Märchen der Woche 10/2010


Von Fröschen und Prinzen

Bernadette Reichmuth

Variation I

Es war einmal eine kluge Prinzessin. Bereitwillig lernte sie alles, was eine Prinzessin so zu lernen hat. Wenn sie für einen Tag genug gelernt hatte, ging sie gerne noch ein wenig zum Schlossteich, um dort die Seerosen zu betrachten und dem Abendkonzert der Frösche zu lauschen.
Natürlich wusste sie, dass einer unter ihnen ein verzauberter Prinz sein könnte, schliesslich war sie nicht nur eine kluge, sondern auch eine gebildete Prinzessin. Sie hatte sich jedoch vorgenommen, noch viel zu lernen. Erst später, wenn sie alles gelernt hatte, was ihr wichtig schien, wollte sie an einen Prinzen denken.
Umso erstaunter war sie deshalb, als ihre feinen Ohren eines Abends im Chor der grünen Sänger eine ganz besonders schöne, reine und klare Stimme vernahmen.
Ganz nahe trat sie an das Ufer und liess ihren Blick über den blühenden Seerosenteppich wandern. Schliesslich entdeckte sie ihn: einen Frosch, der aussah wie ein ganz gewöhnlicher Frosch. Er sass etwas abseits, halb verdeckt von einer Rosenblüte und sang leise und selbstvergessen vor sich hin. Er sang so schön, wie nur ein Prinz singen konnte.
Am nächsten Tag konnte die Prinzessin es kaum erwarten, wieder zum Schlossteich zu gehen.
Bald lud sie den Frosch ein, zu ihr nach Hause zu kommen, lud ihn ein, an ihrem Tisch zu essen und in ihrem Bett zu schlafen. Jeden Morgen und jeden Abend küsste sie ihn.
Der Frosch jedoch veränderte sich nicht.
Die Jahre vergingen. Noch immer behielt er sein kühles, grünes Gewand.
Natürlich kannte die Prinzessin auch jene Geschichte, in der ein Mädchen einen Frosch nicht geküsst, sondern an die Wand geworfen hatte. Doch sie selbst wagte nicht, dies ebenfalls zu tun, dafür war ihre Angst, ihn zu verletzen, zu gross.
Mit der Zeit gab sie sich mit der Gewissheit zufrieden, dass das kühle, grüne Gewand des Frosches nichts weiter als eine Hülle war, in der sich sein wahres Wesen verbarg.
Wer weiss, vielleicht wäre diese Hülle eines Tages ganz von selbst von ihm abgefallen, wenn da nicht jenes fremde Mädchen gewesen wäre …
Sie trafen sich bei einem Fest. Sie tanzten zusammen, bis ihnen beiden schwindlig wurde. Dann schaute sie ihm tief in die Augen.
Sie küsste ihn nicht, wie es die Prinzessin am Morgen und am Abend tat … sie warf ihn einfach an die Wand. Und da geschah es, dass sein kühles, grünes Gewand platzte und er als prächtiger Prinz von der Wand herunter fiel.
Er stand auf, verliess die Prinzessin und folgte dem Mädchen.

Variation II

Nachdem der Prinz fort gegangen war, ging die Prinzessin eine Zeit lang nicht mehr zum Schlossteich. Die Seerosen blühten und verwelkten. Die Frösche verstummten. Der Winter kam und ging. Als der Frühling Einzug hielt im Land, erwachten auch die Frösche zu neuem Leben. Lautstark begrüssten sie einander, begutachteten gegenseitig ihre frischen, grünen Gewänder und begannen sogleich um die Wette zu singen.
Vielleicht gibt es doch noch einmal einen Prinzen unter ihnen, dachte die Prinzessin und spitzte ihre feinen Ohren, um ja keinen besonderen Ton zu verpassen.
Gerade wollte sie sich abwenden und wieder nach Hause gehen, als ihr ein hübscher, grasgrün leuchtender Frosch über den Weg hüpfte. Er hüpfte so lustig im Kreis herum, dass sie lachen musste. Noch nie hatte sie einen so lustigen Frosch gesehen.
Noch immer lachend nahm sie ihn mit nach Hause, lud ihn ein, an ihrem Tisch zu essen und in ihrem Bett zu schlafen. Und weil er so lustig war, küsste sie ihn jeden Morgen und jeden Abend.
Bald erkannte sie, dass er tatsächlich ein Prinz war. Unter ihren Küssen begann er sich zu verwandeln. Sein grünes Gewand bekam einen goldenen Schimmer, an seinen breiten Händen begannen winzige Fingernägel zu wachsen. Bald konnte er sogar auf zwei Beinen gehen.
Doch der Frosch hatte Angst davor, ein Prinz sein. Schnell übermalte er sein Gewand mit grasgrüner Farbe. Er ging wieder auf allen Vieren, so dass sich seine Fingernägel abschliffen, noch bevor sie fertig gewachsen waren.
Die Prinzessin küsste ihn weiterhin am Morgen und am Abend, und sie begann, ihn auch am Mittag zu küssen. Da bemerkte sie, dass ihr eigenes Gewand einen grasgrünen Schimmer bekam und es ihr immer schwerer fiel auf zwei Beinen zu gehen.
“Das ist doch prima”, sagte der Frosch, “wenn du so wirst wie ich, können wir doch auch glücklich miteinander sein.”
Aber die Prinzessin wollte kein Frosch werden.
Und so kehrte der Frosch zurück in den Schlossteich.

Variation III

Nach einer Weile begann die Prinzessin wieder den Schlossteich zu besuchen. Sie freute sich an den Seerosen und lauschte dem Lied der Frösche. Doch nach verzauberten Prinzen hielt sie nicht mehr Ausschau, sie hatte einfach keine Lust mehr, Frösche zu küssen. Und sie an die Wand werfen – nein, das wollte sie schon gar nicht, das wäre ihr auch zu anstrengend gewesen.
Eines Abends – sie war gerade auf dem Weg nach Hause – begegnete sie einem Wanderer.
Er war kein Frosch. Er war auch kein Prinz. Er war einfach ein Mann. Ein guter Mann.
Und sie assen zusammen, schliefen zusammen und küssten einander. Am Morgen, am Mittag und am Abend.

Advertisements

4 Kommentare zu „Märchen der Woche 10/2010

  1. Ja, ich liebe die Schreibe von Bernadette,fast Schade, dass ihre Arbeiten normalerweise Novellenlänge haben und deshalb hier nicht gezeigt werden können – sie schreibt so schöne Märchen!
    Verlage, aufgemerkt – möchte ich da schreien…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s