kriegst keinen Tropfen Milch. Du langer Lenz, weil du nicht zu ersättigen bist, meinst du du wolltest verzehren was ich mit Mühe erwerbe. „Frau,“ sagte der Mann, „sei still, oder ich hänge dir eine Maultasche an.“ „Was,“ rief sie, „du willst mir drohen, du Nimmersatt, du Strick, du fauler Heinz.“ Sie wollte ihm in die Haare fallen, aber der lange Lenz richtete sich auf, packte mit seiner einen Hand die dürren Arme der hagern Liese zusammen, mit der andern drückte er ihr den Kopf auf das Kissen, ließ sie schimpfen, und hielt sie so lange bis sie vor großer Müdigkeit eingeschlafen war. Ob sie am andern Morgen beim Erwachen fortfuhr zu zanken, oder ob sie ausgieng den Gulden zu suchen, den sie finden wollte, das weiß ich nicht.

Hilfloser Fluch


© Bettina Buske

Wer mir mein Rad geklaut hat kann niemals
damit so froh sein und beherzt
wie ich es war – und weiter bleiben wollte.
Wer mir mein Rad geklaut hat sollte
sich auf die Fresse legen, dass es schmerzt,
solange bis mein Frust vergangen – irgendwann.

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Lebensdaten unbekannt – 3. märchenhafte Biografie


Giovanni Francesco Straparola

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Giovanni Francisco Straparola (Caravaggio)

Giovanni Francisco Straparola (da Caravaggio)
* um 1480 in Caravaggio bei Bergamo;
† um 1558 vermutlich in Venedig

italienischer Märchensammler

Leben

Vom Leben Straparolas ist fast nichts überliefert, das wenige, das von seinem Leben und Werk bekannt ist, steht in der Einführung zu Ergötzliche Nächte. Er soll in Caravaggio zur Welt gekommen sein, um 1480, später lebte er in Venedig. Man sagt ihm nach, dass er keinerlei Bildung auf Grundlagen des klassischen Altertums erworben habe. Als Autor legt er keinen Wert auf Stil und Darstellung und scheut auch keine Derbheit im Ausdruck. Zudem wiederholt er viel. Im Vergleich zu Boccaccio sei er „wie ein Improvisator zu einem Kunstdichter“.

Werk

Straparola gilt noch heute als einer der ersten Märchensammler Europas, mit ihm beginnt die Zeit des Kunstmärchens. Er ist der erste Märchenerzähler, der in breitem Umfang volkstümliche Stoffe erzählt und so dem Unterhaltungsbedürfnis des Volkes entgegenkommt. Zwei seiner interessantesten Geschichten sind in Dialekt geschrieben, die eine (V,3) in bergamaskischer, die andere (V,4) in paduanischer Mundart, wahrscheinlich der komischen Wirkung wegen. Seine Geschichten gelten als phantastisch und primitiv zugleich. Da sie volksnah und altliterarisch sind, erscheinen sie als Vorläufer der Romantik.

1508 erscheint eine Gedichtsammlung, Canzoniere, bestehend aus 115 Sonetten, 35 Strambotti und 12 Kapiteln.

Der Nachwelt erhalten blieb sein Name als erster Sammler von Märchen, welche er in dem zweiteiligen Band Le piacevoli notti (deutsch Die ergötzlichen Nächte) zwischen 1550 und 1553 publizierte.

Le Piacevoli notti

Die Geschichten der „ergötzlichen Nächte“ sind wie bei Boccaccios Decamerone Rahmenerzählungen, stilistisch jedoch nicht mit ihm zu vergleichen. Die Sammlung beinhaltet 75 Geschichten und Novellen, davon 21 Märchen, durch eine Rahmenerzählung verbunden.

Die Rahmenhandlung ist, dass in einer Villa (wahrscheinlich die des Bischofs von Lodi) auf Murano erzählt sich während der Karnevalszeit eine mondäne Gesellschaft von Damen und Herren in dreizehn Nächten Novellen und Märchen, an deren Schluss jeweils ein Rätsel gestellt und gelöst wird. In den ersten zwölf Nächten werden jeweils fünf, in der dreizehnten Nacht dreizehn Geschichten erzählt.

