Brauchtumsmappe: Valentinstag und Vogelhochzeit


den Beitrag aus dem vergangenem Jahr aus gegebenen Anlass wieder hochgeholt

Ich muss gestehen, jahrzehntelang war der 14. Februar für mich ein Tag wie jeder andere, denn hier war eher die Vogelhochzeit“ ein Begriff -Berlins  Ammen kamen zumeist aus dem Spreewald und Berlin ist neben dem abgeschliffenen heidnischem Brauchtum auch  mehr evangelisch  als katholisch geprägt und hat es  deshalb nicht so mit den Heiligen und all ihren schönen Feiertagen …

Meine erste Bekanntschaft mit diesem Datum hatte ich durch amerikanische Filme. Filme, in denen die Frage eines  kindlichen Jungen an eine Mitschülerin den dramatischen Höhepunkt vorbereitete:

Willst du meine Valentine sein?

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Gedicht der Woche 07/2010


Dat Koffedrinken
Fritz Reuter

En annermal kamm Jochen Schmul
Ut Hanschendörp tau Stadt herin.
Oll Jochen was en Leckermul:
’ne Potschon Koffe süll dat sin!
Hei hadd so vel von Koffe hürt
Un hadd sin Dag em nich prebiert –
Hei et des Morgens Klütersupp.
Hüt steg em nu so’n Giwwel up,
Hei wull hüt mal ens vörnehm leben
Un let sick also Koffe geben.
De Koffe würd herinner bröcht,
Oll Jochen set’t sick nu taurecht
Un süht sick de Geschicht irst an:
De Tass‘, den Läpel un de Kann,
Wotau de Dinger woll sünd nütt!
De Läpel schint em gor tau lütt,
Hei is tau lütt för sine Finger.
Un denn de beiden Tassendinger!
Na, endlich möt hei doch heran.
Hei langt sick also her de Kann
Un schenkt sick ok ’ne Tass‘ vull in,
Un as hei dit Stück hett taurecht,
Nimmt hei den Läpel, süfzt un seggt:
»Je, ‚t mag jo Mod woll jetzund sin!«
Un fängt nu langsam an tau läpeln.
Hei ett un ett, dat will nich schäpeln:
De Sak kümmt em tau tahrig vör,
Un as de Wirt geiht ut de Dör,
Dunn kickt hei sick so wild herüm,
Ob em ok wer woll wohren künn
Un ob hei wir ok ganz allein.
»Je, wenn ick wüßt, dat sehg mi kein«,
Seggt hei, »ick ded’t, ick ded’t, der Düwel hal!
Ick nem de Tass‘ un söp enmal!«

Erzählung der Woche 07/2010


Bestrafte Schmähsucht oder Treue Freundschaft

Luise Anklam

In dem schönen, wohlgepflegten Garten der reizenden Villa des Herrn von Strahlen grünte und blühte alles zur herrlichen Frühlingszeit.

Freundlich hatte den ganzen Tag die Sonne geschienen, und eben mit ihrem letzten Schimmer die in vollster Blütenpracht stehenden Obstbäume vergoldend, drang sie auch noch grüßend in die Baumgruppe, in deren Schatten die Tochter des Hauses, die zwölfjährige Elfriede, saß.

Trotz des wunderbaren Zaubers in der Natur standen Tränen in den Augen dieses jungen Menschenkindes. Heut am ersten Pfingstfeiertage war sie so allein. Alle ihre Mitschülerinnen waren an verschiedenen Orten froh beisammen, nur sie hatte niemand aufgefordert. –Weshalb hatten sich alle so plötzlich von ihr gewandt? Das eben war es, was Elfriede sich nicht erklären konnte. Stets war sie zu allen freundlich gewesen und immer hatte die gute Mutter dafür gesorgt, dass ihre Freundinnen gut bei ihr aufgenommen wurden, wenn diese sie besucht hatten.

Dennoch hatten alle wie auf Verabredung eine abschlägige Antwort gegeben, als sie von der Mama zur Feier ihres Geburtstages eingeladen worden waren. Die eine hatte sagen lassen, sie habe selbst Besuch, eine andere war schon eingeladen, und in ähnlicher Weise war von allen eine Absage eingegangen.

Auch in der Schule wurde sie schon seit längerer Zeit von allen vollständig gemieden und übersehen.

Obgleich Elfriede sehr betrübt darüber war, so scheute sie sich doch, nach dem Grund dieser unfreundlichen Begegnung zu fragen, weil alle gar zu böse taten.

Als sie eben noch ganz trostlos darüber nachgrübelte, was sie wohl verschuldet haben könnte, kam ihr zehnjähriger Bruder Willi angelaufen und rief schon von weitem: »Die Mama lässt dir sagen, du sollst auf die Veranda kommen! Es ist Besuch da, eine Frau Major Helm mit ihrer Tochter. Was sitzt du denn da und machst ein Gesicht, als wäre dir die Petersilie verhagelt? Komm nur schnell! Ich habe dich schon überall gesucht; ich konnte mir doch nicht denken, dass du hier sitzt und Krokodilstränen weinst!«

Obgleich sich Elfriede über die naseweisen Bemerkungen des zwei Jahre jüngeren Bruders ärgerte, so klärte sich doch ihr Gesicht bei der angenehmen Nachricht auf, und sie beeilte sich, schnell die Tränenspuren verwischend, dem mütterlichen Befehl zu folgen.

Mit vor freudiger Erregung geröteten Wangen begrüßte sie nun den unerwarteten, ihr so willkommenen Besuch.

Wohlgefällig ruhten die Blicke der Frau Major auf dem lieblichen, frischen Gesichtchen, und Elfriede herzlich die Hand reichend, sprach sie: »Ich würde mich sehr freuen, wenn du dich meiner Meta annehmen und freundschaftlich mit ihr verkehren wolltest. Wir sind seit einigen Tagen hier in dem kleinen, nahegelegenen Badeörtchen und werden voraussichtlich den ganzen Sommer hierbleiben. Wir beide haben an den Folgen einer bösen Influenza zu leiden und wollen uns hier gründlich erholen und stärken. Meta hat leider durch die lange Krankheit viel in der Schule versäumt und soll nun hier Privatunterricht haben, um das Versäumte möglichst nachzuholen.«

Während nun die Eltern mit ihrem Gast heiter plaudernd auf der Veranda blieben, eilten die beiden Mädchen hinaus in den Garten, wo sie sich lachend und scherzend herumtummelten.

»Wie hübsch ist es doch, dass ich dich zu Hause getroffen habe!« sagte Meta. »Ich fürchtete eigentlich, dass du heute bei einer deiner Freundinnen sein könntest, und bat die Mama, unsern Besuch lieber bis nach den Feiertagen zu verschieben. Doch Muttchen meinte, ebensogut könntest auch du dir Besuch eingeladen haben, und ich lernte dann zugleich auch deine Freundinnen kennen. Wie kommt es, dass du heute so allein zu Hause bist?«

Elfriede errötete bei dieser Frage und erwiderte kleinlaut: »Meine Mitschülerinnen hatten für die Feiertage allerlei vor; einige wollten Partien machen, und die anderen hatten auch untereinander verschiedenes vor.«

»Und dazu haben sie dich nicht einmal aufgefordert?« fiel Meta ein. »Nein, wie unrecht finde ich das! So unfreundlich sind wir nicht zueinander; oder hattest du keine Lust, dich ihnen anzuschließen?«

»Ach ja, ich wäre gern dabei gewesen«, entgegnete Elfriede verschämt, aber ehrlich.

Als Meta bemerkte, dass sie Elfriede mit dieser Frage in Verlegenheit gebracht hatte, brach sie schnell davon ab und wusste sie mit einigen spaßigen Reiseerlebnissen so zu belustigen, dass sie bald wieder heiter und vergnügt wurde.

Die beiden jungen Mädchen gefielen einander sehr und hatten sich gleich so angefreundet, dass sie beim Abschied sich das Versprechen gaben, wenn es die Eltern erlaubten, sich täglich besuchen zu wollen.

Keiner war glücklicher als Elfriede, deren Herz sich nach einer Freundin gesehnt hatte. »Meta ist so lieb und gut,« sagte sie nachher zu ihrer Mutter, »und ich will alles tun, um mir ihre Freundschaft zu erhalten. Liebes Mamachen,« fuhr sie gang traurig fort, »kannst du es dir denn gar nicht denken, weshalb sich alle von mir zurückgezogen haben und keine in der Schule mich mehr leiden mag?« Und bitterlich weinend verbarg sie das Köpfchen an der treuen Mutterbrust.

