Ich gebe zu…


der Wahlkampf mit all den platten Wahlfloskeln, für den die Bundesregierung gemäß § 18 II PartG 133 Millionen EUR  bereithält, geht mir unheimlich auf den Docht, so wichtig freie Wahlen auch sind – aber es scheint, als wäre die Wichtigkeit den Parteienvertretern  nicht bewußt, so beliebig sind die Aussagen. Oder hat man sich schon so von der Bevölkerung entfernt, dass man nur noch öde Sprüche für sie übrig hat?

macht
CDU Werbung mal zusammengefasst

Aus dieser Frustration heraus, neben einer kleinen Begeisterung für Flashmobaktionen, verspüre ich geradezu Genugtuung, diese Aktion in Hamburg auf you tube entdeckt zu haben, für mich ist die Partei dabei unerheblich und austauschbar. Solcherart Zuspruch haben  alle Großen verdient.

aber auch Berlin hatte an diesem Tag etwas zu bieten

Ach, Sie kannten flashmob bisher noch gar nicht? Nein, mit mobbing hat es nichts zu tun, auch wenn das Video das vermuten lassen könnte. Auf wikipedia findet man eine gute Erklärung, da leihe ich mir einen Teil:

Der Begriff Flashmob (flash – Blitz; mob – von mobilis – beweglich), auch Blitzauflauf, bezeichnet einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer üblicherweise persönlich nicht kennen. Flashmobs werden über Online-Communitys, Weblogs, Newsgroups, E-Mail-Kettenbriefe oder per Mobiltelefon organisiert. Obwohl die Ursprungsidee explizit unpolitisch war, gibt es mittlerweile auch Flashmobs mit politischem Hintergrund. Eine verwandte Aktionsform ist der Smart Mob, der mit dem öffentlichen Auftritt einem politischen oder gesellschaftlichen Ziel zu Aufmerksamkeit verhelfen will. Der Begriff geht auf einen Bestseller des US-amerikanischen Psychologen Howard Rheingold aus dem Jahr 2003 zurück. Flashmobs gelten als spezielle Ausprägungsformen der virtuellen Gesellschaft (virtual community, Online-Community), die neue Medien wie Mobiltelefone und Internet benutzt, um kollektive Aktionen zu organisieren.

Ich würde es mit Massenaktionskunst erklären, die virtuelle Kontakte nutzt, und die in möglichst öffentlichen Bereichen des realen Lebens praktiziert wird, um als Aktion virtuell eine große Öffentlichkeit zu erreichen.
Wirkt jetzt vielleicht etwas verklausuliert, ist aber so – und mir gefällts, wenn auch manche Aktion nicht  perfekt gelungen ist, aber das ist wie alles, eine Frage der Übung.

Hier noch andere flashmob-Aktionen, als Lokalpariotin zeige ich überwiegend Berlin

oder hier

perfekt ist natürlich solche eine Aktion hier, wie die

Märchen der Woche 38/2009


Herr Fix und Fertig.