Das Werk erfreute sich außerordentlicher Beliebtheit und erlebte innerhalb weniger Jahrzehnte über 50 Auflagen.

In den späteren Auflagen von 1556 wird die fünfte Novelle der achten Nacht aus religiöser Rücksichtnahme durch zwei andere Geschichten ersetzt, so dass das Werk von nun an 74 Erzählungen umfasst. Ab 1598 wurde es aufgrund unehrbarer Anspielungen und Anzüglichkeiten auf den geistigen Stand, so in der Geschichte vom Priester Scarpacifico und den drei Straßenräubern, das später als Vorlage für das Märchen vom kleinen und großen Klaus diente, zensiert. Einige Novellen, in denen Kleriker eine Rolle spielen, werden herausgenommen, es kommt sogar zu einem päpstlichen Verbot.

Straparola hat 23 seiner Novellen dem Neapolitaner Hieronymus Morlini, 16 Sachetti, Brevio, Ser Giovanni, dem altfranzösischen Fabliaux, der Legenda Aurea und dem Roman de Merlin entlehnt; andere gehen auf einen arabischen Roman über vierzig Tage und Abende, wieder andere auf Tausendundeine Nacht zurück.

Der Dieb Cassandrino

Cassandrino hat einen Freund, den Prätor. Dieser liebt ihn so sehr, dass er ihn für seine ständigen Diebstähle nicht bestrafen lässt. Allerdings soll Cassandrino ihm beweisen, was für ein guter Dieb er ist. Aus diesem Grund stellt er ihm 3 Aufgaben: Cassandrino soll ihm sein Bett stehlen während er schläft, in der Nacht ein Pferd stehlen, welches von Dienern bewacht wird und schließlich den Priester Severino in einem Sack zu ihm bringen. Cassandrino gebraucht jedes Mal eine List, um die Wünsche seines Freundes zu erfüllen (für das Bett gräbt er eine Leiche aus, den Diener, der auf dem Pferd schläft, setzt er auf Holzpflöcke und dem Priester verspricht er, als er in Engelsgestalt zu ihm kommt, in die Herrlichkeit einzugehen, wenn er sich in den Sack begibt). Als er alle Dinge ausgeführt hat, wird er ein rechtschaffener Mensch und Kaufmann.

Priester Scarpacifico

Der Priester wird, nachdem er auf dem Markt einen Esel gekauft hat, von 3 Räubern hereingelegt, die ihm den Esel abschwatzen, weil es sich bei ihm schließlich um einen Esel und nicht um ein Maultier handle. Nachdem der Priester dem Betrug aufgedeckt hat, will er sich bei den Räubern rächen. Er tut 3 Dinge: er verkauft ihnen eine Ziege, die angeblich nach Hause gehen und Essen bei den Frauen bestellen kann, er verkauft ihnen eine Sackpfeife, mit der man Tote angeblich wieder beleben kann (daraufhin töten die Räuber ihre Frauen) und er lässt sie glauben, als sie ihn in einen Sack einschnüren, er in ihrer Abwesenheit allerdings entkommen kann und an seine Stelle einen Schäfer in den Sack setzt, welcher daraufhin von den Räubern in den Fluss geworfen wird, dass er im Sack nicht ertrunken ist, sondern als reicher Schäfer zurückgekehrt ist, woraufhin sich die Räuber ebenfalls in Säcke einschnüren und ins Wasser werfen lassen. Daraufhin sterben sie, der Priester allerdings kehrt als reicher Mann mit einer Herde Schafe nach Hause zurück.

