Erzählung der Woche 11/2010


Der ästhetische Klub.

Wilhelm Hauff

Conticuere omnes, intentique ora tenebant.

»Wertester!« sprach mein Freund zu mir, als wir die Treppen meines Hauses herabstiegen, »Sie würden sich sehr irren, wenn Sie glaubten, es gäbe nur in höheren Ständen ästhetische Gesellschaften. Jene herrlichen Tees, wo feingebildete Menschen sich über die neuesten Ereignisse der Literatur besprechen, finden sich, nur unter anderer Form, auch unter den gemeineren Leuten. Wie jene mit dem Teewasser eine neue Novelle oder einen Sonettenkranz einschlürfen, so haben diese ihre eigenen Schriftsteller, welche sie beim Biere mit derberem Stoffe bewirten.«

»Und zu einem solchen ästhetischen Biere werden Sie mich führen, Doktor?«

»Gewiß! Der Meister des Hauses, wohin wir wandern, geht alle Nachmittage in die Schenke; seit nun der neue Gesell im Hause ist, wird jeden Nachmittag ästhetischer Klub gehalten. Er ist ein schöner Geist und besorgt mit großer Auswahl die Lektüre. Die beiden Töchter des Meisters und einige Freundinnen aus der Nachbarschaft bilden den Damenzirkel; sie stricken oder nähen, trinken dünnen Kaffee dazu, den die Mädchen unter sich bezahlen, und eine von ihnen hat das Amt des Vorlesens; denn der neue Gesell arbeitet streng an seinen Schuhen fort; sein Geschäft beschränkt sich darauf, den Zirkel auf die Schönheiten des Gelesenen aufmerksam zu machen. Er und der Leipziger trinken Bier. Ich war schon einige Male in diesen Klubs; natürlich hüte ich mich wohl, in die Schönheiten ihrer Literatur einen Zweifel zu setzen. Ich staune und bewundere mit ihnen; und so bin ich wohlgelitten in diesem Kreise und darf es wagen, Sie einzuführen.«

Wir standen vor der Türe und horchten; aber das war kein fröhlicher Leseklub! Ich sah den Doktor ängstlich an; denn deutlich hörte man ein vielstimmiges Schluchzen und Weinen; es wurde mit jammernder Stimme etwas gelesen; wir strengten unsere Ohren an, aber vernahmen nur Gestöhn und tiefes Herzseufzen.

»Ha, sie lesen etwas Tragisches!« rief mein Freund. »Das ist köstlich; nur zu! Wir wollen ihr Pathos beobachten.« Er machte rasch die Tür auf; welch sonderbarer Anblick! Auf einer Erhöhung saß der Leipziger und heulte laut; es wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, und sein Lieblingsdichter hatte für diesen Zustand gesorgt. Neben ihm saß der neue Geselle; sein Schmerz war nicht minder tief, aber er beherrschte ihn mit männlicher Festigkeit; doch auch ihm hing eine Perle in den Wimpern. Auf der Seite saßen fünf oder sechs hübsche Mädchen, unter denen ich Karolinchen sogleich erkannte; sie schienen einem geliebten Toten ein letztes Opfer zu bringen; denn sie wischten sich mit den Schürzen ihre schönen weinenden Augen, und in ihren Mienen war ein so wahrer Ausdruck von Kummer und namenlosem Jammer, daß ich über die Tiefe ihrer Empfindungen staunte.

Sie nickten uns zu; wir nahmen schweigend Platz. »Tu‘ nur nicht so erschrecklich, Leipziger!« sagte der neue Geselle mit dumpfer, gebrochener Stimme. »Sie wird ja bald vollends ausgerungen haben, die arme Seele; machen Sie nur gefälligst weiter, Jungfer Köhlerin.«

Diese wischte ihre Tränen ab, die wie ein Wasserfall herabrollten, und las mit zitternder Stimme weiter.

Sie hatte geendet und legte schnell das Buch nieder; die Mädchen weinten noch etwas Weniges in der Stille fort; der Leipziger aber vertrank seinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres.