Fix und Fertig war lange Zeit Soldat gewesen, weil aber der Krieg ein Ende hatte und nichts mehr zu thun war, als einen und alle Tage dasselbe, nahm er seinen Abschied und wollte Lakai bei einem großen Herrn werden. Da gabs Kleider mit Gold besetzt, viel zu schaffen und immer was Neues. Also machte er sich auf den Weg und kam an einen fremden Hof, da sah er einen Herrn, der in dem Garten spazieren ging. Fix und Fertig besann sich nicht lang, trat frisch auf ihn zu sagte: „mein Herr, ich suche Dienste bei einem großen Herrn, sinds Ew. Majestät selbst, so ist mirs am liebsten, ich kann und weiß alles, was dazu gehört, kurz und lang, wies befohlen wird.“ Der Herr sagte: „recht, mein Sohn, das wäre mir lieb, sag an, was ist anjetzt mein Verlangen?“ Fix und Fertig ohne zu antworten drehte sich um, lief eilend und brachte eine Pfeife und Taback. „Recht, mein Sohn, du bist mein Bedienter, aber nun gebe ich dir auf, mir die Prinzessin Nomini zu schaffen, die schönste auf der Welt, die will ich zu meiner Gemahlin haben.“ – „Wohlan, sagte Fix und Fertig, das ist mir ein kleines, die sollen Ew. Maj. bald haben, geben Sie mir nur eine Chaise bespannt mit Sechsen, einen Leibkutscher, Haiducken, Laufer, Lakaien, Koch und einen völligen Staat, mir selbst aber fürstliche Kleider, und jedermann muß meinen Befehlen gehorchen.“ Nun, fuhren sie ab, der Herr Bedienter saß in der Kutsche und es ging immer dem königlichen Hof zu, wo die schöne Prinzessin war. Als die Chaussee zu Ende war, fuhren sie ins Feld hinein und kamen bald vor einen großen Wald, der war voll von vielen tausend Vögeln, da war ein grausamer Gesang, prächtig in die blaue Luft hinein. „Halt! halt! rief der Fix und Fertig, die Vögel nicht gestört! die preisen ihren Schöpfer und wollen mir wieder einmal dienen, links um!“ der Kutscher mußte also umdrehen und um den Wald herumfahren. Darnach währte es nicht lang, so kamen sie an ein großes Feld, da saßen an die tausend Millionen Raben, die schrien nach Speise überlaut. „Halt! halt! rief der Herr Fix und Fertig: bind eins von den vordersten Pferden los, führ es aufs Feld und stichs todt, daß die Raben gespeist werden, die sollen meinetwegen keinen Hunger leiden.“ Nachdem die Raben gesättigt waren, ging die Reise weiter und sie kamen an ein Wasser, darin war ein Fisch, der klagte erbärmlich: „um Gotteswillen! ich habe keine Nahrung in diesem schlechten Sumpf, setzt mich in ein fließendes Wasser, dafür will ich euch einmal gegendienen.“ Eh er noch ausgeredet, hatte Fix und Fertig halt! halt! gerufen; „Koch nimm ihn in die Schürze, Kutscher fahr zu nach einem fließenden Wasser.“ Fix und Fertig stieg selber aus und setzte ihn hinein, daß der Fisch vor Freude mit dem Schwanz schlug. Herr Fix und Fertig sprach: „laßt nun die Pferde rasch laufen, daß wir zu Abend noch an Ort und Stelle sind.“ Als er in der königlichen Residenz anlangte fuhr er gerade nach dem besten Gasthof, der Wirth und alle seine Leute kamen heraus, empfingen ihn aufs beste und meinten, ein fremder König sey angekommen, und es war doch nur ein Herr Bedienter. Fix und Fertig aber ließ sich gleich bei dem königlichen Hof anmelden, suchte sich beliebt zu machen und hielt um die Prinzessin an. „Mein Sohn, sagte der König, dergleichen Freier sind schon viele abgewiesen worden, weil keiner hat ausrichten können, was ich ihnen auferlegt hatte, um meine Tochter zu gewinnen.“ „Wohlan, sprach Fix und Fertig, geben Ew. Majestät mir nur was rechtes auf.“ Der König sagte: „ich habe ein Viertel Mohnsamen säen lassen, kannst du mir denselben wieder herbei schaffen, daß kein Korn fehlt, so sollst du die Prinzessin für deinen Herrn haben.“ Hoho! dachte Fix und Fertig, das ist ein geringes für mich. Nahm darauf ein Maaß, Sack und schneeweiße Tücher, ging hinaus, und die letztern breitete er neben das besäte Feld hin. Gar nicht lange, da kamen die Vögel, die im Walde bei ihrem Singen nicht waren verstört worden, und lasen den Samen, Körnchen für Körnchen auf und trugen ihn auf die weißen Tücher. Als sie alles aufgelesen hatten, schüttete es Fix und Fertig zusammen in den Sack, nahm das Maaß unter den Arm, ging zu dem König und maaß ihm seinen ausgesäten Samen wieder zu, gedachte nun die Prinzessin wäre schon sein – aber gefehlt: „noch eins, mein Sohn, sagte der König, meine Tochter hat einstmals ihren goldnen Ring verloren, denselben mußt du mir erst wiederschaffen, eh du sie bekommen kannst.“ Fix und Fertig machte sich keine Sorgen: „lassen Ew. Majestät mir nur das Wasser und die Brücke zeigen, wo der Ring verloren worden, so soll er bald herbeigeschafft seyn.“ Als er hingebracht war, sah er hinab, da schwamm der Fisch herzu, den er auf seiner Reise in den Fluß gesetzt hatte, streckte den Kopf in die Höhe und sagte: „wart einige Augenblicke, ich fahre hinunter, ein Wallfisch hat den Ring unter der Floßfeder, da will ich ihn holen;“ kam auch bald wieder und warf ihn ans Land. Fix und Fertig bracht ihn zum König, dieser aber antwortete: „nun noch eins, in jenem Walde ist ein Einhorn, das hat schon vielen Schaden gethan, wenn du das tödten kannst, dann ist nichts mehr übrig.“ Fix und Fertig bekümmerte sich auch hier nicht groß, sondern ging geradezu in den Wald. Da waren die Raben, die er einmal gefuttert und sprachen: „noch eine kleine Weile Geduld, jetzt liegt das Einhorn und schläft, aber nicht auf der scheelen Seite, wenn es sich herumdreht, dann wollen wir ihm das eine gute Auge, das er hat, auspicken, dann ist es blind und wird in seiner Wuth gegen die Bäume rennen und mit seinem Horn sich festspießen; dann kannst du es leicht tödten.“ Bald wälzte sich das Thier ein paar Mal im Schlaf herum und legte sich auf die andere Seite, da flogen die Raben herunter und hackten ihm sein gesundes Auge aus. Wie es die Schmerzen empfand, sprang es auf und rennte unsinnig im Wald herum, bald auch hatte es sich in eine dicke Eiche festgerennt. Da sprang Fix und Fertig herbei, hieb ihm den Kopf ab, und brachte ihn dem König. Dieser konnte nun seine Tochter nicht länger versagen, sie ward dem Fix und Fertig übergeben, der sich gleich in vollem Staat, wie er gekommen war, mit ihr in die Kutsche setzte, zu seinem Herrn fuhr und ihm die liebevolle Prinzessin brachte. Da ward er wohl empfangen, und in aller Pracht Hochzeit gehalten; Fix und Fertig aber wurde erster Minister.