Liebreich streichelte und tröstete die Mutter das weinende Töchterchen. »Armes Kind,« sagte sie, »wohl kann ich es dir nachfühlen, wie sehr du darunter leidest. Du hättest sogleich, als du bemerktest, wie sich deine Mitschülerinnen von dir zurückzogen, fragen müssen, was du verschuldet. Ein ehrliches Wort findet stets einen guten Ort. Als wir vor einem Jahre hier herzogen, kamen dir doch alle die kleinen Mädchen so herzlich entgegen. Gewiss hast du, ohne es zu wissen, ihnen etwas getan, und auf keinen Fall hättest du eine offene Frage unterlassen dürfen.«

»Ja, aber liebes Muttchen,« entgegnete Elfriede verzagt, »das war doch sehr schwer, da alle gleich so böse waren.«

»Da hättest du erst recht nicht schweigen sollen«, sagte darauf die Mutter. »Du siehst, wie weit man mit Scheu und Furcht kommt. Deine Mitschülerinnen können dich und deinen Umgang entbehren: du allein hast darunter zu leiden. Jetzt ist es nun schon weit schwerer für dich, aber dennoch musst du es tun. Gehe nur zu Eva Vogel, das ist ein so liebes, nettes Mädchen, die wird gewiss nicht abweisend sein, wenn du dich ihr freundlich näherst. Dadurch vergibst du dir in keiner Weise etwas, denn das merke dir: Demut ist der schönste Schmuck eines jeden weiblichen Wesens.«

Elfriede dachte viel über der Mutter Worte nach und nahm sich auch vor, danach zu handeln. Allein, als sie nach beendeten Pfingstferien wieder in die Schule kam, waren die Mitschülerinnen fast noch kälter und fremder als bisher. Da fehlte ihr nun vollends der Mut zur Annäherung, und es blieb daher wieder ganz beim alten, denn auch keine Vorstellungen der Mutter konnten sie zur Aussprache bewegen. Ihr Trost blieb ihre Meta Helm, mit welcher sie bald die innigste Freundschaft verband. Da auch die Eltern und Metas Mutter sich näher getreten waren, so kamen die beiden Mädchen fast täglich zusammen. Stets waren sie einig, und eine tat der andern zu Gefallen, was sie nur konnte.

Doch auch dieses Glück schien Elfriede getrübt werden zu wollen. –Eines Tages hörte sie Eva Vogel zu einer Freundin in der Schule sagen: »Gestern war ich mit den Eltern in Grafenort, und da haben wir so zufällig eine Frau Major Helm mit ihrer Tochter kennen gelernt. Da das Konzert dort sehr besucht war, so waren alle Tische besetzt, als sie kamen. Papa besorgte noch zwei Stühle und lud sie ein, an unserem Tisch Platz zu nehmen, was die Frau Major auch gern annahm. Beim Abschied versprach sie, heute bei uns ihren Besuch machen zu wollen. Nun werden die Eltern auch Helms übermorgen zu der Wasserpartie, von welcher ich dir schon erzählt habe, einladen. Nicht wahr, es ist nett, dass wir noch eine neue Freundin bekommen?«

Elfriede erschrak sehr; die Angst, Meta nun auch zu verlieren, peinigte und verwirrte sie so, dass sie nachher den Lehrern ganz verkehrte Antworten gab und daher von diesen streng getadelt wurde. Tief beschämt und hocherrötend saß sie da und wagte nicht aufzusehen, weil sie die spöttischen Blicke aller auf sich gerichtet fühlte.

Infolge der großen Gemütsbewegung bekam Elfriede so heftige Kopfschmerzen, dass sie noch vor Schluss der Schule nach Hause gehen musste.

Die erschrockene Mutter brachte sie sogleich zu Bett, und da sie fieberte, wurde der Arzt gerufen. Dieser erklärte zur Beruhigung der Eltern, dass es eine kleine Nervenabspannung sei, die durch Ruhe wohl in einigen Tagen wieder gehoben sein würde.

Meta, welche an dem Tage mit ihrer Mutter wirklich bei Vogels gewesen war, konnte nicht mehr dazu kommen, auch Elfriede zu besuchen, daher wusste sie nichts von deren plötzlichen Erkrankung. Sicher hoffte sie, die Freundin bei der Gondelpartie zu treffen, und war sehr erschrocken, zu hören, dass Elfriede die Schule gestern krank verlassen habe.

»Oh, wie leid tut es mir, dass Elfriede nun hier fehlt, und dass ich sie heute nicht besuchen kann«, sagte Meta.

»Wenn sie auch gesund wäre, so würde sie doch nicht hier sein«, bemerkte Agathe von Rheden.

»Weshalb denn nicht?« fragte Meta sehr verwundert.

»Weil wir alle nicht mit ihr verkehren und keine von uns sie leiden mag«, erwiderte Agathe.

»Ich liebe aber Elfriede sehr und werde mich keiner anschließen, die ihr feindlich gesonnen ist«, sagte nun Meta entrüstet.

»Werde doch nicht gleich böse, ehe du noch weißt, weshalb wir uns alle von deiner geliebten Elfriede zurückgezogen haben«, entgegnete pikiert Agathe, die sich stets vor allen ein wenig wichtig hervortat.

»Wenn ihr alle nichts dagegen habt,« so wandte sie sich an die andern, »dann will ich es sogleich erklären.«

Da alle ihre Zustimmung gaben, begann sie: »Als Strahlens vor einem Jahre hierher kamen, fanden wir Elfriede auch alle reizend, und wir waren bald sehr befreundet mit ihr. Sie fehlte nie in unserem Kreise, bis wir dahinterkamen, welches Teufelchen in ihr verborgen ist. Wir waren einmal alle bei Eva Vogel eingeladen, wo wir sehr vergnügt und bis spät abends zusammen waren. Als viele unter uns schon um 9 Uhr abgeholt wurden, blieben Grete Albrecht, Elfriede und ich noch eine halbe Stunde beisammen. Aber kaum hatten sich die letzten entfernt, als Elfriede in der boshaftesten Weise über sie herfiel:

›Habt ihr wohl bemerkt, wie unordentlich die Toni angezogen war? Es ist doch nicht recht, sich nicht einmal ordentlich anzuziehen, wenn man ausgebeten wird. Nein, und wie ungeschickt ist doch die Klara, nicht einmal gewann sie beim Krocket, und wie unmanierlich isst sie, das würde meine Mama nie dulden. Zum Totlachen fand ich die Alma, die schneidet ja fortwährend Gesichter.‹ Dabei versuchte sie, ihr aufs komischste nachzuäffen. In dieser Weise ging es so weiter, bis sie alle nach der Reihe gründlich vorgenommen hatte. Sie war so eifrig dabei, dass sie nicht einmal merkte, dass wir uns alle verwundert ansahen und kein Wort dazu sagten.

Bald danach hatte sie es bei uns ebenso gemacht, und dann hörten wir von anderen, dass wir auch nicht von ihr verschont geblieben waren. Wir beschlossen nun gemeinschaftlich, uns ganz von ihr zurückzuziehen, bevor sie noch mehrere unserer Fehler kennen lernte. Findest du jetzt unser Verhalten gegen eine solche Freundin noch ungerecht und unfreundlich?«

»Gewiss war das von Elfriede sehr tadelnswert und hässlich, aber ihr hättet sie offen zur Rede stellen müssen; sie weiß sicher nicht, warum ihr böse auf sie seid. Ganz gewiss hätte sie ihr Unrecht eingesehen und sich alle Mühe gegeben, diesen Fehler abzulegen.«

»Das sagte ich auch,« fiel Eva Vogel ein, »aber da kam ich schön an. Ihr alle waret zu beleidigt, dass Elfriede Schattenseiten an euch entdeckt und euch nicht alle reizend gefunden hatte. Jetzt tut sie mir wirklich schrecklich leid, wenn sie so traurig und verlasen in der Schule sitzt. Wäre sie nur zu mir gekommen und hätte mich gefragt, dann würde ich ihr alles ehrlich gesagt haben.«

»Das hat sie aber doch nicht getan und eben durch ihr Schweigen bewiesen, dass ihr an uns und unserer Freundschaft nichts liegt«, entgegnete ihre Kusine Hedwig.

»Du warst ja am meisten böse auf sie, und gerade bei dir wäre sie schön angekommen, wenn sie es gewagt hätte, dich zu fragen«, sagte Eva Vogel.

Meta suchte die Freundin, soviel sie konnte, zu entschuldigen und bemerkte, dass sie Elfriede morgen besuchen und sie über dies alles aufklären wolle. »Und ihr werdet euch doch auch versöhnen lassen,« bat sie, »wenn sie ihr Unrecht einsieht und euch um Verzeihung bittet.«

»So schnell ist das nicht wieder gutzumachen, dazu hat sie es denn doch zu arg gemacht«, riefen einige.

»Denkt darüber, wie ihr wollt,« erwiderte Meta, »ich werde stets als treue Freundin zu ihr stehen, und will nichts von denen wissen, die eine reuig Bittende zurückweisen können.«

Während Meta der kranken Elfriede so tapfer das Wort redete, saß diese blass und angegriffen am Fenster ihres Stübchens. Sie musste immer wieder an den letzten Schultag vor ihrer Erkrankung denken und sah daher so traurig aus, dass dies die Besorgnis der Eltern erregte.

