Gedicht der Woche 04/2010


Seichte Dichter

Ließen jene doch das Schreiben!
Aber wortlos will nicht bleiben
was aus ihren Federn fließt.
Worte tropfen – mir zum Grause –
aus Autorenhirnes Pause,
daß dies Wortnichts jeder liest.

Unentwegt füllt sich die Brache
meiner siechen Muttersprache
ohne allzu viel Verstand.
Taumelnd fällt aus fremden Hirnen
hinter hohlen Denkerstirnen
Wort um Wort in nassen Sand.

Phrasen dreschen, Worte speien
wird euch hohen Ruhm verleihen,
freut des Lesers Schafsnatur.
Kritisiert man solche Nieten,
will Paroli ihnen bieten,
so kassiert man Schelte nur.

Nein, ich will nicht fürder tragen
freien Lektors Höllenplagen,
helfe keinen Laien mehr.
Jener Worte Honigsüße
zieht die Zähne, hemmt die Füße –
dazu geb ich mich nicht her.

© Claudia Sperlich

Märchen der Woche 04/2010


Das Märchen vom Kitschroman
von Claudia Sperlich


In jenem Lande, da der Mond des Nachts wie eine runde Scheibe Helva mit Pistazien den samtblauen sternenfunkelnden Himmel durchkugelt, lebte einst eines reichen Kaufmannes einzige Tochter, schön wie die selbigem Monde folgende Morgenröte. Als sie zur Jungfrau erblüht war, freiten viele wackere Männer um sie, aber keiner rührte ihr Herz. Der besorgte Vater begann schon zu argwöhnen, seine liebliche Tochter sei nach griechischer Art für die Köchin entflammt, aber sie zeigte sich ebenso sittsam wie spröde.
Eines Tages aber fand ihr Vater, da er morgens ihre Kammertür öffnete, seine geliebte Tochter in inniger Umarmung mit einer Schreibfeder. Schon entquoll der Feder purpurrote Tinte, und die schöne Kaufmannstochter seufzte vor Wonne, da sprang der erzürnte und gekränkte Vater auf die Feder zu und wollte sie seiner Tochter entreißen.
Die Liebenden zitterten vor Angst, aber die ebenso tapfere wie liebliche Maid ermannte sich rasch, riß das Fenster auf, hielt sich an der Schreibfeder fest und entschwebte mit ihr.
Fern in einem stillen Wald ließ das Paar sich nieder, und siehe, neun Monate darauf war die Frucht ihrer heimlichen Liebe ein honigtriefendes, rosenduftendes Büchlein. Ein frommer Eremit, der rein zufällig denselben Wald bewohnte, traute das junge Paar und fertigte eine Abschrift des Sprößlings an, die er dem Vater durch einen fahrenden Schüler überbringen ließ.
So entstand der Kitschroman, und der Kaufmann söhnte sich bald darauf mit seiner Tochter und dem leichten Schwiegersohn aus, da er merkte, wie gut die Kinder der beiden sich verkaufen ließen.
Ihre Nachkommen waren zahlreich wie der Wüstensand und die Sterne am Himmel, über den, wie bereits erwähnt, eine Scheibe Helva zu rollen pflegt.


Gedicht der Woche 03/2009


Heinrich Seidel

Die Wolken

Ich habe euch immer geliebt
Ihr Wolken des Himmels!
Gern wandre ich einsam
Auf weiter Heide,
Nachsinnend der Menschen Geschick
Und dem eignen Verhängniss,
Bei eurem Anblick.
Wechselnde Wolken.
Wie ihr euch wandelt.
Ihr Wolken des Himmels,
So wandeln sich ewig
Der Menschen Geschicke
Je nach des Glückes
Launiger Sonne.

Schimmernd und heiter
Schwebt ihr in blauen
Sonnigen Lüften
Wie holde Gedanken
Beseligter Liebe.
Grau und trübe
Verhüllt ihr der Sonne
Belebenden Lichtglanz.
Wie den umdüstern
Die trostlosen Träume,
Dem nichts geblieben
Als einsame Thränen.

Ihr sendet liebreich,
Selber zerschmelzend,
Befruchtenden Regen.
aus des Schmerzes
Vergehenden Spuren
Spriessen geläutert
Zu höherer Schönheit
Des Menschengemüthes
Herrlichste Blumen.