Ein jegliches in der Gesellschaft, wo dies erzählt wurde, wünschte auch bei dem Vergnügen zu seyn, eins wollte Kammerjungfer, das andere Garderobemädchen werden, dafür wollte einer Kammerdiener, der andere Koch werden u.s.w.

fixundfertig
http://www.atelier-verdande.de

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Dieses Märchen war  in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm nur in der Erstauflage von 1812 an Stelle 16 enthalten (KHM 16a).

Gedicht der Woche 38/2009


Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann . . .

– „Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!“
– „Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert’s mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!“
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch , dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild . . .
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
– „Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind’s … Auf einer Hugenottenjagd
Ein fein, halsstarrig Weib . . . ‚Wo steckt der Junker? Sprich!‘
Sie schweigt. ‚Bekenn!‘ Sie schweigt. ‚Gib ihn heraus!‘ Sie schweigt.
Ich werde wild.  D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ‚Gib ihn heraus!‘ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.“
Eintritt der Edelmann. „Du träumst! Zu Tische, Gast …“

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: „Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!“ Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht .. . Dröhnt hier ein Tritt? … Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. „Gesteh!“ Sie schweigt. „Gib ihn heraus!“ Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– „Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!“
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!“ Der andre spricht:
„Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! … Mein ist die Rache, redet Gott.“

Schloß Sigmaringencolage

Märchen der Woche 37/2009


Rolands Tod

Da Roland mit geschlossenen Augen regungslos an dem Felsen ruhte, vermeinte einer der umherliegenden Sarazenen, der sich tot gestellt hatte, aber nur leicht verwundet war, bei dem toten Ritter mühelos Beute machen zu können, und sprang auf ihn zu, um ihn Schwert und Horn zu rauben. „Heil!“ rief er frohlockend, „dahin ist jetzt auch Roland, der Neffe des Kaisers, sein scharfes Schwert nehm‘ ich als gute Beute mit mir nach der Heimat.“ Er wollte den Durendal dem Helden abziehen, aber in demselben Augenblick öffnete Roland die Augen und schlug ihm mit seinem schwer mit Silber und edeln Steinen beschlagenen Horn Olifant so gewaltig übers Haupt, daß ihm das Gehirn aus den Schläfen quoll und er tot zu Boden stürzte. „Nimm das als Lohn, du Schuft, für deine Frechheit!“ rief Roland, voll Trauer den Olifant betrachtend, der von der Gewalt des Streiches zersprungen war.

Nie mehr werde ich dich blasen, getreues Horn,“ sprach er, „niemalen mehr wird dein Schall am Rhein erklingen, wo Hilda, meine treue Braut, vergeblich auf meine Rückkunft wartet. O Hilda, süße Maid, wie sicher hoffte ich, mit Sieg und Ruhm gekrönt, zu dir zurückzukehren! Aber umsonst wirst du meiner harren, vergeblich wirst du herunter spähen vom Söller, Roland wird nicht bei den heimkehrenden Siegern sein. Um eins nur sorg‘ ich jetzt noch, um dich, mein Durendal, du gute, treue Klinge, die mich in keiner Not verließ, du sollst auch, wenn ich tot bin, nicht in Feindeshände kommen.“ Er ergriff sein Schwert und hieb zu wiederholtenmalen mit aller Kraft gegen den braunen Felsblock, bei dem er saß, um die Klinge zu zerschmettern, aber der knirschende Stahl bekam keine Scharte, während von dem Felsen große Splitter stoben.