»Ich werde sogleich zu der Frau Major gehen«, sagte der Vater, »und sie bitten, ihr verständiges Töchterchen herzuschicken. Das, denke ich, wird dem armen Kinde die beste Zerstreuung sein.«

Willi hatte in der Stadt von seinem Freunde Otto Vogel von dem gestrigen Vergnügen gehört und war nach Beendigung der Schule sogleich zu seiner Mutter geeilt, um dieser in aller Ausführlichkeit diese Neuigkeit mitzuteilen. »Denke nur, Mama,« sagte er, »in bekränzten Gondeln sind sie nach der Altburg gefahren. Und große Körbe mit belegten Butterbroten, Flammeri und kalten Speisen haben sie mitgenommen. Auch Torte und Maibowle gab es. Und beide Mädchen hatten sie zur Bedienung mitfahren lassen«, so fuhr er begeistert in seiner Erzählung fort. »Mir hat der schlechte Otto nicht einmal ein Stückchen Kuchen abgegeben«, setzte er ärgerlich hinzu. »Nicht wahr, liebes Mamachen, wenn die Elfe wieder gesund ist, dann machen wir auch solche Partie, und dann machst du es noch weit schöner, und der Otto muss zu Hause bleiben und bekommt auch nichts davon ab.«

»Wenn ich dir diesen Wunsch nun erfüllte, warum soll denn aber der Otto nicht mit?« erwiderte die Mutter. »Man muss im Leben nicht immer gleich Vergeltung üben wollen. Ottos Mutter hat es vielleicht nicht gewünscht, solch einen wilden Jungen dabei zu haben. Wenn ich nun aber den Otto mitnehmen wollte, so würdest du doch sicher das doppelte Vergnügen haben, dich mit deinem besten Freunde belustigen zu können.«

Willi hatte, wie seine ältere Schwester, ein gutes Herz neben seinen vielen Fehlern, denn als einziges Söhnchen war er ein wenig verzogen und naseweis.

»Ja, du liebes Muttchen,« sagte er, vor Freude in die Hände klatschend, »du hast immer recht, ich will auch sogleich gehen und es dem Otto erzählen, dass er mit soll.« Und die Mutter stürmisch umarmend, lief er davon und hörte kaum noch, wie ihm diese verbot, mit seinen Erzählungen die kranke Schwester aufzuregen.

Zu derselben Zeit, als Willi bei der Mutter seine Neuigkeiten anbrachte, war die Köchin Mine bei Elfriede gewesen, um sich teilnehmend nach ihrem Befinden zu erkundigen. »Ach, liebes Elfriedchen,« begann sie sogleich, »wie schade, daß du auch gerade jetzt krank sein musst. Denke doch, eben hat mir Vogels Mädchen erzählt, welch eine großartige Gondelpartie sie gestern mit der Herrschaft gemacht habe. Evas Schulfreundinnen waren fast alle dabei, auch die hübsche Meta, welche mit ihrer Mutter so oft zu uns kommt. Mach nur, dass du wieder gesund wirst, Herzchen, dann macht dir die Mama gern ein solches Vergnügen. Na, und ich will kochen und backen dazu, dass es eine Lust sein soll, bei uns muss es noch viel schöner werden als bei Doktor Vogels.«

»Wie sollte es bei uns wohl viel schöner werden?« so dachte Elfriede, als Mine sie verlassen hatte. »Es wird ja doch niemand mitkommen, wenn die Mama auch wieder alle einladet. Ich werde nun gewiss auch meine gute, liebe Meta verlieren«, schluchzte sie. Und in ihrer Traurigkeit hatte sie es ganz überhört, dass schon zweimal leise an ihre Tür geklopft wurde, und wer beschreibt ihre Freude, als Meta, ihre Meta, eintrat.

Glückselig eilte sie ihr entgegen und umarmte die treue Freundin so stürmisch, als wollte sie diese fürs Leben festhalten.

Da nun Elfriede der Freundin sogleich ihr Herz ausschüttete, so glaubte diese sie am besten zu trösten und zu beruhigen, wenn sie ihr alles sagte, was sie gestern gehört. Um nun zugleich ihre Hoffnung zu beleben, versicherte Meta, daß alles wieder gut werden würde, wenn sie sich dazu entschließen könnte, die Mitschülerinnen um Verzeihung zu bitten; natürlich müßte sie ihren häßlichen Fehler ganz ablegen.

Elfriede sah unter Tränen ihr Unrecht ein und war gern dazu bereit. Sie war Meta für ihre Offenheit und für ihre treue Freundschaft sehr dankbar und versprach, sobald sie wieder gesund sei, so lange bitten zu wollen, bis ihr alle vergeben hätten und sich wieder ganz versöhnen ließen.

»Ich habe mir damals nichts Böses dabei gedacht,« sagte sie, »aber nun ich es heute von dir gehört, weiß ich gar nicht, wie ich so schlecht habe sein können.«

Nachdem Meta sich wieder entfernt hatte, ging Elfriede sogleich zu ihrer Mutter und beichtete, sich selbst anklagend, alles.

»Glaubst du wohl, liebe Mama, daß mich alle wieder liebhaben und mir vertrauen können?« fragte sie die Mutter.

»Gewiß, mein Kind,« antwortete die Mutter, »wenn du aufrichtig bereust und so etwas nie wieder tust. Wir sollen stets unsere Mitmenschen entschuldigen, aber nicht ihre Schwächen hervorsuchen, um uns darüber lustig zu machen. Man muß immer überlegen, was man spricht, ob es wahr und recht ist.

Zu verdenken ist es den kleinen Mädchen nicht, daß sie sich ganz von dir zurückzogen.«

»Nein, gewiß nicht, liebe Mama,« sagte Elfriede, »ich habe es nicht anders verdient, es war zu schlecht von mir.«

Da Elfriede sich bald wieder so wohl fühlte, um ihre Versöhnungsbesuche machen zu können, so hatte auch die Mutter nichts dagegen. Zuerst ging sie nun zu Eva Vogel, weil sie wußte, daß diese ein gutes, sanftes Kind war. Diese kam ihr denn auch sehr herzlich entgegen und war sogleich zur Versöhnung bereit. »Ich habe dich immer liebgehabt,« sagt« sie, »und es ist mir sehr schwer geworden, dir so fremd gegenüber zu treten.« Alle anderen, auch Elfriedes erbittertste Feindin Hedwig, über die sie wohl das Schlechteste gesagt haben mag, nahmen sie freundlich auf. Alle waren gerührt, als sie demütig wie ein armer Sünder bei ihnen eintrat, und verziehen ihr alles.

Wer war seliger als Elfriede, als sie mit dem wonnigen Gefühl, dass jetzt alles wieder gut sei, heimkehrte.

»Da müssen wir wohl eine Art Versöhnungsfest geben und alle deine Freundinnen dazu einladen«, hatte der Vater lachend bei Tisch gesagt.

»Ja, Papa, eine Gondelpartie wie Vogels«, rief Willi.

»Aber Junge, wir brauchen doch nicht anderen wie die Affen alles nachzumachen,« sagte belustigt der Vater, »weshalb soll es denn gerade eine Gondelpartie werden?«

»Weil es mit den bekränzten Gondeln so schön war«, entgegnete Willi.

»Nun, wenn es dir darum zu tun ist, so wollen wir mit bekränzten Wagen nach dem Eichwald fahren und meinetwegen Waschkörbe voll Flammeris und Kuchen mitnehmen«, erwiderte der Vater. »Bist du nun zufrieden?«

»Ja, aber jetzt fehlt noch die Musik und die Maibowle«, beharrte Willi.

»Gut, du sollst Erdbeerbowle haben, und ich will ein ganzes Musikchor bestellen, das dir so viel vorblasen soll, bis du befriedigt bist.«

»Jetzt ist alles richtig,« jubelte Willi, »dafür kannst du dich bei mir bedanken«, mit diesen Worten wandte er sich an die Schwester, »ich hatte auch schon die Mama darum gebeten, als du dich krank geärgert hattest.«

Bei Strahlens ging es nun in diesen Tagen sehr geschäftig zu. Es wurde gebacken, gekocht und alle möglichen Vorbereitungen zu dem Fest getroffen; Elfriede strahlte vor Freude und Glück, alle Schulfreundinnen waren eingeladen, und keine hatte abgesagt. Willi fand es in diesen Tagen am schönsten in der Küche, wie Mine ihrem Liebling Proben von den wohlgeratenen Speisen und Kuchen zusteckte. »Willichen, iss dich aber nur ja nicht krank«, sagte sie, und dabei gab sie ihm immer wieder neue Leckerbissen.

Als endlich der große Tag da war, fuhr eine zahlreiche heitere Gesellschaft in großen, bekränzten Wagen mit Musik dem Eichenwäldchen zu. Das Vergnügen war über alle Beschreibung schön. Papa Strahlen hatte mit viel Geschmack und Umsicht für allerlei Abwechslung gesorgt. Es wurde ein gar herrliches Fest, und die Freude und der Jubel der Kinder war sehr groß.

Dazu waren auch die Speisen der Mama Strahlen ebenso ausgezeichnet wie die Erdbeerbowle des Papas. Nachdem die Gäste auf das Wohl der freundlichen Gastgeber getrunken, stießen alle nun wieder ganz versöhnten Schulfreundinnen mit Elfriede auf treue fortdauernde Freundschaft an.