Die Prinzessin als Ritter

Ricardo ist der König von Theben. Als er ein alter Mann ist, beschließt er, sein Reich für seine drei Töchter aufzuteilen. Er behält ein kleines Stück Land für sich. Dann wird seine Frau allerdings wieder schwanger und das vierte Mädchen kann kein Land mehr erhalten. Die Eltern möchten sie an einen niederständischeren Mann verheiraten, weil sie keinen Anspruch mehr auf einen König hat (sie hat kein Vermögen und kein Land, das als Mitgift dienen könnte). Daraufhin beschließt Constanza als Constanzo in die Welt zu reisen, um sich einen König zu suchen. Sie kommt zum König Caco, welchem sie zu dienen beginnt. Er hat eine Frau, welche sich in Constanzo verliebt. Als sich ihre Liebe in Hass wandelt, möchte sie Constanzo los werden, indem sie Caco sagt, Constanzo solle einen Satyr fangen, ein halb Mensch, halb Tier-Ungeheuer, das noch von niemandem gefangen werden konnte. Constanzo aber schafft es und als er ihn zum König bringt, beginnt der Satyr drei Mal laut zu lachen: Ein mal bei der Beerdigung eines Kindes, ein mal bei einer Hinrichtung eines armen Mannes und ein mal als er die Königin sieht. Der Grund hierfür liegt darin, dass der Satyr magische Fähigkeiten besitzt und sieht, dass der Vater des Kindes, welches beerdigt wurde, nicht der wahre Vater ist, der arme Mann im Vergleich zu den Zuschauern der Hinrichtung keinen wirklichen Diebstahl begangen hat und die Dienerinnen der Königin zum Teil Männer sind. Daraufhin lässt Caco seine Frau und die Männer töten, Constanza gibt sich zu erkennen und heiratet den König.

Die Friedhofslesung am 20.03.2010


Die Autorinnen Ina Sander, Christina Pilot, Andrea Gebert u. Bettina Buske lesen Kurzgeschichten , Stephan Zipser  spielt klassische Gitarrenstücke

So, nun ist die Friedhofslesung „Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof“ , Kolonnenstr. 24-25, 10829 Berlin (Schöneberg) vom 20.03.2010 auch vorbei, hat mir sehr gefallen, auch wenn sie nicht im Friedhofscafe, sondern in der Kapelle stattfand. Ich muss zugeben, in solch Umgebung noch nie gelesen zu haben, hatte was!
Schon die Fahrt zum Veranstaltungsort war eigenartig, einen Großteil des Weges fuhr ein Trabantkaravanchen vor mir her, ein unerwarteter Gruß aus alten Zeiten der im Nachhinein irgendwie ein Ohmen war.

Ich war (trotzdem) pünktlich da und konnte mir die Kapelle, ein Bau aus den Fünfzigern, in Ruhe betrachten und ein bisschen Atmosphäre schnuppern., bevor es los ging.

Natürlich, wie vor jeder Lesung stand man vor der Frage, kommen überhaupt Leute?

Kurz nach Drei begannen wir mit dem Programm. Da ich an dem Tag auch noch gearbeitet hatte, war ich zugegebenermaßen ziemlich in Eile aufgebrochen und – habe das falsche Manuskript , die Rohfassung, meiner extra für den Tag geschriebenen Erzählung gegriffen, der noch der letzte Feinschliff fehlte.
Ärgerlich! An anderem, mir bekannten Ort hätte ich damit gut umgehen können, aber hier, in dieser klaren, kühlen Umgebung, vor fremden Veranstalter, fremden Mitstreiterinnen und fremden Publikum? Ich entschied mich für Bewährtes und las „Was bleibt!“

Insgesamt boten wir ein breites Spektrum, von kulturphilosophischen Betrachtungen über eine Friedhofsstatue bis zu einer Kriminalgeschichte. Die Beiträge wurden durch klassische Gitarrenmusik aufgefüllt, es gab eine Pause mit Getränken und Snacks , ich meine, es wurde dem Publikum ein interessanter und angenehmer Nachmittag geboten.

Bei der nächsten Lesung bin ich gern wieder mit dabei – wenn ich schon mal eine Geschichte extra für den Friedhof schrieb…
und einen lustigen Krimi, der mit plötzlichem Tod endet habe ich ja auch noch irgendwo herum zu dümpeln.
Also, auf ein Neues bei den 12 Aposteln!