Als Roland sah, daß er die edle Klinge nicht zertrümmern konnte, hielt er mit beiden Händen das Schwert vor sich und sprach mit weicher Stimme:
„O Durendal, wie bist du stark und gut! Wie sanftes Mondlicht strahlt dein blanker Stahl; von meinem Oheim hab‘ ich dich dereinst erhalten, Karl selbst umgürtete mit dir mich fröhlich, so viele Länder nahm ich mit dir ein, die nun der Kaiser hält mit starker Hand, und jetzt, o teures Schwert, bist du mein letztes Denken, nicht woll‘ es Gott, daß dir die Schmach geschieht und du den Heiden in die Hände fällst!“

Er richtete sich mit Mühe nochmals auf und legte das blanke Schwert unter sich, so daß er es mit dem Körper völlig bedeckte, dann wendete er, da er fühlte, daß ihm die Sehkraft schwinde, sein Haupt nach dem Heidenland, auf daß er im Tode noch als Sieger nach den Feinden schaue. Demütig schlug er mit seiner rechten Hand die Brust und rief: „Erbarme dich, Herr, meiner um deiner Güte willen und vergib mir die Sünden, die ich beging vom Tag an, wo ich geboren wurde, bis heut, wo ich mein Ziel erreicht habe!“ Er warf den rechten Handschuh zum Himmel empor, um so gleichsam dem Herrn der Welten das Leben seines Erdenlebens zurückzugeben, da nahte ihm leise und sanft der Tod, sein Haupt neigte sich nieder auf die Brust, die Linke sank schwer auf den zerhauenen Schild, und ohne schmerzen schied er hinüber in die Gefilde der ewigen Heimat.—

Am Abendhimmel zogen Wetterwolken auf, Blitze, von dumpfem Donnerrollen gefolgt, zuckten hernieder und beleuchteten mit grellem Strahl das Schlachtfeld und die Gefallenen, indes der Sturmwind mit wildem Getön die Äste von den Bäumen riß. — —

Endlich war der Wettersturm vorüber, die Nacht hatte ihre Fittiche über die Erde gebreitet und umhüllte auch das Tal von Ronceval und die Stelle, wo Roland lag, mit den dunkeln Schwingen.

Kaum graute aber der Morgen, so wurde es lebendig an der Stätte des Todes. Hörner ertönten, und „Mon-joie“, das Kriegsgeschrei der Franken, erschallte von den waldigen Bergen her. Es war Kaiser Karl, der mit seinem Heer zurückkehrte und so den getreuen Paladinen den Morgengruß bringen wollte. Aber niemand als das Echo antwortete den erstaunten Scharen. Als die Helden nun zum Tal niederspähten, da wurden sie bald mit Schrecken den Grund davon gewahr. Zu Ronceval da war kein Fußpfad und kein Weg, kein Fleckchen Erde nur zwei Ellen breit, darauf nicht erschlagene Männer lagen. Zumeist waren es Heiden, aber unter ihnen, oftmals ganz verdeckt von Leichen, lagen auch Franken, und immer zahlreicher wurden diese, je weiter Karl mit seinen Heerscharen vordrang. — „Wo bist du Roland, teurer Neffe,“ rief er, „und wo sind deine Genossen, meine getreuen Paladine , die ich allhier bei dir zurückgelassen? Weh! Niemand gibt mir Antwort! — Ihr seid erschlagen von den verräterischen Heiden. O!° wäre ich hier gewesen, als die Schlacht begann, es wäre sicherlich anders gegangen!“ — Er weinte, und mit ihm alle seine Ritter und Barone, denn fast jeder hatte einen Bruder, Verwandten oder Freund zu betrauern.

Während sie noch klagten, ritt der Herzog Reimes von Baiern heran und sprach: „Vom Waldbrand dort sieht man noch den Staub von den abziehenden Heerhaufen der Heiden. Sie sind noch nicht so fern, daß wir sie nicht erreichen könnten. Auf, hoher Herr, auf, reitet in die Feinde! Wir müssen unsre toten Brüder rächen!“

Karl befolgte alsbald diesen Rat und brach, nachdem er zwei Grafen mit tausend Mann zu Bewachung der Toten in Ronceval zurückgelassen hatte, ohne Zögern zur Verfolgung der Sarazenen auf. Aber diese waren schon weiter, als die Franken gemeint hatten, und erst als sich die Sonne zum Niedergang neigte, trafen sie mit den feindlichen Horden zusammen.

