für die Woche 01/2010 erzählt


Die Monate.

Ein Sylvestermärchen von Heinrich Seidel


I. Die Brüder.

In einer kleinen Stadt im Norden von Deutschland lebten zwei Brüder, deren Glücksumstände in ganz verschiedener Art sich gestaltet hatten. Obwohl beider väterliches Erbtheil das gleiche gewesen, so befand sich doch nach einigen Jahren Johann Bobertag, der ältere von beiden, in behaglichem Wohlstande, während der jüngere Bruder Christian in die höchste Noth gerieth. Jener war von einer misstrauischen und übelwollenden Gemüthsart und stets geneigt, von Menschen und Dingen das Schlimmste zu denken. Es erfreute seine hämische Seele und that seinem neidischen Herzen wohl, überall die hässlichen Seiten und Fehler aufzufinden, und dies ging so weit, dass er an unserer lieben Sonne zum erstenmal eine Freude hatte, als ihm kund ward, dass auch ihr strahlender Glanz nicht ohne Flecken sei. Dabei war er ein rechter Geizkragen, und indem er einzig und allein auf die Vermehrung seiner irdischen Güter bedacht war, verschmähte er auch das verächtliche Mittel nicht, die Noth seiner Mitbürger auszunutzen und ihnen durch wucherische Künste das Letzte abzupressen. Dabei liess er sich selber nichts abgehen und schleckte im geheimen Törtchen, Pasteten, gebratene Schnepfen oder sonstige leckerhafte Gerichte, wozu er schmunzelnd manch Gläschen köstlichen Weines leerte, und wenn er dadurch in heitere Stimmung gerieth, so pflegte er wohl höchlich vergnügt über die Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen und seine eigene Schlauheit sich kichernd die Hände zu reiben.

Von ganz anderer Art war Christian, der jüngere Bruder. Konnte man ihn auch nicht gerade leichtsinnig nennen, so war er doch leichten Sinnes und stets geneigt, von Menschen und Dingen das Beste anzunehmen, ja es betrübte ihn, wenn er irgendwo einen Fehler und eine schlechte Seite entdeckte, und er bemühte sich, darüber hinwegzusehen. Da er nun so vertrauensvoll, gutmüthig und dienstfertig war, so vermochte er selten eine Bitte abzuschlagen, und so war ihm, ehe er es sich versah, im Lauf einiger Jahre sein Geld und Gut durch die Finger gerollt, obwohl er selber für seine Person anspruchslos war und wenig genug brauchte. Aber leichtsinnige Freunde und vor dem Bankrott stehende Geschäftsleute hatten es ihm abgeborgt, und durch eine Bürgschaft für einen spekulierenden Bekannten, dessen Luftschlösser plötzlich spurlos in den Boden versanken und nichts weiter als einen grossen Sumpf von Schulden hinterliessen, hatte er zuletzt den Rest seines Vermögens verloren. Als es nun so weit gekommen war, dass die Noth mit spitzem Knöchel bei ihm anklopfte. erschien ihm nichts natürlicher, als sich an seinen reichen Bruder zu wenden. Da kam er aber ganz an den Unrechten und fand statt Rath nur Hohn, statt Hilfe eitel harte Worte und Vorwürfe. Traurig ging Christian heim, verkaufte das Letzte, das er entbehren konnte, zog mit dem geringen Reste seiner Habe in ein kleines ärmliches Kämmerchen und war eifrig bemüht, seine Umstände zu verbessern und sich wieder vorwärts zu bringen. Allein dies wollte ihm auf keine Weise gelingen. Die Freunde, welchen er früher geborgt hatte, besassen entweder selber nichts oder verleugneten ihre Habe; vergeblich waren die Bemühungen des Verarmten, eine Stellung zu erringen, die ihm etwas einbrachte, und so ging das Jahr und mit ihm seine geringe Habe zu Ende. Am Sylvestertage besass er nicht mehr so viel, sich satt zu essen, und mit dem Beginn des neuen Jahres sollte er auch sein ärmliches Kämmerchen verlassen, weil er die Miethe nicht mehr zu bezahlen vermochte. Nur ein werthvoller Ring, ein Andenken an seine verstorbene Mutter, war noch sein eigen, aber diesen hätte er nur in der äussersten Noth aus der Hand gegeben. Lieber beschloss er, sich noch einmal an seinen hartherzigen Bruder zu wenden und ihn um ein wenig Reisegeld zu bitten, denn seine einzige Hoffnung setzte er darauf, dass er in einer zwei Tagereisen entfernten Stadt noch eine Schuld ausstehen hatte, deren Einziehung ihm vielleicht glücken mochte, wenn er selber an Ort und Stelle sich befand.