Ihr Wolken des Himmels –
Heiter und rosig
Strahlt ihr am Morgen.
Und ach, so selten
Bringt uns der Mittag
Schöne Erfüllung.
Doch nach der Stürme
Grausigem Tosen
Und nach des Regens
Unsäglichen Fluthen
Taucht euch des Abends
Versinkende Sonne
Schwindend noch einmal
In rosigem Schein –
Hoffnungsvoll deutend,
Dass hinter des Todes
Dunklem Verhängniss
Wohl noch ein schönerer
Morgen uns blüht.

für die Woche 03/2010 erzählt


Die Monate.

Ein Sylvestermärchen von Heinrich Seidel

III. Das wunderbare Kästchen.

Als Christian am anderen Morgen aufwachte, lag er auf der Ofenbank, im Zimmer war aufgeräumt und von den Spuren des gestrigen Gelages nichts mehr zu sehen, so dass er fast geneigt war, das ganze Abenteuer für einen sonderbaren Traum zu halten. Der Wirth kam ihm ganz höflich entgegen und auf die Frage nach der Schuldigkeit forderte er ein Geringes für Nachtquartier und Morgenzehrung. Danach marschierte Christian wieder munter in den kalten grauen Neujahrstag hinaus. Es wehte eine scharfe Luft und nach einer Weile begann es zu stäuben, von einem feinen prickelnden Schnee, der in alle Lücken der Kleidung eindrang. Trotzdem wanderte Christian muthig weiter, suchte sich durch eine raschere Gangart warm zu halten und war im Geiste fortwährend mit den sonderbaren Erlebnissen des gestrigen Abends beschäftigt. Je mehr er daran dachte, je unglaublicher erschien ihm alles und doch stand jede Einzelheit so klar vor seinem Gedächtniss, es musste jedenfalls eine sehr gründliche und deutliche Art von Traum gewesen sein. Mittlerweile mehrte sich der Schnee und der Weg ward immer beschwerlicher. Zudem fühlte Christian immer einen sonderbaren Druck auf der Brust wie von einem harten Gegenstande, und als er nachfühlte, fand er das Kästchen, welches er gestern Abend hatte in die Brusttasche gleiten lassen. Er zog es hervor und betrachtete es neugierig; die Sache war also doch kein Traum gewesen. Er öffnete es und besah das Inwendige. So reich geschmückt die Aussenseiten auch waren, so leer und schmucklos war es im Innern. Er klappte den Deckel wieder zu und dachte über die Worte nach, welche der Dezember bei der Ueberreichung gesprochen hatte. Er setzte zwar wenig Glauben in die verheissene Wunderkraft des Kästchens, allein er dachte doch unwillkürlich: »Wenn ich jetzt so eine schöne Staatskutsche hätte und zwar eine geheizte mit vier Pferden davor, Kutscher und Bedienten und allem, was dazu gehört, da wollte ich besser und bequemer vom Fleck kommen.« Kaum hatte er dies ausgedacht, so vernahm er ein leichtes Stampfen und Getrappel in dem Kästchen, und als er es verwundert öffnete, da hätte er es beinahe vor Schreck fallen lassen, denn es war nicht mehr leer, sondern eine kleine allerliebste Kutsche darin mit vier Pferden, nicht grösser als Zwergmäuse, und winzigem Kutscher und Bedienten, so klein wie die grauen Grashüpfer, welche im Sommer auf den Wiesen zirpen. Aus dem Verdeck der Kutsche kam ein kleines Kaminrohr hervor und liess ein zartes blaues Räuchlein in die Luft steigen. »Ja, was soll ich damit anfangen?« dachte Christian, als die erste Ueberraschung vorbei war, »für Geld sehen lassen ist das einzige.« Endlich verfiel er darauf, das Kästchen auf die Erde zu setzen, und damit war das Richtige getroffen, denn kaum war dies geschehen, als der Bediente vom Bock sprang und die Vorderwand des Kästchens gleich einem Thore öffnete. Sogleich fuhr der kleine Wagen hinaus und im Weiterfahren fing alles an mit grosser Schnelligkeit zu wachsen, so dass nach wenigen Sekunden die richtige Grösse erreicht war. Der Bediente sprang wieder vom Bock, riss die Wagenthüre auf und sah Christian erwartungsvoll an. Dieser war so verblüfft, dass er fast das Kästchen hätte stehen lassen. Zum guten Glück stolperte er aber fast darüber, als er weiter gehen wollte, steckte es schnell zu sich und stieg ein. In dieser Kutsche war es aber hübsch, das muss man sagen. Sie war wirklich geheizt und drinnen eine behagliche Wärme. Dabei hing sie in so vorzüglichen Federn, dass Christian auch bei dem schnellsten Dahinjagen kaum etwas von den Unebenheiten des Weges verspürte, und in den veilchenblauen Sammtpolstern sass er wie in Abrahams Schoss. Als ihm nun auf diese Art klar wurde, welchen unermesslichen Schatz er an diesem Kästchen besass, ward er fast unsinnig vor Freude, sprang in dem Wagen herum, hopste vom Vorder- auf den Rücksitz, schlug sich auf die Kniee, klatschte in die Hände und lachte und weinte in einem Athem. Endlich beruhigte er sich ein wenig und nun fiel ihm plötzlich auf, wie schlecht sein alter abgeschabter Anzug zu der schönen Kutsche passen wollte und wünschte sich schnell das Feinste. Sogleich fand er in dem Kästchen ein Röcklein vom herrlichsten Tuch mit goldgesticktem Kragen und Aufschlägen, eine geblümte Atlasweste, seidene Höschen und Strümpfe, Wäsche vom feinsten Battist, Schuhe mit goldenen Schnallen, kurz alles was dazu gehört, und alles wuchs zur richtigen Grösse, sobald es herausgenommen war. Er kleidete sich nun um und warf das alte Zeug zum Fenster hinaus. Aber in einem so schönen Anzug leere Taschen zu haben, das ging nicht, flugs wünschte er sich das Nöthige, und als er das Kästchen öffnete, war es gestrichen voll der schönsten Randdukaten. Das liess er sich gefallen. Als schliesslich Hunger und Durst sich regten, entnahm er dem unerschöpflichen Kästchen einen Esskober, gefüllt mit den herrlichsten Gerichten und ein Flaschenfutter mit den feinsten Weinen aller Länder und frühstückte wie ein Kaiser.