Erst am späten Abend kehrte die frohe Gesellschaft mit Musik wieder heim, und alle versicherten beim Abschied, sich prächtig amüsiert zu haben.

Elfriede hat Wort gehalten und den schrecklichen Fehler, über anderer Fehler zu schmähen, ganz abgelegt. Nie hat sie vergessen, was sie selbst dadurch gelitten, und dass sie ganz gegen Gottes Gebot gehandelt hatte. Wir sollen unsern Nächsten entschuldigen und Gutes von ihm reden. Wir sollen immer bedenken, dass wir alle Fehler haben, mit denen unsere Mitmenschen auch Geduld haben müssen.

Meta und Elfriede hatten sich so einander angeschlossen, dass sie mit Schmerz an die Trennungsstunde dachten. Zur größten Freude der beiden kleinen Mädchen hatte Metas Mutter die herzliche Einladung von Elfriedes Eltern angenommen und versprochen, im nächsten Jahre ihr Gast sein zu wollen. Auch hatten diese die Bitte der Frau Major gewährt und erlaubt, dass ihr Töchterchen die Herbstferien bei ihrer Meta in der großen Garnisonstadt verleben könne.

Beide blieben treue Freundinnen, und nie trat ein Misston in diese Freundschaft. Nie nahmen sie sich in kleinlicher Empfindlichkeit etwas übel, immer waren sie wahr und offen zueinander. Freundlich machten sie sich gegenseitig auf einen Fehler oder auf ein Versehen aufmerksam und besserten und veredelten sich so gegenseitig.

die quellenlose Bücherhitliste Teil 2


Teil 1 war hier

51. Wie ein einziger Tag, Nicholas Sparks

52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban, JK Rowling
gelesen, wie alle vorherigen Bände , wie schon gesagt, ich pottere gerne

53. Momo, Michael Ende
die grauen Herren, die Zeitdiebe – das Märchen ist fast noch schöner als die unendliche Geschichte

54. Jahrestage, Uwe Johnson

will ich unbedingt mal lesen, weiß gar nicht, warum es bisher immer beim wollen geblieben ist

55. Traumfänger, Marlo Morgan

56. Der Fänger im Roggen, Jerome David Salinger
war zu Recht ein Kultbuch

57. Sakrileg, Dan Brown
gelesen, aber naja …

58. Krabat, Otfried Preußler
gelesen, war gut, aber die Bearbeitung des Themas von Jurek Becker gefällt mir genauso gut, wenn nicht sogar besser

59. Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren
– ein Klassiker der Kinderliteratur, ein Kinderkraftmachbuch

60. Wüstenblume, Waris Dirie

so Ernst das Thema ist,ich habe kein Bedürfnis
darüber Romane zu lesen

61. Geh, wohin dein Herz dich trägt, Susanna Tamaro
hier schreckt mich schon der Titel

62. Hannas Töchter, Marianne Fredriksson

63. Mittsommermord, Henning Mankell

ich mag Schwedenkrimis
64. Die Rückkehr des Tanzlehrers, Henning Mankell
dto.

65. Das Hotel New Hampshire, John Irving

66. Krieg und Frieden, Leo N. Tolstoi
man muss langmütig sein um es zu lesen, bekommt aber viele schöne Momente geschenkt

67. Das Glasperlenspiel, Hermann Hesse

– eine intellektuelle Herausforderung, gern gelesen

68. Die Muschelsucher, Rosamunde Pilcher

da muss man mich schon ernsthaft bedrohen, dass ich ein Pilcherbuch zur Hand nehme

69. Harry Potter und der Feuerkelch, JK Rowling
naja, wie gesagt, ich pottere gerne
.
70. Tagebuch, Anne Frank
eine beeindruckender Mensch diese Anne Frank, ich las das Tagebuch mit 14; sie war mir nah wie eine Freundin


71. Salz auf unserer Haut, Benoîte Groult
72. Jauche und Levkojen , Christine Brückner
73. Die Korrekturen, Jonathan Franzen

74. Die weiße Massai, Corinne Hofmann
75. Was ich liebte, Siri Hustvedt

76. Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär, Walter Moers
den will ich lesen, hab von ihm „Die Stadt der träumenden Bücher“
77. Das Lächeln der Fortuna, Rebecca Gablé
78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt

79. Winnetou, Karl May
hatte ich als Kind gelesen und gemocht, wie die Karl-May-Filme auch- heute kann ich sie nicht ertragen
80. Désirée, Annemarie Selinko
81. Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig

82. Garp und wie er die Welt sah, John Irving

83. Die Sturmhöhe, Emily Brontë
gehört wie Jane Austen zu meiner Lieblingsliteratur in der frühen Pubertätsphase und ist noch immer gut–
84. P.S. Ich liebe Dich, Cecilia Ahern

85. 1984, George Orwell
sollte man mal wieder lesen – manchmal hat man ja das Gefühl, es entwickelt sich alles dahin

86. Mondscheintarif, Ildiko von Kürthy

87. Paula, Isabel Allende

88. Solange du da bist, Marc Levy
89. Es muss nicht immer Kaviar sein, Johannes Mario Simmel

90. Veronika beschließt zu sterben, Paulo Coelho
der Titel macht neugierig

91. Der Chronist der Winde, Henning Mankell
Schwedenkrimis sind gut, Mankell ist der Beste der Guten

92. Der Meister und Margarita, Michail Bulgakow
bin ich nicht rangekommen, glaube nicht, dass sich das ändert

93. Schachnovelle, Stefan Zweig

–sehr ergreifend,

94. Tadellöser & Wolff, Walter Kempowski
locker erzählte Nachkriegszeit, sehr unterhaltend und informativ

95. Anna Karenina, Leo N. Tolstoi –wie Krieg und Frieden fordert es Langmut und belohnt mit schönen Passagen

96. Schuld und Sühne, Fjodor Dostojewski – würde jetzt gern die neue Übersetzung lesen, die unter dem Titel Verbrechen und Strafe erschienen ist, die soll „entsentimenalisiert“ sein

97. Der Graf von Monte Christo, Alexandre Dumas
rettete mich im Krankenhaus als 13jährige vor dem Tod durch Langeweile – ich sehe mir noch immer jeden Film an, der im Fernsehen läuft, Klasse Plot

98. Der Puppenspieler, Tanja Kinkel

99. Jane Eyre, Charlotte Brontë – mein Lieblingsbrontë

100. Rote Sonne, schwarzes Land, Barbara Wood

die quellenlose Bücherhitliste Teil 1


Bei der Vorleserin eine Stöckchenaktion entdeckt, die ich mal aufgreife. Von einer Liste unbekannten Ursprungs, die die 100 beliebtesten Bücher aufzählt. Ich hab jetzt die ersten 50 mal beguckt, was davon auf mich zutrifft, was ich davon schon gelesen habe (fett), was ich lesen möchte (kursiv) und was mich eher kalt lässt (durchgestrichen).
Ich würde, glaub ich, etliche andere Bücher nennen, aber Michael Ende und sogar die Rowling wären auch dabei. Ziemlich weit oben ständen in meiner Liste Bücher von Edgar Hilsenrath und von Dschingis Aitmatow.

1. Der Herr der Ringe, JRR Tolkien
– als Film gesehen und nicht den Wunsch verspürt, das Buch zu lesen

2. Die Bibel
(alles gelesen, verschiedene Übersetzungen, werde auch weiterhin ab und an drin blättern, mag besonders die Psalmen und die Paulus-Briefe)
3. Die Säulen der Erde, Ken Follett
(stehen in meinem Schrank und warten darauf, gelesen zu werden)

4. Das Parfum, Patrick Süskind
(war gut, die Idee ist außergewöhnlich, hat überzeugt, die Umsetzung war gefällig)

5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry
(liebenswert)

6. Buddenbrooks, Thomas Mann
(war Pflichtlektüre, aber gut)

7. Der Medicus, Noah Gordon
( gelesen weil Langeweile gehabt, und das Buch war griffbereit , bin nicht begeistert, nicht enttäuscht – guter Filmstoff )

8. Der Alchimist, Paulo Coelho
(Lesewunsch besteht nicht)

9. Harry Potter und der Stein der Weisen, JK Rowling
( ich pottere sehr gerne)

10. Die Päpstin, Donna W. Cross

(gelesen weil Langeweile gehabt, und das Buch war griffbereit , mehr als mittelmäßig, nicht enttäuscht – weil nichts erwartet)

11. Tintenherz, Cornelia Funke
(will ich unbedingt mal lesen)

12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon

(kein Lesewunsch)
13. Das Geisterhaus, Isabel Allende
(will ich mal lesen, irgendwann)

14. Der Vorleser, Bernhard Schlink

(will ich unbedingt mal lesen)

15. Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe
(Pflichtlektüre, die dann doch nachhängt)

16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón

17. Stolz und Vorurteil, Jane Austen
( ich war in der adulten Phase ein Jane Austen- Fan; gibt auch eine gute Verfilmung von Stolz und Vorurteil)
18. Der Name der Rose, Umberto Eco
(war gut, der Film auch)
19. Illuminati, Dan Brown
( nicht enttäuscht, weil leichte Kost erwartet – für den Film werde ich nicht ins Kino gehen)

