Gedicht der Woche 32/2009


Das Hohelied der Liebe

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

Und wenn ich prophetisch reden könnte
und alle Geheimnisse wüßte
und alle Erkenntnis hätte;
wenn ich alle Glaubenskraft besäße
und Berge damit versetzen könnte,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich nichts.

Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte,
und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe,
hätte aber die Liebe nicht,
nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.

Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
läßt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf.
Prophetisches Reden hat ein Ende,
Zungenrede verstummt,
Erkenntnis vergeht.

Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;

wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk.

Als ich ein Kind war,
redete ich wie ein Kind,
dachte wie ein Kind
und urteilte wie ein Kind.
Als ich ein Mann wurde,
legte ich ab, was Kind an mir war.

Jetzt schauen wir in einen Spiegel
und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Paulus von Tarsus, 1. Korintherbrief


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8 Kommentare zu „Gedicht der Woche 32/2009

  1. Ganz sicher ist das eines der größten Gedichte überhaupt – und wird viel zu selten in seiner ganzen sprachlichen Schönheit und seinem klaren Aufbau wahrgenommen.

  2. Von George Orwell gibt’s eine bittere Parodie darauf: Glaube, Liebe, Geld.

    Ich kenne allerdings »wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke« in dieser Form nicht: in meiner Kindheit hieß es: »… ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle«, wie hier.

  3. klingende Schelle, aha, ich kenne noch diese Fassung hier mit einer gellenden Zimbel, es kommt darauf an, welche Übersetzung man hat.
    Sogar eine mit Tamburin habe ich gefunden, auf dem Bibelserver, die Übersetzung heißt Hoffnung für alle- HFA
    schau hier findet man etliche Varianten, auch Klingel und Gong:

    http://www.bibleserver.com/index.php

    Ich bevorzuge die von mir gezeigte, die heißt Einheitsübersetzung, EU. Die hatte ich in einer katholischen Bibelausgabe aus der DDR-irgendwann in den 80gern. Leider hatte diese schöne Bibel (mit vielen Fotos von den Stätten im hlg. Land und „ordentlichem“ weißen Papier) einen Fehler in der Bindung, da wird der Maschinenbediener mit dem Auffüllen nicht klar gekommen sein, so dass manche Packen doppelt waren, andere dafür fehlten, deshalb kaufte ich mir noch eine evangelische Ausgabe, die war auf diesem dünnen beigefarbenem Papier(ich nenne das Bibelpapier) gedruckt, und die zeigte Deine Fassung, von der ich enttäuscht war, weil mir die nicht so lyrisch erscheint und die Änderung doch gar nichts an der Aussage vertieft hatten.

  4. Ich sehe einen Unterschied. Ich denke, dass Erz, Pauke und Gong jeweils einen dunklen (tiefen) Ton geben. Eine Schelle erzeugt aber einen hellen Ton.

    Luther wollte den Gender-Aspekt berücksichtigen, denn Männer ohne Liebe erzeugen eben eher tiefe Töne und Frauen ohne Liebe geben eher helle Töne von sich.

    Das Tamburin wäre auch weiblich, aber da wollte sich nur ein moderner Übersetzer profilieren und ein anderes Instrument als Luther einsetzen. Und das Tamburin passt gar nicht in den Rhythmus.

    Bitte nicht ernstnehmen 😉

  5. – Bitte nicht ernstnehmen – ist alles in Ordnung wie es steht Stefan 😉
    Der Unterschied zwischen Pauke und Schelle ist mir klanglich schon klar, jedoch macht er in der Aussage des Briefes keinen Unterschied, da der Autor in der Ich-Form schrieb.Dröhnendes Erz, das sind Chazozra, Luren, Fanfaren oder Trompeten,die werden von lärmenden Pauken gut begleitet.
    Wenn man da einen Gender-Aspekt entdecken möchte, wären die Frauen dann das tönende, dröhnende Erz (ohhh, ich hab schon manche keifen hören, da könnte das passen, jedenfalls auf Fanfaren und Trompeten bezogen, auf Luren eigentlich nicht).
    Das Tamburin habe ich als einen (unglücklichen) Kompromiss des Textbearbeiters zwischen Schellen und Pauken angesehen, es taugt nun gut als Warnung , wenn man selbst auch mal Kompromisse machen möchte, zu überprüfen, ob nachgeben und die andere Variante übernehmen, nicht doch besser wäre…

    Schade, dass ich von den alten Sprachen nichts beherrsche, es wäre reizvoll, sich selbst zu probieren um rauszubekommen, was der Text sagt.Er muss wohl Deutungen in verschiedene Richtungen zulassen. Ich weiß ja nicht einmal, in welcher Sprache das älteste Manuskript vorliegt, ob in altgriechisch, hebräisch oder lateinisch…

  6. Paulus schrieb in der damaligen Weltsprache Griechisch. Ich versuche eine wörtliche Übersetzung:

    Wenn in den Sprachen der Menschen ich spräche und der Engel,
    Liebe aber nicht hätte,
    wäre ich Erz, tönendes,
    oder Cymbel, gellende.

    chalkós (Erz, Bronze) steht auch oft für etwas, was daraus gemacht wurde – das Musikinstrument Becken. Das dazugehörige Verb läßt sich am genauesten mit „tönen, klingen“ übersetzen.
    Das kymbalon (Cymbel, Cymbal) bestand aus zwei metallenen Schalen, die gegeneinander geschlagen wurden. Das dazugehörige Verb bezeichnet ein schrilles Klingen wie heulen oder gellen; davon abgeleitet sind die Substantive alazon (Prahler) und alazoneia (Prahlerei).

    Hier noch einmal ein Versuch, die Poesie des Paulus zu übertragen:

    Wenn die Sprachen der Menschen ich spräche
    und die der Engel,
    Liebe aber nicht hätte,
    wäre ich tönendes Becken
    oder schallende Cymbal.

  7. Ha Claudia, Danke! Ich muss gestehen, ich habe auf Dich gehofft 🙂

    Die Zymbeln sind näher an der wörtlichen Übersetzung, dachte ich mir schon, aber Pauken und Trompeten werden doch meine Favs bleiben 😉
    Danke Ihr Beiden, durch Eure Kommentare ist das richtig interessant geworden – finde ich.

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