Erzählung der Woche 39/2009


Die Maulpatrioten

Reichskriegsflaggeenentwurf 1920

In vier roten Jahren ist dieses Land in das tiefste Elend hineingeschliddert, und was vor dem Kriege nur wenige wußten, wissen heute viele: Deutschland verdankt seine Unbeliebtheit, die sich bis zum Haß gesteigert hat, den Untugenden spektakelnder Landsleute auf den Thronen und in den Geschäftshäusern, in den Universitäten und im Heer. Sie sind nicht ausgestorben. Sie bilden sich eher im Gegenteil ein, durch schrankenloses Geschrei ein Deutschtum zu retten, das gar nicht tief genug untergehen kann: nämlich das schlechte. Heute noch? Heute noch.

Ich fahre mit meinem Freund aus Riga, einem Schweizer, der sich auf der Durchreise in seine Heimat in Berlin aufhält, in der Stadtbahn (zweiter Klasse). Wir unterhalten uns im Russischen, erstens freue ich mich über jede Gelegenheit, Russisch sprechen zu können, und zweitens ist es mir angenehm, daß uns die Mitfahrenden nicht verstehen.

Plötzlich fragt ein neben meinem Freund sitzender Herr: »Sprechen Sie Deutsch?« Ahnungslos, was diese Frage bezwecken soll, antwortet er ihm: »Ja!« – »Dann verlange ich von Ihnen, daß Sie Deutsch sprechen, lange genug habe ich dieses Gequatsch mit angehört!« – »Sehr richtig, ich bin ganz Ihrer Meinung!« stimmt ihm ein anderer Herr bei. Die übrigen Mitreisenden verhalten sich passiv. »Ich glaube, ich kann mich unterhalten, wie ich will!« sagt mein Freund. »Nein, das können Sie nicht«, brüllte ihm jener zu, »wenn Sie es wagen, sich weiter im Russischen zu unterhalten, können Sie eins in die Fresse kriegen!« – »Schweig!« ruf ich meinem Freund auf russisch zu, denn mir graute davor, daß dieser bornierte Hakenkreuzpatriot tatsächlich handgreiflich werden könnte. »Donnerwetter noch einmal!« fing der Kerl wieder an, »das sollte uns passieren, wir sollten es wagen, im Ausland Deutsch zu sprechen!«…

Ganz abgesehen davon, daß es sich hier um eine Baltin deutscher Abstammung handelt, die im Kriege Helferinnendienste bei der kaiserlich-deutschen Armee geleistet hat: welch ein stumpfsinniger Patriotismus! Das sei Deutschtum? Dieses lächerliche Gebrüll gegen andere Sprachen?

»Wir sollten es wagen, im Auslande Deutsch zu sprechen…« Lieber Herr, in Paris und in Italien wird zur Zeit keinem der dort weilenden Deutschen ein Haar gekrümmt. Und wenn auch von einer innigen Annäherung zwischen Engländern und Deutschen nicht gesprochen werden kann, so ist kein Fall bekannt geworden, in dem der britische Straßenpassant mit dem Hackebeil den Nationalismus gemacht hätte. Das ist Deutschland vorbehalten geblieben.

Hoffentlich nicht dem ganzen Deutschland. Und wenn es nur Vertreter jener Skatpatrioten waren, die das ganze Land diskreditieren: wollen wir ihnen nicht den Mund stopfen? »Will Deutschland«, schreibt die Deutschbaltin, »auf diesem Wege Freunde gewinnen und Beziehungen anknüpfen? Mein Freund, der zum erstenmal in Deutschland ist, nimmt einen sehr ungünstigen Eindruck mit.« Sie schaden uns. Und wenn derselbe Mann, der hier die Klappe nicht genug aufreißen kann, von seinem Chef als Geschäftsreisender nach Spanien geschickt wird, so spricht er dort sicherlich alle Sprachen der Welt. Von Geschäfts wegen.

Zwischen Ungezogenheit und würdeloser Kriecherei gibt es einen dritten Weg. Den der Menschlichkeit.

1920

Kurt Tucholsky

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