Als um die Mittagszeit dieses Tages die vornehme und glänzende Kutsche vor dem ersten Gasthofe der Stadt anhielt, welche Christian aufsuchen wollte, und ein so kostbar gekleideter Herr ausstieg, da erstarb der Wirth fast vor Ehrfurcht und sein Antlitz leuchtete wie Vollmondschein, indes die Kellner den seltenen Gast dienend umschwärmten wie die Fliegen einen Honigtropfen. Solche Wendung hatte mit einemmal sein Schicksal durch das wunderbare Kästchen genommen.

Natürlich dachte er jetzt nicht mehr an die Einziehung seines ausgeliehenen Geldes, nahm sich auch vor, noch nicht in seine Vaterstadt zurückzukehren, sondern beschloss einstweilen die Welt zu durchreisen, allenthalben sich aufzuhalten, wo es ihm gefiel, und die Gaben seines unvergleichlichen Schatzes recht auszukosten. So reiste er denn fast ein ganzes Jahr in Deutschland herum und hinterliess überall, wo er sich aufgehalten hatte, ein gutes Andenken, da er grosse Summen an die Armen schenkte, mittellose Brautpaare ausstattete und Leute aus dem Schuldthurm befreite. Dabei vergass er jedoch nicht, dass sein Schatz ihm nur auf die Dauer eines Jahres verliehen war, und liess durch einen Agenten in der Nähe seiner Vaterstadt eine grosse Herrschaft aufkaufen, zu welcher prächtige Wälder und Seen, viele Güter, ein herrliches Schloss auf dem Lande und ein wohleingerichtetes Haus in der Stadt gehörten, und alles aufs schönste und kostbarste wohnlich instandsetzen. Wegen seiner grossen Wohlthaten hatte ihn der Fürst eines Landes, wo er besonders den Armen hilfreich gewesen war, unter dem Namen Herr von Kästchen in den Adelsstand erhoben und als man nun in seiner Vaterstadt erfuhr, dass dieser Mann, dessen Reichthum und dessen Wohlthätigkeit schon überall sprichwörtlich geworden war, sich in der Umgegend niederlassen wollte, da herrschte grosse Freude und man fühlte sich durch diese Wahl höchlichst geehrt. Freilich hatte niemand eine Ahnung, wer sich unter diesem Namen verbarg, auch sein Bruder nicht.