20. Effi Briest, Theodor Fontane
(war Pflichtliteratur, ist ein Zeitdokument ohne gleichen – ich liebe Fontanes Arbeiten)

21. Harry Potter und der Orden des Phönix, JK Rowling
(sh. Nr.9)
22. Der Zauberberg, Thomas Mann
(war Wahlpflichtliteratur, ist schon gut, aber …)
23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell
(als Film gesehen, das reicht)

24. Siddharta, Hermann Hesse
( gern gelesen vor Zeiten, sollte mal wieder, um die Einschätzung zu überprüfen – ich mag Hesse)

25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch (kein Lesewunsch)

26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende
( wunderbares Märchen, wunderbarer Erzähler)

27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn
(kein Lesewunsch)

28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt (steht im Schrank und wartet, gelesen zu werden)

29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse
(sh.24)

30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley
(kein Lesewunsch)

31. Deutschstunde, Siegfried Lenz

(eines meiner Lieblingsbücher)

32. Die Glut, Sándor Márai
(bisher kein Lesewunsch)

33. Homo faber, Max Frisch
(will ich mal lesen)

34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny
(will ich mal lesen)
35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera
(will ich mal lesen)
36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez (richtig gut)

37. Owen Meany, John Irving

(kein Lesewunsch)
38. Sofies Welt, Jostein Gaarder
(recht interessantes Buch)
39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams
(in jungen Jahren gelesen, war Kult, hatte jetzt mal wieder drin geblättert und kam nicht rein)
40. Die Wand, Marlen Haushofer
(bisher kein Lesewunsch)
41
Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving

(als Film gesehen, war gut, aber reicht)

42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez
(sh. 36. – ebenfalls: richtig gut, was zum wiederlesen)
43. Der Stechlin, Theodor Fontane
(typischer Fontane )
44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse (könnte man auch mal wieder lesen)
45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
(will ich mal lesen)
46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann
(will ich mal lesen, irgendwann)
47. Der Laden, Erwin Strittmatter (bin Strittmatterfan, mag den Wundertäter zwar noch mehr, aber der Laden ist richtig gut)
48. Die Blechtrommel, Günter Grass ( das Buch liest sich gut, der Film fast noch besser)
49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque (gut, 1. WK-roman der zu den verbrannten Büchern gehört)
50. Der Schwarm, Frank Schätzing ( als Hörbuch gehört –wirklich  guter Plot)

hier gehts weiter

Gedicht der Woche 06/2010


Verse

Wie viele

verblasste Bilder
verklungene Melodien
vergangene Lieben
vertrauliche Zwiegespräche
vergebliche Hoffnungen
vertane Zeit
verzweifelte Gedanken

…Versuchungen
……Verwünschungen
………Verfluchungen

habt Ihr unsterblich gemacht!?