Da warf sich der Kaiser auf die Knie nieder und flehte zu Gott empor, daß er das Tageslicht verweilen lasse, bis das Rachewerk vollendet sei. Und der Herr der Heerscharen erhörte ihn. Eine Stimme ließ sich vom Himmel herab also vernehmen: „Karl, reite zu, dir wird’s an Licht nicht mangeln!“ Und siehe da! der klare Abendhimmel erglühte noch stundenlang in goldenem Schimmer und verbreitete Helle auf die Fluren, und hernach stieg mit wunderklarem Scheine der Mond auf und erleuchtete die Lande in tagähnlicher Weise. So konnten sie, ungehindert von der späten Abendzeit, den Heiden nahe kommen und sich an dem Frevlervolk nach Gebühr rächen.

Die vom Sturmwind getrieben, waren die Scharen des Marsilias bis zum Ebro geflohen und hofften, auf ihren Schiffen entrinnen zu können, aber das Unwetter, das bei Rolands Tod ausgebrochen war, hatte die Fahrzeuge losgerissen, und so war ihnen dieses Mittel zur Flucht benommen. Sinnlos vor Angst und Schrecken stürzten sich da die Flüchtlinge in die schäumenden Wogen und ertranken, von dem Gewicht der schweren Rüstungen niedergezogen, scharenweise, das es nur wenigen gelang, das jenseitige rettende Ufer zu erreichen. Diejenigen aber, die sich gegen Karls Krieger zur Wehr setzten, wurden alle bis auf den letzten Mann erschlagen, da die Franken den Verrätern keine Schonung zuteil werden ließen.

Auf diese Weise ward Roland und sein tapferes Heer genügend gerächt, und Karl stieg mit seinen Helden am Strom des Ebro vom Rosse und dankte Gott für den glücklichen Erfolg. Jetzt verging allmählich der lichte Schein des Mondes, und die Nacht breitete ihren Schleier auf die Fluren herab, auf denen die ermüdeten Scharen nun die ersehnte Rast halten durften. Auch der Kaiser legte sich zum Schlummer nieder, ohne die Waffen abzutun, zu seinen Häupten stellte er sein Speer; und sein Schwert Joyeuse, dem zu Ehren des Kaisers Schlachtruf „Mon-joie“ lautete, behielt er an der Seite.

Stille herrschte auf der grünen Wiese, und der Karls Gezelt aufgeschlagen war, aber der Kaiser, welchem der herbe Schmerz ob dem Tod Rolands und der Paladine das Herz zerquälte, konnte lange keinen Schlummer finden. Endlich schlief er ein, und alsbald umschwebten ihn wundersame Träume. Ihm war, als sähe er den Erzengel Gabriel. Dieser stand, einen Löwen an der Seite und das Schwert in der Rechten, auf dem Nacken eines zu Boden liegenden Heiden und wies mit der Linken gen Himmel, der voll Feuer war. In zuckenden Blitzen und Hagelschauern fuhr er hernieder auf das Heer der Franken, die Panzer und die Eisenhelme der Ritter schmolzen, und in ihrer Not riefen sie ihn, den Kaiser, um Hilfe an. Er wollte voll Mitgefühl ihnen zueilen, aber da stürzten wilde Tiere aus dem Wald, und ihm selbst sprang der Löwe an den Leib, den er im Ringkampf kaum mit den Armen abzuwehren vermochte.

Bald darauf kam ihm ein anderes Traumgesicht. Er befand sich auf seiner Schloßtreppe zu Aachen und hielt einen jungen Bären an der Kette, da nahten ihm dreißig Bären aus den Ardennen, die mit Menschenstimmen ihn anriefen: Herr, übergebt ihn uns, es ist nicht recht, daß Ihr ihn länger an der Kette haltet, wir helfen unserm Anverwandten! Plötzlich rannte ein gewaltiger Bracke aus dem Hof des Palastes und fiel den größten der Bären an. Ein wütender Kampf erhob sich zwischen den beiden Bestien, und niemand wußte, wer Sieger sein würde. — Die Träume sollten sich binnen kurzer Frist erfüllen.

den ganzen Sagenzyklus über Ronald, Paladin des Kaisers Karls des Großen, findet man hier auf der Mittelalterseite von Rainer Dombrowsky.