Um die Weihnachtszeit kehrte Christian in seine Vaterstadt zurück und die Leute konnten nicht genug erzählen von der Pracht seines Wagens, von der Schönheit seiner Pferde und der Leutseligkeit seines Wesens, denn niemand erkannte ihn wieder. Anfangs liess er sich wenig sehen, sondern sass fleissig die Tage über in einem Kämmerchen seines Hauses, das er ganz mit zolldicken Eisenplatten hatte austapezieren und mit schweren eisernen Thüren hatte versehen lassen, und war ausschliesslich damit beschäftigt, sein Kästchen voll Dukaten zu wünschen und das köstliche Gut dort wie Weizen auf einem Kornboden aufzuspeichern. Als endlich die goldene Last dort drei Fuss hoch lag, und nur einige schmale Gänge dazwischen frei gelassen waren, da schien es ihm genug, er verschloss diese Schatzkammer sorgfältig und dreifach mit den künstlichsten Schlössern und machte sich auf, seinen Bruder zu besuchen. Als er dort gerade wieder am Morgen des Sylvestertages vorfuhr und sich melden liess, war dieser sehr erstaunt und verwirrt über den vornehmen Besuch, allein noch mehr verwunderte er sich, als dieser ihm entgegentrat mit den Worten: »Da bin ich wieder, lieber Bruder und komme, meinen Ring zurückzukaufen. Ich vermag dir jetzt zehntausendfach zu vergelten, was Du damals an mir gethan hast.« Damit winkte er dem Diener, welcher an der Thür stehen geblieben war und dieser lief nun an den Wagen und schleppte keuchend einen Geldsack herbei, welcher zehntausend Dukaten enthielt. Christian löste die Schnur, stiess den Sack um und leerte den mächtigen Haufen Gold auf den Tisch aus. Wie da Johannes‘ Augen gierig funkelten und wie er verblüfft war, das kann man sich wohl leicht vorstellen, fast wäre er vor seinem Bruder auf die Kniee gefallen und hätte ihn angebetet. Als er nun wohl zehnmal seinen verwirrten Dank gestammelt hatte, stürzte er fort und holte den Ring. Dann stierte er wieder auf den Goldhaufen hin; der Schweiss trat ihm auf die Stirn und das Wasser lief ihm im Munde zusammen – einmal musste er jetzt darin wühlen, anders hielt er es nicht aus. Wie ein Magnetberg zog es ihn an, er grub die Hände hinein und nun lief es ihm von den Fingerspitzen aus wie Wollust durch alle Glieder. Heimlich aber behielt er einen Dukaten in der Hand und während er allerlei von Bewirthung stammelte und seinen Bruder bat, einen Augenblick sich zu gedulden, lief er in das Nebenzimmer, wo sein Probierstein und seine Goldwage sich befand, und prüfte das Geldstück. Wahrhaftig, es war echt und von dem feinsten Dukatengolde. Nun rief er nach seiner Wirthschafterin und befahl ihr, das Beste aufzutischen, was im Hause zu finden war, und dann rannte er wieder hin, bedeckte den Goldhaufen mit einem Tuche, damit die Frau ihn nicht sehen sollte, kurz er war ganz ausser sich.

Als die Brüder dann bei einer Flasche köstlichen französischen Weissweins sassen, erzählte Christian seine Geschichte. Da überkam seinen Bruder eine Gier nach dem wunderbaren Kästchen, welche ihn wie Feuer brannte. Heute, da die Monate wieder im Nobiskrug zusammenkamen, war ja gerade die Zeit günstig, dort musste er hin auf jeden Fall und ihm, als dem Klügern, musste es doch sicher gelingen, das Kästchen in seinen Besitz zu bringen. Den Monaten wollte er schon etwas Angenehmes sagen: Sirup und Zucker wollte er reden mit Honig dazwischen.

Als darum Christian ihn verlassen und er sein Gold verwahrt hatte, lief er sofort hin und miethete für den Nachmittag einen Wagen, um dorthin zu fahren. Er bekam einen solchen, aber nur gegen eine hohe Summe, deren Hälfte er vorausbezahlen musste, weil die Fuhrleute in der Sylvesternacht diesen verrufenen Ort zu meiden pflegten. In der Dämmerung ging die Reise ab. Draussen war ein trübes, regnerisches Wetter; die Felder waren mit schmutzigem, zerfliessendem Schnee bedeckt und in den Wagenspuren stand das Wasser. Der Himmel war von einem verdriesslichen, einförmigem Grau, und der Tannenwald stand da wie eine schwarze Masse in finsterem Schweigen.