»Wir sind heute leider zu spät gekommen, um noch etwas von Ihrer Lektüre profitieren zu können. Was haben Sie heute gelesen?«

»Rochus Pumpernickels Tod,« antwortete der neue Geselle. »O, Herr Doktor, das ist eine so grausam rührende Geschichte, als im ganzen Evangelium keine steht!«

»So? A. v. S. macht auch rührende Geschichten?« fragte jener weiter. »Ich habe bisher geglaubt, er sei immer nur fröhlich und heiter und lasse seine Leutchen heiraten, nebst schöner Mitgift von ein paar Milliönchen?«

»Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,« entgegnete Karolinchen; »es fing so hübsch und fröhlich an.«

»Das ist gerade das Schöne, daß man glaubt, es komme alles so freudig wie immer, und dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das ist um so rührender, daß einem die Tränen unwillkürlich laufen; ach, und wie wahr ist es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist der Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim gelesen habe, und viele andere rührende Historien. Und sieht man es nicht alle Tage?« setzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte. »Wie viele zärtliche Liebschaften hat schon das grausige Schicksal getrennt!«

Karolinchen weinte still; der Leipziger aber schlug mit dem Hammer auf den Absatz seines Stiefels, daß es Funken gab. »Den Kerl, den Alten soll der Teufel holen; er ist an allem schuld, der heimtückische Sakramenter; hier möcht‘ ich ihn haben, zwischen meinen Knien, ich wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!«

»Ja, der ist an allem schuld,« klagten die Mädchen.

»Sie lieben also diesen Schriftsteller?« fragte ich. »Sie scheinen ihn allen anderen vorzuziehen?«

»Gewiß!« sagte der neue Geselle. »Sehen Sie, es mag wohl sonst noch Dichter geben; aber sie sind nur für die vornehmen Leute, sie sind uns zu hoch; da ist nun A. v. S. gerade recht für uns; so gemein wie er schreibt keiner. Ihn verstehen wir; wenn er etwas sagt, so weiß man auch, was er will. Ich kann Ihnen versichern, es ist mir oft, wenn ich ihn lese, als säße ich im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger, erzählte mir eine schöne Geschichte.«

Ich sah mich nach meinem Freunde um; er saß ganz ernsthaft da und rief alle Augenblicke aus: »Es ist zum Erstaunen!«

»Und Kernmädchen hat er,« fuhr der große Kritiker fort, »so schön und köstlich, daß einem ordentlich der Mund wässert. Nicht wahr, ihr Jungfern?«

Die Mädchen erröteten; doch was sie sich lächelnd in die Ohren flüsterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umstoßen. »Vox populi, vox Dei!« sagte ich. »Denken viele Leute so wie Sie?«

»Ich bin weit herumgekommen,« erwiderte er mit Feuer; »aber überall fand ich die gleiche Liebe für diesen Mann! Alle Handwerksburschen von Bildung lassen sich für ihn totschlagen.«

Der Doktor stand auf; er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört, um seine Behauptung bestätigt zu finden. Wir nahmen Abschied von diesem ästhetischen Klub und gingen. Unter der Haustüre nahm er meine Hand. »Nun, was meinen Sie?« sagte er, indem Spott und Hohn um seinen Mund, aus seinen Augen blitzten. »Glauben Sie jetzt, daß auch in Deutschland ein Schriftsteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit Ihren Franzosen, die ihren Voltaire hinter dem Pfluge lesen und von den Reden eines Foy in den ärmlichsten Hütten begeistert sind? Kann nicht auch bei uns ein großer Geist durchdringen und ein Mann des Volkes und allgemein werden?«

»Ja,« erwiderte ich und drückte ihm die Hand, »er kann es, wenn er es versteht, gemein zu sein.«

7 Kommentare zu „Erzählung der Woche 11/2010

  1. Wundervoll boshaft.
    Weißt Du, ob Hauff mit A.v.S. einen bestimmten Menschen im Visier hatte? Und die anderen, die da vorkommen? Straubinger klingt ja fast wie Straube…

  2. Ich gestehe, dass ich Hauff als Person erst jetzt intensiver betrachte und gerade beginne, mehr als Kurzbiografien über ihn und die Märchen von ihm lesen zu wollen.
    Keine Ahnung, woran er dachte, was die Besucher der Gaststube zum heulen bringt. Pathos war ja nicht so seins, dass er da andere literarisch bedenkt – kommt doch mir irgendwie bekannt vor. Ist reizvoll zu recherchieren. weißt ja, wenn man „jemand auf dem Kieker hat“, bekommt der zu jeder Gelegenheit etwas serviert…

  3. Claudia, wir hatten uns ja mal im Märchenzauber über Hauff flüchtig unterhalten, über sein Ausnahmetalent und die hohe Produktivität, als hätte er geahnt, nur ein so kurzes Leben zu haben.
    Dass ich für die Romantiker einen besonderen Faible habe, habe ich ja schon bekannt, was wunder.
    Kanntest Du diese Passage aus der Hauff´schen Biografie?

