Märchen der Woche 12/2010



Immer lebe die Sonne
© Anna von Kocian

An einem kalten Tag Mitte Februar legte Frau Sonne langsam ihr goldenes Tageskleid ab und streifte die rote Nachmittagsrobe über. Sie gähnte herzhaft und blickte übellaunig auf das Wolkenmeer hinab. Seit Wochen hinderten sie diese filzigen Ungetüme daran, das bunte Treiben auf der Erde zu beobachten. Na wartet, wenn ich etwas mehr zu Kräften komme, dann werde ich euch alle auflösen, dachte sie angriffslustig. Wozu verbreite ich hier all meine Pracht, kleide mich dreimal am Tag um, wenn es die Menschen doch nicht sehen können? Plötzlich bemerkte Frau Sonne einen Feuerschweif am Horizont. Wer kann das denn noch sein, fragte sie sich erstaunt. Im nächsten Augenblick stand Hermes, der himmlische Briefbote, vor ihr.
„Du kommst auch immer später!“, grollte Frau Sonne zur Begrüßung.
„Hach!!, stöhnte Hermes und strich sein langes Feuerhaar aus dem Gesicht. „Kaum ist Weihnachten vorbei, kommt neue Hektik auf! Hier – die Einladung zum Karneval der Sterne!“ Spitzbübisch zwinkerte er Frau Sonne zu. „Für nichts und wieder nichts habe ich den langen Weg zu dir gemacht! Du gehst ja doch nicht hin!“ Und schon war der himmlische Briefbote auf seinem Feuerschweif weiter gezogen.

Frau Sonne seufzte, während sie nach ihrem schwarzen Nachthemd suchte. Der Himmelsbote machte sich stets einen Spaß daraus, andere zu ärgern, doch seine Bemerkung ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Seit Millionen von Jahren beschien sie treu die Erde und alle anderen Planeten, für die sie verantwortlich war. Nie hatte sie ihren Platz verlassen aus Sorge um ihre Schützlinge. Und wie wurde es ihr gedankt? Die meisten Planeten hatten sich zu langweiligen Stein- und Gasmonstern entwickelt. Nur auf der Erde pulsierte das Leben. Aber wie lange noch? Ja, einst hatte Frau Sonne alle Lebewesen dort unten gemocht. Doch seit die Menschen aufgetaucht waren, gab es nur Probleme. Diese intelligenten Winzlinge schätzten den Reichtum der Natur nicht mehr. Sie verschmutzten die Erde mit giftigen Stoffen, führten Kriege und hatten sich zu einer rechten Plage gewandelt.

Ich sollte mal wieder etwas mehr an mich denken, sinnierte Frau Sonne und betrachtete sehnsüchtig die Einladung zum Karneval der Sterne. Wie lange schon hatte sie nicht mehr mit Gevatter Mond getanzt? Wie auf ein Stichwort erschien der Mond in einem neuen gutsitzenden Silberanzug am anderen Ende des Himmels. Vor ein paar Millionen Jahren hatte ich doch ein hübsches, schwarzes Abendkleid, überlegte Frau Sonne. Suchend sah sie sich um. Heilige Ordnung! Hinter Uranus und Neptun schwebte es im luftleeren Raum.

Die Entscheidung war gefallen. Frau Sonne machte sich schick und schwebte mit einem winzigen goldenen Krönchen auf dem Haupt hinüber zum Silbermond. Erstaunt über den unverhofften Besuch blickte der Mond auf. „Frau Sonne? Was verschafft mir die Ehre! Du warst eine Ewigkeit nicht hier!“
„Stimmt, es wurde mal wieder Zeit! Ich bin hier, um dich zu fragen, ob du mit mir zum Karneval der Sterne gehst?“ Frau Sonne liebte es nicht, um den heißen Brei herum zu reden.
Gevatter Mond errötete leicht. „Ja, aber!“, stotterte er. „Wir können hier nicht weg! Die Erdlinge brauchen uns doch!“
„Ach was!“, flötete Frau Sonne, tänzelte auf der Stelle herum und fühlte sich jung wie kurz nach dem Urknall. „Die Menschen wissen sich auch ohne uns zu helfen! Sie werden unsere Abwesenheit nicht einmal bemerken! Durch die Wolkendecke können sie uns ohnehin nicht sehen!“
Verträumt blinzelte der Mond in das funkelnde All. „Die Sternendamen sollen bildschön sein! Einmal dabei zu sein, wenn sie Karneval feiern…Ach ja!“
Fast wäre Frau Sonne beleidigt gewesen. Sie konnte es leicht mit jeder noch so aufgetakelten Sternenfrau aufnehmen. „Nun gut!“, erwiderte sie. „Die Sternenmänner sind auch nicht von schlechten Eltern! Also gehen wir? In zwei Tagen ist Aschermittwoch, dann sind wir zurück!“
Frau Sonne nahm ihr Abendrotgewand mit auf die Reise und Gevatter Mond einen orange schimmernden Anzug. Voller Vorfreude auf das Sternen-Fest verschwanden sie in den Weiten des Alls.