Als er kurz vor Mittag in das Haus seines Bruders eintrat, wehte ihm ein verlockender Küchenduft entgegen, als wenn dort allerlei köstliche Dinge gebraten und geschmort würden, und in seiner hungrigen Seele entstand die ausschweifende Hoffnung, der Bruder möge ihn vielleicht heute zum Essen einladen. Dieser aber empfing ihn unwirsch mit der Frage, ob er schon wieder zu betteln käme, und als Christian seine Bitte vorbrachte, bemerkte der andere den Ring, welcher gar lieblich blitzte und funkelte. Dann sagte er: »Du hast dein Gut leichtsinnig vertrödelt und kommst nun zu mir, der das seinige zusammengehalten hat, als Bettler mit einem kostbaren Ring am Finger. Es muss dir doch wohl nicht so schlecht gehen, wie du sagst.«

»Es ist das letzte Andenken an unsere Mutter,« sagte Christian, »und das Einzige, was ich noch besitze. Es thäte mir weh, ihn in fremde, gleichgültige Hände zu geben.« Johannes Augen leuchteten gierig, denn ihm kam plötzlich ein guter Gedanke. Er suchte einen milden Klang in seine Stimme zu legen und sprach in heuchlerischem Ton:

»Jawohl, ich verstehe, lieber Bruder. Der Ring ist ja auch so ungemein kostbar nicht und der Stein hat, soviel ich weiss, einen Fehler, der seinen Werth beeinträchtigt. Aber es wäre doch unrecht, wenn ein solches Familienandenken in fremde Hände käme. Darum will ich dir gerne behilflich sein in deiner Noth und dir den Ring für einen Dukaten abnehmen. Da hast du ein schönes Reisegeld und der Ring bleibt in der Familie. Später, wenn deine Umstände sich bessern, da magst du ihn wieder zurückkaufen.«

Obwohl nun Christian dies Gebot sehr gering erschien, so leuchtete ihm doch diese Wendung der Sache sehr ein, und nach einigem Zögern und einem schüchternen Versuche, einen höheren Preis zu erhalten, gab er den Ring hin. Johann begab sich innerlich schmunzelnd in ein Nebenzimmer, wo er ziemlich mit Schlüsseln rasselte und sich das Knacken verschiedener Schlösser vernehmen liess. Sodann klimperte er eine Weile mit Goldstücken und kam endlich mit dem beschnittensten Dukaten, welchen er finden konnte, zurück, händigte ihn Christian mit einer Miene ein, als erweise er ihm die höchste Wohlthat, und nahm den Ring dafür in Empfang. Indes hatte die Wirtschafterin bereits den Kopf durch die Thür gesteckt, um anzukündigen, dass das Essen bereit stände, und nun sagte Johann: »An deiner Stelle, lieber Bruder, würde ich mich keinen Augenblick mehr hier aufhalten, sondern mich ohne Zeitverlust auf den Weg machen.«

Mit stillem Bedauern sah der arme Christian seine Hoffnung, zum Essen bleiben zu dürfen, schwinden und entfernte sich. Auf dem Flur begegnete ihm die Wirtschafterin, welche einen schöngespickten und köstlich braun gebratenen Hasen vorübertrug, der eine verlockende Wolke herrlichen Duftes hinter sich liess. Das stieg dem Hungrigen gar lieblich in die Nase und seufzend ging er die Treppe hinab. Als er dann kurze Zeit später seine wenigen Habseligkeiten in die Wandertasche packte und dazu sein trockenes Brot mit Wasser hinabspülte, sass Johann behaglich an seinem wohlgedeckten Tische und verzehrte die zarten Schlegel und den grössten Theil des saftigen Rückens nebst köstlichem Apfelmus mit Zimmt bestreut und leerte dazu ein Fläschchen alten Rheinweins. Der neuerworbene Ring lag vor ihm und in den Zwischenpausen, wo er Kraft schöpfte zu neuem Angriff auf den trefflichen Hasen, nahm er das Geschmeide in die Hand, liess den Stein wohlgefällig im Lichte funkeln und schmunzelte vergnüglich, denn es war ein Rubin von reinsten Wasser und wohl an die fünfzig Dukaten werth. Es war ein Augenblick des Glücks, und Herr Johann Bobertag war mit sich zufrieden. Christian marschierte derweil wohlgemuth in den kalten Dezembertag hinaus. Sein hoffnungsreiches Gemüth spiegelte ihm die schönsten Bilder vor, wie alles glücklich ablaufen werde, und was er dann mit dem geretteten Gelde für kluge Dinge beginnen wolle, damit es sich vermehre und ihn ernähre. »Es wird mit mir auch gehen, wie mit dieser verschneiten Welt,« dachte er. »Ueber ein kleines und statt krächzender Raben über öden, verschneiten Fluren werden hier jauchzende Lerchen sein über hoffnungsgrünen Saatfeldern, und die Bäume und Sträucher werden mit einem neuen Schnee von schimmernden Blüthen bedeckt sein. Ja, und dann wird es mir Spass machen, daran zu denken, dass ich einmal nicht genug hatte, mich satt zu essen und mich mit dem Dufte des Bratens begnügen musste, der andern Leuten wohlschmeckte.« Und auf diese guten Aussichten hin überlegte er, ob er sich nicht heute abend bei der Einkehr in ein Wirthshaus die Güte anthun solle, eine tüchtige Schüssel Schweinsknöchlein und ein grosses Glas Bier zu bestellen.