    Im April 1825 stellt er das Manuskript für den ersten Märchenalmanach fertig, im August erscheinen die Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, die sofort für Aufsehen sorgen. Übertroffen werden sie darin durch das dritte Buch, das Hauff in diesem Jahr schreibt: Der Mann im Mond oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme. Als Autor wird jedoch H. Clauren genannt, ein preußischer Modeautor (mit bürgerlichem Namen Carl Heun), der für seine seichten Liebesromane, die reißenden Absatz finden, Rekordhonorare verlangen kann. Hauff reizt es, Clauren mit dessen eigenen Mitteln zu persiflieren: „Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widersteht […] so sind sie nicht mehr zu kurieren, oder – es war nichts an ihnen verloren.“

    In nur sechs Wochen schreibt er den satirischen Gesellschaftsroman nieder. Doch das Publikum ist nicht zu kurieren; es feiert den Roman als neues Meisterwerk des Preußen, was sich dieser freilich nicht gefallen lassen kann. Es kommt zur Anklage gegen Hauffs Verlag, der „wegen rechtswidriger Täuschung des Publicums durch Angabe eines falschen Verfassers“ zu 50 Talern Geldbuße verurteilt wird. Der literarische Skandal, den sich Hauff nicht ganz uneigennützig gewünscht hat, ist da. Das Buch verkauft sich nicht zuletzt wegen der publizistischen Querelen glänzend, und Hauff selbst, der während des Prozesses als wahrer Autor aufgedeckt wird, ist mit einem Male bekannt.

  4. Die Sache mit Clauren kannte ich, das war so ein richtig herrlich boshafter Geniestreich.
    Clauren hat übrigens den Roman „Mimili“ geschrieben – ein unsäglich kitschiges und auf eine schwer beschreibbare Weise widerlich unanständiges Machwerk. Hauff hatte dasselbe in nachvollziehbarer moralischer wie ästhetischer Entrüstung verrissen.

  5. Ha, ich entdecke gerade, dass Rochus Pumpernickel keine Ausgeburt des hauffschen Hirnes ist.Den gab es ja wirklich – als Opernlibretto von Matthäus Stegmayer. Der muss geradezu ein Hit gewesen sein, wie Harry Potter vielleicht, gab auch mehrere Folgen.
    Schau mal, wie der sich in der Literatur sonst noch so breit gemacht hat:
    Textsuche bei Gutenberg-DE:
    Projekt Gutenberg-DE
    Die Suche nach Rochus Pumpernickel ergab 7 Treffer
    (Zeit: 26 ms).
    mit Technologie von getanet

    Ergebnisse 1 bis 7:
    1. Honoré de Balzac: Lebensbilder I (Kapitel 1)
    2. Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg (Kapitel 56)
    3. Georg Herwegh: Zur Feier des 18.Juni 1860 (Kapitel 34)
    4. Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch (Kapitel 48)
    5. Johanna Schopenhauer: Gabriele (Kapitel 3)
    6. Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom / V. Buch (Kapitel 6)
    7. Heinrich Heine: Die parlamentarische Periode des Bürgerkönigtums (Kapitel 5)

    Aber das schrillste, was ich entdeckte war das
    hier:

    Kaffka, Johann Christoph

    andere Schreibweise: eigentlich Engelmann, Johann Christoph
    Geburtsdatum: 1754
    Geburtsort: Regensburg
    Sterbedatum: 1815
    Sterbeort: Riga
    Aufenthalt in St. Petersburg: 1799-1801; 1812
    Beruf: Schauspieler
    Institutionelle Zugehörigkeit: St. Petersburger Deutsches Hoftheater

    Kommentar: Schauspieler, Sänger, Regisseur, Bühnenautor, Herausgeber, Dichter, Komponist; K. genoss eine katholische Erziehung im Elternhaus und auf einem Jesuiten-Gymnasium in Regensburg und studierte später bei Augustinern. 1773 wurde er Novize bei den Zisterziensern in Kaisersheim, trat aber bald aus dem Kloster aus. 1775 ging er wider Willen der Eltern als Musikdirektor des deutschen Theaters nach Prag und wirkte später als Schauspieler in Frankfurt am Main, Leipzig, Dresden, Berlin, Breslau und Riga. Zwischen 1799 und 1801 war K. Schauspieler am Petersburger deutschen Hoftheater. Die folgenden 15 Jahre bis zu seinem Tod wirkte er am Deutschen Theater in Riga und besuchte St. Petersburg 1812 auf einem Gastspiel. In Riga gab er eine literarische Zeitschrift heraus, gründete eine Leihbibliothek und versuchte eine Buchhandlung zu eröffnen. Er starb während der Aufführung von „Rochus Pumpernickel“, als er gerade die Arie „Der Tod packt mich schon an“ vorgetragen hatte.

  6. Ach Gott! Was es alles gibt, aber die Claudia hat es auf den Punkt gebracht, das nenne ich auch einen bühnenreifen Abgang.
    Richtig schön, mal wieder hier herumzublättern.

    man liest sich
    Ernst August

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