Als er in dem Nobiskruge ankam, gerieth er sogleich in einen Wortwechsel mit dem Wirthe, welcher ihn nicht hineinlassen wollte, aber Johann war zäh und liess sich so leicht nicht abweisen. Da infolgedessen der Streit immer lauter wurde, öffnete sich die Thür und der Dezember schaute heraus. Als dieser erfuhr, worum es sich handelte, wies er den Wirth an, den Fremden eintreten zu lassen, und nun fügte sich anfangs alles, wie es bei Christian gewesen war. Schliesslich sass Johann ebenfalls mit in der Runde, und die verfänglichen Fragen begannen. Da bemerkte er mit Schrecken dass es mit Sirup, Zucker und Honig nichts war, denn dieser Gesellschaft gegenüber gab es keine Verstellung, und mochte man wollen oder nicht, es kam nur die innere Wahrheit, und damit bei Johann eiterfressendes Gift und bittere Galle zum Vorschein. Und ob er sich auch mit Anstrengung aller seiner Kräfte zwingen wollte, es half ihm nichts, er nannte den Januar einen störrischen Eisbock, der ausser den Kohlenhändlern keinen Freund auf der Welt habe; den Februar schalt er einen eitlen Fant und Leuteverführer, den März einen Schmutzfinken, den April einen Sausewind ohne Charakter, und über den Mai schimpfte er nun gar: Sein ganzer Ruhm sei erfunden von lügenhaften Dichterlingen und keine grössere Wonne kenne er, als eisigen Schnee in die blühenden Obstbäume zu werfen und durch tückische Nachtfröste die Hoffnungen des ganzen Jahres zu zerstören. Der Juni sei ein Mischling, halb Frühling, halb Sommer, aber beides nicht ordentlich, der Juli entweder zu trocken oder zu nass, der August bringe auf eine mässige sieben Missernten und fast nichts als Aerger und Enttäuschung, und ebenso halte es der September mit dem Obst. Den Oktober schimpfte er einen Lärmmacher und Weinverderber, den November nannte er einfach grässlich, darüber sei die ganze Welt sich einig, und der Dezember sei wieder dem Januar zu vergleichen, verführe ferner die Menschen zu unnützen Ausgaben, sich und ihre Kinder mit allerhand Albernheiten zu beschenken. So liess er an keinem ein gutes Haar, und als er geendet hatte, sassen alle in finsterem Schweigen da. Endlich räusperte sich der Dezember und sagte langsam und bedenklich: »Ei– ei – ei – ei – ei! Ja – ja!«

Darauf grub er aus einer seiner tiefsten Taschen ein ganz schwarzes Kästchen hervor und sprach: »Nehmt hier dieses Andenken, es wird Euch die Stunde, da Ihr so sinnreiche Urtheile von Euch gabet, unvergesslich machen. Aber eines sage ich Euch: Wenn Euch das Leben lieb ist, so öffnet es nicht, bevor Ihr in Eurem Hause angelangt seid. Dies merkt Euch wohl!«

Johann griff gierig nach dem Kästchen und wollte danken, der Dezember aber liess es nicht zu, sondern klopfte stark auf den Tisch. Da ergriffen alle Monate ihre Instrumente, und nun erhoben sie eine Musik, welche so über alle Beschreibung grässlich war, als seien alle Misstöne der Welt in diese Werkzeuge gesperrt und kämen nun mit einem Male zum Vorschein. Es klang wie ein Gemisch aus den Liebesmelodien freiender Kater, dem Kreischen ungeschmierter Thüren, den letzten Gesängen verblutender Schweine, dem nächtlichen Geheul mondsüchtiger Hunde und dem Gebrüll verliebter Ochsenfrösche. Und dabei sassen die Monate mit einer finsteren Andacht da und manche schlugen verklärt die Augen empor, als spielten sie das herrlichste Requiem der Welt.