Aber der Nobiskrug, das Ziel seiner heutigen Wanderschaft, war noch weit, und der frühe Winterabend breitete schon rings seine Dämmer aus, als Christian den mächtigen Tannenwald betrat, welchen die breite Landstrasse schnurgerade durchschnitt. Vor ihm in der Ferne des scheinbar endlosen Weges brannte das Abendroth und verklärte die schneebedeckten Tannenäste mit rosigem Schimmer; es war, als läge eine schöne himmlische Welt dort vor ihm ausgebreitet, die zu erreichen er nur tapfer darauf loszugehen brauche. Aber das ferne Feuer verdämmerte in einen zarten, rosigen Schein, und auch dieser verblasste allgemach. Nun segelte ihm zur Seite über den Wipfeln der Bäume die schmale Silbersichel des Mondes dahin wie ein mit Schätzen hochbeladener Kahn, und ringsum blitzten und funkelten die Sterne mit unsäglichem Glanze gleich köstlichen Edelsteinen. Christian vernahm nur das Tönen der eigenen Schritte auf dem knirschenden Schnee, und als er einmal stand und lauschte, weil er vermeinte, in der Ferne eine liebliche Musik zu hören, war es so still, dass nur ein sanftes Sieden in seinem Ohre war und er das leise Geknister der brennenden Sterne zu vernehmen glaubte.

So schritt er immer schneller dahin, denn die Nacht war bitter kalt und ihn begann zu frieren. Aber immer noch wollte der Nobiskrug nicht kommen und der Weg kein Ende nehmen. Ihm fielen nun manche Geschichten ein, welche man von diesem Wirthshause erzählte. Allerlei wunderliches Volk sollte da zu gewissen Zeiten verkehren, und besonders in der Sylvesternacht hütete sich jedermann, dort einzukehren, denn dann war es im Nobiskruge gar nicht richtig. Auch wenn jemand dort zu dieser Zeit vorsprechen wollte, so nützte es ihm nichts, denn der Wirth wies vornehm und gering mit der Einwendung zurück, sein Haus sei besetzt. Vorüberfahrende hatten dann wohl eine liebliche, geisterhafte Musik oder fröhlichen Gesang aus dem hellerleuchteten Hause tönen hören, was ihnen trotzdem ein seltsames Grausen einflösste, zumal in dem hellerleuchteten Zimmer, aus welchem diese Töne kamen, niemand zu sehen war. Zugleich verbreitete sich dann in der ganzen Gegend ein köstlicher Geruch von Gebratenem und Gebackenem und von herrlichem Punsch.

Solches fiel dem guten Christian plötzlich schwer auf die Seele, denn er hatte bis dahin noch gar nicht daran gedacht, dass er sich gerade die Sylvesternacht zu seiner Einkehr ausersehen hatte. Was sollte er nun wohl anfangen, müd, durchfroren und hungrig wie er war, da doch die nächste Wirtschaft noch drei Stunden weiter entfernt war? Unter diesen trüben Gedanken hatte er das Haupt hängen lassen, und als er es nun erhob, sah er mit einemmal einen hellen Lichtschein in den Schnee fallen und bemerkte, dass der Nobiskrug ganz dicht vor ihm lag. Er wollte jedenfalls sein Heil versuchen und schritt auf das aus allen Fenstern festlich leuchtende Haus zu.

Als er auf den Flur trat, kam gerade der Wirth aus der Küche und trug, ganz feurig im Gesicht und unter mächtigem Schnaufen, eine gewaltige Schale mit dampfendem Punsch vor sich her, während ein alter Herr, der einen langen talarähnlichen Pelz trug und ein rosiges, freundliches Antlitz mit einem ungeheuren, schneeweissen Bart zeigte, ihm bedächtig folgte. Als der Wirth den fremden Gast bemerkte, rief er ihm unter Schütteln des Kopfes abwehrend zu: »Ich kann Euch kein Quartier geben, es ist alles besetzt. Ihr könnt auch heute nichts bekommen, ich habe mein Haus an eine geschlossene Gesellschaft vergeben, die ungestört sein will.« Dazu mochte wohl der hungrige und frierende Christian ein sehr trübseliges Gesicht machen, denn der alte Herr, welcher den Fremdling mit theilnehmenden Blicken beobachtet hatte, sagte plötzlich: »Lasst den Mann nur ein zu uns. Er hat ein gutes Gesicht und ein Plätzchen wird sich schon finden.«

Der Wirth zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: »Nun, ich habe das Meinige gethan,« öffnete dann mit dem Ellbogen die Thür des grossen Gastzimmers, aus welchem das Rauschen eines fröhlichen Gespräches hervorschallte, und trug den Punsch hinein. Der alte Herr und Christian folgten ihm.



Teil II folgt in Märchen der Woche 02/2010

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