von Anna Faltin


Erzählung der Woche 06/2010


von Franz Kafka

Der Gruftwächter

Drama

Kleines Arbeitszimmer, hohes Fenster, davor ein kahler Baumwipfel. Fürst (am Schreibtisch, im Stuhl zurückgelehnt, aus dem Fenster blickend), Kammerherr (weißer Vollbart, jugendlich in ein enges Jackett gezwängt, an der Wand neben der Mitteltür).
Pause.
FÜRST sich vom Fenster abwendend: Nun?
KAMMERHERR: Ich kann es nicht empfehlen, Hoheit.
FÜRST: Warum?
KAMMERHERR: Ich kann im Augenblick meine Bedenken nicht genau formulieren. Es ist bei weitem nicht alles, was ich sagen will, wenn ich jetzt nur den allgemein menschlichen Spruch anführe: Man soll die Toten ruhen lassen.
FÜRST: Das ist auch meine Ansicht.
KAMMERHERR: Dann habe ich es nicht richtig verstanden.
FÜRST: So scheint es.
Pause.
FÜRST: Das Einzige, was Sie in der Sache beirrt, ist vielleicht nur die Sonderbarkeit, daß ich die Anordnung nicht ohne weiters getroffen, sondern vorher Ihnen angekündigt habe.
KAMMERHERR: Die Ankündigung legt mir allerdings eine größere Verantwortung auf, der zu entsprechen ich mich bemühen muß .
FÜRST: Nichts von Verantwortung!
Pause .
FÜRST: Also nochmals. Bisher wurde die Gruft im Friedrichspark von einem Wächter bewacht, der am Eingang des Parkes ein Häuschen hat, in dem er wohnt. War an diesem Ganzen etwas auszusetzen?
KAMMERHERR: Gewiß nicht. Die Gruft ist über vierhundert Jahre alt und so lange wird sie auch in dieser Weise bewacht.
FÜRST: Es könnte ein Mißbrauch sein. Es ist aber kein Mißbrauch?
KAMMERHERR: Es ist eine notwendige Einrichtung.
FÜRST: Also eine notwendige Einrichtung. Nun bin ich so lange hier auf dem Landschloß, bekomme Einblick in Einzelheiten, die bisher Fremden anvertraut waren – sie bewähren sich schlecht und recht -, und habe gefunden: Der Wächter oben im Park genügt nicht, es muß vielmehr auch ein Wächter unten in der Gruft wachen. Es wird vielleicht kein angenehmes Amt sein. Aber erfahrungsgemäß finden sich für jeden Posten bereitwillige und geeignete Leute.
KAMMERHERR: Natürlich wird alles, was Hoheit anordnen, ausgeführt werden, auch wenn die Notwendigkeit der Anordnung nicht begriffen wird.
FÜRST auffahrend: Notwendigkeit! Ist denn die Wache am Parktor notwendig? Der Friedrichspark ist ein Teil des Schloßparkes, ist von ihm ganz umfaßt, der Schloßpark selbst ist reichlich, sogar militärisch bewacht. Wozu also die besondere Bewachung des Friedrichsparks? Ist sie nicht eine bloße Formalität? Ein freundliches Sterbelager für den armseligen Greis, der dort die Wache besorgt?
KAMMERHERR: Es ist eine Formalität, aber eine notwendige. Bezeugung der Ehrfurcht vor den großen Toten.
FÜRST: Und eine Wache in der Gruft selbst?
KAMMERHERR: Sie hätte meiner Meinung nach einen polizeilichen Nebensinn, sie wäre wirkliche Bewachung unwirklicher, dem Menschlichen entrückter Dinge.
FÜRST: Diese Gruft ist in meiner Familie die Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Anderen, und an diese Grenze will ich eine Wache stellen. Über die, wie Sie sich ausdrücken, polizeiliche Notwendigkeit dessen, können wir den Wächter selbst verhören. Ich habe ihn kommen lassen. Läutet.
KAMMERHERR: Es ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ein verwirrter Greis, schon außer Rand und Band.
FÜRST: Ist es so, dann wäre dies nur ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit einer Verstärkung der Wache in meinem Sinn.
Diener.
FÜRST: Der Gruftwächter!
Der Diener führt den Wächter herein, hält ihn unter dem Arm fest, sonst würde er zusammenstürzen. Alte, rote, weit ihn umschlotternde Festlivree, blankgeputzte Silberknöpfe, verschiedene Ehrenzeichen. Kappe in der Hand. Unter den Blicken der Herren zittert er.
FÜRST: Auf das Ruhebett!
Diener legt ihn hin und geht. Pause. Nur leises Röcheln des Wächters.
FÜRST wieder im Lehnstuhl: Hörst du?
WÄCHTER bemüht sich zu antworten, kann aber nicht, ist zu erschöpft, sinkt wieder zurück.
FÜRST: Suche dich zu fassen. Wir warten.
KAMMERHERR zum Fürsten gebeugt: Worüber könnte dieser Mann Auskunft geben, und gar glaubwürdige oder wichtige Auskunft. Man sollte ihn eiligst ins Bett bringen.
WÄCHTER: Nicht ins Bett – bin noch kräftig – verhältnismäßig – stelle noch meinen Mann.
FÜRST: Es sollte so sein. Du bist ja erst sechzig Jahre alt. Allerdings siehst du sehr schwach aus.
WÄCHTER: Werde mich gleich erholt haben – gleich erholt.
FÜRST: Es war kein Vorwurf. Ich bedauere nur, daß es dir so schlecht geht. Hast du über etwas zu klagen?
WÄCHTER: Schwerer Dienst – schwerer Dienst – klage nicht – aber entkräftet sehr – Ringkämpfe jede Nacht.
FÜRST: Was sagst du?
WÄCHTER: Schwerer Dienst.
FÜRST: Du sagtest noch etwas.
WÄCHTER: Ringkämpfe.
FÜRST: Ringkämpfe? Was für Ringkämpfe denn?
WÄCHTER: Mit den seligen Vorfahren.
FÜRST: Das verstehe ich nicht. Hast du schwere Träume?
WÄCHTER: Keine Träume – schlafe ja keine Nacht.
FÜRST: Dann erzähle also von diesen – diesen Ringkämpfen.
WÄCHTER schweigt.
FÜRST zum Kammerherrn: Warum schweigt er?
KAMMERHERR eilt zum Wächter: Es kann ja jeden Augenblick mit ihm zu Ende sein.
FÜRST steht beim Tisch.
WÄCHTER als ihn der Kammerherr berührt: Weg, weg weg! Kämpft mit den Fingern des Kammerherrn, wirft sich dann weinend hin.
FÜRST: Wir quälen ihn.
KAMMERHERR: Womit?
FÜRST: Ich weiß nicht.
KAMMERHERR: Der Weg ins Schloß, die Vorführung, der Anblick Eurer Hoheit, die Fragestellung – dem allen hat er nicht mehr genug Verstand entgegen zu setzen.
FÜRST sieht immerfort nach dem Wächter hin: Das ist es nicht. Geht zum Ruhebett, beugt sich zum Wächter, nimmt dessen kleinen Schädel zwischen die Hände. Mußt nicht weinen. Warum weinst du denn? Wir sind dir wohlgesinnt. Ich selbst halte dein Amt nicht für leicht. Gewiß hast du dir Verdienste um mein Haus erworben. Also weine nicht mehr und erzähle.
WÄCHTER: Wenn ich mich aber vor dem Herrn dort so fürchte – sieht den Kammerherrn drohend, nicht furchtsam an.
FÜRST zum Kammerherrn: Sie müssen fortgehn, wenn er erzählen soll.
KAMMERHERR: Sehen Sie doch, Hoheit, er hat Schaum vor dem Mund, ist schwerkrank.
FÜRST zerstreut: ja, gehen Sie, es dauert nicht lange.
Kammerherr geht.
FÜRST Setzt sich auf den Rand des Ruhebettes.
Pause.
FÜRST: Warum hast du dich vor ihm gefürchtet.
WÄCHTER auffallend gesammelt: Ich habe mich nicht gefürchtet. Vor einem Diener mich fürchten?
FÜRST: Er ist kein Diener. Er ist ein Graf, frei und reich.
WÄCHTER: Doch nur ein Diener, du bist der Herr.
FÜRST: Wenn du es so willst. Du selbst sagtest aber, daß du dich fürchtest.
WÄCHTER: Ich habe Dinge vor ihm zu erzählen, die nur du erfahren sollst. Habe ich nicht schon zu viel vor ihm gesagt?
FÜRST: Wir sind also Vertraute und ich habe dich doch heute zum ersten Mal gesehn.
WÄCHTER: Gesehn zum ersten Mal, aber seit jeher weißt du, daß ich das gehobener Zeigefinger wichtigste Hofamt habe. Du hast es ja auch öffentlich anerkannt, indem du mir die Medaille >Feuerrot< verliehen hast. Hier! Hebt die Medaille vom Rock.
FÜRST: Nein, das ist eine Medaille für fünfundzwanzigjährige Hofdienste. Die hat dir noch mein Großvater gegeben. Doch werde auch ich dich auszeichnen.
WÄCHTER: Tue, wie es dir gefällt und der Bedeutung meiner Dienste entspricht. Dreißig Jahre diene ich dir als Gruftwächter.
FÜRST: Nicht mir, meine Regierung dauert kaum ein Jahr.
WÄCHTER in Gedanken: Dreißig Jahre.
Pause.
WÄCHTER sich halb zu der Bemerkung des Fürsten zurückfindend: Nächte dauern dort Jahre.
FÜRST: Aus deinem Amt kam mir noch kein Bericht. Wie ist der Dienst?
WÄCHTER: Gleichförmig jede Nacht. Jede Nacht nahe bis zum Platzen der Halsadern.
FÜRST: Ist es denn nur Nachtdienst? Nachtdienst für dich Alten?
WÄCHTER: Das ist es eben, Hoheit. Es ist Tagdienst. Ein Faulenzerposten. Man sitzt vor der Haustür und hält im Sonnenschein den Mund offen. Manchmal tappt dir der Wächterhund mit den Vorderpfoten aufs Knie und legt sich wieder. Das ist die ganze Abwechslung.
FÜRST: Also.
WÄCHTER nickend: Aber er ist in Nachtdienst umgewandelt worden.
FÜRST: Von wem denn?
WÄCHTER: Von den Gruftherren.
FÜRST: Du kennst sie?
WÄCHTER: Ja.
FÜRST: Sie kommen zu dir?
WÄCHTER: Ja.
FÜRST: Auch in der letzten Nacht?
WÄCHTER: Auch.
FÜRST: Wie war es?
WÄCHTER setzt sich aufrecht: Wie immer.
FÜRST steht auf.
WÄCHTER: Wie immer. Bis Mitternacht ist Ruhe. Ich liege – verzeihe mir – im Bett und rauche die Pfeife. Im Bett nebenan schläft mein Tochterkind. Um Mitternacht klopft es das erste Mal ans Fenster. Ich sehe nach der Uhr. Immer pünktlich. Noch zweimal klopft es, es mischt sich mit den Uhrenschlägen vom Turm und ist nicht schwächer. Das sind nicht menschliche Fingerknöchel. Aber ich kenne das alles und rühre mich nicht. Dann räuspert es sich draußen, es wundert sich, daß ich trotz solchen Klopfens das Fenster nicht öffne. Möge sich die fürstliche Hoheit wundern! Noch immer ist der alte Wächter da! Zeigt die Faust.
