aufgeklärte Märchen


Ich sitze gerade vor den schrecklich schönen, schön schrecklichen Märchen des Johann Karl August Musäus. Einerseits sind es wirklich tolle Geschichten, gewürzt mit Humor, Verstand und Menschenliebe, andererseits sind seine Sätze sehr verschachtelt, mit Erzählereinschüben und  Anmerkungen gestreckt und lateinisierten Worten versehen, dass das Märchen nie „Kino im Kopf“ erzeugen kann.

Musäus ist vor allem als der Verfasser der ‚Volksmärchen der Deutschen“ bekannt und war einer der ersten Märchensammler Deutschlands. Seine Sammlung von Erzählungen, deren Stoffe er sich aus Chroniken, Legenden, Sagen und eigentlichen Märchen aus dem Volk zusammensuchte, wurde  nach „seiner Manier“ umgestaltet.
Sein Neffe August Kotzebue – das ist der, den der verblendete Burschenschaftler Sand ermordet hat- und der den schriftlichen Nachlass von Musäus herausgegeben hatte, schilderte wie sein Onkel die Themen sammelte:

„Wenigen aber ist es vielleicht bekannt, daß, als er den Gedanken faßte, Volksmärchen der Deutschen zu schreiben, er wirklich eine Menge alter Weiber mit ihren Spinnrädern um sich her versammelte, sich in ihre Mitte setzte und von ihnen mit ekelhafter Geschwätzigkeit verplaudern ließ, was er hernach so reizend nachplauderte. Auch Kinder rief er oft von der Straße hinauf, wurde mit ihnen zum Kinde, ließ sich Märchen erzählen und bezahlte jedes Märchen mit einem Dreier. Eines Abends kam seine Frau von einem Besuche zurück. Als sie die Tür des Zimmers öffnete, dampfte ihr eine Wolke von schlechtem Tabak entgegen, und sie erblickte durch diesen Nebel ihren Mann am Ofen sitzend, neben einem alten Soldaten, der sein kurzes Pfeifchen zwischen den Zähnen hielt, tapfer drauflos schmauchte und ihm Märchen erzählte.“

Die Märchen des Musäus sollten nicht an dem heutigen Begriff des Volksmärchens gemessen werden, der durch die Sammlungen der Brüder Grimm geprägt wurde.
Musäus´ Märchen sind Aufklärung mit den spielerisch verwendeten Mitteln des Volks- und Aberglaubens. Die Gestaltung mit raffiniertem Sprachwitz und Situationskomik bricht hier die Kraft abergläubischer und orthodoxer Vorstellungen.Trotz des selben Themas lassen seine Märchen durch Ironie nicht die tragische Düsternis der Romantik aufkommen.

Bei „Richilde“, einem Schneewittchenthema, an dem ich gerade arbeite,  lautet das Ende:

„Wie die geistliche Zeremonie geendiget war, ging der gesamte Brautzug in den Tanzsaal. Die künstlichen Zwerge hatten indessen mit großer Behendigkeit ein paar Pantoffeln von blankem Stahl geschmiedet, stunden am Kamin, schüreten Feuer und glüheten die Tanzschuhe hochpurpurrot. Da trat hervor Gunzelin, der knochenfeste gaskonische Ritter, und forderte die Giftnatter zum Tanz auf, den Brautreihen mit ihr zu beginnen, und ob sie sich gleich diese Ehre höchlich verbat, so half doch kein Bitten noch Sträuben. Er umfaßte sie mit seinen kräftigen Armen, die Zwerglein schuheten ihr die glühendenden Pantoffeln an, und Gunzelin schliff mit ihr einen so raschen Schleifer längs dem Saal hinab, daß der Erdboden rauchte und ihre zarten wohlgebratenen Füße kein Hühnerauge mehr quälte, dazu waldhornierten die Musikanten so herzhaft, daß alles Gewinsel und Wehklagen in die rauschende Musik verschlungen ward. Nach unendlichen Wirbeln und Kreisen, drehete der flinke Ritter die erhitzte Tänzerin, welche noch nie ein Schleifer so heiß gemacht hatte, zum Saal hinaus, die Stiegen hinab in einen wohlverwahrten Turm, wo die büßende Sünderin Zeit und Muße hatte, Pönitenz zu tun. Sambul der Arzt aber kochte flugs eine köstliche Salbe, welche die Schmerzen linderte und die Brandblasen heilte.“

Heutigen Zuhörerinnen und Zuhörern, Lesererinnen und Lesern ist so Erzähltes nur schwer anzubieten, eigentlich ist eine solche Bemühung erfolglos. Damals war Musäus sehr erfolgreich mit seiner Art zu erzählen und er konnte gut vom Ertrag seiner Märchensammlung leben.

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