Noch in der selben Nacht wurde es auf der Erde bitterkalt. Eisige Winde fegten über alle Kontinente. Die Gezeiten hörten auf. Das Meer erstarrte binnen weniger Stunden zu einer Eiswüste. Immer weiter sanken die Temperaturen. Die Menschen versuchten, sich in ihren Häusern zu wärmen, so gut es ging. Vielleicht wusste das Fernsehen, was so plötzlich geschehen war. Doch die Sendestationen der Welt waren eingefroren. In panischer Angst warteten Mensch und Tier auf den Sonnenaufgang. Wie groß war aber das Entsetzen, als es am Morgen finster blieb. In kürzester Zeit gab es kein eisfreies Plätzchen mehr auf der Erde, selbst die Tropen waren in der Kälte erstarrt. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde alles irdische Leben in wenigen Stunden ausgelöscht sein.

Bibbernd lag Peter in den Armen seiner Mutter. „Müssen wir nun sterben?“, fragte er mit brüchiger Stimme.
„Ich weiß nicht, mein Schatz!“ Die Mutter versuchte ihren Sohn zu trösten, doch die Kälte raubte ihr die Kraft.
„Warum hat die Sonne uns verlassen, Mama?“
Sina überlegte. „Vielleicht wegen unserer Selbstherrlichkeit! Alles glauben wir beherrschen zu können! Vielleicht hatte sie einfach genug von uns!“
Peter begann zu schluchzen. „Aber ich war doch ganz lieb! Können wir sie denn nicht bitten, zurück zu kommen?“
„Wie sollen wir das denn anstellen?“ Sina war verzweifelt, doch plötzlich kam ihr eine Idee. Sie erinnerte sich an ein Lied aus ihrer Kindheit. Immer wenn sie es sang, hatte die Sonne besonders freundlich gestrahlt. „Ich habe wenig Hoffnung!“, sagte sie leise. „Aber vielleicht geht es ja doch! Komm Peter, wir singen das Lied von der Sonne, das was ich dir neulich beigebracht habe. Vielleicht hört die Sonne es ja und kommt zu uns zurück!“
Peter und seine Mutter nahmen all ihre Kraft zusammen und stimmten an, zunächst noch rau und kraftlos, dann immer lauter und hoffnungsvoller:

Der Mond hält Wacht
in finstrer Nacht
schützt er die schlafenden Kinder.
Morgens erhellt
Sonne die Welt
Hoffnung gibt sie – jeden Tag.

Immer lebet die Sonne
Immer lebet der Himmel
Immer leben die Sterne
und der Mond immerdar.

Immer lebet die Sonne
Immer lebet der Himmel
Immer lebet die Mama
und auch ich immerdar…

Die Fest-Galaxie war mit rosa Kometenstaub geschmückt. Eine Sternencombo spielte ohrenbetäubend laute Sphärenmusik. Frau Sonne war ganz in ihrem Element. Ihr Sommerabendrotkleid stand ihr ausgezeichnet. Die Sternenmänner buhlten um ihre Aufmerksamkeit. Ein kräftiger Kristallstern, der sich als Planet verkleidet hatte, drehte sich schon seit Stunden um sie herum und überhäufte sie mit Komplimenten. Er schwärmte ihr von seinem Sonnensystem vor, das wohl das größte und schönste im Universum sein musste. Gevatter Mond hingegen unterhielt sich mit den Monden anderer Planeten darüber, das ihre Arbeit nirgends genügend gewürdigt wurde. Dabei tranken sie Milchstraßenlikör und zwinkerten leicht bekleideten Jungsternendamen zu oder lästerten über die fetten, missgünstig dreinschauenden Supernovae.

