Für die Woche 36/2009 erzählt


Ein Liebesbrief

Du Schuft! Du Wicht! Du undankbarer Geselle! Schon vor zwei Wochen schickte ich Dir das selbst bestickte Samtherz mit unseren Initialen und meine bekennenden Worte auf Büttenpapier.

Seitdem erwarte ich jeden Tag den Briefträger mit klopfendem Herzen, laufe ihm erwartungsvoll entgegen, lese von seinem Gesicht ab, dass heute wieder kein Brief von Dir dabei ist, und verbringe den Tag mit bangen Gedanken darüber, wie Du auf meine Zeilen reagieren wirst; wie Dir mein Geschenk gefallen hat.

Dein Schweigen kann doch nur bedeuten, dass Du Dich meiner Liebe unwürdig erwiesen hast, sie zurückweist und nun nach Worten suchst, mir das möglichst schonend zu sagen. So bitter diese Schmach auch für mich ist, werde ich mich schweren Herzens von den Träumen an eine gemeinsame Zukunft losreißen müssen. Mein Stolz gebietet mir, an Dich nur noch mit Verachtung zu denken. Ein Mann, der meine Zuneigung und mein Vertrauen nicht verdient hat. Und der nicht einmal Manns genug ist, mir das in verständlichen Worten mitzuteilen.

Warum grübelst Du noch, spannst mich auf die Folter der Zeit, wenn das bittere Ende doch beschlossen ist?  Weißt Du nicht, wie es mich quälen muss, einen Tag um den anderen von meiner hoffnungsvollen Erwartung abzurücken?

Wahrscheinlich fällt es dir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Meine Offenheit hat Dich möglicherweise entwaffnet und nun denkst Du über die schonendste Art nach, mir Deine Abfuhr mitzuteilen – ist es so?
Immerhin spräche das dafür, dass doch noch ein Funken von Anstand in Dir wäre, eine Form von Respekt für meine Person. Natürlich könnte die Motivation für Dein Zögern auch Mitleid sein.
Ein neuer Dolchstoß in mein blutendes Herz, denn Mitleid – so willkommen es manches Mal sein mag – von dem, der mir das Herz gebrochen hat, ist wie blanker Hohn. Nein, Mitleid von Dir will ich nicht!
Du wirst Deine Gründe dafür haben, warum ich Deinem Anspruch nicht genüge. Ich will sie gar nicht erfahren. Es ist nicht erheiternd, die eigene Person auf einer Tabelle analysiert zu finden und zu sehen, dass sie in für den Anderen wichtigen Bereichen über eine mittlere Position nicht hinauskommt. Nur Mittelmaß – nein, das möchte ich nicht sein. Wenn ich schon nicht Deine Traumfrau bin, dann ist es wohl besser so, dass diese Liebe gleich im Keim erstickt wird – das Flämmchen  meiner Leidenschaft für Dich gar nicht erst richtig auflodern kann.

Zu meiner beginnenden Enttäuschung und meinem Schmerz  gesellt sich zunehmend Sorge: Ich weiß ja gar nicht, ob meine Botschaft Dich überhaupt erreicht hat. Vielleicht ist Dir etwas geschehen? Vielleicht hattest Du einen Unfall, liegst im Krankenhaus oder, was Gott verhüten möge, bist gar schon tot? Dann hättest Du vielleicht das Geständnis meiner Liebe nie erfahren. Wäre es nicht ein sanfteres Sterben, sich im letzten Moment noch geliebt zu wissen?

Aber nein, diesen Gedanken, dass Du nicht mehr lebst, will ich vertreiben. Ich  stelle mir lieber vor, dass Du im Koma liegst oder eine vorübergehende Amnesie hast, und mir sofort nach dem Erwachen antworten wirst.

Was nun aber, wenn dieser Unfall schon geschah, bevor mein Päckchen Dich erreichte? Da liegst Du nun in Deinen Schmerzen, denkst vielleicht sehnsüchtig an mich, und weißt noch gar nichts von meinen Gefühlen für Dich!?  „Halte durch, Geliebter!“ möchte ich Dir zurufen, ja, rufe es jetzt laut ins Universum im Vertrauen um die telepathischen Kräfte der Liebe.

Oh Liebster!, wie konnte ich nur an Deinen Gefühlen zweifeln! Es gibt eine andere Erklärung für Dein Schweigen – dessen bin ich jetzt sicher. Schließlich hört man auch immer wieder, dass Post verloren geht. Und las ich nicht erst kürzlich von dem herzergreifenden Fall, dass der Brief eines  Totgewähnten nach über dreißig Jahren bei seiner inzwischen in Sorge ergrauten Jugendliebe ankam – die sich nie einen anderen Partner nahm.

Ja, das wird es sein: Du hast meine Liebesbeweise, mein Geständnis nie erhalten. Wie konnte ich nur so töricht sein, an Deiner Liebe zu zweifeln. Wie konnte ich Dich nur auf eine Stufe stellen mit anderen Männern in Deiner Situation. Niemals brächtest Du es fertig, einer Frau die Ehe zu versprechen, wenn es nicht ernstgemeint wäre.

Gerade auch, weil Du solch edlen Charakter hast, hast Du mir den Umstand, dass Du noch verheiratet bist, von Anfang an nicht verschwiegen. Ich weiß, welche Qualen Du durchleidest, bis Du Dich endlich zu mir und unserer Liebe bekennen kannst.

Verzeih mir, mein Liebster, dass ich je Deine Aufrichtigkeit infrage stellte. Entschuldige mein Drängeln, das nur meine große Liebe widerspiegelt.

In der Hoffnung, schon morgen von Dir Post zu erhalten, verbleibe ich – mit tausend Küssen – Deine  Dich immer liebende A.

Inge Wrobel © 2007-11-21

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Inge Wrobel ist als Autorin in der Anthologie Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten mit einer Erzählung vertreten, sie veröffentlicht auch Gedichte

mauerstuecke ingewrobel

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