Johann erschrak zwar ein wenig, als dies losging, allein was kümmerte es ihn schliesslich, er hatte ja das Kästchen, und als die zwölf Gesellen sich immer mehr in ihre grauenhafte Musik vertieften, benutzte er einen günstigen Augenblick und huschte schnell zur Thür hinaus. Seinen Wagen fand er aber nicht mehr vor, denn sofort bei dem Beginn dieser furchtbaren musikalischen Orgie war der Kutscher von Entsetzen ergriffen davongejagt und längst im Dunkel der Nacht verschwunden. So musste er sich wohl oder übel entschliessen, zu Fusse nach Hause zu gehen. Aber was machte das, er hatte ja das Kästchen! So stampfte er denn in der Dunkelheit durch den nassen Schnee, stolperte, fiel in die schlammigen Gräben und kroch wieder heraus und tastete alle Augenblicke nach, ob er den Schatz auch noch in der Brusttasche habe. Die Anstrengung dieses nächtlichen Ganges durch die Nässe und den zerfliessenden Weg fühlte er nicht, denn vor den Augen seines Geistes flammte nichts als Gold und Gold und wieder Gold. Ja, er wollte es klüger machen als sein Bruder Christian. Sein ganzes Haus wollte er mit dem geliebten gelben Metall erfüllen und seine Phantasie schwelgte in den üppigsten Bildern. Wälzen wollte er sich auf lauter Dukaten und sich eingraben bis an den Hals und darin wühlen und mit den Händen unablässig einen goldenen Sprühregen in die Luft schleudern.

Müde, durchnässt und beschmutzt kam er zu früher Morgenstunde in seinem Hause an, allein bevor er die Ruhe suchte, wollte er einen Beweis von der Kraft seines Schatzes sehen. Er stellte das Kästchen auf den Tisch und wünschte es gehäuft voll Kremnitzer Randdukaten. Mit zitternden Händen öffnete er den Deckel, allein statt funkelnden Goldglanzes bemerkte er nur etwas Schwarzes darin, das er nicht genau erkennen konnte. Er schob das Licht näher hinzu und nun sah er, dass es lauter dicht aneinander gedrängte Mäuseköpfe waren, deren blanke, schwarze Aeuglein ihn listig anfunkelten. Kaum war ihm dies klar geworden, als auch schon Bewegung in die Masse kam und wie ein aufquellendes Wasser die Mäuse über den Rand auf den Tisch strömten, wo sie mit hässlichem Quieken umherliefen. Als Johann sah, dass sich das Kästchen gar nicht erschöpfen wollte und unausgesetzt Mäuse daraus hervorquollen, so dass schon der ganze grosse Tisch von dem hässlichen Geziefer erfüllt war, klappte er schnell den Deckel zu, allein mit Gewalt sprang das Kästchen wieder auf und ergoss unablässig neue Mäuse. Zuletzt hatten sie auf dem Tische nicht mehr Platz, sie drängten sich gegenseitig herab und wie das Wasser bei einer Springbrunnenschale allseitig überfliesst, so strömten die Thiere über die Ränder und plumpsten auf den Fussboden. Hier rannten sie quiekend und pfeifend nach allen Seiten auseinander und nun fielen sie über alles her, das zu zernagen und zu zerbeissen war, und das war so ziemlich alles, denn selbst Eisen und Metall hielt vor den scharfen Zähnen dieser Unholde nicht stand. An den Fenstervorhängen huschten sie empor, und eine kurze Weile hinterher rauschten diese schon abgenagt zu Boden, um alsbald unter den knirschenden Gebissen zu verschwinden. Die Schränke waren im Nu durchnagt und nun rumorte und knabberte es inwendig; überall war nichts als Huschen und Nagen und Knirschen und funkelndes Blitzen tückischer Aeuglein. Und immer mehr der schrecklichen Thiere spie das teuflische Kästchen hervor, schon war das ganze Zimmer erfüllt und Hunderte nagten schon an den Ausgängen. Johann befiel eine furchtbare Angst, welche noch stärker wurde, als er sah, wie die eisenbeschlagene Thüre schon halb durchfressen war, welche zu seinem Allerheiligsten führte, wo er seine Kostbarkeiten, seine Papiere, sein Gold, sein Alles aufbewahrte. Halb wahnsinnig vor Aufregung rannte er in die Küche, wo seine beiden Katzen in der warmen Asche schliefen, holte sie herbei und warf sie unter das Ungeziefer. Aber in demselben Augenblicke schon waren die beiden Thiere von oben bis unten mit Mäusen bedeckt, dass man nur zwei schwarze, wimmelnde Haufen sah, aus denen ein schnell verstummendes, jämmerliches Miauen hervorbrach. Dann wurden diese beiden kleinen Hügel schnell flacher und flacher, und als die Mäuse wieder auseinanderliefen, waren die beiden Katzen bis auf einige wenige Haare spurlos verschwunden. Unterdess aber hatten andere Mäuse die eisenbeschlagene Thür durchnagt und durch diese Oeffnung ergoss sich sofort ein endloser Strom in die Schatzkammer, welche zugleich das Schlafzimmer des Geizhalses darstellte.