FÜRST: Du drohst mir?
WÄCHTER versteht nicht gleich: Nicht dir. Dem vor dem Fenster!
FÜRST Wer ist es?
WÄCHTER: Er zeigt sich gleich. Mit einem Schlage öffnen sich Fenster und Fensterladen. Knapp habe ich noch Zeit, meinem Tochterkind die Decke über das Gesicht zu werfen. Sturm bläst herein, verlöscht das Licht im Nu. Herzog Friedrich! Sein Gesicht mit Bart und Haar erfüllt mein armes Fenster ganz und gar. Wie hat er sich entwickelt in den Jahrhunderten. Wenn er den Mund zum Reden öffnet, weht ihm der Wind den alten Bart zwischen die Zähne und er beißt in ihn.
FÜRST: Warte, du sagst Herzog Friedrich. Welcher Friedrich?
WÄCHTER: Herzog Friedrich, nur Herzog Friedrich.
FÜRST: Er nennt so seinen Namen?
WÄCHTER ängstlich: Nein, er nennt ihn nicht.
FÜRST: Und trotzdem weißt du – abbrechend. Erzähle doch weiter!
WÄCHTER: Soll ich weiter erzählen?
FÜRST: Natürlich. Das geht mich ja sehr an, es ist hier ein Fehler in der Arbeitsverteilung. Du warst überlastet.
WÄCHTER niederkniend: Nicht mir meinen Posten nehmen, Hoheit. Wenn ich so lange für dich gelebt habe, laß mich jetzt auch für dich sterben! Laß nicht vor mir das Grab vermauern, zu dem ich strebe. Ich diene gern und habe noch Fähigkeit zu dienen. Eine Audienz wie die heutige, ein Ausruhn beim Herrn, gibt mir Kraft für zehn Jahre.
FÜRST setzt ihn wieder auf das Ruhebett: Niemand nimmt dir deinen Posten. Wie könnte ich dort deine Erfahrung entbehren! Ich werde aber noch einen Wächter bestimmen und du wirst Oberwächter werden.
WÄCHTER: Genüge ich nicht? Habe ich jemals einen durchgelassen?
FÜRST: In den Friedrichspark?
WÄCHTER: Nein, aus dem Park. Wer will denn hinein? Bleibt einmal einer vor dem Gitter stehen, winke ich mit der Hand aus dem Fenster und er läuft davon. Aber hinaus, hinaus wollen alle. Nach Mitternacht kannst du alle Grabesstimmen um mein Haus versammelt sehn. Ich glaube, nur weil sie sich so aneinanderdrängen, fahren sie nicht sämtlich mit allem, was sie sind, mir durch das enge Fensterloch herein. Wird es allerdings zu arg, hole ich die Laterne unter dem Bett heraus, schwenke sie hoch und sie reißen sich, unverständliche Wesen, mit Lachen und Jammern auseinander; noch im letzten Busch am Ende des Parkes höre ich sie dann rauschen. Aber bald sammeln sie sich wieder.
FÜRST: Und sie sagen ihre Bitte?
WÄCHTER: Zuerst befehlen sie. Herzog Friedrich vor allen. So zuversichtlich sind keine Lebendigen. Seit dreißig Jahren, jede Nacht erwartet er, mich diesmal mürbe zu finden.
FÜRST: Wenn er seit dreißig Jahren kommt, kann es nicht Herzog Friedrich sein, der erst vor fünfzehn Jahren gestorben ist. Er ist aber der einzige dieses Namens in der Gruft.
WÄCHTER zusehr von dem Erzählten erfaßt: Das weiß ich nicht, Hoheit, ich habe nicht studiert. Ich weiß nur, wie er beginnt. »Alter Hund«, beginnt er beim Fenster, »die Herren klopfen und du bleibst in deinem Schmutzbett.« Gegen Betten haben sie nämlich immer Zorn. Und nun sprechen wir jede Nacht fast dasselbe. Er draußen, ich ihm gegenüber mit dem Rücken an der Tür. Ich sage: »Ich habe nur Tagdienst.« Der Herr wendet sich und ruft in den Park: »Er hat nur Tagdienst.« Daraufhin gibt es ein allgemeines Lachen des versammelten Adels. Dann sagt der Herzog wieder zu mir: »Es ist doch Tag.« Ich darauf kurz: »Sie irren.« Der Herzog: »Tag oder Nacht, öffne das Tor.« Ich: »Das ist gegen meine Dienstordnung.« Und ich zeige mit dem Pfeifenstock auf ein Blatt an der Wand. Der Herzog: »Du bist doch unser Wächter.« Ich: »Euer Wächter, aber von dem regierenden Fürsten angestellt.« Er: »Unser Wächter, das ist die Hauptsache. Also öffne, und zwar sofort.« Ich: »Nein.« Er: »Narr, du verlierst deinen Posten. Herzog Leo hat uns für heute eingeladen.«
FÜRST schnell: Ich?
WÄCHTER: Du.
Pause.
WÄCHTER: Wenn ich deinen Namen höre, verliere ich meine Festigkeit. Deshalb habe ich mich gleich aus Vorsicht an die Tür gelehnt, die mich jetzt fast allein aufrecht hält. Draußen singen alle deinen Namen. »Wo ist die Einladung?« frage ich schwach. »Bettvieh«, schreit er, »du zweifelst an meinem herzoglichen Wort?« Ich sage: »Ich habe keine Weisung und deshalb öffne ich nicht, öffne ich nicht, öffne ich nicht.« »Er öffnet nicht«, ruft der Herzog draußen, »also vorwärts, alle, die ganze Dynastie, gegen das Tor, wir öffnen selbst.« Und im Augenblick ist es vor meinem Fenster leer.
Pause.
FÜRST: Das ist alles?
WÄCHTER: Wie denn? Jetzt erst kommt mein eigentlicher Dienst. Hinaus aus der Tür, herum um das Haus, und schon pralle ich mit dem Herzog zusammen und schon schaukeln wir im Kampf. Er so groß, ich so klein, er so breit, ich so schmal, ich kämpfe nur mit seinen Füßen, aber manchmal hebt er mich und dann kämpfe ich auch oben. Um uns sind alle seine Genossen im Kreis und verlachen mich. Einer, zum Beispiel, schneidet hinten meine Hose auf und nun spielen alle mit meinem Hemdzipfel, während ich kämpfe. Unbegreiflich, warum sie lachen, da ich doch bisher immer gewonnen habe.
FÜRST: Wie ist es aber möglich, daß du gewinnst? Hast du Waffen?
WÄCHTER: Nur in den ersten Jahren nahm ich Waffen mit. Was könnten sie mir ihm gegenüber helfen, sie beschwerten mich nur. Wir kämpfen nur mit den Fäusten, oder eigentlich nur mit der Atemkraft. Und immer bist du in meinen Gedanken.
Pause.
WÄCHTER: Aber niemals zweifle ich an meinem Sieg. Nur manchmal fürchte ich, daß der Herzog mich zwischen seinen Fingern verlieren könnte und er nicht mehr wissen wird, daß er kämpft.
FÜRST: Und wann hast du gesiegt?
WÄCHTER: Wenn es Morgen wird. Dann wirft er mich hin und speit mir nach, das ist sein Bekenntnis der Niederlage. Ich aber muß noch eine Stunde liegen, ehe ich den richtigen Atem erschnappe.
Pause.
FÜRST steht auf. Aber sag, weißt du nicht, was sie alle eigentlich wollen?
WÄCHTER: Aus dem Park hinaus.
FÜRST: Warum aber?
WÄCHTER: Das weiß ich nicht.
FÜRST: Hast du sie nicht gefragt?
WÄCHTER: Nein.
FÜRST: Warum?
WÄCHTER: Ich habe Scheu davor. Wenn du es aber willst, werde ich sie heute fragen.
FÜRST erschrickt, laut: Heute!
WÄCHTER sachverständig: Ja, heute.
FÜRST: Und du ahnst auch nicht, was sie wollen?
WÄCHTER nachdenklich: Nein.
Pause.
WÄCHTER: Manchmal, vielleicht sollte ich das noch sagen, kommt früh, während ich so ohne Atem liege, ich bin dann auch zu schwach, um die Augen zu öffnen, ein zartes, feucht und haarig anzufühlendes Wesen zu mir, eine Nachzüglerin, Komtessa Isabella. Sie betastet mich an vielen Stellen, greift in den Bart, fährt in ihrer Gänze mir am Hals unterm Kinn vorbei und pflegt zu sagen: »Die andern nicht, aber mich, aber mich laß hinaus.« Ich schüttle den Kopf so viel ich kann. »Zum Fürsten Leo, um ihm die Hand zu reichen.« Ich höre nicht auf, den Kopf zu schütteln. »Aber mich, aber mich«, höre ich noch, dann ist sie weg. Und mein Tochterkind kommt mit Decken, wickelt mich ein und wartet bei mir, bis ich selbst gehen kann. Ein außerordentlich gutes Mädchen.
FÜRST: Ein unbekannter Name, Isabella.
Pause.
FÜRST: Die Hand mir zu reichen. Stellt sich zum Fenster, blickt hinaus.
Diener durch Mitteltür.
DIENER: Ihre Hoheit, die gnädige Frau Fürstin lassen bitten.
FÜRST sieht zerstreut den Diener an – zum Wächter: Warte, bis ich komme. Links ab.
Sofort durch Mitteltür Kammerherr, dann durch Tür rechts Obersthofmeister (jüngerer Mann, Offiziersuniform).
WÄCHTER duckt sich wie vor Gespenstern hinter das Ruhebett und fuchtelt mit den Händen.
OBERSTHOFMEISTER: Der Fürst ist weg?
KAMMERHERR: Ihrem Rat gemäß hat ihn die Frau Fürstin jetzt rufen lassen.
OBERSTHOFMEISTER: Gut. Wendet sich plötzlich, beugt sich hinter das Ruhebett. Und du, elendes Gespenst, wagst dich wahrhaftig hierher ins fürstliche Schloß. Fürchtest dich nicht vor dem gewaltigen Fußtritt, der dich aus dem Tor hinausbefördem wird?
WÄCHTER: Ich bin, ich bin –
OBERSTHOFMEISTER: Still, zunächst einmal still, ganz still – und hierher in den Winkel gesetzt! Zum Kammerherrn: Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung von der neuen fürstlichen Laune.
KAMMERHERR: Sie ließen mich fragen.
OBERSTHOFMEISTER: Immerhin. Und nun ein vertrauliches Wort. Absichtlich vor dem Ding dort. Sie, Herr Graf, kokettieren mit der Gegenpartei.
KAMMERHERR: Ist das eine Beschuldigung?
OBERSTHOFMEISTFR: Vorläufig eine Befürchtung.