Als der Welltall-Morgen anbrach, legte die Sternencombo eine Pause ein. Frau Sonne war ganz benommen vom Tanzen mit dem verkleideten Planeten. Sie entschuldigte sich und ging hinüber zur Bar, um mit Gevatter Mond anzustoßen. Dieser hing schweigend mit den anderen Monden herum. „Mir ist schlecht!“, begrüßte er sie.
„Und mir ist schwindelig!“, antwortete Frau Sonne. „Trotzdem schön hier!“ Sie trank etwas Vulkannektar und musste zum ersten Mal, seit sie ihr Sonnensystem verlassen hatte, an die Erde denken. „Ach, die werden uns schon nicht vermissen“, murmelte sie gedankenverloren.

Die Zeit schritt voran. Die Besucher des Festes waren müde. Viele hatten sich schon zur Ruhe begeben. Es wurde still in der Fest-Galaxie. Plötzlich hörte Frau Sonne zwei Stimmen. Leise und unbestimmt drangen sie zu ihr herauf. Ihr Klang erinnerte sie an die Winzlinge auf der Erde. „Das gibt es doch nicht!“, flüsterte sie. Sie strengte sich an, um sicher zu sein, dass sie sich nicht täuschte. Tatsächlich! Es waren nicht die kristallinen Laute der Himmelsbewohner. Die Erdlinge sangen etwas. Eine Fähigkeit, die Frau Sonne an den Menschen überaus schätzte. Aber wie war es möglich, das sie den Gesang bis hierher hören konnte? Immer deutlicher wurden die Worte:

Im Sternenlicht fürchte dich nicht
Träume von friedlichen Weiten!
Leben entsteht
Wenn die Nacht geht
Wärme die Sonne uns schenkt.

Frau Sonne erschrak. Sie ahnte, dass etwas auf der Erde geschehen war. War ihr Fehlen etwa doch nicht unbemerkt geblieben? Sie lauschte noch einmal:

…Immer lebet die Sonne
Immer lebet der Himmel
Immer lebet die Mama
und auch ich immerdar.

Sie rufen mich, ging es Frau Sonne durch den Kopf. „Gevatter!“, rief sie dem schlummernden Mond laut ins Ohr. „Ich glaube, wir müssen zurück!“
„Hä? Ist doch gerade so gemütlich hier!“, murmelte der Mond unwillig.
Frau Sonne gab dem Mond einen Stoß. „Sie rufen uns! Los, ich habe ein schlechtes Gefühl!“
„Frauen!“, maulte Gevatter Mond, machte sich aber mit auf die Reise.
Als die beiden endlich wieder zuhause angelangt waren, hätten sie die Erde kaum wiedererkannt. Der Planet ähnelte mit seiner völlig vereisten Oberfläche fast einem der größeren Jupitermonde.
„Ach du meine…!“, wollte Gevatter Mond fluchen.
„Geh auf deinen Platz!“, befahl Frau Sonne aufgeregt. „Ich muss retten, was zu retten ist.“

Peter und seine Mama hatten nicht aufgehört. Mittlerweile glich ihr Singen nur noch einem kraftlosen Murmeln.

Frau Sonne warf sich, so schnell sie konnte, ihr Hochsommerkristallgewand über und zog die Erde ein wenig näher an sich heran.

Von einer zur anderen Minute wurde es plötzlich hell. Die Sonne schien warm und so kräftig, dass sich die Wolken vor Schreck verzogen. Das Meer begann zu schmelzen und befreite die Fische aus ihrer Starre, die Palmen und Blumen in den Tropen erholten sich wieder, die Sendestationen des Fernsehens tauten auf. Alle Menschen erwachten und schüttelten die Kälte aus ihren Gliedern.

„Mama, sieh doch mal!“ Peter rüttelte wild an den Schultern seiner erschöpften Mutter. „Unser Lied hat geholfen!“
Ungläubig öffnete Sina die Augen. „Tatsächlich! Die Sonne ist wieder da!“

Überglücklich liefen die beiden in den Garten und winkten der Sonne zu. „Bitte, liebe Sonne, geh nie wieder weg!“, rief Peter und lächelte so herzzerreißend, dass Frau Sonne ganz gerührt war.
Nein, bestimmt nicht, schwor sie sich. Das war gerade noch mal gut gegangen. Euer Lied hat die Erde gerettet, rief sie. Da die beiden sie nicht verstehen konnten, schickte Frau Sonne Peter und Sina einen besonders schönen, glitzernden Lichtstrahl hinunter. Nächstes Jahr würde es ihr genügen, das Karnevalstreiben auf der Erde von ihrem Platz am Himmel aus zu beobachten.

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