Nun galt es zu retten, was noch zu retten war. Er schloss die Thür auf und stürzte hinein; unendliche Mäuse drängten nach. Ueber seinem Bette hingen eine Menge Waffen, von diesen riss er schnell einen scharfgeschliffenen Kavalleriesäbel herab und hieb in grenzenloser Wuth auf die fürchterlichen Mäuse ein, welche in dichten Haufen die eisenbeschlagene Kiste umdrängten, die alles enthielt, daran sein Herz hing. Aber wenn er mitten in das dickste Gewühl hineinschlug, erschallte nur ein höhnisches Quietschen und es war, als würden der grässlichen Thiere davon nur noch mehr. Plötzlich nun fiel die gänzlich zernagte Kiste auseinander und ein Strom glänzender Dukaten rollte heraus. O welch ein fürchterlicher Anblick bot sich nun dem entsetzten Geizhals dar! Sogleich waren Tausende dieser schrecklichen Mäuse über die Dukaten her, sassen manierlich auf den Hinterbeinen, drehten die glänzenden Goldstücke zierlich zwischen den Vorderpfötchen und frassen sie so sauber auf, als seien es Anisplätzchen. Andere machten sich über die Staatspapiere, andere über die Schmucksachen her und bald war dort nichts mehr vorhanden als ein wenig Staub und einige kleine Späne. Mit gesträubtem Haar und Schaum vor dem Munde hatte Johann mit starren irrsinnigen Augen auf diese furchtbare Scene hingeblickt, während ein dumpfes Stöhnen aus seinem Innern kam. Als alles vorüber war, stiess er einen furchtbaren heiseren Schrei aus, warf die Arme in die Luft und rannte vom Wahnsinn ergriffen die Treppen hinab zum Hause hinaus und so, indem er von Zeit zu Zeit aufschrie wie ein gepeinigtes Thier, durch die Strassen bis an den Strom. Dort heulte er noch einmal auf: »Die Mäuse, die Mäuse!« und sprang über das Bollwerk ins Wasser.

Niemand hatte dies gesehen, da die Strassen zu der frühen Stunde noch dunkel und menschenleer waren. Als die Wirthschafterin am anderen Morgen aufgestanden war, fand sie zu ihrem Erstaunen alle Thüren im ganzen Hause geöffnet, das Bett ihres Herrn aber unberührt und leer. Sonst war alles im Hause wie gewöhnlich und von der furchtbaren Zerstörung durch die Mäuse keine Spur zu bemerken, alles war, wie sie es am Abend vorher verlassen hatte, auch die beiden Katzen kamen ihr wie sonst mit krummem Rücken und steil erhobenen Schwänzen schmeichelnd entgegen. Denselben Morgen aber noch fand man im Strom die Leiche, und nun erinnerte sich ein Schiffer, dass er in der Nacht von einem Schrei: »Die Mäuse! die Mäuse!« erwacht sei und dann einen Fall ins Wasser gehört hatte.

Das Haus und das übrige Erbe fiel an Christian, der sich unterdess zu erkennen gegeben hatte, und dieser vertheilte alles unter diejenigen Leute, welche sein Bruder bei Lebzeiten durch wucherische Aussaugung besonders geschädigt hatte.

Er selber aber betrauerte das unglückselige Schicksal seines Bruders und einzigen Verwandten, obwohl dieser es kaum verdient hatte, und war fernerhin bestrebt, von seinen Gütern den edelsten und hilfreichsten Gebrauch zu machen. Späterhin heirathete er ein schönes und tugendhaftes Fräulein aus gutem Geschlecht, welches ihn im Laufe der Zeit mit einer Anzahl wohlgebildeter Kinder beschenkte, und lebte vergnügt mit ihr bis an sein seliges Ende.