KAMMERHERR: Dann kann ich antworten. Ich kokettiere nicht mit der Gegenpartei, denn ich erkenne sie nicht. Ich fühle die Strömungen, aber ich tauche mich nicht ein. Ich komme noch von der offenen Politik her, die unter Herzog Friedrich galt. Damals war im Hofdienst die einzige Politik, dem Fürsten zu dienen. Da er Junggeselle war, war dies erleichtert, aber es sollte niemals schwer sein.
OBERSTHOFMEISTER: Sehr vernünftig. Nur zeigt die eigene Nase – und sei sie noch so treu – niemals dauernd den richtigen Weg, den zeigt nur der Verstand. Dieser aber muß sich entscheiden. Gesetzt den Fall, der Fürst sei auf Abwegen: dient man ihm, indem man ihn hinunterbegleitet, oder indem man ihn – in aller Ergebenheit – zurückjagt? Ohne Zweifel, indem man ihn zurückjagt.
KAMMERHERR: Sie kamen mit der Fürstin von einem fremden Hof, sind ein halbes Jahr hier und wollen in den komplizierten Hofverhältnissen gleich den Schnitt auf Gut und Böse hin führen?
OBERSTHOFMEISTER: Wer blinzelt, sieht nur Komplikationen. Wer die Augen offen hält, sieht in der ersten Stunde wie nach hundert Jahren das ewig Klare. Hier allerdings das traurig Klare, das sich aber schon in diesen Tagen einer hoffentlich guten Entscheidung nähert.
KAMMERHERR: Ich kann nicht glauben, daß die Entscheidung, die Sie herbeiführen wollen und von der ich nur die Ankündigung kenne, eine gute sein wird. Ich fürchte, Sie mißverstehen unseren Fürsten, den Hof und alles hier.
OBERSTHOFMEISTER: Ob verstanden oder mißverstanden, der gegenwärtige Zustand ist unerträglich.
KAMMERHERR: Er mag unerträglich sein, aber er kommt aus dem Wesen der Dinge hier und wir würden ihn bis zum Ende tragen.
OBERSTHOFMEISTER: Aber die Fürstin nicht, ich nicht, die zu uns halten, nicht.
KAMMERHERR: Worin sehen Sie denn das Unerträgliche?
OBERSTHOFMEISTER: Gerade angesichts der Entscheidung will ich offen reden. Der Fürst hat eine Doppelgestalt. Die eine beschäftigt sich mit der Regierung und schwankt geistesabwesend vor dem Volk, mißachtet die eigenen Rechte. Die andere sucht zugegebenermaßen sehr präzis nach Verstärkung ihres Fundaments. Sucht sie in der Vergangenheit und dort immerfort tiefer. Was für eine Verkennung der Sachlage! Eine Verkennung, die nicht ohne Größe ist, nur aber in ihrer Fehlerhaftigkeit noch größer als im Anblick. Kann Ihnen denn das entgehen?
KAMMERHERR: Nicht gegen die Beschreibung, nur gegen die Beurteilung wende ich mich.
OBERSTHOFMEISTER: Gegen die Beurteilung? Ich aber habe in der Hoffnung auf Ihre Zustimmung noch milder geurteilt, als es wirklich in meinem Sinn liegt. Ich halte das Urteil noch immer zurück, um Sie zu schonen. Nur dieses: Der Fürst bedarf in Wirklichkeit keiner Verstärkung seines Fundaments. Er gebrauche alle seine gegenwärtigen Machtmittel und er wird finden, daß sie genügen, um alles zu schaffen, was die höchstgespannte Verantwortung vor Gott und den Menschen von ihm fordern kann. Er scheut aber das Gleichgewicht des Lebens, er ist auf dem Wege zum Tyrannen.
KAMMERHERR: Und sein bescheidenes Wesen!
OBERSTHOFMEISTER: Bescheidenheit der einen Gestalt, weil er alle Kräfte für die zweite braucht, welche das Fundament zusammenscharrt, das etwa für den Babylonischen Turm ausreichen soll. Diese Arbeit ist zu hindern, das sollte die einzige Politik jener sein, denen an ihrem persönlichen Bestand, am Fürstentum, an der Fürstin und vielleicht sogar am Fürsten selbst gelegen ist.
KAMMERHERR: »Vielleicht sogar« – Sie sind sehr offenherzig. Ihre Offenherzigkeit macht mich, um die Wahrheit zu sagen, vor der angekündigten Entscheidung zittern. Und ich bedauere es, wie ich es in letzter Zeit immer mehr bedauert habe, dem Fürsten bis zur eigenen Wehrlosigkeit treu zu sein.
OBERSTHOFMEISTER: Alles ist klargestellt. Sie kokettieren nicht mit der Gegenpartei, sondern halten sogar eine Hand hin. Nur eine, das ist anerkennenswert für einen alten Hofbeamten. Doch bleibt Ihre einzige Hoffnung, daß unser großes Beispiel Sie mitreißt.
KAMMERHERR: Was ich dagegen tun kann, werde ich tun.
OBERSTHOFMEISTER: Es ängstigt mich nicht mehr auf den Wächter zeigend. Und du, der du so schön still sitzen kannst, hast du alles verstanden, was jetzt gesprochen wurde?
KAMMERHERR: Der Gruftwächter?
OBERSTHOFMEISTER: Der Gruftwächter. Man muß wahrscheinlich aus der Fremde kommen, um ihn zu erkennen. Nicht wahr, mein junge, altes Käuzchen du. Haben Sie ihn schon einmal am Abend durch den Forst fliegen sehn, von keinem Kunstschützen zu treffen. Aber bei Tage duckt er sich auf einen Wink.
KAMMERHERR: Ich verstehe nicht.
WÄCHTER fast weinend: Ihr zankt mit mir, Herr, und ich weiß nicht warum. Laßt mich, bitte, nach Hause gehn. Ich bin doch nichts Schlechtes, sondern der Gruftwächter.
KAMMERHERR: Sie mißtrauen ihm.
OBERSTHOFMEISTER: Mißtrauen? Nein, dazu ist er zu geringfügig. Aber ich will doch meine Hand auf ihn legen. Ich denke nämlich – nennen Sie es Laune oder Aberglauben – daß er nicht nur ein Werkzeug des Schlechten, sondern ganz ehrenhaft selbständiger Arbeiter im Schlechten ist.
KAMMERHERR: Er dient etwa dreißig Jahre ruhig dem Hofe, ohne vielleicht jemals im Schlosse gewesen zu sein.
OBERSTHOFMEISTER: Ach, solche Maulwürfe bauen lange Gänge, ehe sie hervorkommen. Plötzlichzum Wächter gewendet: Zunächst weg mit diesem! Zum Diener: Du führst ihn in den Friedrichspark, bleibst bei ihm und läßt ihn nicht mehr hinaus, bis auf weiteren Befehl.
WÄCHTER in großer Angst: Ich soll auf Seine Hoheit den Fürsten warten.
OBERSTHOFMEISTER: Ein Irrtum. – Pack dich.
KAMMERHERR: Er muß schonend behandelt werden. Es ist ein alter kranker Mann und dem Fürsten ist irgendwie an ihm gelegen.
WÄCHTER verbeugt sich tief vor dem Kammerherrn.
OBERSTHOFMEISTER: Wie? Zum Diener: Behandle ihn schonend, aber schaff ihn schon endlich hinaus! Flink!
DIENER Will zugreifen.
KAMMERHERR tritt dazwischen: Nein, es muß ein Wagen geholt werden.
OBERSTHOFMEISTER: Das ist die Hofluft. Ich kann kein Korn Salz herausschmecken. Also einen Wagen. Du überführst die Kostbarkeit in einem Wagen. Aber nun endlich aus dem Zimmer mit euch beiden. Zum Kammerherrn: Ihr Verhalten sagt mir –
WÄCHTER fällt auf dem Weg zur Tür miteinem kleinen Schrei nieder.
OBERSTHOFMEISTER stampft auf.- Ist es unmöglich, ihn loszuwerden. So nimm ihn doch auf den Arm, wenn es nicht anders geht. Begreife doch endlich, was man von dir will.
KAMMERHERR: Der Fürst!
DIENER öffnet die Tür links.
OBERSTHOFMEISTER: Ah! Blick aufden Wächter: Ich hätte es wissen sollen, Gespenster sind nicht transportabel.
FÜRST Mit schnellem Schritt, hinter ihm die Fürstin, dunkle junge Frau, Zähne zusammengebissen, bleibt an der Tür stehen.
FÜRST: Was ist geschehn?
OBERSTHOFMEISTER: Dem Wächter wurde übel, ich wollte ihn wegschaffen lassen.
FÜRST: Man hätte mich benachrichtigen sollen. Ist der Arzt geholt?
KAMMERHERR: Ich lasse ihn rufen. Eilt durch die Mitteltür hinaus, kommt gleich wieder.
FÜRST während er beim Wächter niederkniet: Bereitet ein Bett für ihn! Holt eine Bahre! Kommt der Arzt schon? So lange bleibt er aus. Der Puls ist so schwach. Das nicht zu fühlende Herz. Das jämmerliche Rippenwerk. Wie abgebraucht das alles ist. Steht plötzlich auf, holt ein Wasserglas, wobei er um sich blickt. Man ist so unbeweglich. Kniet gleich wieder nieder, befeuchtet des Wächters Gesicht. Nun atmet er schon besser. Es wird nicht so schlimm, ein gesunder Stamm, noch im letzten Elend versagt er nicht. Aber der Arzt, der Arzt! Während er zur Tür blickt, hebt der Wächter die Hand und streichelt einmal des Fürsten Wange.
FÜRSTIN wendet den Blick ab, zum Fenster. Diener mit Bahre, Fürst hilft beim Aufladen.
FÜRST: Faßt ihn sanft an. Ach, mit eueren Tatzen! Den Kopf ein wenig heben. Näher die Bahre. Das Kissen tiefer unter den Rücken. Den Arm! Den Arm! Ihr seid schlechte, schlechte Krankenwärter. Ob ihr einmal auch so müde sein werdet, wie dieser auf der Bahre. – So – und nun allerallerlangsamsten Schritt. Und vor allem gleichmäßig. Ich bleibe hinter euch.
In der Tür zur Fürstin: Das ist also der Gruftwächter.
FÜRSTIN nickt.
FÜRST: Ich dachte dir ihn anders zu zeigen. Nach einem weiterenSchritt: Willst du nicht mitkommen?
FÜRSTIN: Ich bin so müde.
FÜRST: Sobald ich mit dem Arzt gesprochen habe, komme ich hinüber. Und Sie, meine Herren, wollen mir berichten, warten Sie auf mich. Ab.
OBERSTHOFMEISTER zur Fürstin: Bedürfen Hoheit meiner Dienste?
FÜRSTIN: Immer. Für Ihre Wachsamkeit danke ich Ihnen. Lassen Sie von ihr nicht ab, auch wenn sie heute vergeblich war. Es geht um alles. Sie sehen mehr als ich. Ich bin in meinen Zimmern. Aber ich weiß, es wird trüber und trüber. Es ist diesmal ein über alle Maßen trauriger Herbst.